Serienbrief S01E02: Oldschool

Liebe Serienbrief-Freunde,

Unter uns: Wir sind wohl etwas altmodisch. Gerne würden wir Ihnen den Serienbrief auch handgeschrieben auf Büttenpapier per Postkutsche zukommen lassen. Das würde ganz wunderbar zu diesem entspannten Slow-News-Habitus passen. Doch das können wir uns leider nicht leisten.

Falls Sie jetzt vermuten, dass wir Sie gleich anschnorren, liegen Sie fast richtig. Diesmal geht der Serienbrief schon an fast doppelt so viele Leute wie zur Pilotfolge im Februar. Das freut uns sehr, danke für Ihr Interesse! Sie sind aber immer noch Teil eines relativ kleinen, elitären Abonnenten-Clubs. Darum unser Vorschlag: Wir investieren unsere Zeit in dieses Dossier mit interessanten Artikeln über Serien und Sie empfehlen uns weiter. Klingt gut? Wunderbar! Falls das Ihnen zu billig ist, Sie nicht wissen, wohin mit der Erbschaft, oder Sie uns einfach nur mit überschwänglichem Lob motivieren wollen, können Sie uns jederzeit über serienbrief@mailbox.org kontaktieren.

Und nun, wie gehabt, erst zum Drumherum, persönliche Empfehlungen gibt’s unten.

Foto: Electronic Superhighway by Nam June Paik, Libjr, CC-Attribution-Share Alike

Rettet die Flimmerkiste

Da wir uns nun schon als altmodisch geoutet haben, können wir auch gleich Adi Robertsons umfangreiche Reportage für The Verge empfehlen. Darin setzt sie dem Röhrenfernseher ein Denkmal. Es gibt nämlich noch Leute, die professionell alte TV-Geräte restaurieren. Ihre Kunden sind etwa Museen, die Videokunst erhalten wollen, zum Beispiel auch die Installationen von Nam June Paik, von denen eine oben im Titelbild zu sehen ist. Auch für Turniere mit alten Videospielen sind die Röhren unverzichtbar. Dass es darüber hinaus eine Verwendung für sie geben könnte, bezweifelt die Autorin allerdings:

It’s unlikely that CRTs will enjoy a sudden resurgence in popularity like vinyl records have. They’re extraordinarily large and heavy, and depend on other obsolete technologies like VCRs and old gaming consoles.

Dabei würde ein bisschen Authentizitäts-Fimmel sicher dem Ansehen alter TV-Serien zuträglich sein. Den Cineasten gelingt es schließlich auch, mit reliquienhaft protegierten Filmkopien noch der letzten uralten Schnulze filmhistorische Bedeutung abzuringen. Wir kennen bisher noch keine Télévisionnaires, die ähnliche Spleens für das Fernsehen entwickelt haben, möchten aber dringend dazu anregen, ein solcher zu werden und uns Bescheid zu geben.

Yellow Press

Alte Simpsons-Folgen würden Sie dann natürlich originalgetreu auf einer lieblich brummenden Plastik-Kiste aus den Neunzigern sehen. Langsam wird Ihnen dann auffallen, dass die Simpsons geradezu prophetisch sind. Sie haben die Entdeckung des Higgs-Teilchens, 9/11 und die Übernahme von Fox durch Disney vorhergesehen. Maya Salam erklärt in der New York Times, warum das keine Magie ist: Die Autoren sind klug, sie müssen in die Zukunft denken, damit die Folgen nach einjähriger Produktionszeit noch aktuell sind, und es gibt einfach sehr viele Folgen, was Glückstreffer wahrscheinlich macht. Am Ende des Artikels gibt es eine Liste mit schon eingetroffenen Simpsons-Orakeln inklusive Begründungen.

Foto: ProSieben

Zu den prominentesten Vorhersagen gehört heute, dass die Simpsons bereits im Jahr 2000 wussten, dass Donald Trump US-Präsident wird. Dessen Gegner im republikanischen Vorwahlkampf, Ted Cruz, fühlte sich im Februar dazu berufen, die politischen Lager der USA mit den Simpsons zu vergleichen. “Ich glaube die Demokraten sind die Partei von Lisa Simpson und die Republikaner sind, glücklicherweise, die Partei von Homer, Bart, Maggie und Marge”, zitiert ihn der Guardian. Stuart Heritage lässt sich dort die Vorlage nicht entgehen und geht mit köstlichen Spitzen der größtenteils falschen Behauptung nach:

Homer might be Republican, but then again Homer is a man so stupid that he once caused a nuclear meltdown in a van that contained no nuclear material whatsoever.

Weil sich Ted Cruz immer wieder öffentlich dazu bekennt, Simpsons-Fan zu sein, fragt der Guardian-Autor auch, wie es denn sein kann, dass ein so rechter Politiker eine so subversive Serie mag – deren Macher ihn zudem oft und gerne beschimpfen.

Flasche voll

Wie leitet man jetzt elegant von Republikanern und Homer Simpson zu Flaschen über? Egal. Manche Flaschen jedenfalls sind besser als ihr Ruf. Jake Nevins beschäftigt sich für den Guardian mit dem Phänomen der Flaschenepisoden. Ursprünglich waren das Lückenfüller-Folgen in Serien, deren Handlung, um Kosten zu sparen, sehr begrenzt ist. Heute können sie aber viel mehr als nur Budgetschoner sein. Sie werden zu Kammerspielen im Rahmen einer Serie:

These standalone chapters, narrowly conceived either thematically, geographically, or in the number of characters featured, serve as little detours and creative flourishes that let a show breathe. The recent popularity of the anthology series owes itself in part to the idea, spearheaded by the standalone, that TV episodes can function as mini-films instead of book chapters.

In Breaking Bad gibt es etwa die wunderbare Episode „Fly“ (S03E10), „Die Fliege“, in der es ausschließlich darum geht, dass Walther White eine Fliege jagt. Weitere Flaschenepisoden-Empfehlungen, die man auch ohne den Rest der Serie sehen kann, gibt es im Artikel zu entdecken.

Filmfestwürdig

Die Flaschenepisoden würden auch gut als Kurzfilm im Kino funktionieren. Bei Deutschlands größtem Filmfestival, der Berlinale, feiern nun schon seit einigen Jahren auch Serien ihre Premieren. Claudia Reinhard zählt für die FAZ auf, was es 2018 zu sehen gab. Taz-Autorin Carolina Schwarz ist darüber hinaus aufgefallen, dass es bei den diesjährigen Berlinale-Serien um die Frauenrollen ganz gut bestellt ist: Sechs von sieben würden den Bechdel-Test bestehen, der testet, ob Frauen mehr sind als nur dekoratives Beiwerk und sich miteinander auch über andere Themen als Männer unterhalten.

Die Serien stellen politische und gesellschaftliche Fragen, aus der Berufswelt, unter Freunden, in der Beziehung. Doch was sie alle verbindet, ist eine komplexe Frau als Hauptfigur.

Carolin Ströbele sieht das in der Zeit ganz ähnlich.

Kleingeld

Serien sehen nicht nur im Kino gut aus, sie werden auch immer teurer. Demnächst dürfte die erste Serie Produktionskosten von 20 Millionen US-Dollar pro Stunde übertreffen. Guardian-Redakteur Mark Sweney spekuliert darauf, dass es Der Herr der Ringe sein wird. Alleine die globalen Verwertungsrechte kosteten 250 Millionen Dollar. Das Blockbuster-Kino ist pro Stunde immer noch deutlich teurer, dafür dauern Serien natürlich viel länger. Am Ende des Artikels ist eine Liste mit Serien für alle, die sich mal etwas Luxus ins Wohnzimmer holen wollen.

Foto: Amazon.de

Nicht nur wegen steigender Kosten suchen Serienmacher weitere Finanzierungsmöglichkeiten. Die neue Staffel von Pastewka, ganz sicher keine mega-teure Produktion, steht unter Schleichwerbungs-Verdacht. Eine Folge spielt nämlich bei einer Filiale einer bekannten Elektronikmarkt-Kette, die uns nichts dafür bezahlt, ihren Namen auch noch an dieser Stelle zu nennen.

An sich ist das nicht verboten. Wenn es dafür aber eine Gegenleistung gab, dann handelt es sich ab einem gewissen Wert um Produktplatzierung. Im linearen Fernsehen (über)sieht man häufig eine kleine Einblendung, die auf solches Product Placement hinweist. Bei Pastewka fehlt diese aber, was nun die Medienaufsicht beschäftigt. Die muss nun erst einmal die Zuständigkeit klären: Amazon selbst sitzt in Luxemburg, für das Streaming-Angebot könnte aber der deutsche Ableger aus München geradestehen müssen.

Raus aus der Nische

Foto: Amazon Prime Video

Die Sorge um das liebe Geld bedingt offenbar auch andere Amazon-Entscheidungen. In den letzten Jahren überraschte der Versandhändler immer wieder als Produzent ungewöhnlicher Comedy-Formate, allen voran mit der Genderdiskussions-Serie Transparent. Damit ist jetzt erstmal Schluss. Im Februar wurde Hauptdarsteller Jeffrey Tambor, der in der Serie die Trans-Frau Maura spielt, gefeuert, nachdem ihm sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde – das scheint auch das Aus für Transparent zu bedeuten. Zwei andere tolle Serien setzte Amazon ohne Not bereits im Januar ab: One Mississippi mit Tig Notaro und die Adaption von Chris Kraus’ Roman I Love Dick. Wieso das geschieht, analysiert Josef Adalian auf vulture.com:

The art-house, critic-friendly fare championed by disgraced former Amazon Studios chief Roy Price (and TV head Joe Lewis) will be replaced by content designed to appeal to the masses, both in the United States and abroad. It’s a form of the tentpole strategy Disney has pursued in features under CEO Robert Iger, where smaller one-off movies made way for franchises like Star Wars and Pirates of the Caribbean.

Es lässt sich mit Serien für möglichst breite Zielgruppen wohl mehr verdienen. Netflix etwa fährt (noch) zweigleisig und produziert sowohl seichte Komödien für den Massengeschmack als auch Nischenserien. Amazon zieht sich aus letzteren wohl erstmal zurück.

Pembe dizi

Das war türkisch. Das Massenfernsehen in der Türkei hat sich Kristina Karasu für Deutschlandfunk Corso angeschaut. Präsident Erdoğan verdrückt dort Krokodilstränen bei der Premiere einer nationalistischen Propaganda-Serie. Wie diese teils auch schwer antisemitischen Produktionen aussehen, hat bereits im August 2017 Selim Aydin für die Süddeutsche Zeitung aufgeschrieben. Die Mehrheit der Türken guckt aber lieber das Melodrama Unsere Geschichte, in der es eher unislamisch zugeht, berichtet nun der Deutschlandfunk. Auch an Hauptdarstellerinnen mit Kopftuch hat das türkische Publikum wenig Interesse. Dennoch transportieren die Pembe dizi (zu Deutsch: Seifenopern) meist ein konservatives Weltbild.

Nachdreh

Im letzten Serienbrief berichteten wir darüber, dass deutsche Produzenten eine Serienförderung wollen. Diese steht nun im Koalitionsvertrag, der womöglich der nächsten großen Koalition zugrunde liegen wird. „Wir prüfen die Einbeziehung weiterer Verwertungsformen audiovisueller Inhalte, wie z.B. Streaming-Dienste, in die solidarische Filmförderung (FFG)“, steht im Entwurf (pdf) so vage wie nur möglich. Sprich: Man will mal drüber reden. Auch zur Höhe gibt es keine konkreten Angaben. Die Produzenten-Allianz freut aber, dass man die Förderung „mindestens auf dem aktuellen Niveau“ fortsetzen will.

Schaubar

Besonders gefallen haben uns im Februar drei Produktionen.

Die vierte Staffel der Amazon-Serie Mozart in the Jungle geht wichtigen Musikerinnen auf die Spur, die sich im Schatten ihrer Brüder und Ehemänner bewegten. So quatscht Hauptfigur Hailey Rutledge etwa mit Mozarts Schwester Maria Anna und entscheidet sich, mit ihrem Ensemble nur Stücke von Komponistinnen aufzuführen. Ein kluger, subtil-komischer Kommentar zur hitzigen #MeToo-Debatte.

Here and now ist das zeitgeistige Familien-Drama des Six Feet Under– und True Blood-Machers Alan Ball. „Wir haben verloren“, verkündet Greg zu seinem sechzigsten Geburtstag. Wir, das sind er, Philosophieprofessor, seine Frau, beide Ex-Hippies, ihre aus Vietnam, Liberia und Kolumbien adoptierten Kinder, die schon erwachsen sind, und die leibliche Tochter, die es fast ist. Die Serie zur Depression der Linksliberalen unter Trump läuft bei Sky.

Eine der oben genannten Berlinale-Serien mit den starken Frauenfiguren ist Bad Banks, zu sehen in der Arte-Mediathek und ab 3. März , 21:45 Uhr, auch linear im ZDF. Hauptfigur ist die junge und ehrgeizige Bankerin Jana Liekam, die in dem Thriller in Intrigen und Machenschaften einer fiktiven systemrelevanten deutschen Bank gerät. Exzesse inklusive, auch wenn die noch ein gutes Stück von Wolf of Wall Street-Niveau entfernt sind. Wer nach sechs Folgen noch mehr Lust auf kriminelle Banker hat, dem sei auch die BBC-Produktion McMafia nahegelegt.

Foto: ZDF/Sammy Hart

Vorschau

In den nächsten vier Wochen könnten sich folgende Serien lohnen: Die Berlinale-Serie The Looming Tower, ab 9. März auf Amazon, handelt vom Aufstieg des Terror-Netzwerks Al-Kaida bis zu den Anschlägen vom 11. September. In der SundanceTV-Produktion Liar, ab 14. März auf Vox und bereits jetzt auf TV Now, geht es in sechs Folgen um die Frage nach der Wahrheit bei einem Vergewaltigungsvorwurf. Gespannt erwarten wir auch die zweite Staffel von Legion, ab 4. April bei Fox, denn sie war unter den zahlreichen Superhelden-Serien des vergangenen Jahres die interessanteste.

Der nächste Serienbrief erscheint am 7. April.

Bis dahin. Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl