Serienbrief S01E05: Was zu viel ist, ist zu viel.

Liebe Serienbrief-Freunde,

Nun ist es raus: Netflix’ “Chief Content Officer”, also der Inhaltechef, Ted Sarandos hat zugegeben, dass er selbst nicht mit dem Seriengucken nachkommt. Dabei hat er es noch leicht: Seine Angestellten schauen für ihn. Und der Schauspieler Logan Browning (Dear White People) meinte laut Hollywood Reporter sogar, er sei gestresst, wenn er Netflix öffne. Als ob das nicht genug Überforderung wäre, muss man auch noch lesen, was alle über Serien schreiben. Eigentlich ein Vollzeitjob. Wenn es den Serienbrief nicht gäbe. Wie jeden ersten Samstag im Monat haben wir wieder die besten Geschichten und einige streng ausgewählte Serienempfehlungen für Sie. Wenn Sie es uns danken wollen, dass Sie dadurch Zeit sparen, die Sie dann um so mehr mit Serien verbringen können, empfehlen Sie uns doch bitte weiter.

Foto: Giphy

Mothers I’d like to view in TV

Alexis Soloski Artikel für die New York Times ist nicht nur köstlich zu lesen, weil sie darin ihren zeitungslesenden Mann daran erinnert, Windeln zu kaufen. Sie entdeckt auch ein Metathema, dem sich viele neuere Serien ausführlich widmen, die Mutterschaft. Serien wie The Letdown, Motherland, Smilf, Catastrophe oder auch Jane the Virgin finden einen neuen Zugang zum Muttersein:

These shows are workplace comedies with the workplace redistributed to the home, rom-coms where the romance is maternal.

 

Lange war laut Soloski das Leben als Mutter im TV etwas, das man in einer Folge erzählen konnte und das die Protagonistinnen quasi nicht veränderte. Dass nun einige Serien auch von den Problemen und Widersprüchen der Mutterschaft erzählen, liegt laut ihr auch daran, dass sie von Frauen geschrieben werden. Und nach ihrem Text hat man auch ohne Kinder das Gefühl, die Serien unbedingt sehen zu müssen. Schon alleine, weil sie diese realistischeren Mütter zu viel größeren Heldinnen macht, als es eine metaphorische Fantasy-Mutter wie Daenerys Targaryen ist, die statt menschlicher Babys nur ein paar pflegeleichte Drachen aufzieht.

Foto: Amazon

 

Große Künstler stehlen

Manchmal können Fans quengeln wie kleine Kinder, wenn ihnen etwas nicht passt. Margaret Atwood, die Autorin von The Handmaid’s Tale, hat ihren Fans nun sinngemäß gesagt, dass sie sich mal nicht so haben sollen, nur weil die Serienadaption nicht eins zu eins ihrem Werk folgt:

„I think I would have to be awfully stupid to resent it because things could have been so much worse,“ she told an audience at the Hay literary festival in Wales. „They have done a tippety-top job … the acting is great, they’ve stuck to the central set of premises.“

 

Sie könnte auch wenig tun, wenn es ihr nicht recht wäre, denn sie hat kein Mitspracherecht. Aber Fans glauben immer wieder, dass sie ein solches haben. Die sehr anhängliche und besitzergreifende Spezies von Konsumenten passt darum auch bei anderen Adaptionen genauestens darauf auf, dass ihrem Lieblingswerk niemand etwas antut. Zum Teil auch zurecht, die neuen Staffeln von Game of Thrones, die über die Handlung der bisher in George R.R. Martins Romanreihe Das Lied von Eis und Feuer niedergeschriebenen hinausgehen, sind die schwächsten.

Guardian-Autor Gwilym Mumford beobachtet, dass Showrunner es derzeit ganz anders halten und sich teils extra von den Vorlagen entfernen, deren Markenrechte ihre Sender gekauft haben. Die Frage ist natürlich, ob man den Quatsch mit der Marke dann nicht auch sein lassen könnte:

The simplest solution, you’d wager, is to trust similarly creatively minded people to tell new stories, rather than constantly finding old IP to tinker with. That doesn’t seem likely to happen, however, so instead, perhaps the best tactic for any show going off script is to run as far away from the source material as possible.

 

Neben der Werkuntreue ist der zweite sichere Weg, Fans auf die Barrikaden zu bringen, eine liebgewonnene Serie abzusetzen. Was als Trauer beginnt, schlägt schnell in Wut um, nicht umsonst leitet sich das Wort von Englischen fanatic ab. So wieder einmal geschehen im vergangenen Monat. Die US-Sender stellten ihr Programm für die kommende Saison vor und verkündeten unter anderem einige abgesetzten Serien. Mehrere Medien bezeichneten den nicht unüblichen Vorgang sehr dramatisch als “TV Bloodbath”.

Nachdem der ersten gecancelten Serie, The Expanse, aber bereits kurz darauf von Amazon eine Wiederauferstehung versprochen wurde, halten wir es beim Serienbrief hier genauso wie mit Vorankündigungen: Erst mal abwarten, ob es sich lohnt, darüber zu schreiben, denn (auch als Hinweis für alle neuen AbonnentInnen) der Sinn dieses Newsletters ist es, das wirklich Interessante aus der Meldungsflut zu fischen.

Lachgeschichten

Laugh-Tracks, also die Tonspur mit Lachern aus der Dose, gehören zu manchen Sitcoms einfach dazu. Der Podcast 99% Invisible hat eine ganze Episode der Geschichte gewidmet und mit ihr einer kuriosen Erfindung von Charles Douglass, dem “Audience Response Duplicator”, genannt “Laff Box”. Im Grunde ist das eine Art Sampler, der optisch etwas an eine Schreibmaschine erinnert und ausschließlich Lacher enthält – über 300 Stück. Die eingespielten Lacher wurden oft auch benutzt, um schlechte Witze lustiger klingen zu lassen, als sie sind, was ihrem Ruf doch sehr geschadet hat. Der Podcast entdeckt das falsche Lachen nun als eine vergessene Kunst wieder.

Schluss mit Lustig

Wir hatten in der vorletzten Ausgabe über den überragenden Erfolg des Comebacks von Roseanne geschrieben. Hauptdarstellerin Roseanne Barr hat es nun trotz Quotenerfolg selbst vergeigt: Die Trump-Anhängerin beleidigte die schwarze Ex-Obama-Beraterin Valerie Jarrett am Dienstag auf Twitter. Diese sehe aus wie ein Nachkomme der Muslimbruderschaft und Planet der Affen.

Überraschend ist die Entscheidung dennoch: Der Sender wusste, wen er da engagiert und Barr war vor diesen Äußerungen nicht wesentlich sanfter unterwegs. Sie verbreitete schon länger haarsträubendem Unsinn. Am Tag ihres Rauswurfs unterstellte sie etwa George Soros, jüdischer US-Investor, Holocaustüberlebender und aktueller Lieblingsfeind der extremen Rechten, ein Nazi-Kollaborateur gewesen zu sein, der aus Habgier Juden verraten habe.

Nun halten sie und manche ihrer Fans das Ende für eine Medienverschwörung. Für ABC kommt es aber teuer, eine derart erfolgreiche Sendung abzusetzen. Laut Variety war Roseanne eine der teuersten Shows, um Werbung zu buchen. Die Strategie, Trump-Wähler in der Mitte der USA als Zielgruppe anzusprechen, war auch erfolgreich: 45 Millionen Dollar Werbegeld brachte die neue Staffel Roseanne dem Sender. Eine weitere Staffel war bereits angekündigt. Nun aber verzichtet ABC mit der Sendung auch auf schon sicher geglaubte Einnahmen und ein neues Publikum. Roseanne Barrs (Selbst-)Stilisierung zum Opfer einer Intrige stört das dennoch nicht.

Schaubar

Patrick Melrose hat nichts mit Melrose Place zu tun, sondern basiert auf den Romanen von Edward St Aubyn. Benedict Cumberbatch spielt die Hauptfigur, einen schwer drogenabhängigen Adeligen, der nach dem Tod seines Vaters versucht, mit dessen Grausamkeiten abzuschließen. Wer aufgrund der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle ein zu romantisches Bild der britischen Blaublüter-Gesellschaft entwickelt haben sollte, kann es mit dieser virtuosen Geschichte voller Dekadenz und Gemeinheiten wieder korrigieren.

Wenn einen jemand in den Achtzigern und Neunzigern auf dem Schulhof verprügeln wollte, aber vorher komisch herumfuchtelte, dann hatte derjenige den Film Karate Kid gesehen. In Cobra Kai sind die Kontrahenten von damals nun um die 50 und werden von den Original-Schauspielern gespielt. Auch das Weltbild hat sich geändert, das Machogetue beim Kampfsport ist in der Neuauflage Mittel zur Komik. Die Serie, die ungewöhnlicherweise bei YouTube läuft, greift auch die alte Frage auf, ob der im Film als Bösewicht vorgesehene Johnny Lawrence, nicht in Wirklichkeit das eigentliche Opfer ist.

In der Podcast-Serie We love Israel verschwimmen Fiktion und Realität. Anlässlich des 70. Geburtstags des Lands sind Noam Brusilovsky und Ofer Waldman für den SWR der Frage nachgegangen, warum sich Israelis heute für Deutschland interessieren und umgekehrt. Doch einige Statements wurden von Schauspielern eingesprochen und man weiß nie genau, welche nun echt und welche erfunden sind.

Nur zwei Monate nach der Dokuserie Wild Wild Country, empfohlen im Serienbrief S01E03, veröffentlicht Netflix den nächsten True-Crime-Coup der US-amerikanischen Duplass Brüder, Evil Genius: The True Story of America’s Most Diabolical Bank Heist über einen der legendärsten Kriminalfälle der frühen 2000er. In vier Episoden wühlt die Serie in der Vergangenheit des “Pizza Bombers”. Das sei der perfekte Stoff für das Netflix-Publikum, schreibt Merrill Barr für Forbes Magazin:

The even is far enough in the past that it can be exposed to a whole new generation that may be unfamiliar with it.

 

Die etwas älteren Millennials unter Ihnen möchten vielleicht lieber den ausführlichen Reportageartikel lesen, der im Januar 2011 im WIRED Magazin erschienen ist.

Der nächste Serienbrief erscheint am 7. Juli. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl


P.S.: Korrektur – Uns ist ein peinlicher Fehler unterlaufen. Wir hatten in S01E03 ABC-Entertainment-Präsidentin Channing Dungey als Mann vorgestellt. Natürlich ist sie eine Frau. Das ist erst jetzt, im Zuge der neuen Roseanne-Geschichte aufgefallen. Wir bitten, diesen aus einer Mischung aus Sexismus und Flüchtigkeit geborenen Fauxpas zu entschuldigen.