Serienbrief S01E06: WTF

Liebe Serienbrief-Freunde,

es soll gerade ein großes Fußball-Event stattfinden, haben wir gehört. Da wir den Sport ausschließlich aus der 80er-Jahre-Anime-Serien Kickers und Captain Tsubasa kennen, vermissen wir beim derzeitigen Remake mit Schauspielern ein wenig die Kung-Fu-Einlagen und die Dramatik abseits des Spielfelds. Da im TV aber niemand ernsthaft mit der FIFA konkurrieren will, ist jetzt auch endlich mal Zeit, Serien nachzuholen.

Foto: Giphy

Wirrworld

Zum Beispiel die zweite Staffel Westworld noch mal sehen, weil man sie nicht verstanden hat. Die Serie durfte im letzten Monat die mit den meisten Recaps gewesen sein. Das Nacherzählen war auch bitter nötig, denn mit mehreren wild wechselnden Timelines, in denen die Charaktere mal sie selbst, mal Roboter und dann wieder nur Träume in einem Rechenzentrum sind, war das Gesehene auch für ausgeschlafene Zuschauer höchst verwirrend. Aber das ist ja gerade der Spaß daran. Geordnet lässt sich die Geschichte zwar in fünf Minuten erzählen, wie in diesem Youtube-Video, wie banal sie dadurch wird, ist dann aber doch sehr ernüchternd.

Wenn der Mensch von dem, was er sieht, verwirrt ist, erfindet er Geschichten, die dem ganzen Sinn geben. So funktionieren etwa Verschwörungstheorien. Beziehen diese sich statt auf die reale Welt auf popkulturelle Unterhaltungsprodukte spricht man von Fan-Theorien. Was ist Ihre liebste Fan-Theorie? Westworld jedenfalls provoziert diese regelrecht. So arbeiten Fans nicht nur etwa daran, das Intro mit Lego-Figuren nachzustellen, sondern recherchieren kleinsten Hinweisen hinterher. So entdeckte jemand etwa in den Untertiteln zur ersten Folge der zweiten Staffel Koordinaten, die darauf hindeuten, dass Westworld auf einer Insel im südchinesischen Meer liegt.

James Donaghy hat sich für den Guardian durch die Message-Boards gewühlt und die besten Fan-Theorien gesammelt. Die unwahrscheinlichste ist die schönste: Ein Wolf, der immer wieder bedeutungsschwanger durch die Szenen schweift, könnte doch in Wirklichkeit ein Direwolf aus Game of Thrones sein.

Bei Variety erkennt Daniel D’Addario, dass ein wichtiger Westworld-Charakter selbst so obsessiv ist, wie einige Fans der Serie es zur Freude der Marketing-Abteilung sind:

William’s story is both a rebuke and a sympathetic embrace at once. This man is so tangled up in narrative that the world around him is meaningless; preferring fantasy, he’s blandly watched as his ties to the real world fray and ultimately break. Westworld, cleverly and vexingly, knows storytelling in the digital age can be an anesthetic that numbs us even as it adds on more narrative fripperies to keep us hanging on.

 

Und wer den Verwirrungs-Aspekt bei Westworld zu schätzen weiß: Die Folgen der aktuellen Staffel Legion konnten einen nicht nur vergessen lassen, worum es überhaupt geht, sonder auch wer und wo man ist. Einer zeitweisen Depersonalisierungs- und Derealisationsstörung kommt man wohl selten so nah im Fernsehen. Oder wie es Stuart Heritage im Guardian beschreibt: “Where Westworld is portentous and self-important, Legion is a kaleidoscope.”

No more heroes anymore

Früher war das Fernsehen geordneter. Es gab strahlende Helden und garstige Bösewichte. Dank Serien wie Sopranos und Breaking Bad sind nun auch öfter Grautöne zu sehen, allerdings eher die dunkleren: Sind sie es nicht von Anfang an, werden die Hauptfiguren im Lauf der Zeit zu ziemlich kaputten Antihelden. Nun hat ausgerechnet Breaking-Bad-Schöpfer Vince Gilligan auf einer Podiumsdiskussion gesagt, dass man mittlerweile so viele von diesen Charakteren hat, dass es mal wieder Zeit für Helden wäre. Das 50er-Jahre-Fernsehen wünscht er sich dennoch nicht zurück:

„I don’t know if we can ever go back to characters who are all good or all bad, but maybe around the corner are more characters who are flawed and yet work very hard to do the right thing and want to be good, even when they’re not,“ he added. „Even when they try and they fail.“

Hurra, die Welt geht unter

Freunde steiler Thesen aufgehorcht: Es ist nun endlich ein Schuldiger für den vermeintlichen Untergang der westlichen Zivilisation gefunden. Es ist, Überraschung, die Hit-Sitcom Friends. So sieht es zumindest David Hopkins in einem vielbeachteten Essay auf Medium.com. Für in ist die Serie einen Komplott gegen Ross, den Intellektuellen, dessen verblödete Freunde ihm als Running-Gag bei jedem schlauen Satz ins Wort fallen, bis er schließlich wahnsinnig wird:

You may see it as a comedy, but I cannot laugh with you. To me, Friends signals a harsh embrace of anti-intellectualism in America, where a gifted and intelligent man is persecuted by his idiot compatriots. And even if you see it from my point of view, it doesn’t matter. The constant barrage of laughter from the live studio audience will remind us that our own reactions are unnecessary, redundant.

Mehr Licht

Auf den ersten Blick hat Fritz Langs monumentaler Stummfilmklassiker Metropolis mit der Mutter aller Sitcoms I Love Lucy herzlich wenig zu tun. Und doch verbindet sie eine Personalie: Sie haben den gleichen Beleuchter, Karl Freund. Bei Metropolis ist er für dramatische Bilder verantwortlich, bei I Love Lucy sorgte er dafür, dass man eine Folge mit mehreren Kameras günstig ohne große Szenenwechsel runterfilmen konnte. Vox hat seiner ungewöhnlichen Karriere ein Video gewidmet.

Jetzt aber richtig

Vor Krimis kann man sich nicht nur im deutschen Fernsehen kaum retten. Kein Wunder, dass manche Leute beginnen, das alles etwas zu ernst zu nehmen. Die Popularität von CSI soll damals sogar zu einem spürbaren Anstieg von Studierenden der Rechtsmedizin geführt haben. Von denen dürften dann freilich einige sehr enttäuscht festgestellt haben, das die Arbeit der echten Wissenschaftler weniger cool ist, dafür aber extrem akribisch sein muss. Die New York Times hat nun den Kriminaltechniker Matthew Steiner befragt, was er von der Darstellung seines Berufs in Serien wie Dexter und The Wire und bekannten Filmen hält. Neben der mangelnden Tatorthygiene ist offenbar der größte Unterschied, dass TV-Kommissare es nicht lassen können, erzählerisch sinnvoll, aber eben nicht dem realen Protokoll gemäß, bereits nach ein paar Blicken auf Tat und Täter zu schließen. Und manche falsche TV-Marotten, wie Beweise mit Stiften hochzuheben, haben sich offenbar auch schon bei echten Ermittlern eingeschlichen.

Nachdreh

Bereits im ersten Serienbrief hatten wir über den Aufstand des Verbands Deutscher Drehbuchautoren wegen der Nicht-Einladung von Autoren zum Deutschen Fernsehpreis berichtet. Die nachfolgenden Diskussionen sind nun in dem Manifest Kontrakt 18 gemündet, das mehr Mitspracherecht bei den Produktionen fordert. 183 Autor*innen haben bis Anfang Juli unterzeichnet. Wenn das so umgesetzt wird, wäre das sicher nicht falsch. Die Autoren halsen sich damit aber natürlich auch mehr Arbeit auf und tragen mehr Mitschuld, wenn das Ergebnis trotzdem Quatsch ist. Da die Produktion aber auch immer viel Zeit kostet, wird man auf die erste Kontrakt-18-Serie ohnehin noch etwas warten müssen.

Schaubar

Strange Angel erzählt die Biographie Jack Parsons, der in den USA der 1930er beginnt, an Raketen zu forschen. Gleichzeitig beginnt er, sich für Okkultismus zu interessieren, was damals wohl noch etwas seriöser ist als Raketenwissenschaft. Zumindest fühlen sich von Aleister Crowleys Magick auch Leute von Status angezogen, während die Raketen-Experimente zunächst mit ein paar Outsidern im Abstellraum der Uni durchgeführt werden.

Familienkrieg ist unterhaltsam, wenn es nicht die eigene ist: In Succession wollen die Kinder eines alternden, milliardenschweren Medienmoguls diesen ablösen. Natürlich gibt es beim Sturz eines Patriarchen viel Neid, Gier, Intrige und andere unterhaltsame menschliche Abgründe zu sehen.

Wenig definiert die Kindheit mehr als Spielzeug und das ist im Kapitalismus natürlich ein riesen Geschäft. Netflix’ Doku-Serie The Toys That Made Us erzählt zwischen Nostalgie und Firmenportrait die Geschichten der großen Spielwaren-Marken, von Star-Wars-Figuren bis zu Lego. Eine gute Abwechslung zu den sonst so sehr auf Kriminalität fixierten Streaming-Serien.

Der nächste Serienbrief erscheint am 4. August. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl

Serienbrief S01E04: Die Feste feiern wie sie fallen.

Liebe Serienbrief-Freunde,

die Tage werden wärmer, aber auch pollenreicher, was doch zumindest für Allergiker ein sehr guter Grund ist, den Tag im Reinraum mit Serien zu verbringen, statt sich in Biergärten zwischen schwitzenden Menschenmassen zu langweilen. Da wir wieder einige neue Serienbrief-Abonnenten begrüßen dürfen, noch mal kurz die Bedienungsanleitung: Erst gibt es interessante Geschichten und Artikel des vergangenen Monats, einige handgepflückte Serien-Empfehlungen stehen dann unten. Dem Spamfilter beizubringen, dass man unseren Newsletter lesen will, hilft auch. Dann wollen wir Sie mal nicht weiter aufhalten. Los geht’s.

Feiertage

Die Festival-Saison hat begonnen. Nein, gemeint sind nicht Rock am Ring, Wacken oder Fusion. Mit Cannesseries gab es Anfang April zum ersten Mal einen Serien-Ableger des weltberühmten Filmfestivals, zeitgleich zur Fernseh-Fachmesse MipTV, wohl auch um diese etwas aufzuhübschen. Heute kommt die neunte Ausgabe der Séries Mania in Lille zum Abschluss. Aber auch England mischt gerade bei Serien-Festivals mit, dort endet morgen das Pilot Light TV Festival in Manchester.

Die Premiere von Cannesseries ist, wenn man verschiedenen Kritiken glaubt, nicht gelungen, zumindest mit dem großen Filmfest-Bruder kann der Serienableger nicht mithalten. Es fehlte unter anderem an einem großen Coup. John Hopwell bemüht sich für Variety trotzdem, anhand des Programms von Festival und Messe acht globale Trends zusammenzutragen: Die neuen Serien dominieren Frauen, Europas Industrie-Revolution könnte im Free-TV stattfinden, in Israel entstehen interessante Serien, Kinofilmmacher wechseln weiterhin ins TV, Telekommunikations-Firmen gehen in die Serienproduktion, „Inspiriert von wahren Ereignissen“ ist schwer angesagt, die größte Herausforderung für Serienproduzenten ist es, Talente zu finden, und Nordic Noir ist nicht mehr nur Made in Skandinavien, sondern ein weltweites Phänomen. So etwa die Zusammenfassung. Für Séries Mania macht Variety vergleichbare Beobachtungen. Eine ausführlichere Analyse des europäischen Serienmarkts hat zudem Wilfred Urbe für die Taz geschrieben.

Am Ende von Cannesseries gab es einen Preis für die israelische Serie When Heroes Fly – beziehungsweise für dessen Pilotfolge, denn die Jury bewertete nur diese. Typischer gibt es auf Serienfestivals nur eine Folge oder zwei zu sehen, nie eine ganze Staffel. So sind Serienfestivals eigentlich eher Pilotfolgenfestivals. Lars Weisbrod hat für die Zeit einen Überblick über die kommenden europäischen Serienfestivals geschrieben und versucht im Fazit zu begründen, warum es diese trotzdem braucht:

Muss man denn aus allem ein Festival machen, selbst aus Serien? Ja, muss man. Serienkonsum mag Privatsache sein, Seriengespräche aber gehören in die Festival-Öffentlichkeit.
Nur: Zum öffentlich darüber reden würde es dann auch genügen, sich einmal im Jahr bei einer Art Barcamp zu treffen und über Serien zu diskutieren, die zuvor schon jeder sehen konnte. Wer Interesse an so etwas hätte, kann sich gerne bei uns melden: serienbrief@mailbox.org. Bis dahin verbleiben wir mit einer Liste der dieses Jahr noch anstehenden Festivals:
  • TV Series Festival (Berlin): 7. bis 10. Juni
  • Série Series (Fontainebleau): 26. bis 28. Juni
  • Serienale (Berlin): 17. bis 21. Oktober
  • Seriencamp (München): 8. und 9. November
  • Are You Series (Brüssel): 11. bis 16. Dezember
Für reine Branchenkreise gibt es natürlich schon Veranstaltungen, bei denen die Branche über sich selbst redet. Oliver Jungen berichtet für die FAZ vom Serien Summit aus Köln. Das große Thema dort war, wie man Serien produziert, die mit amerikanischen Streamingdiensten mithalten können, ohne die entsprechend großen Budgets dafür zur Verfügung zu haben.

Erste Allgemeine Verunsicherung

Die angesagten Serien sind nicht nur teuer zu produzieren, sondern immer öfter auch sehr verwirrend. Wer unserer Empfehlung aus dem letzten Serienbrief für die zweiten Staffeln von Westworld und Legion gefolgt ist, weiß das. Sam Wolfson hat sich für den Guardian nun die Frage gestellt, warum das moderne Fernsehen einen so durcheinanderbringt. Ein Grund könnte sein, dass wir eben in wirren Zeiten leben und sich das in Serien widerspiegelt. Ein weiterer, dass Medien und Fans gerne mitspielen, denn jede komplizierte Serie braucht Erklärstücke und ein engagiertes Publikum, das sich auch über das reine Sehen hinaus mit der Serie beschäftigt. Wie so oft, steht am Ende ein Dilemma:
If things are too straightforward, savvy audiences will guess the ending before it happens. If they’re too complicated then watching starts to feel like a second job, especially when shows prioritise plot twists and conceptualism over likable characters and good scripts. But perhaps it’s outdated to think that TV should be entertaining. The concept of the serious novel or experimental cinema is accepted. Maybe it’s time we acknowledged there are some shows you watch for simple escapism, and others you have to work for.

Am Ende des Artikels werden die vier kompliziertesten aktuellen Serien (ohne Twin Peaks) vorgestellt und die Frage gestellt, ob man sie sich wirklich antun muss.

Eine weitere Beobachtung der Serienkritiker des Guardians: Es gibt immer öfter extra lange Episoden, die ein besonderes Event sein sollen. Stuart Heritage ärgert sich aber darüber, dass dafür der Inhalt unnötig gedehnt wird.

Killer-Serie

Zwar kann man an der großen Verwirrung verzweifeln. Die einfachen Weltbilder dürfen aber auch nicht die Lösung sein. Ein solches vertritt ganz sicher der philippinische Staatschef Rodrigo Duterte, der mit einem Krieg gegen vermeintliche Drogensüchtige Politik macht. In der Praxis heißt das, dass er Selbstjustiz erlaubt, durch die schon über 20.000 Menschen zum Mordopfer geworden sein sollen und sich in seinem Bestreben auch mal stolz mit Hitler vergleicht. Und nun gibt es eine philippinische Netflix-Serie des international gefeierten Regisseurs Brillante Mendoza, die mit dieser Politik so kompatibel ist, dass man sie ruhig Propaganda nennen darf. Jens Geiger schreibt für Spiegel Online über Amo:

Die Gewalt des Staates ist in der Serie – wie in Dutertes Propaganda – immer nur eine Reaktion auf abscheuliche Verbrechen, wird mit Augenmaß dosiert und trifft ausschließlich die Richtigen. Genau ein unschuldiges Opfer wird gezeigt: Eine Passantin wird von einem Dealer erschossen.

Ansonsten achtet Mendoza peinlich genau darauf, dass nur Verbrecher sterben. Und die Todesschwadronen? Amo legt nahe, dass es wohl die Dealer selbst seien, die sich zu Tausenden gegenseitig umbrachten.

Netflix ist die Kritik herzlich egal und flüchtet vor der Verantwortung: Die Zuschauer sollen entscheiden.

Kleinigkeiten

Die gescriptete US-Serie mit den meisten Episoden ist seit vergangenen Sonntag Die Simpsons. Mit Folge 636 überholte sie die Western-Serie Gunsmoke (in Deutschland unter dem Titel Rauchende Colts bekannt). Natürlich feiert man das mit einem Couch-Gag.

Wie sich die Zeit in den fast 30 Jahren seit Beginn der Simpsons ändert, zeigt auch eine andere Diskussion. Die Figur des achtfachen Vaters und Quick-E-Markt-Verkäufers Apu Nahasapeemapetilon steht in der Kritik, da sie Vorurteile gegen Inder bedient. Von Mr. Burns bis Chief Wiggum sind natürlich fast alle Simpsons-Charaktere Stereotypen, nur eben keine rassistischen. In einer Folge Anfang April, die davon handelt, dass Marge schockiert ist, wie rassistisch ihre Kindheitslektüre war, haben die Macher etwas lasch auf den Vorwurf reagiert, indem sie Marge und Lisa etwas oberflächlich bemerken ließen, dass die Zeiten sich eben geändert hätten. Die Kritik daran führte nun dazu, dass Apus Sprecher Hank Azaria anbot, von der Rolle zurückzutreten. Der Simpsons-Erfinder Matt Groening sagte dagegen, in einem Interview auf das Thema angesprochen, die Leute würden heutzutage gerne so tun, als seien sie beleidigt.

Jörn Kruse schreibt für die Taz über den Scully-Effekt. Laut einer Studie des Geena Davis Institute of Gender in Media ergreifen Frauen, die in der Jugend Akte-X geschaut haben, öfter naturwissenschaftliche oder technische Berufe. Kommt das jemandem unter unseren Serienbrief-LeserInnen bekannt vor?

Es gibt ein neues Serien-Magazin, das einfacherweise auch „Serien Magazin“ heißt. Uns hat die zweimal im Jahr erscheinende Kooperation von Cinema und TV Spielfilm mit seinen unzähligen Daumen-rauf-daumen-runter-Kritiken nicht überzeugt. Karoline Meta Beisel schreibt für die Süddeutsche über das Magazin:

Das Layout sieht etwas zusammengestöpselt aus, ansonsten dürfte der größte Haken sein, dass man nach der Lektüre zwar weiß, was läuft, aber trotzdem nicht, wann man all das gucken soll.

 

Schaubar

Mit zerzausten Haaren und im Schlafanzug sitzt Audrey unter lauter Fremden mit Babys auf dem Schoß in einer Scheune. Eigentlich wäre sie viel lieber mit ihren Freunden in der Kneipe. Aber das geht nicht mehr, sie hat jetzt ein Baby und ist auf ihre neue Baby-Support-Truppe angewiesen. Leicht und ein wenig schräg erzählt die australische Serie The Letdown auf Netflix, wie schnell sich das Leben ändern kann, wenn plötzlich 24/7 ein Baby an dir klebt. Political Correctness und Etikette sind egal, warum darf sich nicht eine stillende Mutter auch mal ein kleines Bierchen gönnen, zwischendurch.

Ab dem 28. Mai zeigt Fox die ganz wunderbare israelische Serie False Flag. Unbescholtene Bürger werden öffentliche bezichtigt, Mossad-Agenten zu sein und den iranischen Verteidigungsminister aus einem russischen Hotel entführt zu haben. Doch weder die Beschuldigten noch der israelische Geheimdienst wissen etwas davon. Und da wir gerade in der Gegend sind: Die zweite Staffel von Fauda gibt es ab 24. Mai auf Netflix.

Foto: Netflix

Aktuell entdecken viele die spanische Serie Haus des Geldes (La casa del papel).  Was bisher Geheimtipp war, soll nun von Netflix eine dritte Staffel spendiert bekommen. Im Stil eines Heist-Movies bricht eine Gruppe von Profi-Kriminellen in die spanische Gelddruckerrei ein.Klar, man kann sich DVD-Boxen kaufen oder Serien im Stream Bingewatchen. Aber manche wurden dafür einfach nicht gemacht. Wenn sie schon etwas älter sind, ist es eine große Freude, sie beim Zappen zu entdecken. Tele5 zeigt derzeit samstags ab 18.10 Uhr jeweils zwei Folgen der wundertollen Buffy. Man ist zwar schon mitten in Staffel zwei, aber zum Glück sind Serien aus den 90ern etwas großzügiger, was den Quereinstieg angeht.

Der nächste Serienbrief erscheint am 2. Juni. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl

Serienbrief S01E03: Which Side Are You On?

Liebe Serienbrief-Freunde,

willkommen zur dritten Ausgabe des Serienbriefs. Gleich mal vorab eine Warnung: Diesmal hat sich ohne Absicht ein Metathema in unserer Linksammlung ergeben und es wird nicht kuschelig. Es geht um Konflikte in Familien, zwischen oben und unten, links und rechts, Netflix und Disney. Mancher ruft da gleich einen Boykott aus und auch uns ist zu Ohren gekommen, dass der Serienbrief boykottiert wird. Von manchen Spamfiltern zumindest. So ganz wissen wir auch nicht, wie wir die umstimmen können. Es kann aber sicher nicht schaden, die Mailadresse serienbrief@mailbox.org der Kontaktliste hinzuzufügen oder auf eine Whitelist zu setzen. Es soll auch etwas mit dem Text-Link-Verhältnis zu tun haben, weshalb wir diesmal versuchen, die Spamfilter mit weniger Verlinkungen zufrieden zu stimmen und nur darauf verweisen, dass sich für die Recherche, wo eine Serie nun genau zu finden ist, die Seite werstreamt.es gut eignet.
Fangen wir an, stürzen wir uns ins Getümmel.

Foto: ABC

Roseanne-Krieg

Größten Wirbel gab es diesen Monat nicht nur in den USA um das Revival von Roseanne. Einerseits, weil die ABC-Sitcom nach 20 Jahren Pause einen Zuschauerrekord von 18,2 Millionen in den USA erreichte, so viel wie keine Premiere des Genres seit vier Jahren. Andererseits, weil es um die aktuelle politische Situation in den USA geht und die Positionen der Serienfigur Roseanne Conner mit der von Schauspielerin Roseanne Barr verschmelzen.Barr unterstützt nämlich Trump und auch die Serien-Roseanne ist jetzt eine Trump-Wählerin, die ihre Schwester Jackie so lange trietzte, bis die von Zweifeln erfüllt statt Hillary Clinton der chancenlosen Grünen-Kandidatin Jill Stein ihre Stimme gab. Barr selbst verbreitete zuletzt sogar auf Twitter Verschwörungstheorien über einen von pädophilen Liberalen gelenkten Deep State.

Zum Quotenerfolg gratulierte dann auch der US-Präsident Barr telefonisch und öffentlich auf Twitter, verbunden mit dem üblichen Selbstlob und dem ebenfalls obligatorischen Angriff auf die Medien. Sonia Saraiya merkt in einem Text für Variety, der „eine liberale Verteidigung von Roseanne, irgendwie“ sein soll, an:

Ironically, the premiere of “Roseanne” is an attempt to bridge divisions by encouraging several members of the Conner family to coexist, even though they don’t agree.

Der Hintergrund, warum sich eher linke nun bemüht fühlen, Roseanne zu verteidigen, ist auch, dass die Serie es in den 90ern schaffte, eine authentische Sitcom zu sein, die in der Arbeiterklasse spielt, statt wie so viele Vorgänger in gutsituierten Mittelklassefamilien. Die Figur Roseanne wird von vielen auch als Feministin gesehen. Eine Krawallnudel war die Serien-Roseanne schon immer, aber auch stets herzlich und trotz viel Spott nicht hasserfüllt. Und nun soll sie also für die Arbeiter stehen, die Trump gewählt haben.

Für die meisten Kritiker hat die Neuauflage einen gewissen Reiz, weil die aktuelle Polarität der amerikanischen Gesellschaft im TV verhandelt wird. Bezogen sich die alten Staffeln nie explizit auf Politik, ist das jetzt anders, obwohl der Name des US-Präsidenten nie fällt. Trotzdem werden die ersten Folgen als unpolitischer empfunden, weil es jetzt vor allem darum geht, die Harmonie der Familie zu retten, statt sich mit politischen Themen auseinanderzusetzen. Die Familie Conner ist knapp bei Kasse, wie sie es schon immer war, aber die besonders unter Trumps Politik leidenden Gruppen kommen nicht vor.

Eine kluge und unterhaltsame Analyse liefert etwa der Kultur-Podcast „Monkey Sees“ des US-amerikanischen Radiosenders NPR.

Gegenüber der New York Times erklärt ABC-Unterhaltungschef Channing Dungey, sicher selbst kein armer Mann, dass der Fokus auf proletarische Trump-Wähler seine Zielgruppenstrategie war:

We had spent a lot of time looking for diverse voices in terms of people of color and people from different religions and even people with a different perspective on gender,” Ms. Dungey said. “But we had not been thinking nearly enough about economic diversity and some of the other cultural divisions within our own country. That’s been something we’ve been really looking at with eyes open since that time.

Die Quoten suggerieren, dass diese Suche nach der verlorenen Zielgruppe vorerst erfolgreich war. Die Frage ist jetzt, wie lange nach dem großen Aufschlag das Interesse anhält.

Bezüglich der Vermischung von Schauspielerin und Bühnenfigur ist auch ein Interview der New York Times mit Roseanne Barr interessant. Vor allem, weil es kurz zu eskalieren droht und von Barrs Agenten unterbrochen wird, nachdem der Reporter Patrock Healy nachhakt, warum Bar mit Trump einen Kandidaten unterstützt, der gegen so viel steht, für das sie und Roseanne Conner einmal standen.

Apropos altes Fernsehen und reaktionäre Ansichten. Vor 40 Jahren, am 2. April, wurde die Seifenoper Dallas erstmalig in den USA gezeigt. Aus diesem Anlass hat der Deutschlandfunk nun eine umfangreiche “lange Nacht” dazu wiederholt.

Amazon Leak

Zu Roseanne gibt es Zuschauerzahlen, zu den Serien bei Amazon Video nicht – bis jetzt. Der Internetriese hält sich, wie auch andere Streamingdienste, nämlich äußerst bedeckt darüber, wie viele seine Produktionen schauen. Reuters-Reporter Jeffrey Dastin ist nun an Dokumente gelangt, die nicht nur Hausnummern für einzelne Serien (Stand Anfang 2017) angeben, sondern auch Amazons eigentliche Strategie erklären: Für Amazon sind Serien Werbemittel für das Rundum-Abo Prime, das Kunden stark an den Versandhändler bindet. Die Produktions- und Marketingkosten werden mit den durch eine Serie gewonnenen neuen Prime-Kunden aufgerechnet.

For example, the first season of the popular drama „The Man in the High Castle,“an alternate history depicting Germany as the victor of World War Two, had 8 million U.S. viewers as of early 2017, according to the documents. The program cost $72 million in production and marketing and attracted 1.15 million new subscribers worldwide based on Amazon’s accounting, the documents showed.

Amazon calculated that the show drew new Prime members at an average cost of $63 per subscriber.

That is far less than the $99 that subscribers pay in the United States for Prime; the company charges similar fees abroad. Prime members also buy more goods from Amazon than non-members, Bezos has said, further boosting profit.

Im Artikel gibt es dazu auch eine Grafik. Am anderen Ende dieser Aufstellung steht Good Girls Revolt. Die Serie kostete 1560 Dollar pro neuen Abonnenten und wurde nach einer Staffel eingestellt. Das Vorgehen passt auch zur Beobachtung aus dem letzten Serienbrief, dass Amazon die nischigeren Formate derzeit absetzt.

Stream Wars

Bei den Streamingdiensten, für die Film und Serien tatsächlich das Hauptgeschäft sind, verschärft sich derweilen die Konkurrenz. Disney hat seinen eigene Streaming-Plattform für Ende 2019 angekündigt. Bereits im August 2017 kündigte der Medienriese den Vertrag mit Netflix, die Disney-Inhalte sollen mit dem Start der eigenen Plattform von dort verschwinden. Das betrafe auch viele Franchises wie die Marvel-Comics, Star Wars (woraus Disney auch eine Serie machen will) und wenn die derzeit diskutierte Übernahme von Fox gelingt, auch die Simpsons – neben den vielen Pixar- und Disney-Filmen, die unser aller Kindheit geprägt haben. Netflix wehrt sich mit immer mehr eigenen Produktionen, analysiert Jack Kavanagh für Little White Lies. Ein paar Jahre in die Zukunft gedacht, wird man, wenn alle dieser Exklusiv-Strategie folgen, immer weniger Streamingdienste mit Komplettangebot haben und immer mehr Insellösungen, auf denen ausschließlich die Inhalte des jeweiligen Konzerns angeboten werden.Uns erinnert das ein wenig an das alte Studiosystem, bei dem jedes Filmstudio seinen eigenen Kinoverleih hatte, es also Kinos gab, in denen nur Disney-Filme liefen und welche, in denen nur Paramount-Filme zu sehen waren. Ende der 1940er brach dieses System nach juristischen Prozessen zusammen. Die Studios hatten zu viel Macht angehäuft und so gegen das Wettbewerbsrecht verstoßen.

Teil der Bemühungen, sich von der Konkurrenz abzusetzen, sind auch immer neue Mega-Produktionen. Im letzten Serienbrief hatten wir bereits darüber berichtet, dass die Produktionskosten stetig steigen. Der Guardian bleibt an dem Thema dran und liefert mit einer Liste von Serien, denen der Geldregen nichts gebracht hat, den Nachweis, dass teuer nicht immer Qualität bedeuten muss.

Binge-Boycotting

Darauf muss man erstmal kommen: Die BDS-Bewegung (die Abkürzung steht für „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“) hat sich in einem offenen Brief bei Netflix beschwert, weil der Streamingdienst die israelische Serie Fauda im Programm hat. Diese sei nämlich „rassistische Propaganda für die israelische Besatzung“ der Palästinensergebiete. Die Serie handelt von einer Spezialeinheit, die einen hohen Hamas-Terroristen jagt, wie auch von der Familiengeschichte dieses Terroristen. Die Aktivisten drohen, Netflix zu verklagen, sollte die Distribution nicht eingestellt werden.

Was man dazu wissen muss: Die inhaltliche Begründung ist von den BDS-Aktivisten nur vorgeschoben. Die Kampagne fordert den Boykott sämtlicher israelischer Produkte, völlig egal, ob es sich etwa um eine Zahnbürste oder eben um ein Kulturprodukt wie die Serie handelt. So rufen die teils prominenten Aktivisten immer wieder dazu auf, keine israelischen Filme auf Festivals zu zeigen, aus dem einzigen Grund, dass diese aus Israel kommen. Die Bewegung gibt sich als Bürgerrechtsgruppe aus, tatsächlich geht es ihr alleine um die Delegitimierung Israels.

Besonders erfolgreich scheint ihr beabsichtigter Kulturboykott immerhin nicht zu sein: Die Macher der Serie freuen sich über die kostenlose Werbung, und meinen, dass jetzt ganz sicher auch jeder Palästinenser Fauda sehen will. Mit der Creative Community for Peace (CCFP) stellen sich, ebenfalls per offenem Brief an Netflix, 50 hohe Führungskräfte der Unterhaltungsbranche gegen den „eklatanten Versuch künstlerischer Zensur“.

Auch andernorts ruft man aus politischen Gründen zum Serien-Boykott auf. Der Mechanismus von Narcos-Macher José Padilha handelt von der Korruption in Brasilien. Das passt nun einigen der Korruption verdächtigten Politikern nicht. Mit dem Hashtag #DeleteNetflix machen nun auch sie unbeabsichtigt Werbung für die Serie.

Kleinigkeiten

Wir haben uns ja im letzten Serienbrief als altmodisch geoutet. Und so gefällt uns auch dieses Youtube-Video, das sich vorstellt, wie Netflix Mitte der 90er ausgesehen hätte – wenn sie gleich aufs Internet statt zunächst auf DVD-Versand gesetzt hätte.

Um auch mal Eigenwerbung zu machen. Der einen Hälfte des Serienbriefs ist aufgefallen, dass in letzter Zeit sehr viele Coming-of-age-Serien bei Netflix erscheinen und hat das Phänomen für die Süddeutsche Zeitung analysiert.

Im Zeit-Magazin geht Matthias Kalle der Frage nach, wie es dazu kommen konnte, dass Serien heute so gefeiert werden.

Schaubar

Am 22. April startet die zweite Staffel des SciFi-Westerns Westworld. Der Youtube-Kanal Alt Shift X hat die Storyebenen der ersten entknotet und geordnet. Gut als Erinnerungshilfe oder wenn man sich nicht ganz sicher ist, ob man damals alle Wendungen und Zusammenhänge begriffen hat.

Überhaupt ist der April ein guter Monat für alle, die es genießen, sich von Serienmacher verwirren zu lassen. Die zweite Staffel des X-Men-Spin-offs Legion, seit Anfang April bei Fox, scheint in dieser Hinsicht die erste noch übertreffen zu wollen.

Foto: Netflix

Manchmal sind sie nackt und wippen ekstatisch zu indischen Gesängen, manchmal tragen sie rotorangene Einheitskluften und versuchen mit Reden über freie Liebe und Polygamie die spießige amerikanische Gesellschaft ein wenig aufzulockern. Die Netflix-Dokuserie Wild Wild Country beleuchtet nun die dunklere Seite des Bhagwan-Kults der Siebzigerjahre. Eine spannende Collage über Radikalisierung, Täuschung, Enttäuschung. Deutschlandfunk bespricht die Serie in einem kurzen Radio-Beitrag.

Der Kult um den Kult, denn kurioserweise spielen Sekten aber auch in vielen fiktionalen Serien eine zentrale Rolle, wie Charles Bramesco vom britischen Guardian festgestellt hat.

Die sechste Staffel der Spy-Serie The Americans ist angelaufen. Da sie von sowjetischen Spionen handelt und sie in der Zeit ankommt, in der die Sowjetunion zerfällt, wird es die letzte sein. Nun ist Paige, die Tochter der Spione, mit ins Familiengeschäft eingestiegen. Warum man die Serie gucken sollte, auch wenn man sich jahrelang dagegen gewehrt hat, schreibt Tom Batten vom New Yorker. Postkarten, Sprachnachrichten, Social Media. Lange haben Kollegen und Kolleginnen versucht, ihn endlich dazu zu bringen, der Serie eine Chance zu geben.

Multikulti-WG in Kreuzberg. Mit Just Push Abuba möchte das ZDF junge Leute erreichen. Ein spannendes Projekt, das für Youtube produziert wurde und ein internationales Publikum ansprechen soll.

Just Push Abuba ist eine für das Netz produzierte Komödie, die mit viel Selbstironie den Berlin-Hype anhand des Mikrokosmos einer Kreuzberger WG entlarvt. Die Serie wurde im TV-Labor „Quantum“ der ZDF-Redaktion ‚Das kleine Fernsehspiel‘ entwickelt, das auch schon die Emmy-prämierte Sitcom Familie Braun hervorgebracht hat.

schreibt Anna Steinbauer von der Süddeutschen Zeitung.

Der nächste Serienbrief erscheint am 5. Mai. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl