Serienbrief S01E04: Die Feste feiern wie sie fallen.

Liebe Serienbrief-Freunde,

die Tage werden wärmer, aber auch pollenreicher, was doch zumindest für Allergiker ein sehr guter Grund ist, den Tag im Reinraum mit Serien zu verbringen, statt sich in Biergärten zwischen schwitzenden Menschenmassen zu langweilen. Da wir wieder einige neue Serienbrief-Abonnenten begrüßen dürfen, noch mal kurz die Bedienungsanleitung: Erst gibt es interessante Geschichten und Artikel des vergangenen Monats, einige handgepflückte Serien-Empfehlungen stehen dann unten. Dem Spamfilter beizubringen, dass man unseren Newsletter lesen will, hilft auch. Dann wollen wir Sie mal nicht weiter aufhalten. Los geht’s.

Feiertage

Die Festival-Saison hat begonnen. Nein, gemeint sind nicht Rock am Ring, Wacken oder Fusion. Mit Cannesseries gab es Anfang April zum ersten Mal einen Serien-Ableger des weltberühmten Filmfestivals, zeitgleich zur Fernseh-Fachmesse MipTV, wohl auch um diese etwas aufzuhübschen. Heute kommt die neunte Ausgabe der Séries Mania in Lille zum Abschluss. Aber auch England mischt gerade bei Serien-Festivals mit, dort endet morgen das Pilot Light TV Festival in Manchester.

Die Premiere von Cannesseries ist, wenn man verschiedenen Kritiken glaubt, nicht gelungen, zumindest mit dem großen Filmfest-Bruder kann der Serienableger nicht mithalten. Es fehlte unter anderem an einem großen Coup. John Hopwell bemüht sich für Variety trotzdem, anhand des Programms von Festival und Messe acht globale Trends zusammenzutragen: Die neuen Serien dominieren Frauen, Europas Industrie-Revolution könnte im Free-TV stattfinden, in Israel entstehen interessante Serien, Kinofilmmacher wechseln weiterhin ins TV, Telekommunikations-Firmen gehen in die Serienproduktion, „Inspiriert von wahren Ereignissen“ ist schwer angesagt, die größte Herausforderung für Serienproduzenten ist es, Talente zu finden, und Nordic Noir ist nicht mehr nur Made in Skandinavien, sondern ein weltweites Phänomen. So etwa die Zusammenfassung. Für Séries Mania macht Variety vergleichbare Beobachtungen. Eine ausführlichere Analyse des europäischen Serienmarkts hat zudem Wilfred Urbe für die Taz geschrieben.

Am Ende von Cannesseries gab es einen Preis für die israelische Serie When Heroes Fly – beziehungsweise für dessen Pilotfolge, denn die Jury bewertete nur diese. Typischer gibt es auf Serienfestivals nur eine Folge oder zwei zu sehen, nie eine ganze Staffel. So sind Serienfestivals eigentlich eher Pilotfolgenfestivals. Lars Weisbrod hat für die Zeit einen Überblick über die kommenden europäischen Serienfestivals geschrieben und versucht im Fazit zu begründen, warum es diese trotzdem braucht:

Muss man denn aus allem ein Festival machen, selbst aus Serien? Ja, muss man. Serienkonsum mag Privatsache sein, Seriengespräche aber gehören in die Festival-Öffentlichkeit.
Nur: Zum öffentlich darüber reden würde es dann auch genügen, sich einmal im Jahr bei einer Art Barcamp zu treffen und über Serien zu diskutieren, die zuvor schon jeder sehen konnte. Wer Interesse an so etwas hätte, kann sich gerne bei uns melden: serienbrief@mailbox.org. Bis dahin verbleiben wir mit einer Liste der dieses Jahr noch anstehenden Festivals:
  • TV Series Festival (Berlin): 7. bis 10. Juni
  • Série Series (Fontainebleau): 26. bis 28. Juni
  • Serienale (Berlin): 17. bis 21. Oktober
  • Seriencamp (München): 8. und 9. November
  • Are You Series (Brüssel): 11. bis 16. Dezember
Für reine Branchenkreise gibt es natürlich schon Veranstaltungen, bei denen die Branche über sich selbst redet. Oliver Jungen berichtet für die FAZ vom Serien Summit aus Köln. Das große Thema dort war, wie man Serien produziert, die mit amerikanischen Streamingdiensten mithalten können, ohne die entsprechend großen Budgets dafür zur Verfügung zu haben.

Erste Allgemeine Verunsicherung

Die angesagten Serien sind nicht nur teuer zu produzieren, sondern immer öfter auch sehr verwirrend. Wer unserer Empfehlung aus dem letzten Serienbrief für die zweiten Staffeln von Westworld und Legion gefolgt ist, weiß das. Sam Wolfson hat sich für den Guardian nun die Frage gestellt, warum das moderne Fernsehen einen so durcheinanderbringt. Ein Grund könnte sein, dass wir eben in wirren Zeiten leben und sich das in Serien widerspiegelt. Ein weiterer, dass Medien und Fans gerne mitspielen, denn jede komplizierte Serie braucht Erklärstücke und ein engagiertes Publikum, das sich auch über das reine Sehen hinaus mit der Serie beschäftigt. Wie so oft, steht am Ende ein Dilemma:
If things are too straightforward, savvy audiences will guess the ending before it happens. If they’re too complicated then watching starts to feel like a second job, especially when shows prioritise plot twists and conceptualism over likable characters and good scripts. But perhaps it’s outdated to think that TV should be entertaining. The concept of the serious novel or experimental cinema is accepted. Maybe it’s time we acknowledged there are some shows you watch for simple escapism, and others you have to work for.

Am Ende des Artikels werden die vier kompliziertesten aktuellen Serien (ohne Twin Peaks) vorgestellt und die Frage gestellt, ob man sie sich wirklich antun muss.

Eine weitere Beobachtung der Serienkritiker des Guardians: Es gibt immer öfter extra lange Episoden, die ein besonderes Event sein sollen. Stuart Heritage ärgert sich aber darüber, dass dafür der Inhalt unnötig gedehnt wird.

Killer-Serie

Zwar kann man an der großen Verwirrung verzweifeln. Die einfachen Weltbilder dürfen aber auch nicht die Lösung sein. Ein solches vertritt ganz sicher der philippinische Staatschef Rodrigo Duterte, der mit einem Krieg gegen vermeintliche Drogensüchtige Politik macht. In der Praxis heißt das, dass er Selbstjustiz erlaubt, durch die schon über 20.000 Menschen zum Mordopfer geworden sein sollen und sich in seinem Bestreben auch mal stolz mit Hitler vergleicht. Und nun gibt es eine philippinische Netflix-Serie des international gefeierten Regisseurs Brillante Mendoza, die mit dieser Politik so kompatibel ist, dass man sie ruhig Propaganda nennen darf. Jens Geiger schreibt für Spiegel Online über Amo:

Die Gewalt des Staates ist in der Serie – wie in Dutertes Propaganda – immer nur eine Reaktion auf abscheuliche Verbrechen, wird mit Augenmaß dosiert und trifft ausschließlich die Richtigen. Genau ein unschuldiges Opfer wird gezeigt: Eine Passantin wird von einem Dealer erschossen.

Ansonsten achtet Mendoza peinlich genau darauf, dass nur Verbrecher sterben. Und die Todesschwadronen? Amo legt nahe, dass es wohl die Dealer selbst seien, die sich zu Tausenden gegenseitig umbrachten.

Netflix ist die Kritik herzlich egal und flüchtet vor der Verantwortung: Die Zuschauer sollen entscheiden.

Kleinigkeiten

Die gescriptete US-Serie mit den meisten Episoden ist seit vergangenen Sonntag Die Simpsons. Mit Folge 636 überholte sie die Western-Serie Gunsmoke (in Deutschland unter dem Titel Rauchende Colts bekannt). Natürlich feiert man das mit einem Couch-Gag.

Wie sich die Zeit in den fast 30 Jahren seit Beginn der Simpsons ändert, zeigt auch eine andere Diskussion. Die Figur des achtfachen Vaters und Quick-E-Markt-Verkäufers Apu Nahasapeemapetilon steht in der Kritik, da sie Vorurteile gegen Inder bedient. Von Mr. Burns bis Chief Wiggum sind natürlich fast alle Simpsons-Charaktere Stereotypen, nur eben keine rassistischen. In einer Folge Anfang April, die davon handelt, dass Marge schockiert ist, wie rassistisch ihre Kindheitslektüre war, haben die Macher etwas lasch auf den Vorwurf reagiert, indem sie Marge und Lisa etwas oberflächlich bemerken ließen, dass die Zeiten sich eben geändert hätten. Die Kritik daran führte nun dazu, dass Apus Sprecher Hank Azaria anbot, von der Rolle zurückzutreten. Der Simpsons-Erfinder Matt Groening sagte dagegen, in einem Interview auf das Thema angesprochen, die Leute würden heutzutage gerne so tun, als seien sie beleidigt.

Jörn Kruse schreibt für die Taz über den Scully-Effekt. Laut einer Studie des Geena Davis Institute of Gender in Media ergreifen Frauen, die in der Jugend Akte-X geschaut haben, öfter naturwissenschaftliche oder technische Berufe. Kommt das jemandem unter unseren Serienbrief-LeserInnen bekannt vor?

Es gibt ein neues Serien-Magazin, das einfacherweise auch „Serien Magazin“ heißt. Uns hat die zweimal im Jahr erscheinende Kooperation von Cinema und TV Spielfilm mit seinen unzähligen Daumen-rauf-daumen-runter-Kritiken nicht überzeugt. Karoline Meta Beisel schreibt für die Süddeutsche über das Magazin:

Das Layout sieht etwas zusammengestöpselt aus, ansonsten dürfte der größte Haken sein, dass man nach der Lektüre zwar weiß, was läuft, aber trotzdem nicht, wann man all das gucken soll.

 

Schaubar

Mit zerzausten Haaren und im Schlafanzug sitzt Audrey unter lauter Fremden mit Babys auf dem Schoß in einer Scheune. Eigentlich wäre sie viel lieber mit ihren Freunden in der Kneipe. Aber das geht nicht mehr, sie hat jetzt ein Baby und ist auf ihre neue Baby-Support-Truppe angewiesen. Leicht und ein wenig schräg erzählt die australische Serie The Letdown auf Netflix, wie schnell sich das Leben ändern kann, wenn plötzlich 24/7 ein Baby an dir klebt. Political Correctness und Etikette sind egal, warum darf sich nicht eine stillende Mutter auch mal ein kleines Bierchen gönnen, zwischendurch.

Ab dem 28. Mai zeigt Fox die ganz wunderbare israelische Serie False Flag. Unbescholtene Bürger werden öffentliche bezichtigt, Mossad-Agenten zu sein und den iranischen Verteidigungsminister aus einem russischen Hotel entführt zu haben. Doch weder die Beschuldigten noch der israelische Geheimdienst wissen etwas davon. Und da wir gerade in der Gegend sind: Die zweite Staffel von Fauda gibt es ab 24. Mai auf Netflix.

Foto: Netflix

Aktuell entdecken viele die spanische Serie Haus des Geldes (La casa del papel).  Was bisher Geheimtipp war, soll nun von Netflix eine dritte Staffel spendiert bekommen. Im Stil eines Heist-Movies bricht eine Gruppe von Profi-Kriminellen in die spanische Gelddruckerrei ein.Klar, man kann sich DVD-Boxen kaufen oder Serien im Stream Bingewatchen. Aber manche wurden dafür einfach nicht gemacht. Wenn sie schon etwas älter sind, ist es eine große Freude, sie beim Zappen zu entdecken. Tele5 zeigt derzeit samstags ab 18.10 Uhr jeweils zwei Folgen der wundertollen Buffy. Man ist zwar schon mitten in Staffel zwei, aber zum Glück sind Serien aus den 90ern etwas großzügiger, was den Quereinstieg angeht.

Der nächste Serienbrief erscheint am 2. Juni. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl

Serienbrief S01E02: Oldschool

Liebe Serienbrief-Freunde,

Unter uns: Wir sind wohl etwas altmodisch. Gerne würden wir Ihnen den Serienbrief auch handgeschrieben auf Büttenpapier per Postkutsche zukommen lassen. Das würde ganz wunderbar zu diesem entspannten Slow-News-Habitus passen. Doch das können wir uns leider nicht leisten.

Falls Sie jetzt vermuten, dass wir Sie gleich anschnorren, liegen Sie fast richtig. Diesmal geht der Serienbrief schon an fast doppelt so viele Leute wie zur Pilotfolge im Februar. Das freut uns sehr, danke für Ihr Interesse! Sie sind aber immer noch Teil eines relativ kleinen, elitären Abonnenten-Clubs. Darum unser Vorschlag: Wir investieren unsere Zeit in dieses Dossier mit interessanten Artikeln über Serien und Sie empfehlen uns weiter. Klingt gut? Wunderbar! Falls das Ihnen zu billig ist, Sie nicht wissen, wohin mit der Erbschaft, oder Sie uns einfach nur mit überschwänglichem Lob motivieren wollen, können Sie uns jederzeit über serienbrief@mailbox.org kontaktieren.

Und nun, wie gehabt, erst zum Drumherum, persönliche Empfehlungen gibt’s unten.

Foto: Electronic Superhighway by Nam June Paik, Libjr, CC-Attribution-Share Alike

Rettet die Flimmerkiste

Da wir uns nun schon als altmodisch geoutet haben, können wir auch gleich Adi Robertsons umfangreiche Reportage für The Verge empfehlen. Darin setzt sie dem Röhrenfernseher ein Denkmal. Es gibt nämlich noch Leute, die professionell alte TV-Geräte restaurieren. Ihre Kunden sind etwa Museen, die Videokunst erhalten wollen, zum Beispiel auch die Installationen von Nam June Paik, von denen eine oben im Titelbild zu sehen ist. Auch für Turniere mit alten Videospielen sind die Röhren unverzichtbar. Dass es darüber hinaus eine Verwendung für sie geben könnte, bezweifelt die Autorin allerdings:

It’s unlikely that CRTs will enjoy a sudden resurgence in popularity like vinyl records have. They’re extraordinarily large and heavy, and depend on other obsolete technologies like VCRs and old gaming consoles.

Dabei würde ein bisschen Authentizitäts-Fimmel sicher dem Ansehen alter TV-Serien zuträglich sein. Den Cineasten gelingt es schließlich auch, mit reliquienhaft protegierten Filmkopien noch der letzten uralten Schnulze filmhistorische Bedeutung abzuringen. Wir kennen bisher noch keine Télévisionnaires, die ähnliche Spleens für das Fernsehen entwickelt haben, möchten aber dringend dazu anregen, ein solcher zu werden und uns Bescheid zu geben.

Yellow Press

Alte Simpsons-Folgen würden Sie dann natürlich originalgetreu auf einer lieblich brummenden Plastik-Kiste aus den Neunzigern sehen. Langsam wird Ihnen dann auffallen, dass die Simpsons geradezu prophetisch sind. Sie haben die Entdeckung des Higgs-Teilchens, 9/11 und die Übernahme von Fox durch Disney vorhergesehen. Maya Salam erklärt in der New York Times, warum das keine Magie ist: Die Autoren sind klug, sie müssen in die Zukunft denken, damit die Folgen nach einjähriger Produktionszeit noch aktuell sind, und es gibt einfach sehr viele Folgen, was Glückstreffer wahrscheinlich macht. Am Ende des Artikels gibt es eine Liste mit schon eingetroffenen Simpsons-Orakeln inklusive Begründungen.

Foto: ProSieben

Zu den prominentesten Vorhersagen gehört heute, dass die Simpsons bereits im Jahr 2000 wussten, dass Donald Trump US-Präsident wird. Dessen Gegner im republikanischen Vorwahlkampf, Ted Cruz, fühlte sich im Februar dazu berufen, die politischen Lager der USA mit den Simpsons zu vergleichen. “Ich glaube die Demokraten sind die Partei von Lisa Simpson und die Republikaner sind, glücklicherweise, die Partei von Homer, Bart, Maggie und Marge”, zitiert ihn der Guardian. Stuart Heritage lässt sich dort die Vorlage nicht entgehen und geht mit köstlichen Spitzen der größtenteils falschen Behauptung nach:

Homer might be Republican, but then again Homer is a man so stupid that he once caused a nuclear meltdown in a van that contained no nuclear material whatsoever.

Weil sich Ted Cruz immer wieder öffentlich dazu bekennt, Simpsons-Fan zu sein, fragt der Guardian-Autor auch, wie es denn sein kann, dass ein so rechter Politiker eine so subversive Serie mag – deren Macher ihn zudem oft und gerne beschimpfen.

Flasche voll

Wie leitet man jetzt elegant von Republikanern und Homer Simpson zu Flaschen über? Egal. Manche Flaschen jedenfalls sind besser als ihr Ruf. Jake Nevins beschäftigt sich für den Guardian mit dem Phänomen der Flaschenepisoden. Ursprünglich waren das Lückenfüller-Folgen in Serien, deren Handlung, um Kosten zu sparen, sehr begrenzt ist. Heute können sie aber viel mehr als nur Budgetschoner sein. Sie werden zu Kammerspielen im Rahmen einer Serie:

These standalone chapters, narrowly conceived either thematically, geographically, or in the number of characters featured, serve as little detours and creative flourishes that let a show breathe. The recent popularity of the anthology series owes itself in part to the idea, spearheaded by the standalone, that TV episodes can function as mini-films instead of book chapters.

In Breaking Bad gibt es etwa die wunderbare Episode „Fly“ (S03E10), „Die Fliege“, in der es ausschließlich darum geht, dass Walther White eine Fliege jagt. Weitere Flaschenepisoden-Empfehlungen, die man auch ohne den Rest der Serie sehen kann, gibt es im Artikel zu entdecken.

Filmfestwürdig

Die Flaschenepisoden würden auch gut als Kurzfilm im Kino funktionieren. Bei Deutschlands größtem Filmfestival, der Berlinale, feiern nun schon seit einigen Jahren auch Serien ihre Premieren. Claudia Reinhard zählt für die FAZ auf, was es 2018 zu sehen gab. Taz-Autorin Carolina Schwarz ist darüber hinaus aufgefallen, dass es bei den diesjährigen Berlinale-Serien um die Frauenrollen ganz gut bestellt ist: Sechs von sieben würden den Bechdel-Test bestehen, der testet, ob Frauen mehr sind als nur dekoratives Beiwerk und sich miteinander auch über andere Themen als Männer unterhalten.

Die Serien stellen politische und gesellschaftliche Fragen, aus der Berufswelt, unter Freunden, in der Beziehung. Doch was sie alle verbindet, ist eine komplexe Frau als Hauptfigur.

Carolin Ströbele sieht das in der Zeit ganz ähnlich.

Kleingeld

Serien sehen nicht nur im Kino gut aus, sie werden auch immer teurer. Demnächst dürfte die erste Serie Produktionskosten von 20 Millionen US-Dollar pro Stunde übertreffen. Guardian-Redakteur Mark Sweney spekuliert darauf, dass es Der Herr der Ringe sein wird. Alleine die globalen Verwertungsrechte kosteten 250 Millionen Dollar. Das Blockbuster-Kino ist pro Stunde immer noch deutlich teurer, dafür dauern Serien natürlich viel länger. Am Ende des Artikels ist eine Liste mit Serien für alle, die sich mal etwas Luxus ins Wohnzimmer holen wollen.

Foto: Amazon.de

Nicht nur wegen steigender Kosten suchen Serienmacher weitere Finanzierungsmöglichkeiten. Die neue Staffel von Pastewka, ganz sicher keine mega-teure Produktion, steht unter Schleichwerbungs-Verdacht. Eine Folge spielt nämlich bei einer Filiale einer bekannten Elektronikmarkt-Kette, die uns nichts dafür bezahlt, ihren Namen auch noch an dieser Stelle zu nennen.

An sich ist das nicht verboten. Wenn es dafür aber eine Gegenleistung gab, dann handelt es sich ab einem gewissen Wert um Produktplatzierung. Im linearen Fernsehen (über)sieht man häufig eine kleine Einblendung, die auf solches Product Placement hinweist. Bei Pastewka fehlt diese aber, was nun die Medienaufsicht beschäftigt. Die muss nun erst einmal die Zuständigkeit klären: Amazon selbst sitzt in Luxemburg, für das Streaming-Angebot könnte aber der deutsche Ableger aus München geradestehen müssen.

Raus aus der Nische

Foto: Amazon Prime Video

Die Sorge um das liebe Geld bedingt offenbar auch andere Amazon-Entscheidungen. In den letzten Jahren überraschte der Versandhändler immer wieder als Produzent ungewöhnlicher Comedy-Formate, allen voran mit der Genderdiskussions-Serie Transparent. Damit ist jetzt erstmal Schluss. Im Februar wurde Hauptdarsteller Jeffrey Tambor, der in der Serie die Trans-Frau Maura spielt, gefeuert, nachdem ihm sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde – das scheint auch das Aus für Transparent zu bedeuten. Zwei andere tolle Serien setzte Amazon ohne Not bereits im Januar ab: One Mississippi mit Tig Notaro und die Adaption von Chris Kraus’ Roman I Love Dick. Wieso das geschieht, analysiert Josef Adalian auf vulture.com:

The art-house, critic-friendly fare championed by disgraced former Amazon Studios chief Roy Price (and TV head Joe Lewis) will be replaced by content designed to appeal to the masses, both in the United States and abroad. It’s a form of the tentpole strategy Disney has pursued in features under CEO Robert Iger, where smaller one-off movies made way for franchises like Star Wars and Pirates of the Caribbean.

Es lässt sich mit Serien für möglichst breite Zielgruppen wohl mehr verdienen. Netflix etwa fährt (noch) zweigleisig und produziert sowohl seichte Komödien für den Massengeschmack als auch Nischenserien. Amazon zieht sich aus letzteren wohl erstmal zurück.

Pembe dizi

Das war türkisch. Das Massenfernsehen in der Türkei hat sich Kristina Karasu für Deutschlandfunk Corso angeschaut. Präsident Erdoğan verdrückt dort Krokodilstränen bei der Premiere einer nationalistischen Propaganda-Serie. Wie diese teils auch schwer antisemitischen Produktionen aussehen, hat bereits im August 2017 Selim Aydin für die Süddeutsche Zeitung aufgeschrieben. Die Mehrheit der Türken guckt aber lieber das Melodrama Unsere Geschichte, in der es eher unislamisch zugeht, berichtet nun der Deutschlandfunk. Auch an Hauptdarstellerinnen mit Kopftuch hat das türkische Publikum wenig Interesse. Dennoch transportieren die Pembe dizi (zu Deutsch: Seifenopern) meist ein konservatives Weltbild.

Nachdreh

Im letzten Serienbrief berichteten wir darüber, dass deutsche Produzenten eine Serienförderung wollen. Diese steht nun im Koalitionsvertrag, der womöglich der nächsten großen Koalition zugrunde liegen wird. „Wir prüfen die Einbeziehung weiterer Verwertungsformen audiovisueller Inhalte, wie z.B. Streaming-Dienste, in die solidarische Filmförderung (FFG)“, steht im Entwurf (pdf) so vage wie nur möglich. Sprich: Man will mal drüber reden. Auch zur Höhe gibt es keine konkreten Angaben. Die Produzenten-Allianz freut aber, dass man die Förderung „mindestens auf dem aktuellen Niveau“ fortsetzen will.

Schaubar

Besonders gefallen haben uns im Februar drei Produktionen.

Die vierte Staffel der Amazon-Serie Mozart in the Jungle geht wichtigen Musikerinnen auf die Spur, die sich im Schatten ihrer Brüder und Ehemänner bewegten. So quatscht Hauptfigur Hailey Rutledge etwa mit Mozarts Schwester Maria Anna und entscheidet sich, mit ihrem Ensemble nur Stücke von Komponistinnen aufzuführen. Ein kluger, subtil-komischer Kommentar zur hitzigen #MeToo-Debatte.

Here and now ist das zeitgeistige Familien-Drama des Six Feet Under– und True Blood-Machers Alan Ball. „Wir haben verloren“, verkündet Greg zu seinem sechzigsten Geburtstag. Wir, das sind er, Philosophieprofessor, seine Frau, beide Ex-Hippies, ihre aus Vietnam, Liberia und Kolumbien adoptierten Kinder, die schon erwachsen sind, und die leibliche Tochter, die es fast ist. Die Serie zur Depression der Linksliberalen unter Trump läuft bei Sky.

Eine der oben genannten Berlinale-Serien mit den starken Frauenfiguren ist Bad Banks, zu sehen in der Arte-Mediathek und ab 3. März , 21:45 Uhr, auch linear im ZDF. Hauptfigur ist die junge und ehrgeizige Bankerin Jana Liekam, die in dem Thriller in Intrigen und Machenschaften einer fiktiven systemrelevanten deutschen Bank gerät. Exzesse inklusive, auch wenn die noch ein gutes Stück von Wolf of Wall Street-Niveau entfernt sind. Wer nach sechs Folgen noch mehr Lust auf kriminelle Banker hat, dem sei auch die BBC-Produktion McMafia nahegelegt.

Foto: ZDF/Sammy Hart

Vorschau

In den nächsten vier Wochen könnten sich folgende Serien lohnen: Die Berlinale-Serie The Looming Tower, ab 9. März auf Amazon, handelt vom Aufstieg des Terror-Netzwerks Al-Kaida bis zu den Anschlägen vom 11. September. In der SundanceTV-Produktion Liar, ab 14. März auf Vox und bereits jetzt auf TV Now, geht es in sechs Folgen um die Frage nach der Wahrheit bei einem Vergewaltigungsvorwurf. Gespannt erwarten wir auch die zweite Staffel von Legion, ab 4. April bei Fox, denn sie war unter den zahlreichen Superhelden-Serien des vergangenen Jahres die interessanteste.

Der nächste Serienbrief erscheint am 7. April.

Bis dahin. Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl