Serienbrief S01E06: WTF

Liebe Serienbrief-Freunde,

es soll gerade ein großes Fußball-Event stattfinden, haben wir gehört. Da wir den Sport ausschließlich aus der 80er-Jahre-Anime-Serien Kickers und Captain Tsubasa kennen, vermissen wir beim derzeitigen Remake mit Schauspielern ein wenig die Kung-Fu-Einlagen und die Dramatik abseits des Spielfelds. Da im TV aber niemand ernsthaft mit der FIFA konkurrieren will, ist jetzt auch endlich mal Zeit, Serien nachzuholen.

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Wirrworld

Zum Beispiel die zweite Staffel Westworld noch mal sehen, weil man sie nicht verstanden hat. Die Serie durfte im letzten Monat die mit den meisten Recaps gewesen sein. Das Nacherzählen war auch bitter nötig, denn mit mehreren wild wechselnden Timelines, in denen die Charaktere mal sie selbst, mal Roboter und dann wieder nur Träume in einem Rechenzentrum sind, war das Gesehene auch für ausgeschlafene Zuschauer höchst verwirrend. Aber das ist ja gerade der Spaß daran. Geordnet lässt sich die Geschichte zwar in fünf Minuten erzählen, wie in diesem Youtube-Video, wie banal sie dadurch wird, ist dann aber doch sehr ernüchternd.

Wenn der Mensch von dem, was er sieht, verwirrt ist, erfindet er Geschichten, die dem ganzen Sinn geben. So funktionieren etwa Verschwörungstheorien. Beziehen diese sich statt auf die reale Welt auf popkulturelle Unterhaltungsprodukte spricht man von Fan-Theorien. Was ist Ihre liebste Fan-Theorie? Westworld jedenfalls provoziert diese regelrecht. So arbeiten Fans nicht nur etwa daran, das Intro mit Lego-Figuren nachzustellen, sondern recherchieren kleinsten Hinweisen hinterher. So entdeckte jemand etwa in den Untertiteln zur ersten Folge der zweiten Staffel Koordinaten, die darauf hindeuten, dass Westworld auf einer Insel im südchinesischen Meer liegt.

James Donaghy hat sich für den Guardian durch die Message-Boards gewühlt und die besten Fan-Theorien gesammelt. Die unwahrscheinlichste ist die schönste: Ein Wolf, der immer wieder bedeutungsschwanger durch die Szenen schweift, könnte doch in Wirklichkeit ein Direwolf aus Game of Thrones sein.

Bei Variety erkennt Daniel D’Addario, dass ein wichtiger Westworld-Charakter selbst so obsessiv ist, wie einige Fans der Serie es zur Freude der Marketing-Abteilung sind:

William’s story is both a rebuke and a sympathetic embrace at once. This man is so tangled up in narrative that the world around him is meaningless; preferring fantasy, he’s blandly watched as his ties to the real world fray and ultimately break. Westworld, cleverly and vexingly, knows storytelling in the digital age can be an anesthetic that numbs us even as it adds on more narrative fripperies to keep us hanging on.

 

Und wer den Verwirrungs-Aspekt bei Westworld zu schätzen weiß: Die Folgen der aktuellen Staffel Legion konnten einen nicht nur vergessen lassen, worum es überhaupt geht, sonder auch wer und wo man ist. Einer zeitweisen Depersonalisierungs- und Derealisationsstörung kommt man wohl selten so nah im Fernsehen. Oder wie es Stuart Heritage im Guardian beschreibt: “Where Westworld is portentous and self-important, Legion is a kaleidoscope.”

No more heroes anymore

Früher war das Fernsehen geordneter. Es gab strahlende Helden und garstige Bösewichte. Dank Serien wie Sopranos und Breaking Bad sind nun auch öfter Grautöne zu sehen, allerdings eher die dunkleren: Sind sie es nicht von Anfang an, werden die Hauptfiguren im Lauf der Zeit zu ziemlich kaputten Antihelden. Nun hat ausgerechnet Breaking-Bad-Schöpfer Vince Gilligan auf einer Podiumsdiskussion gesagt, dass man mittlerweile so viele von diesen Charakteren hat, dass es mal wieder Zeit für Helden wäre. Das 50er-Jahre-Fernsehen wünscht er sich dennoch nicht zurück:

„I don’t know if we can ever go back to characters who are all good or all bad, but maybe around the corner are more characters who are flawed and yet work very hard to do the right thing and want to be good, even when they’re not,“ he added. „Even when they try and they fail.“

Hurra, die Welt geht unter

Freunde steiler Thesen aufgehorcht: Es ist nun endlich ein Schuldiger für den vermeintlichen Untergang der westlichen Zivilisation gefunden. Es ist, Überraschung, die Hit-Sitcom Friends. So sieht es zumindest David Hopkins in einem vielbeachteten Essay auf Medium.com. Für in ist die Serie einen Komplott gegen Ross, den Intellektuellen, dessen verblödete Freunde ihm als Running-Gag bei jedem schlauen Satz ins Wort fallen, bis er schließlich wahnsinnig wird:

You may see it as a comedy, but I cannot laugh with you. To me, Friends signals a harsh embrace of anti-intellectualism in America, where a gifted and intelligent man is persecuted by his idiot compatriots. And even if you see it from my point of view, it doesn’t matter. The constant barrage of laughter from the live studio audience will remind us that our own reactions are unnecessary, redundant.

Mehr Licht

Auf den ersten Blick hat Fritz Langs monumentaler Stummfilmklassiker Metropolis mit der Mutter aller Sitcoms I Love Lucy herzlich wenig zu tun. Und doch verbindet sie eine Personalie: Sie haben den gleichen Beleuchter, Karl Freund. Bei Metropolis ist er für dramatische Bilder verantwortlich, bei I Love Lucy sorgte er dafür, dass man eine Folge mit mehreren Kameras günstig ohne große Szenenwechsel runterfilmen konnte. Vox hat seiner ungewöhnlichen Karriere ein Video gewidmet.

Jetzt aber richtig

Vor Krimis kann man sich nicht nur im deutschen Fernsehen kaum retten. Kein Wunder, dass manche Leute beginnen, das alles etwas zu ernst zu nehmen. Die Popularität von CSI soll damals sogar zu einem spürbaren Anstieg von Studierenden der Rechtsmedizin geführt haben. Von denen dürften dann freilich einige sehr enttäuscht festgestellt haben, das die Arbeit der echten Wissenschaftler weniger cool ist, dafür aber extrem akribisch sein muss. Die New York Times hat nun den Kriminaltechniker Matthew Steiner befragt, was er von der Darstellung seines Berufs in Serien wie Dexter und The Wire und bekannten Filmen hält. Neben der mangelnden Tatorthygiene ist offenbar der größte Unterschied, dass TV-Kommissare es nicht lassen können, erzählerisch sinnvoll, aber eben nicht dem realen Protokoll gemäß, bereits nach ein paar Blicken auf Tat und Täter zu schließen. Und manche falsche TV-Marotten, wie Beweise mit Stiften hochzuheben, haben sich offenbar auch schon bei echten Ermittlern eingeschlichen.

Nachdreh

Bereits im ersten Serienbrief hatten wir über den Aufstand des Verbands Deutscher Drehbuchautoren wegen der Nicht-Einladung von Autoren zum Deutschen Fernsehpreis berichtet. Die nachfolgenden Diskussionen sind nun in dem Manifest Kontrakt 18 gemündet, das mehr Mitspracherecht bei den Produktionen fordert. 183 Autor*innen haben bis Anfang Juli unterzeichnet. Wenn das so umgesetzt wird, wäre das sicher nicht falsch. Die Autoren halsen sich damit aber natürlich auch mehr Arbeit auf und tragen mehr Mitschuld, wenn das Ergebnis trotzdem Quatsch ist. Da die Produktion aber auch immer viel Zeit kostet, wird man auf die erste Kontrakt-18-Serie ohnehin noch etwas warten müssen.

Schaubar

Strange Angel erzählt die Biographie Jack Parsons, der in den USA der 1930er beginnt, an Raketen zu forschen. Gleichzeitig beginnt er, sich für Okkultismus zu interessieren, was damals wohl noch etwas seriöser ist als Raketenwissenschaft. Zumindest fühlen sich von Aleister Crowleys Magick auch Leute von Status angezogen, während die Raketen-Experimente zunächst mit ein paar Outsidern im Abstellraum der Uni durchgeführt werden.

Familienkrieg ist unterhaltsam, wenn es nicht die eigene ist: In Succession wollen die Kinder eines alternden, milliardenschweren Medienmoguls diesen ablösen. Natürlich gibt es beim Sturz eines Patriarchen viel Neid, Gier, Intrige und andere unterhaltsame menschliche Abgründe zu sehen.

Wenig definiert die Kindheit mehr als Spielzeug und das ist im Kapitalismus natürlich ein riesen Geschäft. Netflix’ Doku-Serie The Toys That Made Us erzählt zwischen Nostalgie und Firmenportrait die Geschichten der großen Spielwaren-Marken, von Star-Wars-Figuren bis zu Lego. Eine gute Abwechslung zu den sonst so sehr auf Kriminalität fixierten Streaming-Serien.

Der nächste Serienbrief erscheint am 4. August. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl

Serienbrief S01E05: Was zu viel ist, ist zu viel.

Liebe Serienbrief-Freunde,

Nun ist es raus: Netflix’ “Chief Content Officer”, also der Inhaltechef, Ted Sarandos hat zugegeben, dass er selbst nicht mit dem Seriengucken nachkommt. Dabei hat er es noch leicht: Seine Angestellten schauen für ihn. Und der Schauspieler Logan Browning (Dear White People) meinte laut Hollywood Reporter sogar, er sei gestresst, wenn er Netflix öffne. Als ob das nicht genug Überforderung wäre, muss man auch noch lesen, was alle über Serien schreiben. Eigentlich ein Vollzeitjob. Wenn es den Serienbrief nicht gäbe. Wie jeden ersten Samstag im Monat haben wir wieder die besten Geschichten und einige streng ausgewählte Serienempfehlungen für Sie. Wenn Sie es uns danken wollen, dass Sie dadurch Zeit sparen, die Sie dann um so mehr mit Serien verbringen können, empfehlen Sie uns doch bitte weiter.

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Mothers I’d like to view in TV

Alexis Soloski Artikel für die New York Times ist nicht nur köstlich zu lesen, weil sie darin ihren zeitungslesenden Mann daran erinnert, Windeln zu kaufen. Sie entdeckt auch ein Metathema, dem sich viele neuere Serien ausführlich widmen, die Mutterschaft. Serien wie The Letdown, Motherland, Smilf, Catastrophe oder auch Jane the Virgin finden einen neuen Zugang zum Muttersein:

These shows are workplace comedies with the workplace redistributed to the home, rom-coms where the romance is maternal.

 

Lange war laut Soloski das Leben als Mutter im TV etwas, das man in einer Folge erzählen konnte und das die Protagonistinnen quasi nicht veränderte. Dass nun einige Serien auch von den Problemen und Widersprüchen der Mutterschaft erzählen, liegt laut ihr auch daran, dass sie von Frauen geschrieben werden. Und nach ihrem Text hat man auch ohne Kinder das Gefühl, die Serien unbedingt sehen zu müssen. Schon alleine, weil sie diese realistischeren Mütter zu viel größeren Heldinnen macht, als es eine metaphorische Fantasy-Mutter wie Daenerys Targaryen ist, die statt menschlicher Babys nur ein paar pflegeleichte Drachen aufzieht.

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Große Künstler stehlen

Manchmal können Fans quengeln wie kleine Kinder, wenn ihnen etwas nicht passt. Margaret Atwood, die Autorin von The Handmaid’s Tale, hat ihren Fans nun sinngemäß gesagt, dass sie sich mal nicht so haben sollen, nur weil die Serienadaption nicht eins zu eins ihrem Werk folgt:

„I think I would have to be awfully stupid to resent it because things could have been so much worse,“ she told an audience at the Hay literary festival in Wales. „They have done a tippety-top job … the acting is great, they’ve stuck to the central set of premises.“

 

Sie könnte auch wenig tun, wenn es ihr nicht recht wäre, denn sie hat kein Mitspracherecht. Aber Fans glauben immer wieder, dass sie ein solches haben. Die sehr anhängliche und besitzergreifende Spezies von Konsumenten passt darum auch bei anderen Adaptionen genauestens darauf auf, dass ihrem Lieblingswerk niemand etwas antut. Zum Teil auch zurecht, die neuen Staffeln von Game of Thrones, die über die Handlung der bisher in George R.R. Martins Romanreihe Das Lied von Eis und Feuer niedergeschriebenen hinausgehen, sind die schwächsten.

Guardian-Autor Gwilym Mumford beobachtet, dass Showrunner es derzeit ganz anders halten und sich teils extra von den Vorlagen entfernen, deren Markenrechte ihre Sender gekauft haben. Die Frage ist natürlich, ob man den Quatsch mit der Marke dann nicht auch sein lassen könnte:

The simplest solution, you’d wager, is to trust similarly creatively minded people to tell new stories, rather than constantly finding old IP to tinker with. That doesn’t seem likely to happen, however, so instead, perhaps the best tactic for any show going off script is to run as far away from the source material as possible.

 

Neben der Werkuntreue ist der zweite sichere Weg, Fans auf die Barrikaden zu bringen, eine liebgewonnene Serie abzusetzen. Was als Trauer beginnt, schlägt schnell in Wut um, nicht umsonst leitet sich das Wort von Englischen fanatic ab. So wieder einmal geschehen im vergangenen Monat. Die US-Sender stellten ihr Programm für die kommende Saison vor und verkündeten unter anderem einige abgesetzten Serien. Mehrere Medien bezeichneten den nicht unüblichen Vorgang sehr dramatisch als “TV Bloodbath”.

Nachdem der ersten gecancelten Serie, The Expanse, aber bereits kurz darauf von Amazon eine Wiederauferstehung versprochen wurde, halten wir es beim Serienbrief hier genauso wie mit Vorankündigungen: Erst mal abwarten, ob es sich lohnt, darüber zu schreiben, denn (auch als Hinweis für alle neuen AbonnentInnen) der Sinn dieses Newsletters ist es, das wirklich Interessante aus der Meldungsflut zu fischen.

Lachgeschichten

Laugh-Tracks, also die Tonspur mit Lachern aus der Dose, gehören zu manchen Sitcoms einfach dazu. Der Podcast 99% Invisible hat eine ganze Episode der Geschichte gewidmet und mit ihr einer kuriosen Erfindung von Charles Douglass, dem “Audience Response Duplicator”, genannt “Laff Box”. Im Grunde ist das eine Art Sampler, der optisch etwas an eine Schreibmaschine erinnert und ausschließlich Lacher enthält – über 300 Stück. Die eingespielten Lacher wurden oft auch benutzt, um schlechte Witze lustiger klingen zu lassen, als sie sind, was ihrem Ruf doch sehr geschadet hat. Der Podcast entdeckt das falsche Lachen nun als eine vergessene Kunst wieder.

Schluss mit Lustig

Wir hatten in der vorletzten Ausgabe über den überragenden Erfolg des Comebacks von Roseanne geschrieben. Hauptdarstellerin Roseanne Barr hat es nun trotz Quotenerfolg selbst vergeigt: Die Trump-Anhängerin beleidigte die schwarze Ex-Obama-Beraterin Valerie Jarrett am Dienstag auf Twitter. Diese sehe aus wie ein Nachkomme der Muslimbruderschaft und Planet der Affen.

Überraschend ist die Entscheidung dennoch: Der Sender wusste, wen er da engagiert und Barr war vor diesen Äußerungen nicht wesentlich sanfter unterwegs. Sie verbreitete schon länger haarsträubendem Unsinn. Am Tag ihres Rauswurfs unterstellte sie etwa George Soros, jüdischer US-Investor, Holocaustüberlebender und aktueller Lieblingsfeind der extremen Rechten, ein Nazi-Kollaborateur gewesen zu sein, der aus Habgier Juden verraten habe.

Nun halten sie und manche ihrer Fans das Ende für eine Medienverschwörung. Für ABC kommt es aber teuer, eine derart erfolgreiche Sendung abzusetzen. Laut Variety war Roseanne eine der teuersten Shows, um Werbung zu buchen. Die Strategie, Trump-Wähler in der Mitte der USA als Zielgruppe anzusprechen, war auch erfolgreich: 45 Millionen Dollar Werbegeld brachte die neue Staffel Roseanne dem Sender. Eine weitere Staffel war bereits angekündigt. Nun aber verzichtet ABC mit der Sendung auch auf schon sicher geglaubte Einnahmen und ein neues Publikum. Roseanne Barrs (Selbst-)Stilisierung zum Opfer einer Intrige stört das dennoch nicht.

Schaubar

Patrick Melrose hat nichts mit Melrose Place zu tun, sondern basiert auf den Romanen von Edward St Aubyn. Benedict Cumberbatch spielt die Hauptfigur, einen schwer drogenabhängigen Adeligen, der nach dem Tod seines Vaters versucht, mit dessen Grausamkeiten abzuschließen. Wer aufgrund der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle ein zu romantisches Bild der britischen Blaublüter-Gesellschaft entwickelt haben sollte, kann es mit dieser virtuosen Geschichte voller Dekadenz und Gemeinheiten wieder korrigieren.

Wenn einen jemand in den Achtzigern und Neunzigern auf dem Schulhof verprügeln wollte, aber vorher komisch herumfuchtelte, dann hatte derjenige den Film Karate Kid gesehen. In Cobra Kai sind die Kontrahenten von damals nun um die 50 und werden von den Original-Schauspielern gespielt. Auch das Weltbild hat sich geändert, das Machogetue beim Kampfsport ist in der Neuauflage Mittel zur Komik. Die Serie, die ungewöhnlicherweise bei YouTube läuft, greift auch die alte Frage auf, ob der im Film als Bösewicht vorgesehene Johnny Lawrence, nicht in Wirklichkeit das eigentliche Opfer ist.

In der Podcast-Serie We love Israel verschwimmen Fiktion und Realität. Anlässlich des 70. Geburtstags des Lands sind Noam Brusilovsky und Ofer Waldman für den SWR der Frage nachgegangen, warum sich Israelis heute für Deutschland interessieren und umgekehrt. Doch einige Statements wurden von Schauspielern eingesprochen und man weiß nie genau, welche nun echt und welche erfunden sind.

Nur zwei Monate nach der Dokuserie Wild Wild Country, empfohlen im Serienbrief S01E03, veröffentlicht Netflix den nächsten True-Crime-Coup der US-amerikanischen Duplass Brüder, Evil Genius: The True Story of America’s Most Diabolical Bank Heist über einen der legendärsten Kriminalfälle der frühen 2000er. In vier Episoden wühlt die Serie in der Vergangenheit des “Pizza Bombers”. Das sei der perfekte Stoff für das Netflix-Publikum, schreibt Merrill Barr für Forbes Magazin:

The even is far enough in the past that it can be exposed to a whole new generation that may be unfamiliar with it.

 

Die etwas älteren Millennials unter Ihnen möchten vielleicht lieber den ausführlichen Reportageartikel lesen, der im Januar 2011 im WIRED Magazin erschienen ist.

Der nächste Serienbrief erscheint am 7. Juli. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl


P.S.: Korrektur – Uns ist ein peinlicher Fehler unterlaufen. Wir hatten in S01E03 ABC-Entertainment-Präsidentin Channing Dungey als Mann vorgestellt. Natürlich ist sie eine Frau. Das ist erst jetzt, im Zuge der neuen Roseanne-Geschichte aufgefallen. Wir bitten, diesen aus einer Mischung aus Sexismus und Flüchtigkeit geborenen Fauxpas zu entschuldigen.

Serienbrief S01E04: Die Feste feiern wie sie fallen.

Liebe Serienbrief-Freunde,

die Tage werden wärmer, aber auch pollenreicher, was doch zumindest für Allergiker ein sehr guter Grund ist, den Tag im Reinraum mit Serien zu verbringen, statt sich in Biergärten zwischen schwitzenden Menschenmassen zu langweilen. Da wir wieder einige neue Serienbrief-Abonnenten begrüßen dürfen, noch mal kurz die Bedienungsanleitung: Erst gibt es interessante Geschichten und Artikel des vergangenen Monats, einige handgepflückte Serien-Empfehlungen stehen dann unten. Dem Spamfilter beizubringen, dass man unseren Newsletter lesen will, hilft auch. Dann wollen wir Sie mal nicht weiter aufhalten. Los geht’s.

Feiertage

Die Festival-Saison hat begonnen. Nein, gemeint sind nicht Rock am Ring, Wacken oder Fusion. Mit Cannesseries gab es Anfang April zum ersten Mal einen Serien-Ableger des weltberühmten Filmfestivals, zeitgleich zur Fernseh-Fachmesse MipTV, wohl auch um diese etwas aufzuhübschen. Heute kommt die neunte Ausgabe der Séries Mania in Lille zum Abschluss. Aber auch England mischt gerade bei Serien-Festivals mit, dort endet morgen das Pilot Light TV Festival in Manchester.

Die Premiere von Cannesseries ist, wenn man verschiedenen Kritiken glaubt, nicht gelungen, zumindest mit dem großen Filmfest-Bruder kann der Serienableger nicht mithalten. Es fehlte unter anderem an einem großen Coup. John Hopwell bemüht sich für Variety trotzdem, anhand des Programms von Festival und Messe acht globale Trends zusammenzutragen: Die neuen Serien dominieren Frauen, Europas Industrie-Revolution könnte im Free-TV stattfinden, in Israel entstehen interessante Serien, Kinofilmmacher wechseln weiterhin ins TV, Telekommunikations-Firmen gehen in die Serienproduktion, „Inspiriert von wahren Ereignissen“ ist schwer angesagt, die größte Herausforderung für Serienproduzenten ist es, Talente zu finden, und Nordic Noir ist nicht mehr nur Made in Skandinavien, sondern ein weltweites Phänomen. So etwa die Zusammenfassung. Für Séries Mania macht Variety vergleichbare Beobachtungen. Eine ausführlichere Analyse des europäischen Serienmarkts hat zudem Wilfred Urbe für die Taz geschrieben.

Am Ende von Cannesseries gab es einen Preis für die israelische Serie When Heroes Fly – beziehungsweise für dessen Pilotfolge, denn die Jury bewertete nur diese. Typischer gibt es auf Serienfestivals nur eine Folge oder zwei zu sehen, nie eine ganze Staffel. So sind Serienfestivals eigentlich eher Pilotfolgenfestivals. Lars Weisbrod hat für die Zeit einen Überblick über die kommenden europäischen Serienfestivals geschrieben und versucht im Fazit zu begründen, warum es diese trotzdem braucht:

Muss man denn aus allem ein Festival machen, selbst aus Serien? Ja, muss man. Serienkonsum mag Privatsache sein, Seriengespräche aber gehören in die Festival-Öffentlichkeit.
Nur: Zum öffentlich darüber reden würde es dann auch genügen, sich einmal im Jahr bei einer Art Barcamp zu treffen und über Serien zu diskutieren, die zuvor schon jeder sehen konnte. Wer Interesse an so etwas hätte, kann sich gerne bei uns melden: serienbrief@mailbox.org. Bis dahin verbleiben wir mit einer Liste der dieses Jahr noch anstehenden Festivals:
  • TV Series Festival (Berlin): 7. bis 10. Juni
  • Série Series (Fontainebleau): 26. bis 28. Juni
  • Serienale (Berlin): 17. bis 21. Oktober
  • Seriencamp (München): 8. und 9. November
  • Are You Series (Brüssel): 11. bis 16. Dezember
Für reine Branchenkreise gibt es natürlich schon Veranstaltungen, bei denen die Branche über sich selbst redet. Oliver Jungen berichtet für die FAZ vom Serien Summit aus Köln. Das große Thema dort war, wie man Serien produziert, die mit amerikanischen Streamingdiensten mithalten können, ohne die entsprechend großen Budgets dafür zur Verfügung zu haben.

Erste Allgemeine Verunsicherung

Die angesagten Serien sind nicht nur teuer zu produzieren, sondern immer öfter auch sehr verwirrend. Wer unserer Empfehlung aus dem letzten Serienbrief für die zweiten Staffeln von Westworld und Legion gefolgt ist, weiß das. Sam Wolfson hat sich für den Guardian nun die Frage gestellt, warum das moderne Fernsehen einen so durcheinanderbringt. Ein Grund könnte sein, dass wir eben in wirren Zeiten leben und sich das in Serien widerspiegelt. Ein weiterer, dass Medien und Fans gerne mitspielen, denn jede komplizierte Serie braucht Erklärstücke und ein engagiertes Publikum, das sich auch über das reine Sehen hinaus mit der Serie beschäftigt. Wie so oft, steht am Ende ein Dilemma:
If things are too straightforward, savvy audiences will guess the ending before it happens. If they’re too complicated then watching starts to feel like a second job, especially when shows prioritise plot twists and conceptualism over likable characters and good scripts. But perhaps it’s outdated to think that TV should be entertaining. The concept of the serious novel or experimental cinema is accepted. Maybe it’s time we acknowledged there are some shows you watch for simple escapism, and others you have to work for.

Am Ende des Artikels werden die vier kompliziertesten aktuellen Serien (ohne Twin Peaks) vorgestellt und die Frage gestellt, ob man sie sich wirklich antun muss.

Eine weitere Beobachtung der Serienkritiker des Guardians: Es gibt immer öfter extra lange Episoden, die ein besonderes Event sein sollen. Stuart Heritage ärgert sich aber darüber, dass dafür der Inhalt unnötig gedehnt wird.

Killer-Serie

Zwar kann man an der großen Verwirrung verzweifeln. Die einfachen Weltbilder dürfen aber auch nicht die Lösung sein. Ein solches vertritt ganz sicher der philippinische Staatschef Rodrigo Duterte, der mit einem Krieg gegen vermeintliche Drogensüchtige Politik macht. In der Praxis heißt das, dass er Selbstjustiz erlaubt, durch die schon über 20.000 Menschen zum Mordopfer geworden sein sollen und sich in seinem Bestreben auch mal stolz mit Hitler vergleicht. Und nun gibt es eine philippinische Netflix-Serie des international gefeierten Regisseurs Brillante Mendoza, die mit dieser Politik so kompatibel ist, dass man sie ruhig Propaganda nennen darf. Jens Geiger schreibt für Spiegel Online über Amo:

Die Gewalt des Staates ist in der Serie – wie in Dutertes Propaganda – immer nur eine Reaktion auf abscheuliche Verbrechen, wird mit Augenmaß dosiert und trifft ausschließlich die Richtigen. Genau ein unschuldiges Opfer wird gezeigt: Eine Passantin wird von einem Dealer erschossen.

Ansonsten achtet Mendoza peinlich genau darauf, dass nur Verbrecher sterben. Und die Todesschwadronen? Amo legt nahe, dass es wohl die Dealer selbst seien, die sich zu Tausenden gegenseitig umbrachten.

Netflix ist die Kritik herzlich egal und flüchtet vor der Verantwortung: Die Zuschauer sollen entscheiden.

Kleinigkeiten

Die gescriptete US-Serie mit den meisten Episoden ist seit vergangenen Sonntag Die Simpsons. Mit Folge 636 überholte sie die Western-Serie Gunsmoke (in Deutschland unter dem Titel Rauchende Colts bekannt). Natürlich feiert man das mit einem Couch-Gag.

Wie sich die Zeit in den fast 30 Jahren seit Beginn der Simpsons ändert, zeigt auch eine andere Diskussion. Die Figur des achtfachen Vaters und Quick-E-Markt-Verkäufers Apu Nahasapeemapetilon steht in der Kritik, da sie Vorurteile gegen Inder bedient. Von Mr. Burns bis Chief Wiggum sind natürlich fast alle Simpsons-Charaktere Stereotypen, nur eben keine rassistischen. In einer Folge Anfang April, die davon handelt, dass Marge schockiert ist, wie rassistisch ihre Kindheitslektüre war, haben die Macher etwas lasch auf den Vorwurf reagiert, indem sie Marge und Lisa etwas oberflächlich bemerken ließen, dass die Zeiten sich eben geändert hätten. Die Kritik daran führte nun dazu, dass Apus Sprecher Hank Azaria anbot, von der Rolle zurückzutreten. Der Simpsons-Erfinder Matt Groening sagte dagegen, in einem Interview auf das Thema angesprochen, die Leute würden heutzutage gerne so tun, als seien sie beleidigt.

Jörn Kruse schreibt für die Taz über den Scully-Effekt. Laut einer Studie des Geena Davis Institute of Gender in Media ergreifen Frauen, die in der Jugend Akte-X geschaut haben, öfter naturwissenschaftliche oder technische Berufe. Kommt das jemandem unter unseren Serienbrief-LeserInnen bekannt vor?

Es gibt ein neues Serien-Magazin, das einfacherweise auch „Serien Magazin“ heißt. Uns hat die zweimal im Jahr erscheinende Kooperation von Cinema und TV Spielfilm mit seinen unzähligen Daumen-rauf-daumen-runter-Kritiken nicht überzeugt. Karoline Meta Beisel schreibt für die Süddeutsche über das Magazin:

Das Layout sieht etwas zusammengestöpselt aus, ansonsten dürfte der größte Haken sein, dass man nach der Lektüre zwar weiß, was läuft, aber trotzdem nicht, wann man all das gucken soll.

 

Schaubar

Mit zerzausten Haaren und im Schlafanzug sitzt Audrey unter lauter Fremden mit Babys auf dem Schoß in einer Scheune. Eigentlich wäre sie viel lieber mit ihren Freunden in der Kneipe. Aber das geht nicht mehr, sie hat jetzt ein Baby und ist auf ihre neue Baby-Support-Truppe angewiesen. Leicht und ein wenig schräg erzählt die australische Serie The Letdown auf Netflix, wie schnell sich das Leben ändern kann, wenn plötzlich 24/7 ein Baby an dir klebt. Political Correctness und Etikette sind egal, warum darf sich nicht eine stillende Mutter auch mal ein kleines Bierchen gönnen, zwischendurch.

Ab dem 28. Mai zeigt Fox die ganz wunderbare israelische Serie False Flag. Unbescholtene Bürger werden öffentliche bezichtigt, Mossad-Agenten zu sein und den iranischen Verteidigungsminister aus einem russischen Hotel entführt zu haben. Doch weder die Beschuldigten noch der israelische Geheimdienst wissen etwas davon. Und da wir gerade in der Gegend sind: Die zweite Staffel von Fauda gibt es ab 24. Mai auf Netflix.

Foto: Netflix

Aktuell entdecken viele die spanische Serie Haus des Geldes (La casa del papel).  Was bisher Geheimtipp war, soll nun von Netflix eine dritte Staffel spendiert bekommen. Im Stil eines Heist-Movies bricht eine Gruppe von Profi-Kriminellen in die spanische Gelddruckerrei ein.Klar, man kann sich DVD-Boxen kaufen oder Serien im Stream Bingewatchen. Aber manche wurden dafür einfach nicht gemacht. Wenn sie schon etwas älter sind, ist es eine große Freude, sie beim Zappen zu entdecken. Tele5 zeigt derzeit samstags ab 18.10 Uhr jeweils zwei Folgen der wundertollen Buffy. Man ist zwar schon mitten in Staffel zwei, aber zum Glück sind Serien aus den 90ern etwas großzügiger, was den Quereinstieg angeht.

Der nächste Serienbrief erscheint am 2. Juni. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl