Serienbrief S01E05: Was zu viel ist, ist zu viel.

Liebe Serienbrief-Freunde,

Nun ist es raus: Netflix’ “Chief Content Officer”, also der Inhaltechef, Ted Sarandos hat zugegeben, dass er selbst nicht mit dem Seriengucken nachkommt. Dabei hat er es noch leicht: Seine Angestellten schauen für ihn. Und der Schauspieler Logan Browning (Dear White People) meinte laut Hollywood Reporter sogar, er sei gestresst, wenn er Netflix öffne. Als ob das nicht genug Überforderung wäre, muss man auch noch lesen, was alle über Serien schreiben. Eigentlich ein Vollzeitjob. Wenn es den Serienbrief nicht gäbe. Wie jeden ersten Samstag im Monat haben wir wieder die besten Geschichten und einige streng ausgewählte Serienempfehlungen für Sie. Wenn Sie es uns danken wollen, dass Sie dadurch Zeit sparen, die Sie dann um so mehr mit Serien verbringen können, empfehlen Sie uns doch bitte weiter.

Foto: Giphy

Mothers I’d like to view in TV

Alexis Soloski Artikel für die New York Times ist nicht nur köstlich zu lesen, weil sie darin ihren zeitungslesenden Mann daran erinnert, Windeln zu kaufen. Sie entdeckt auch ein Metathema, dem sich viele neuere Serien ausführlich widmen, die Mutterschaft. Serien wie The Letdown, Motherland, Smilf, Catastrophe oder auch Jane the Virgin finden einen neuen Zugang zum Muttersein:

These shows are workplace comedies with the workplace redistributed to the home, rom-coms where the romance is maternal.

 

Lange war laut Soloski das Leben als Mutter im TV etwas, das man in einer Folge erzählen konnte und das die Protagonistinnen quasi nicht veränderte. Dass nun einige Serien auch von den Problemen und Widersprüchen der Mutterschaft erzählen, liegt laut ihr auch daran, dass sie von Frauen geschrieben werden. Und nach ihrem Text hat man auch ohne Kinder das Gefühl, die Serien unbedingt sehen zu müssen. Schon alleine, weil sie diese realistischeren Mütter zu viel größeren Heldinnen macht, als es eine metaphorische Fantasy-Mutter wie Daenerys Targaryen ist, die statt menschlicher Babys nur ein paar pflegeleichte Drachen aufzieht.

Foto: Amazon

 

Große Künstler stehlen

Manchmal können Fans quengeln wie kleine Kinder, wenn ihnen etwas nicht passt. Margaret Atwood, die Autorin von The Handmaid’s Tale, hat ihren Fans nun sinngemäß gesagt, dass sie sich mal nicht so haben sollen, nur weil die Serienadaption nicht eins zu eins ihrem Werk folgt:

„I think I would have to be awfully stupid to resent it because things could have been so much worse,“ she told an audience at the Hay literary festival in Wales. „They have done a tippety-top job … the acting is great, they’ve stuck to the central set of premises.“

 

Sie könnte auch wenig tun, wenn es ihr nicht recht wäre, denn sie hat kein Mitspracherecht. Aber Fans glauben immer wieder, dass sie ein solches haben. Die sehr anhängliche und besitzergreifende Spezies von Konsumenten passt darum auch bei anderen Adaptionen genauestens darauf auf, dass ihrem Lieblingswerk niemand etwas antut. Zum Teil auch zurecht, die neuen Staffeln von Game of Thrones, die über die Handlung der bisher in George R.R. Martins Romanreihe Das Lied von Eis und Feuer niedergeschriebenen hinausgehen, sind die schwächsten.

Guardian-Autor Gwilym Mumford beobachtet, dass Showrunner es derzeit ganz anders halten und sich teils extra von den Vorlagen entfernen, deren Markenrechte ihre Sender gekauft haben. Die Frage ist natürlich, ob man den Quatsch mit der Marke dann nicht auch sein lassen könnte:

The simplest solution, you’d wager, is to trust similarly creatively minded people to tell new stories, rather than constantly finding old IP to tinker with. That doesn’t seem likely to happen, however, so instead, perhaps the best tactic for any show going off script is to run as far away from the source material as possible.

 

Neben der Werkuntreue ist der zweite sichere Weg, Fans auf die Barrikaden zu bringen, eine liebgewonnene Serie abzusetzen. Was als Trauer beginnt, schlägt schnell in Wut um, nicht umsonst leitet sich das Wort von Englischen fanatic ab. So wieder einmal geschehen im vergangenen Monat. Die US-Sender stellten ihr Programm für die kommende Saison vor und verkündeten unter anderem einige abgesetzten Serien. Mehrere Medien bezeichneten den nicht unüblichen Vorgang sehr dramatisch als “TV Bloodbath”.

Nachdem der ersten gecancelten Serie, The Expanse, aber bereits kurz darauf von Amazon eine Wiederauferstehung versprochen wurde, halten wir es beim Serienbrief hier genauso wie mit Vorankündigungen: Erst mal abwarten, ob es sich lohnt, darüber zu schreiben, denn (auch als Hinweis für alle neuen AbonnentInnen) der Sinn dieses Newsletters ist es, das wirklich Interessante aus der Meldungsflut zu fischen.

Lachgeschichten

Laugh-Tracks, also die Tonspur mit Lachern aus der Dose, gehören zu manchen Sitcoms einfach dazu. Der Podcast 99% Invisible hat eine ganze Episode der Geschichte gewidmet und mit ihr einer kuriosen Erfindung von Charles Douglass, dem “Audience Response Duplicator”, genannt “Laff Box”. Im Grunde ist das eine Art Sampler, der optisch etwas an eine Schreibmaschine erinnert und ausschließlich Lacher enthält – über 300 Stück. Die eingespielten Lacher wurden oft auch benutzt, um schlechte Witze lustiger klingen zu lassen, als sie sind, was ihrem Ruf doch sehr geschadet hat. Der Podcast entdeckt das falsche Lachen nun als eine vergessene Kunst wieder.

Schluss mit Lustig

Wir hatten in der vorletzten Ausgabe über den überragenden Erfolg des Comebacks von Roseanne geschrieben. Hauptdarstellerin Roseanne Barr hat es nun trotz Quotenerfolg selbst vergeigt: Die Trump-Anhängerin beleidigte die schwarze Ex-Obama-Beraterin Valerie Jarrett am Dienstag auf Twitter. Diese sehe aus wie ein Nachkomme der Muslimbruderschaft und Planet der Affen.

Überraschend ist die Entscheidung dennoch: Der Sender wusste, wen er da engagiert und Barr war vor diesen Äußerungen nicht wesentlich sanfter unterwegs. Sie verbreitete schon länger haarsträubendem Unsinn. Am Tag ihres Rauswurfs unterstellte sie etwa George Soros, jüdischer US-Investor, Holocaustüberlebender und aktueller Lieblingsfeind der extremen Rechten, ein Nazi-Kollaborateur gewesen zu sein, der aus Habgier Juden verraten habe.

Nun halten sie und manche ihrer Fans das Ende für eine Medienverschwörung. Für ABC kommt es aber teuer, eine derart erfolgreiche Sendung abzusetzen. Laut Variety war Roseanne eine der teuersten Shows, um Werbung zu buchen. Die Strategie, Trump-Wähler in der Mitte der USA als Zielgruppe anzusprechen, war auch erfolgreich: 45 Millionen Dollar Werbegeld brachte die neue Staffel Roseanne dem Sender. Eine weitere Staffel war bereits angekündigt. Nun aber verzichtet ABC mit der Sendung auch auf schon sicher geglaubte Einnahmen und ein neues Publikum. Roseanne Barrs (Selbst-)Stilisierung zum Opfer einer Intrige stört das dennoch nicht.

Schaubar

Patrick Melrose hat nichts mit Melrose Place zu tun, sondern basiert auf den Romanen von Edward St Aubyn. Benedict Cumberbatch spielt die Hauptfigur, einen schwer drogenabhängigen Adeligen, der nach dem Tod seines Vaters versucht, mit dessen Grausamkeiten abzuschließen. Wer aufgrund der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle ein zu romantisches Bild der britischen Blaublüter-Gesellschaft entwickelt haben sollte, kann es mit dieser virtuosen Geschichte voller Dekadenz und Gemeinheiten wieder korrigieren.

Wenn einen jemand in den Achtzigern und Neunzigern auf dem Schulhof verprügeln wollte, aber vorher komisch herumfuchtelte, dann hatte derjenige den Film Karate Kid gesehen. In Cobra Kai sind die Kontrahenten von damals nun um die 50 und werden von den Original-Schauspielern gespielt. Auch das Weltbild hat sich geändert, das Machogetue beim Kampfsport ist in der Neuauflage Mittel zur Komik. Die Serie, die ungewöhnlicherweise bei YouTube läuft, greift auch die alte Frage auf, ob der im Film als Bösewicht vorgesehene Johnny Lawrence, nicht in Wirklichkeit das eigentliche Opfer ist.

In der Podcast-Serie We love Israel verschwimmen Fiktion und Realität. Anlässlich des 70. Geburtstags des Lands sind Noam Brusilovsky und Ofer Waldman für den SWR der Frage nachgegangen, warum sich Israelis heute für Deutschland interessieren und umgekehrt. Doch einige Statements wurden von Schauspielern eingesprochen und man weiß nie genau, welche nun echt und welche erfunden sind.

Nur zwei Monate nach der Dokuserie Wild Wild Country, empfohlen im Serienbrief S01E03, veröffentlicht Netflix den nächsten True-Crime-Coup der US-amerikanischen Duplass Brüder, Evil Genius: The True Story of America’s Most Diabolical Bank Heist über einen der legendärsten Kriminalfälle der frühen 2000er. In vier Episoden wühlt die Serie in der Vergangenheit des “Pizza Bombers”. Das sei der perfekte Stoff für das Netflix-Publikum, schreibt Merrill Barr für Forbes Magazin:

The even is far enough in the past that it can be exposed to a whole new generation that may be unfamiliar with it.

 

Die etwas älteren Millennials unter Ihnen möchten vielleicht lieber den ausführlichen Reportageartikel lesen, der im Januar 2011 im WIRED Magazin erschienen ist.

Der nächste Serienbrief erscheint am 7. Juli. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl


P.S.: Korrektur – Uns ist ein peinlicher Fehler unterlaufen. Wir hatten in S01E03 ABC-Entertainment-Präsidentin Channing Dungey als Mann vorgestellt. Natürlich ist sie eine Frau. Das ist erst jetzt, im Zuge der neuen Roseanne-Geschichte aufgefallen. Wir bitten, diesen aus einer Mischung aus Sexismus und Flüchtigkeit geborenen Fauxpas zu entschuldigen.

Serienbrief S01E03: Which Side Are You On?

Liebe Serienbrief-Freunde,

willkommen zur dritten Ausgabe des Serienbriefs. Gleich mal vorab eine Warnung: Diesmal hat sich ohne Absicht ein Metathema in unserer Linksammlung ergeben und es wird nicht kuschelig. Es geht um Konflikte in Familien, zwischen oben und unten, links und rechts, Netflix und Disney. Mancher ruft da gleich einen Boykott aus und auch uns ist zu Ohren gekommen, dass der Serienbrief boykottiert wird. Von manchen Spamfiltern zumindest. So ganz wissen wir auch nicht, wie wir die umstimmen können. Es kann aber sicher nicht schaden, die Mailadresse serienbrief@mailbox.org der Kontaktliste hinzuzufügen oder auf eine Whitelist zu setzen. Es soll auch etwas mit dem Text-Link-Verhältnis zu tun haben, weshalb wir diesmal versuchen, die Spamfilter mit weniger Verlinkungen zufrieden zu stimmen und nur darauf verweisen, dass sich für die Recherche, wo eine Serie nun genau zu finden ist, die Seite werstreamt.es gut eignet.
Fangen wir an, stürzen wir uns ins Getümmel.

Foto: ABC

Roseanne-Krieg

Größten Wirbel gab es diesen Monat nicht nur in den USA um das Revival von Roseanne. Einerseits, weil die ABC-Sitcom nach 20 Jahren Pause einen Zuschauerrekord von 18,2 Millionen in den USA erreichte, so viel wie keine Premiere des Genres seit vier Jahren. Andererseits, weil es um die aktuelle politische Situation in den USA geht und die Positionen der Serienfigur Roseanne Conner mit der von Schauspielerin Roseanne Barr verschmelzen.Barr unterstützt nämlich Trump und auch die Serien-Roseanne ist jetzt eine Trump-Wählerin, die ihre Schwester Jackie so lange trietzte, bis die von Zweifeln erfüllt statt Hillary Clinton der chancenlosen Grünen-Kandidatin Jill Stein ihre Stimme gab. Barr selbst verbreitete zuletzt sogar auf Twitter Verschwörungstheorien über einen von pädophilen Liberalen gelenkten Deep State.

Zum Quotenerfolg gratulierte dann auch der US-Präsident Barr telefonisch und öffentlich auf Twitter, verbunden mit dem üblichen Selbstlob und dem ebenfalls obligatorischen Angriff auf die Medien. Sonia Saraiya merkt in einem Text für Variety, der „eine liberale Verteidigung von Roseanne, irgendwie“ sein soll, an:

Ironically, the premiere of “Roseanne” is an attempt to bridge divisions by encouraging several members of the Conner family to coexist, even though they don’t agree.

Der Hintergrund, warum sich eher linke nun bemüht fühlen, Roseanne zu verteidigen, ist auch, dass die Serie es in den 90ern schaffte, eine authentische Sitcom zu sein, die in der Arbeiterklasse spielt, statt wie so viele Vorgänger in gutsituierten Mittelklassefamilien. Die Figur Roseanne wird von vielen auch als Feministin gesehen. Eine Krawallnudel war die Serien-Roseanne schon immer, aber auch stets herzlich und trotz viel Spott nicht hasserfüllt. Und nun soll sie also für die Arbeiter stehen, die Trump gewählt haben.

Für die meisten Kritiker hat die Neuauflage einen gewissen Reiz, weil die aktuelle Polarität der amerikanischen Gesellschaft im TV verhandelt wird. Bezogen sich die alten Staffeln nie explizit auf Politik, ist das jetzt anders, obwohl der Name des US-Präsidenten nie fällt. Trotzdem werden die ersten Folgen als unpolitischer empfunden, weil es jetzt vor allem darum geht, die Harmonie der Familie zu retten, statt sich mit politischen Themen auseinanderzusetzen. Die Familie Conner ist knapp bei Kasse, wie sie es schon immer war, aber die besonders unter Trumps Politik leidenden Gruppen kommen nicht vor.

Eine kluge und unterhaltsame Analyse liefert etwa der Kultur-Podcast „Monkey Sees“ des US-amerikanischen Radiosenders NPR.

Gegenüber der New York Times erklärt ABC-Unterhaltungschef Channing Dungey, sicher selbst kein armer Mann, dass der Fokus auf proletarische Trump-Wähler seine Zielgruppenstrategie war:

We had spent a lot of time looking for diverse voices in terms of people of color and people from different religions and even people with a different perspective on gender,” Ms. Dungey said. “But we had not been thinking nearly enough about economic diversity and some of the other cultural divisions within our own country. That’s been something we’ve been really looking at with eyes open since that time.

Die Quoten suggerieren, dass diese Suche nach der verlorenen Zielgruppe vorerst erfolgreich war. Die Frage ist jetzt, wie lange nach dem großen Aufschlag das Interesse anhält.

Bezüglich der Vermischung von Schauspielerin und Bühnenfigur ist auch ein Interview der New York Times mit Roseanne Barr interessant. Vor allem, weil es kurz zu eskalieren droht und von Barrs Agenten unterbrochen wird, nachdem der Reporter Patrock Healy nachhakt, warum Bar mit Trump einen Kandidaten unterstützt, der gegen so viel steht, für das sie und Roseanne Conner einmal standen.

Apropos altes Fernsehen und reaktionäre Ansichten. Vor 40 Jahren, am 2. April, wurde die Seifenoper Dallas erstmalig in den USA gezeigt. Aus diesem Anlass hat der Deutschlandfunk nun eine umfangreiche “lange Nacht” dazu wiederholt.

Amazon Leak

Zu Roseanne gibt es Zuschauerzahlen, zu den Serien bei Amazon Video nicht – bis jetzt. Der Internetriese hält sich, wie auch andere Streamingdienste, nämlich äußerst bedeckt darüber, wie viele seine Produktionen schauen. Reuters-Reporter Jeffrey Dastin ist nun an Dokumente gelangt, die nicht nur Hausnummern für einzelne Serien (Stand Anfang 2017) angeben, sondern auch Amazons eigentliche Strategie erklären: Für Amazon sind Serien Werbemittel für das Rundum-Abo Prime, das Kunden stark an den Versandhändler bindet. Die Produktions- und Marketingkosten werden mit den durch eine Serie gewonnenen neuen Prime-Kunden aufgerechnet.

For example, the first season of the popular drama „The Man in the High Castle,“an alternate history depicting Germany as the victor of World War Two, had 8 million U.S. viewers as of early 2017, according to the documents. The program cost $72 million in production and marketing and attracted 1.15 million new subscribers worldwide based on Amazon’s accounting, the documents showed.

Amazon calculated that the show drew new Prime members at an average cost of $63 per subscriber.

That is far less than the $99 that subscribers pay in the United States for Prime; the company charges similar fees abroad. Prime members also buy more goods from Amazon than non-members, Bezos has said, further boosting profit.

Im Artikel gibt es dazu auch eine Grafik. Am anderen Ende dieser Aufstellung steht Good Girls Revolt. Die Serie kostete 1560 Dollar pro neuen Abonnenten und wurde nach einer Staffel eingestellt. Das Vorgehen passt auch zur Beobachtung aus dem letzten Serienbrief, dass Amazon die nischigeren Formate derzeit absetzt.

Stream Wars

Bei den Streamingdiensten, für die Film und Serien tatsächlich das Hauptgeschäft sind, verschärft sich derweilen die Konkurrenz. Disney hat seinen eigene Streaming-Plattform für Ende 2019 angekündigt. Bereits im August 2017 kündigte der Medienriese den Vertrag mit Netflix, die Disney-Inhalte sollen mit dem Start der eigenen Plattform von dort verschwinden. Das betrafe auch viele Franchises wie die Marvel-Comics, Star Wars (woraus Disney auch eine Serie machen will) und wenn die derzeit diskutierte Übernahme von Fox gelingt, auch die Simpsons – neben den vielen Pixar- und Disney-Filmen, die unser aller Kindheit geprägt haben. Netflix wehrt sich mit immer mehr eigenen Produktionen, analysiert Jack Kavanagh für Little White Lies. Ein paar Jahre in die Zukunft gedacht, wird man, wenn alle dieser Exklusiv-Strategie folgen, immer weniger Streamingdienste mit Komplettangebot haben und immer mehr Insellösungen, auf denen ausschließlich die Inhalte des jeweiligen Konzerns angeboten werden.Uns erinnert das ein wenig an das alte Studiosystem, bei dem jedes Filmstudio seinen eigenen Kinoverleih hatte, es also Kinos gab, in denen nur Disney-Filme liefen und welche, in denen nur Paramount-Filme zu sehen waren. Ende der 1940er brach dieses System nach juristischen Prozessen zusammen. Die Studios hatten zu viel Macht angehäuft und so gegen das Wettbewerbsrecht verstoßen.

Teil der Bemühungen, sich von der Konkurrenz abzusetzen, sind auch immer neue Mega-Produktionen. Im letzten Serienbrief hatten wir bereits darüber berichtet, dass die Produktionskosten stetig steigen. Der Guardian bleibt an dem Thema dran und liefert mit einer Liste von Serien, denen der Geldregen nichts gebracht hat, den Nachweis, dass teuer nicht immer Qualität bedeuten muss.

Binge-Boycotting

Darauf muss man erstmal kommen: Die BDS-Bewegung (die Abkürzung steht für „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“) hat sich in einem offenen Brief bei Netflix beschwert, weil der Streamingdienst die israelische Serie Fauda im Programm hat. Diese sei nämlich „rassistische Propaganda für die israelische Besatzung“ der Palästinensergebiete. Die Serie handelt von einer Spezialeinheit, die einen hohen Hamas-Terroristen jagt, wie auch von der Familiengeschichte dieses Terroristen. Die Aktivisten drohen, Netflix zu verklagen, sollte die Distribution nicht eingestellt werden.

Was man dazu wissen muss: Die inhaltliche Begründung ist von den BDS-Aktivisten nur vorgeschoben. Die Kampagne fordert den Boykott sämtlicher israelischer Produkte, völlig egal, ob es sich etwa um eine Zahnbürste oder eben um ein Kulturprodukt wie die Serie handelt. So rufen die teils prominenten Aktivisten immer wieder dazu auf, keine israelischen Filme auf Festivals zu zeigen, aus dem einzigen Grund, dass diese aus Israel kommen. Die Bewegung gibt sich als Bürgerrechtsgruppe aus, tatsächlich geht es ihr alleine um die Delegitimierung Israels.

Besonders erfolgreich scheint ihr beabsichtigter Kulturboykott immerhin nicht zu sein: Die Macher der Serie freuen sich über die kostenlose Werbung, und meinen, dass jetzt ganz sicher auch jeder Palästinenser Fauda sehen will. Mit der Creative Community for Peace (CCFP) stellen sich, ebenfalls per offenem Brief an Netflix, 50 hohe Führungskräfte der Unterhaltungsbranche gegen den „eklatanten Versuch künstlerischer Zensur“.

Auch andernorts ruft man aus politischen Gründen zum Serien-Boykott auf. Der Mechanismus von Narcos-Macher José Padilha handelt von der Korruption in Brasilien. Das passt nun einigen der Korruption verdächtigten Politikern nicht. Mit dem Hashtag #DeleteNetflix machen nun auch sie unbeabsichtigt Werbung für die Serie.

Kleinigkeiten

Wir haben uns ja im letzten Serienbrief als altmodisch geoutet. Und so gefällt uns auch dieses Youtube-Video, das sich vorstellt, wie Netflix Mitte der 90er ausgesehen hätte – wenn sie gleich aufs Internet statt zunächst auf DVD-Versand gesetzt hätte.

Um auch mal Eigenwerbung zu machen. Der einen Hälfte des Serienbriefs ist aufgefallen, dass in letzter Zeit sehr viele Coming-of-age-Serien bei Netflix erscheinen und hat das Phänomen für die Süddeutsche Zeitung analysiert.

Im Zeit-Magazin geht Matthias Kalle der Frage nach, wie es dazu kommen konnte, dass Serien heute so gefeiert werden.

Schaubar

Am 22. April startet die zweite Staffel des SciFi-Westerns Westworld. Der Youtube-Kanal Alt Shift X hat die Storyebenen der ersten entknotet und geordnet. Gut als Erinnerungshilfe oder wenn man sich nicht ganz sicher ist, ob man damals alle Wendungen und Zusammenhänge begriffen hat.

Überhaupt ist der April ein guter Monat für alle, die es genießen, sich von Serienmacher verwirren zu lassen. Die zweite Staffel des X-Men-Spin-offs Legion, seit Anfang April bei Fox, scheint in dieser Hinsicht die erste noch übertreffen zu wollen.

Foto: Netflix

Manchmal sind sie nackt und wippen ekstatisch zu indischen Gesängen, manchmal tragen sie rotorangene Einheitskluften und versuchen mit Reden über freie Liebe und Polygamie die spießige amerikanische Gesellschaft ein wenig aufzulockern. Die Netflix-Dokuserie Wild Wild Country beleuchtet nun die dunklere Seite des Bhagwan-Kults der Siebzigerjahre. Eine spannende Collage über Radikalisierung, Täuschung, Enttäuschung. Deutschlandfunk bespricht die Serie in einem kurzen Radio-Beitrag.

Der Kult um den Kult, denn kurioserweise spielen Sekten aber auch in vielen fiktionalen Serien eine zentrale Rolle, wie Charles Bramesco vom britischen Guardian festgestellt hat.

Die sechste Staffel der Spy-Serie The Americans ist angelaufen. Da sie von sowjetischen Spionen handelt und sie in der Zeit ankommt, in der die Sowjetunion zerfällt, wird es die letzte sein. Nun ist Paige, die Tochter der Spione, mit ins Familiengeschäft eingestiegen. Warum man die Serie gucken sollte, auch wenn man sich jahrelang dagegen gewehrt hat, schreibt Tom Batten vom New Yorker. Postkarten, Sprachnachrichten, Social Media. Lange haben Kollegen und Kolleginnen versucht, ihn endlich dazu zu bringen, der Serie eine Chance zu geben.

Multikulti-WG in Kreuzberg. Mit Just Push Abuba möchte das ZDF junge Leute erreichen. Ein spannendes Projekt, das für Youtube produziert wurde und ein internationales Publikum ansprechen soll.

Just Push Abuba ist eine für das Netz produzierte Komödie, die mit viel Selbstironie den Berlin-Hype anhand des Mikrokosmos einer Kreuzberger WG entlarvt. Die Serie wurde im TV-Labor „Quantum“ der ZDF-Redaktion ‚Das kleine Fernsehspiel‘ entwickelt, das auch schon die Emmy-prämierte Sitcom Familie Braun hervorgebracht hat.

schreibt Anna Steinbauer von der Süddeutschen Zeitung.

Der nächste Serienbrief erscheint am 5. Mai. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl