Serienbrief S01E05: Was zu viel ist, ist zu viel.

Liebe Serienbrief-Freunde,

Nun ist es raus: Netflix’ “Chief Content Officer”, also der Inhaltechef, Ted Sarandos hat zugegeben, dass er selbst nicht mit dem Seriengucken nachkommt. Dabei hat er es noch leicht: Seine Angestellten schauen für ihn. Und der Schauspieler Logan Browning (Dear White People) meinte laut Hollywood Reporter sogar, er sei gestresst, wenn er Netflix öffne. Als ob das nicht genug Überforderung wäre, muss man auch noch lesen, was alle über Serien schreiben. Eigentlich ein Vollzeitjob. Wenn es den Serienbrief nicht gäbe. Wie jeden ersten Samstag im Monat haben wir wieder die besten Geschichten und einige streng ausgewählte Serienempfehlungen für Sie. Wenn Sie es uns danken wollen, dass Sie dadurch Zeit sparen, die Sie dann um so mehr mit Serien verbringen können, empfehlen Sie uns doch bitte weiter.

Foto: Giphy

Mothers I’d like to view in TV

Alexis Soloski Artikel für die New York Times ist nicht nur köstlich zu lesen, weil sie darin ihren zeitungslesenden Mann daran erinnert, Windeln zu kaufen. Sie entdeckt auch ein Metathema, dem sich viele neuere Serien ausführlich widmen, die Mutterschaft. Serien wie The Letdown, Motherland, Smilf, Catastrophe oder auch Jane the Virgin finden einen neuen Zugang zum Muttersein:

These shows are workplace comedies with the workplace redistributed to the home, rom-coms where the romance is maternal.

 

Lange war laut Soloski das Leben als Mutter im TV etwas, das man in einer Folge erzählen konnte und das die Protagonistinnen quasi nicht veränderte. Dass nun einige Serien auch von den Problemen und Widersprüchen der Mutterschaft erzählen, liegt laut ihr auch daran, dass sie von Frauen geschrieben werden. Und nach ihrem Text hat man auch ohne Kinder das Gefühl, die Serien unbedingt sehen zu müssen. Schon alleine, weil sie diese realistischeren Mütter zu viel größeren Heldinnen macht, als es eine metaphorische Fantasy-Mutter wie Daenerys Targaryen ist, die statt menschlicher Babys nur ein paar pflegeleichte Drachen aufzieht.

Foto: Amazon

 

Große Künstler stehlen

Manchmal können Fans quengeln wie kleine Kinder, wenn ihnen etwas nicht passt. Margaret Atwood, die Autorin von The Handmaid’s Tale, hat ihren Fans nun sinngemäß gesagt, dass sie sich mal nicht so haben sollen, nur weil die Serienadaption nicht eins zu eins ihrem Werk folgt:

„I think I would have to be awfully stupid to resent it because things could have been so much worse,“ she told an audience at the Hay literary festival in Wales. „They have done a tippety-top job … the acting is great, they’ve stuck to the central set of premises.“

 

Sie könnte auch wenig tun, wenn es ihr nicht recht wäre, denn sie hat kein Mitspracherecht. Aber Fans glauben immer wieder, dass sie ein solches haben. Die sehr anhängliche und besitzergreifende Spezies von Konsumenten passt darum auch bei anderen Adaptionen genauestens darauf auf, dass ihrem Lieblingswerk niemand etwas antut. Zum Teil auch zurecht, die neuen Staffeln von Game of Thrones, die über die Handlung der bisher in George R.R. Martins Romanreihe Das Lied von Eis und Feuer niedergeschriebenen hinausgehen, sind die schwächsten.

Guardian-Autor Gwilym Mumford beobachtet, dass Showrunner es derzeit ganz anders halten und sich teils extra von den Vorlagen entfernen, deren Markenrechte ihre Sender gekauft haben. Die Frage ist natürlich, ob man den Quatsch mit der Marke dann nicht auch sein lassen könnte:

The simplest solution, you’d wager, is to trust similarly creatively minded people to tell new stories, rather than constantly finding old IP to tinker with. That doesn’t seem likely to happen, however, so instead, perhaps the best tactic for any show going off script is to run as far away from the source material as possible.

 

Neben der Werkuntreue ist der zweite sichere Weg, Fans auf die Barrikaden zu bringen, eine liebgewonnene Serie abzusetzen. Was als Trauer beginnt, schlägt schnell in Wut um, nicht umsonst leitet sich das Wort von Englischen fanatic ab. So wieder einmal geschehen im vergangenen Monat. Die US-Sender stellten ihr Programm für die kommende Saison vor und verkündeten unter anderem einige abgesetzten Serien. Mehrere Medien bezeichneten den nicht unüblichen Vorgang sehr dramatisch als “TV Bloodbath”.

Nachdem der ersten gecancelten Serie, The Expanse, aber bereits kurz darauf von Amazon eine Wiederauferstehung versprochen wurde, halten wir es beim Serienbrief hier genauso wie mit Vorankündigungen: Erst mal abwarten, ob es sich lohnt, darüber zu schreiben, denn (auch als Hinweis für alle neuen AbonnentInnen) der Sinn dieses Newsletters ist es, das wirklich Interessante aus der Meldungsflut zu fischen.

Lachgeschichten

Laugh-Tracks, also die Tonspur mit Lachern aus der Dose, gehören zu manchen Sitcoms einfach dazu. Der Podcast 99% Invisible hat eine ganze Episode der Geschichte gewidmet und mit ihr einer kuriosen Erfindung von Charles Douglass, dem “Audience Response Duplicator”, genannt “Laff Box”. Im Grunde ist das eine Art Sampler, der optisch etwas an eine Schreibmaschine erinnert und ausschließlich Lacher enthält – über 300 Stück. Die eingespielten Lacher wurden oft auch benutzt, um schlechte Witze lustiger klingen zu lassen, als sie sind, was ihrem Ruf doch sehr geschadet hat. Der Podcast entdeckt das falsche Lachen nun als eine vergessene Kunst wieder.

Schluss mit Lustig

Wir hatten in der vorletzten Ausgabe über den überragenden Erfolg des Comebacks von Roseanne geschrieben. Hauptdarstellerin Roseanne Barr hat es nun trotz Quotenerfolg selbst vergeigt: Die Trump-Anhängerin beleidigte die schwarze Ex-Obama-Beraterin Valerie Jarrett am Dienstag auf Twitter. Diese sehe aus wie ein Nachkomme der Muslimbruderschaft und Planet der Affen.

Überraschend ist die Entscheidung dennoch: Der Sender wusste, wen er da engagiert und Barr war vor diesen Äußerungen nicht wesentlich sanfter unterwegs. Sie verbreitete schon länger haarsträubendem Unsinn. Am Tag ihres Rauswurfs unterstellte sie etwa George Soros, jüdischer US-Investor, Holocaustüberlebender und aktueller Lieblingsfeind der extremen Rechten, ein Nazi-Kollaborateur gewesen zu sein, der aus Habgier Juden verraten habe.

Nun halten sie und manche ihrer Fans das Ende für eine Medienverschwörung. Für ABC kommt es aber teuer, eine derart erfolgreiche Sendung abzusetzen. Laut Variety war Roseanne eine der teuersten Shows, um Werbung zu buchen. Die Strategie, Trump-Wähler in der Mitte der USA als Zielgruppe anzusprechen, war auch erfolgreich: 45 Millionen Dollar Werbegeld brachte die neue Staffel Roseanne dem Sender. Eine weitere Staffel war bereits angekündigt. Nun aber verzichtet ABC mit der Sendung auch auf schon sicher geglaubte Einnahmen und ein neues Publikum. Roseanne Barrs (Selbst-)Stilisierung zum Opfer einer Intrige stört das dennoch nicht.

Schaubar

Patrick Melrose hat nichts mit Melrose Place zu tun, sondern basiert auf den Romanen von Edward St Aubyn. Benedict Cumberbatch spielt die Hauptfigur, einen schwer drogenabhängigen Adeligen, der nach dem Tod seines Vaters versucht, mit dessen Grausamkeiten abzuschließen. Wer aufgrund der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle ein zu romantisches Bild der britischen Blaublüter-Gesellschaft entwickelt haben sollte, kann es mit dieser virtuosen Geschichte voller Dekadenz und Gemeinheiten wieder korrigieren.

Wenn einen jemand in den Achtzigern und Neunzigern auf dem Schulhof verprügeln wollte, aber vorher komisch herumfuchtelte, dann hatte derjenige den Film Karate Kid gesehen. In Cobra Kai sind die Kontrahenten von damals nun um die 50 und werden von den Original-Schauspielern gespielt. Auch das Weltbild hat sich geändert, das Machogetue beim Kampfsport ist in der Neuauflage Mittel zur Komik. Die Serie, die ungewöhnlicherweise bei YouTube läuft, greift auch die alte Frage auf, ob der im Film als Bösewicht vorgesehene Johnny Lawrence, nicht in Wirklichkeit das eigentliche Opfer ist.

In der Podcast-Serie We love Israel verschwimmen Fiktion und Realität. Anlässlich des 70. Geburtstags des Lands sind Noam Brusilovsky und Ofer Waldman für den SWR der Frage nachgegangen, warum sich Israelis heute für Deutschland interessieren und umgekehrt. Doch einige Statements wurden von Schauspielern eingesprochen und man weiß nie genau, welche nun echt und welche erfunden sind.

Nur zwei Monate nach der Dokuserie Wild Wild Country, empfohlen im Serienbrief S01E03, veröffentlicht Netflix den nächsten True-Crime-Coup der US-amerikanischen Duplass Brüder, Evil Genius: The True Story of America’s Most Diabolical Bank Heist über einen der legendärsten Kriminalfälle der frühen 2000er. In vier Episoden wühlt die Serie in der Vergangenheit des “Pizza Bombers”. Das sei der perfekte Stoff für das Netflix-Publikum, schreibt Merrill Barr für Forbes Magazin:

The even is far enough in the past that it can be exposed to a whole new generation that may be unfamiliar with it.

 

Die etwas älteren Millennials unter Ihnen möchten vielleicht lieber den ausführlichen Reportageartikel lesen, der im Januar 2011 im WIRED Magazin erschienen ist.

Der nächste Serienbrief erscheint am 7. Juli. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl


P.S.: Korrektur – Uns ist ein peinlicher Fehler unterlaufen. Wir hatten in S01E03 ABC-Entertainment-Präsidentin Channing Dungey als Mann vorgestellt. Natürlich ist sie eine Frau. Das ist erst jetzt, im Zuge der neuen Roseanne-Geschichte aufgefallen. Wir bitten, diesen aus einer Mischung aus Sexismus und Flüchtigkeit geborenen Fauxpas zu entschuldigen.

Serienbrief S01E01: Pilot

Guten Tag, liebe Early Adopters,
schön, dass Sie den Weg zu uns gefunden haben. Immerhin schon in mittlerer zweistelliger Zahl. Und das, obwohl wir dieses Projekt kaum beworben haben. Wahrscheinlich kennen wir uns also. Für alle anderen: Wir, das sind Julia Weigl und Benedikt Frank, eine freie Journalistin und ein freier Journalist aus München, die von Serien nicht lassen können.Bei unserem täglichen Leseprogramm arbeiten wir uns durch wahnsinnig viele Artikel. Die meisten davon sind tags darauf völlig egal. Die unzähligen Recaps. Die Flut an Meldungen über Kleinigkeiten. Vage Ankündigen, Jahre bevor es eine Serie zu sehen gibt. Große dezidierte Serienwebsites sind wegen des ganzen Hypes unbenutzbar geworden, von der Kalenderfunktion vielleicht abgesehen. Schade eigentlich, denn viel Interessantes geht im Rauschen unter.

Wir sind überzeugt, dass Serienmenschen zwar den Thrill auf dem Bildschirm schätzen, im Grunde aber gemütliche Personen sind. Schließlich nehmen sie sich wahnsinnig viel Zeit, den ihnen lieb gewordenen Geschichten zu folgen. Statt Serienmenschen als Drogensüchtige zu sehen, die mit billigem Crack beliefert werden wollen, möchten wir sie uns lieber als Trinker vorstellen. Pardon: Geselligkeitstrinker. Wie jemanden eben, der es vielleicht manchmal übertreibt, aber anders als Abhängige den Konsum genießen kann und entsprechende Ansprüche an die Qualität seines Genussmittels hat.

Darum gibt es hier nicht noch mehr überhypte News und keine endlos lange Listen, die vorgeben, Empfehlungen zu sein, aber doch nur Suchmaschinenoptimierung betreiben. Hier geht es um das wirklich Wichtige. Monatlich, weil wöchentlich schon zu eilig ist, sammeln wir gute Artikel über das, was wahrscheinlich noch über vier Wochen hinaus relevant bleiben wird. Nach zwölf Folgen hat man dann ein Dossier mit handgepflückten Essays, Metatexten und Lesestoff zu andauernd aktuellen Diskussionen über das Serienjahr. Der Serienbrief kommt immer am ersten Samstag eines Monats. Wir freuen uns über Kritik und noch viel mehr über Lob an serienbrief@mailbox.org. Wenn Ihnen der Serienbrief gefällt, empfehlen Sie uns gerne weiter.

Fangen wir an. Zunächst ein paar Dinge zum Drumherum, persönliche Empfehlungen stehen am Ende.

(Foto oben: Alien Productions)

Was bisher geschah

Foto: BR

Zum Start ein kurzer Flashback. Zeit-Redakteurin Carolin Ströbele hat einen guten Überblick über die Neuerungen bei deutschen Serien im vergangenen Jahr 2017 geschrieben. Am Beispiel von Neuesuper, der Produktionsfirma der nun auch für den Grimme-Preis nominierten BR-Serie Hindafing, analysiert sie:

Die Genese von Hindafing erzählt viel über den deutschen Serienmarkt und das Verhältnis zwischen seinen Protagonisten. 2017 haben Amazon und Netflix nicht nur mit ihren ersten deutschen Eigenproduktionen erfolgreich ihre Macht erprobt. Die Streamingdienste greifen immer häufiger auch erfolgreiche Formate des linearen Fernsehens ab, indem sie, wie bei Hindafing, einem Nischenprodukt der Öffentlich-Rechtlichen noch mal eine Plattform bieten.

Am Ende gibt es eine Liste mit deutschen Serien, auf die zu achten im aktuellen Jahr sich lohnen könnte.

Preisausschreiben

Ebenfalls für einen Grimme-Preis nominiert sind die Serien 4 Blocks (TNT), Babylon Berlin (Sky/WDR) und Das Verschwinden (BR/NDR/SWR). Mit Baran bo Odars und Jantje Frieses Nominierung in der Kategorie “Spezial” für ihr Buch und die Idee zu Dark (Netflix) hat es auch erstmals eine Produktion eines Streaming-Dienstes auf die Liste geschafft. Ein deutlich weniger seriöser Preis, die Goldene Kamera der Funke-Mediengruppe, schmückt sich ebenfalls mit den genannten Serien.

Foto: ARD/Sky

Beim Deutschen Fernsehpreis dagegen darf ein Streamingdienst wie Netflix natürlich nicht mitspielen. Ausgezeichnet wurden hier Ende Januar die anderen Verdächtigen: Babylon Berlin als beste Drama-Serie und für das Drumherum (beste Kamera, Musik und Ausstattung), Das Verschwinden für das beste Buch und die beste Schauspielerin (Julia Jentsch), 4 Blocks für die beste Regie, Schnitt und den besten Schauspieler (Kida Khodr Ramadan) und Magda macht das schon! (RTL) als beste Comedy-Serie.

Gleichstellung

Über den Preis wird sich jeder Fernsehmacher freuen. Die Verleihungsfeier selbst ist aber mittlerweile so egal, dass man sie lieber nicht im TV überträgt und trotzdem niemand etwas verpasst. Wenig preiswürdig war auch die Einladungspolitik der Veranstalter. Sie ließen nämlich zunächst die Drehbuchautoren außen vor, angeblich aus Platzgründen. Ein Affront für den Verband Deutscher Drehbuchautoren, der protestierte:

Ein Sinnbild für eine immer noch grassierende Ignoranz in Teilen der Branche. Angesichts der massiv zunehmenden Anerkennung und Wertschätzung der Arbeit, die Drehbuchautoren international erhalten, ist dies ein wenig zeitgemäßer und skandalöser Rückschritt auf nationaler Ebene. Die Macher des Deutschen Fernsehpreises haben scheinbar nichts gelernt!

Nach etwas Hin und Her war dann auf einmal doch Platz.

Über den Kontext der fehlenden Achtung vor Drehbuchautoren in Deutschland sprechen Eva und Volker A. Zahn im Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger:

Man vertraut uns und unserer Vision von einer Story oft nicht. Autoren müssen ständig für ihre Geschichten kämpfen, weil Produzenten, Redakteure, Regisseure und Schauspieler meinen, ihre Vorstellungen, ihre eigenen Erlebniswelten, ihre Geschmäcker und Bedenken miteinbringen zu müssen. In vielen Fällen hat das nichts mit erwünschter konstruktiver Kritik zu tun, sondern mit Einmischung. Das Drehbuch wird nicht als eigenständiges schöpferisches Werk gesehen, sondern als Verhandlungsmasse, manchmal als Beutestück, viele Besprechungen ähneln einem Wunschkon-zert der Beteiligten.

Natürlich betrifft das auch Filme. Durch Serien hat sich aber das Berufsbild der Drehbuchautoren gewandelt und ihr Selbstbewusstsein gestärkt: Als Showrunner sind sie in den USA bereits länger Auteurs, mächtige Lenker des Produkts. Diesen Bedeutungsgewinn fordern Autoren nun also auch in Deutschland ein.

In den USA geht es derweil aktuell weniger um die generelle Anerkennung, als um einen gerechten Lohn. In einem Google Doc sammeln FernsehmacherInnen anonym ihr Gehalt, um durch den Vergleich der Diskriminierung entgegenzuwirken. Hierzulande hat sich kürzlich die Gleichstellungs-Initiative Pro Quote Regie umbenannt. Als Pro Quote Film vertritt nun also allgemein Frauen im Filmgewerbe, das natürlich auch ein Seriengewerbe ist.

Allgemeine Diskriminierung bildet einen Rahmen, in dem auch sexuelle Belästigung und Vergewaltigung offenbar toleriert werden. Mit den im Zeit Magazin erhobenen Vorwürfen gegen den Regisseur Dieter Wedel ist die #MeToo-Debatte, die vor allem in der Unterhaltungsindustrie der USA Auswirkungen zeigt, im Januar endgültig auch in Deutschland angekommen. Mittlerweile untersuchen ZDF, Sat. 1, SR, NDR und die Produktionsfirma Bavaria Film, ob es auch bei ihren Produktionen zu sexuellen Übergriffen kam. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Fördern und fordern

Achtung, harter Schnitt. Auf die Beteiligung von Streamingdiensten an deutschen Serien alleine wollen sich der aktuelle Geschäftsführer der UFA, Nico Hofmann, und sein Vorgänger, Wolf Bauer, offenbar nicht verlassen. In einem Text für die FAZ (Blendle-Link) halten sie die Hand auf. 200 bis 300 Millionen Euro sollen nach ihnen durch deutsche Serien jährlich zusätzlich umgesetzt werden können. Da sie aber behaupten, das ginge nur, wenn der Staat die Produktionen zukünftig in gleicher Höhe fordert, wäre das eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, meinen wir Milchmädchen. Interessanter ist da schon ihre Idee, das Fördersystem vom Kino zu lösen, damit auch Serien profitieren können:

Zukunftsfähig ist ein Förderinstrument deshalb nur dann, wenn es unabhängig von Abspielwegen die Inhalte-Produktion in Deutschland unterstützt. Effektive Fördermodelle müssen also zugunsten deutscher Produktionen ausgestaltet sein, da von diesen – anders als bei reinen Produktionsdienstleistern – die kreative Entwicklung neuer Inhalte ausgeht.

Nur müsste man dann überhaupt erst die Kriterien definieren, die eine Serie zur förderungswürdigen „High-End-Serie“ machen. Die Förderung dürfte nicht nur den großen, teuren Werken zukommen, die auf eine möglichst breite Zielgruppe zielen. Und eine Serienförderung wirft weitere Fragen auf. Die Filmförderungsanstalt vergibt etwa auch Gelder an Kinos. Müssten dann analog nicht auch Sender gefördert werden, die spleenige Serien für ein kleineres Publikum zeigen? Oder müssten in Programmkinos auch künstlerisch anspruchsvolle Serien laufen? Es gibt jedenfalls viel Diskussionsbedarf und alles auszuhandeln sollte nicht alleine Filmwirtschaft und Politikern überlassen werden. Was wäre Ihnen eine Serienförderung wert? Die UFA-Chefs wollen ihre Forderung den Steuerzahlern schmackhaft machen, indem sie vier- bis sechsfache Mehreinnahmen versprechen.

Als „Anreiz zur Stärkung der Filmproduktion in Deutschland“ stehen laut Subventionsbericht des Bundes dieses Jahr 125 Millionen Euro bereit. Das ist 2,5 mal so viel Steuergeld wie im Vorjahr, das laut Hofmann und Bauer den Serien aber nicht zugute kommt. Die Filmförderung belegt damit Platz 18 der größten Finanzhilfen des Bundes, außerdem gibt es Förderprogramme der Länder. Zum Vergleich: Der Städtebau (Platz 13) soll mit 231 Millionen Euro gefördert werden, also ungefähr in der Höhe, die sich die UFA-Chefs wünschen.

Die Serienförderung könnte schließlich auch Thema der Koalitionsverhandlungen werden. Eine entsprechende Forderung hat jedenfalls die Produzentenallianz veröffentlicht.

Essaypause

Foto: Netflix

Guardian-Autor Jonathan Bernstein analysiert Western-Serien als einen (Zerr-)Spiegel des amerikanischen Zeitgeists. Rawhide und Gunsmoke lullen ihr Publikum ab den 1950ern mit einfachen Geschichten, in denen die Guten über die Bösen siegen, im Glauben ein, dass früher alles besser gewesen sei. Als in den 70ern der Vietnamkrieg tobt, sendet man mit Unsere kleine Farm Kleinststadtidylle ohne Schießereien. Unter Bush Jr. sieht man mit dem Space-Western Firefly und dem historischen Western Deadwood Serien, die vom Misstrauen in die Regierung und die Rechtsstaatlichkeit geprägt sind. Marshal Raylan Givens aus Justified erinnere an die wütenden, weißen Männer mittleren Alters, die dann zu Trump-Wählern wurden. Und heute?

 A thin line separated the hero with the gun and the psycho he was shooting full of holes. In shows such as Westworld and Godless that line, you sense, is disappearing altogether. Because Americans are only getting more scared.

Seit 1. Februar gibt es nun auch die Western-Serie Damnation auf Netflix. Die wurde zwar in den USA nach einer Staffel eingestellt, handelt aber ganz passend von Streiks und Union-Bustern in den 1930er-Jahren.

Ebenfalls passend: “Die Starken, Zielsicheren und Lässigen in Godless, das sind die Frauen von La Belle”, schreibt Axel Weidemann in der FAZ. Untypisch für den klassischen Western sind sie es, die für Recht und Ordnung sorgen, als der berüchtigte Verbrecher Frank Griffin (Jeff Daniels) die Kleinstadt überfällt.

Kurz gemeldet

Der Süddeutsche-Redakteurin Karoline Meta Beisel ist eine Analyse der Wikipedia-Abrufzahlen aufgefallen, nach der im Anschluss an neue Folgen Victoria besonders viele Leute Lexikoneinträge zu britischen Königinnen lesen. Der Beweis, dass Serien klug machen, ist das wohl noch nicht. Aber offenbar machen sie neugierig.

Zumindest, wenn man sie richtig schaut. Die Welt entdeckt eine bereits im September 2017 veröffentlichte Studie der University of Melbourne. Die hat erschreckendes herausgefunden: Binge-Watching macht doof. So die sehr verkürzte Zusammenfassung.

Immerhin soll die Dummheit aber reversibel sein, wenn man das Konsumverhalten ändert. Anderen ist wohl nicht so einfach zu helfen. Amerikanische Rechtsradikale haben eine über elf Jahre alte Lindenstraße-Folge ausgegraben und missbrauchen sie für ihre Hetze, berichtet Meedia. Islamisierung und so weiter.

Retro-Serie des Monats

Vielleicht würde heute auch eine Serie über einen illegalen Immigranten, der vor der Zerstörung seiner Heimat geflohen ist, für Empörung sorgen. Wenn der außerdem seltsame Essgewohnheiten hat und sich gegenüber der Familie, die ihn vor den Behörden versteckt, kein bisschen dankbar zeigt, erst recht. Wenn das dann auch noch bei einem öffentlich-rechtlichen Sender läuft, müsste der Fernsehrat spätestens nach einer Woche Shitstorm zum Thema tagen. Klar, die Rede ist von Gordon Shumway, besser bekannt als Alf, der Außerirdische vom Planeten Melmac. Nachdem er bereits zwei Jahre davor in der Garage der Familie Tanner bruchlandete, kam er vor 30 Jahren, am 5. Januar 1988, auch ins ZDF. Anlässlich des Jubiläums zeigt Super RTL die 52 Folgen der Sitcom jetzt immer freitags ab 22 Uhr.

Es gibt noch ein weiteres Jubiläum: Breaking Bad ist 10 Jahre alt. Die kürzestmögliche Zusammenfassung in einer Minute kann man hier anschauen. Spannend zu lesen ist zudem ein Interview des Esquire, in der die Beteiligten nachzeichnen, wie es entgegen aller Widrigkeiten zu der Serie kam.

Schaubar

Foto: Netflix

Zu guter Letzt noch vier kurze Empfehlungen, die uns in den letzten vier Wochen ans Herz gewachsen sind.

Düstere Komödien können die Briten einfach. Das haben sie in letzter Zeit gleich mehrfach bewiesen – nicht nur in der der Amazon-Produktion Fleabag, sondern auch in der fantastisch zynischen Channel-4-Produktion The End of the F***ing World: Zwei schräge Teenager begeben sich darin auf einen verhängnisvollen Roadtrip. Emily Nussbaum schreibt im New Yorker dazu.

Die zweite Staffel von American Crime Story ist angelaufen. Diesmal geht es um den Mord am Modedesigner Gianni Versace.

Big Little Lies hat bei den Emmys sechs Trophäen abgesahnt. In einen seltsamen Todesfall bei der Spendengala für eine Grundschule sind drei Mütter verstrickt. Im Rückblick wird erzählt, wie es dazu kommen konnte.

Frauen hatten es im New York der Fünfzigerjahre nicht leicht. Jüdische Frauen schon gleich gar nicht. Wenn sie dann auch noch ein Talent für Stand-up-Comedy haben, landen sie schon mal im Knast. All das gibt’s zu sehen in der Golden Globe prämierten Komödie The Marvelous Mrs. Maisel von den Machern von Gilmore Girls. Dazu ein Text von The Atlantic.

Vorschau

Im Februar könnte die HBO-Serie Mosaic (Trailer) von Regisseur Steven Soderbergh und Autor Ed Solomon interessant sein. Ursprünglich als App konzipiert, konnten die Zuschauer wählen, wessen Perspektive sie folgen. In Deutschland ist sie ab 14. Februar bei Sky Atlantic zu sehen, allerdings nur als Zusammenschnitt der interaktiven Version.

Ab 27. Februar zeigt Pro 7 die Star-Trek-Parodie von Family Guy-Macher Seth MacFarlane The Orville (Trailer). Die Pilotfolge ist fürchterlich, es lohnt sich dennoch weiterzuschauen, besonders für Nostalgiker. Denn was kaum veräppelt wird, sind die Ideale der Sternenflotte.

Gespannt sind wir auch auf Nix festes, ab 27. Februar auf ZDF Neo. Es geht um Serien-Autoren, die irgendwie über die Runden kommen wollen. Wie könnten wir das ignorieren?

Und damit zum Abspann. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Der nächste Serienbrief erscheint am 3. März.

Bis dahin. Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl