Serienbrief S01E06: WTF

Liebe Serienbrief-Freunde,

es soll gerade ein großes Fußball-Event stattfinden, haben wir gehört. Da wir den Sport ausschließlich aus der 80er-Jahre-Anime-Serien Kickers und Captain Tsubasa kennen, vermissen wir beim derzeitigen Remake mit Schauspielern ein wenig die Kung-Fu-Einlagen und die Dramatik abseits des Spielfelds. Da im TV aber niemand ernsthaft mit der FIFA konkurrieren will, ist jetzt auch endlich mal Zeit, Serien nachzuholen.

Foto: Giphy

Wirrworld

Zum Beispiel die zweite Staffel Westworld noch mal sehen, weil man sie nicht verstanden hat. Die Serie durfte im letzten Monat die mit den meisten Recaps gewesen sein. Das Nacherzählen war auch bitter nötig, denn mit mehreren wild wechselnden Timelines, in denen die Charaktere mal sie selbst, mal Roboter und dann wieder nur Träume in einem Rechenzentrum sind, war das Gesehene auch für ausgeschlafene Zuschauer höchst verwirrend. Aber das ist ja gerade der Spaß daran. Geordnet lässt sich die Geschichte zwar in fünf Minuten erzählen, wie in diesem Youtube-Video, wie banal sie dadurch wird, ist dann aber doch sehr ernüchternd.

Wenn der Mensch von dem, was er sieht, verwirrt ist, erfindet er Geschichten, die dem ganzen Sinn geben. So funktionieren etwa Verschwörungstheorien. Beziehen diese sich statt auf die reale Welt auf popkulturelle Unterhaltungsprodukte spricht man von Fan-Theorien. Was ist Ihre liebste Fan-Theorie? Westworld jedenfalls provoziert diese regelrecht. So arbeiten Fans nicht nur etwa daran, das Intro mit Lego-Figuren nachzustellen, sondern recherchieren kleinsten Hinweisen hinterher. So entdeckte jemand etwa in den Untertiteln zur ersten Folge der zweiten Staffel Koordinaten, die darauf hindeuten, dass Westworld auf einer Insel im südchinesischen Meer liegt.

James Donaghy hat sich für den Guardian durch die Message-Boards gewühlt und die besten Fan-Theorien gesammelt. Die unwahrscheinlichste ist die schönste: Ein Wolf, der immer wieder bedeutungsschwanger durch die Szenen schweift, könnte doch in Wirklichkeit ein Direwolf aus Game of Thrones sein.

Bei Variety erkennt Daniel D’Addario, dass ein wichtiger Westworld-Charakter selbst so obsessiv ist, wie einige Fans der Serie es zur Freude der Marketing-Abteilung sind:

William’s story is both a rebuke and a sympathetic embrace at once. This man is so tangled up in narrative that the world around him is meaningless; preferring fantasy, he’s blandly watched as his ties to the real world fray and ultimately break. Westworld, cleverly and vexingly, knows storytelling in the digital age can be an anesthetic that numbs us even as it adds on more narrative fripperies to keep us hanging on.

 

Und wer den Verwirrungs-Aspekt bei Westworld zu schätzen weiß: Die Folgen der aktuellen Staffel Legion konnten einen nicht nur vergessen lassen, worum es überhaupt geht, sonder auch wer und wo man ist. Einer zeitweisen Depersonalisierungs- und Derealisationsstörung kommt man wohl selten so nah im Fernsehen. Oder wie es Stuart Heritage im Guardian beschreibt: “Where Westworld is portentous and self-important, Legion is a kaleidoscope.”

No more heroes anymore

Früher war das Fernsehen geordneter. Es gab strahlende Helden und garstige Bösewichte. Dank Serien wie Sopranos und Breaking Bad sind nun auch öfter Grautöne zu sehen, allerdings eher die dunkleren: Sind sie es nicht von Anfang an, werden die Hauptfiguren im Lauf der Zeit zu ziemlich kaputten Antihelden. Nun hat ausgerechnet Breaking-Bad-Schöpfer Vince Gilligan auf einer Podiumsdiskussion gesagt, dass man mittlerweile so viele von diesen Charakteren hat, dass es mal wieder Zeit für Helden wäre. Das 50er-Jahre-Fernsehen wünscht er sich dennoch nicht zurück:

„I don’t know if we can ever go back to characters who are all good or all bad, but maybe around the corner are more characters who are flawed and yet work very hard to do the right thing and want to be good, even when they’re not,“ he added. „Even when they try and they fail.“

Hurra, die Welt geht unter

Freunde steiler Thesen aufgehorcht: Es ist nun endlich ein Schuldiger für den vermeintlichen Untergang der westlichen Zivilisation gefunden. Es ist, Überraschung, die Hit-Sitcom Friends. So sieht es zumindest David Hopkins in einem vielbeachteten Essay auf Medium.com. Für in ist die Serie einen Komplott gegen Ross, den Intellektuellen, dessen verblödete Freunde ihm als Running-Gag bei jedem schlauen Satz ins Wort fallen, bis er schließlich wahnsinnig wird:

You may see it as a comedy, but I cannot laugh with you. To me, Friends signals a harsh embrace of anti-intellectualism in America, where a gifted and intelligent man is persecuted by his idiot compatriots. And even if you see it from my point of view, it doesn’t matter. The constant barrage of laughter from the live studio audience will remind us that our own reactions are unnecessary, redundant.

Mehr Licht

Auf den ersten Blick hat Fritz Langs monumentaler Stummfilmklassiker Metropolis mit der Mutter aller Sitcoms I Love Lucy herzlich wenig zu tun. Und doch verbindet sie eine Personalie: Sie haben den gleichen Beleuchter, Karl Freund. Bei Metropolis ist er für dramatische Bilder verantwortlich, bei I Love Lucy sorgte er dafür, dass man eine Folge mit mehreren Kameras günstig ohne große Szenenwechsel runterfilmen konnte. Vox hat seiner ungewöhnlichen Karriere ein Video gewidmet.

Jetzt aber richtig

Vor Krimis kann man sich nicht nur im deutschen Fernsehen kaum retten. Kein Wunder, dass manche Leute beginnen, das alles etwas zu ernst zu nehmen. Die Popularität von CSI soll damals sogar zu einem spürbaren Anstieg von Studierenden der Rechtsmedizin geführt haben. Von denen dürften dann freilich einige sehr enttäuscht festgestellt haben, das die Arbeit der echten Wissenschaftler weniger cool ist, dafür aber extrem akribisch sein muss. Die New York Times hat nun den Kriminaltechniker Matthew Steiner befragt, was er von der Darstellung seines Berufs in Serien wie Dexter und The Wire und bekannten Filmen hält. Neben der mangelnden Tatorthygiene ist offenbar der größte Unterschied, dass TV-Kommissare es nicht lassen können, erzählerisch sinnvoll, aber eben nicht dem realen Protokoll gemäß, bereits nach ein paar Blicken auf Tat und Täter zu schließen. Und manche falsche TV-Marotten, wie Beweise mit Stiften hochzuheben, haben sich offenbar auch schon bei echten Ermittlern eingeschlichen.

Nachdreh

Bereits im ersten Serienbrief hatten wir über den Aufstand des Verbands Deutscher Drehbuchautoren wegen der Nicht-Einladung von Autoren zum Deutschen Fernsehpreis berichtet. Die nachfolgenden Diskussionen sind nun in dem Manifest Kontrakt 18 gemündet, das mehr Mitspracherecht bei den Produktionen fordert. 183 Autor*innen haben bis Anfang Juli unterzeichnet. Wenn das so umgesetzt wird, wäre das sicher nicht falsch. Die Autoren halsen sich damit aber natürlich auch mehr Arbeit auf und tragen mehr Mitschuld, wenn das Ergebnis trotzdem Quatsch ist. Da die Produktion aber auch immer viel Zeit kostet, wird man auf die erste Kontrakt-18-Serie ohnehin noch etwas warten müssen.

Schaubar

Strange Angel erzählt die Biographie Jack Parsons, der in den USA der 1930er beginnt, an Raketen zu forschen. Gleichzeitig beginnt er, sich für Okkultismus zu interessieren, was damals wohl noch etwas seriöser ist als Raketenwissenschaft. Zumindest fühlen sich von Aleister Crowleys Magick auch Leute von Status angezogen, während die Raketen-Experimente zunächst mit ein paar Outsidern im Abstellraum der Uni durchgeführt werden.

Familienkrieg ist unterhaltsam, wenn es nicht die eigene ist: In Succession wollen die Kinder eines alternden, milliardenschweren Medienmoguls diesen ablösen. Natürlich gibt es beim Sturz eines Patriarchen viel Neid, Gier, Intrige und andere unterhaltsame menschliche Abgründe zu sehen.

Wenig definiert die Kindheit mehr als Spielzeug und das ist im Kapitalismus natürlich ein riesen Geschäft. Netflix’ Doku-Serie The Toys That Made Us erzählt zwischen Nostalgie und Firmenportrait die Geschichten der großen Spielwaren-Marken, von Star-Wars-Figuren bis zu Lego. Eine gute Abwechslung zu den sonst so sehr auf Kriminalität fixierten Streaming-Serien.

Der nächste Serienbrief erscheint am 4. August. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl

Serienbrief S01E05: Was zu viel ist, ist zu viel.

Liebe Serienbrief-Freunde,

Nun ist es raus: Netflix’ “Chief Content Officer”, also der Inhaltechef, Ted Sarandos hat zugegeben, dass er selbst nicht mit dem Seriengucken nachkommt. Dabei hat er es noch leicht: Seine Angestellten schauen für ihn. Und der Schauspieler Logan Browning (Dear White People) meinte laut Hollywood Reporter sogar, er sei gestresst, wenn er Netflix öffne. Als ob das nicht genug Überforderung wäre, muss man auch noch lesen, was alle über Serien schreiben. Eigentlich ein Vollzeitjob. Wenn es den Serienbrief nicht gäbe. Wie jeden ersten Samstag im Monat haben wir wieder die besten Geschichten und einige streng ausgewählte Serienempfehlungen für Sie. Wenn Sie es uns danken wollen, dass Sie dadurch Zeit sparen, die Sie dann um so mehr mit Serien verbringen können, empfehlen Sie uns doch bitte weiter.

Foto: Giphy

Mothers I’d like to view in TV

Alexis Soloski Artikel für die New York Times ist nicht nur köstlich zu lesen, weil sie darin ihren zeitungslesenden Mann daran erinnert, Windeln zu kaufen. Sie entdeckt auch ein Metathema, dem sich viele neuere Serien ausführlich widmen, die Mutterschaft. Serien wie The Letdown, Motherland, Smilf, Catastrophe oder auch Jane the Virgin finden einen neuen Zugang zum Muttersein:

These shows are workplace comedies with the workplace redistributed to the home, rom-coms where the romance is maternal.

 

Lange war laut Soloski das Leben als Mutter im TV etwas, das man in einer Folge erzählen konnte und das die Protagonistinnen quasi nicht veränderte. Dass nun einige Serien auch von den Problemen und Widersprüchen der Mutterschaft erzählen, liegt laut ihr auch daran, dass sie von Frauen geschrieben werden. Und nach ihrem Text hat man auch ohne Kinder das Gefühl, die Serien unbedingt sehen zu müssen. Schon alleine, weil sie diese realistischeren Mütter zu viel größeren Heldinnen macht, als es eine metaphorische Fantasy-Mutter wie Daenerys Targaryen ist, die statt menschlicher Babys nur ein paar pflegeleichte Drachen aufzieht.

Foto: Amazon

 

Große Künstler stehlen

Manchmal können Fans quengeln wie kleine Kinder, wenn ihnen etwas nicht passt. Margaret Atwood, die Autorin von The Handmaid’s Tale, hat ihren Fans nun sinngemäß gesagt, dass sie sich mal nicht so haben sollen, nur weil die Serienadaption nicht eins zu eins ihrem Werk folgt:

„I think I would have to be awfully stupid to resent it because things could have been so much worse,“ she told an audience at the Hay literary festival in Wales. „They have done a tippety-top job … the acting is great, they’ve stuck to the central set of premises.“

 

Sie könnte auch wenig tun, wenn es ihr nicht recht wäre, denn sie hat kein Mitspracherecht. Aber Fans glauben immer wieder, dass sie ein solches haben. Die sehr anhängliche und besitzergreifende Spezies von Konsumenten passt darum auch bei anderen Adaptionen genauestens darauf auf, dass ihrem Lieblingswerk niemand etwas antut. Zum Teil auch zurecht, die neuen Staffeln von Game of Thrones, die über die Handlung der bisher in George R.R. Martins Romanreihe Das Lied von Eis und Feuer niedergeschriebenen hinausgehen, sind die schwächsten.

Guardian-Autor Gwilym Mumford beobachtet, dass Showrunner es derzeit ganz anders halten und sich teils extra von den Vorlagen entfernen, deren Markenrechte ihre Sender gekauft haben. Die Frage ist natürlich, ob man den Quatsch mit der Marke dann nicht auch sein lassen könnte:

The simplest solution, you’d wager, is to trust similarly creatively minded people to tell new stories, rather than constantly finding old IP to tinker with. That doesn’t seem likely to happen, however, so instead, perhaps the best tactic for any show going off script is to run as far away from the source material as possible.

 

Neben der Werkuntreue ist der zweite sichere Weg, Fans auf die Barrikaden zu bringen, eine liebgewonnene Serie abzusetzen. Was als Trauer beginnt, schlägt schnell in Wut um, nicht umsonst leitet sich das Wort von Englischen fanatic ab. So wieder einmal geschehen im vergangenen Monat. Die US-Sender stellten ihr Programm für die kommende Saison vor und verkündeten unter anderem einige abgesetzten Serien. Mehrere Medien bezeichneten den nicht unüblichen Vorgang sehr dramatisch als “TV Bloodbath”.

Nachdem der ersten gecancelten Serie, The Expanse, aber bereits kurz darauf von Amazon eine Wiederauferstehung versprochen wurde, halten wir es beim Serienbrief hier genauso wie mit Vorankündigungen: Erst mal abwarten, ob es sich lohnt, darüber zu schreiben, denn (auch als Hinweis für alle neuen AbonnentInnen) der Sinn dieses Newsletters ist es, das wirklich Interessante aus der Meldungsflut zu fischen.

Lachgeschichten

Laugh-Tracks, also die Tonspur mit Lachern aus der Dose, gehören zu manchen Sitcoms einfach dazu. Der Podcast 99% Invisible hat eine ganze Episode der Geschichte gewidmet und mit ihr einer kuriosen Erfindung von Charles Douglass, dem “Audience Response Duplicator”, genannt “Laff Box”. Im Grunde ist das eine Art Sampler, der optisch etwas an eine Schreibmaschine erinnert und ausschließlich Lacher enthält – über 300 Stück. Die eingespielten Lacher wurden oft auch benutzt, um schlechte Witze lustiger klingen zu lassen, als sie sind, was ihrem Ruf doch sehr geschadet hat. Der Podcast entdeckt das falsche Lachen nun als eine vergessene Kunst wieder.

Schluss mit Lustig

Wir hatten in der vorletzten Ausgabe über den überragenden Erfolg des Comebacks von Roseanne geschrieben. Hauptdarstellerin Roseanne Barr hat es nun trotz Quotenerfolg selbst vergeigt: Die Trump-Anhängerin beleidigte die schwarze Ex-Obama-Beraterin Valerie Jarrett am Dienstag auf Twitter. Diese sehe aus wie ein Nachkomme der Muslimbruderschaft und Planet der Affen.

Überraschend ist die Entscheidung dennoch: Der Sender wusste, wen er da engagiert und Barr war vor diesen Äußerungen nicht wesentlich sanfter unterwegs. Sie verbreitete schon länger haarsträubendem Unsinn. Am Tag ihres Rauswurfs unterstellte sie etwa George Soros, jüdischer US-Investor, Holocaustüberlebender und aktueller Lieblingsfeind der extremen Rechten, ein Nazi-Kollaborateur gewesen zu sein, der aus Habgier Juden verraten habe.

Nun halten sie und manche ihrer Fans das Ende für eine Medienverschwörung. Für ABC kommt es aber teuer, eine derart erfolgreiche Sendung abzusetzen. Laut Variety war Roseanne eine der teuersten Shows, um Werbung zu buchen. Die Strategie, Trump-Wähler in der Mitte der USA als Zielgruppe anzusprechen, war auch erfolgreich: 45 Millionen Dollar Werbegeld brachte die neue Staffel Roseanne dem Sender. Eine weitere Staffel war bereits angekündigt. Nun aber verzichtet ABC mit der Sendung auch auf schon sicher geglaubte Einnahmen und ein neues Publikum. Roseanne Barrs (Selbst-)Stilisierung zum Opfer einer Intrige stört das dennoch nicht.

Schaubar

Patrick Melrose hat nichts mit Melrose Place zu tun, sondern basiert auf den Romanen von Edward St Aubyn. Benedict Cumberbatch spielt die Hauptfigur, einen schwer drogenabhängigen Adeligen, der nach dem Tod seines Vaters versucht, mit dessen Grausamkeiten abzuschließen. Wer aufgrund der Hochzeit von Prinz Harry und Meghan Markle ein zu romantisches Bild der britischen Blaublüter-Gesellschaft entwickelt haben sollte, kann es mit dieser virtuosen Geschichte voller Dekadenz und Gemeinheiten wieder korrigieren.

Wenn einen jemand in den Achtzigern und Neunzigern auf dem Schulhof verprügeln wollte, aber vorher komisch herumfuchtelte, dann hatte derjenige den Film Karate Kid gesehen. In Cobra Kai sind die Kontrahenten von damals nun um die 50 und werden von den Original-Schauspielern gespielt. Auch das Weltbild hat sich geändert, das Machogetue beim Kampfsport ist in der Neuauflage Mittel zur Komik. Die Serie, die ungewöhnlicherweise bei YouTube läuft, greift auch die alte Frage auf, ob der im Film als Bösewicht vorgesehene Johnny Lawrence, nicht in Wirklichkeit das eigentliche Opfer ist.

In der Podcast-Serie We love Israel verschwimmen Fiktion und Realität. Anlässlich des 70. Geburtstags des Lands sind Noam Brusilovsky und Ofer Waldman für den SWR der Frage nachgegangen, warum sich Israelis heute für Deutschland interessieren und umgekehrt. Doch einige Statements wurden von Schauspielern eingesprochen und man weiß nie genau, welche nun echt und welche erfunden sind.

Nur zwei Monate nach der Dokuserie Wild Wild Country, empfohlen im Serienbrief S01E03, veröffentlicht Netflix den nächsten True-Crime-Coup der US-amerikanischen Duplass Brüder, Evil Genius: The True Story of America’s Most Diabolical Bank Heist über einen der legendärsten Kriminalfälle der frühen 2000er. In vier Episoden wühlt die Serie in der Vergangenheit des “Pizza Bombers”. Das sei der perfekte Stoff für das Netflix-Publikum, schreibt Merrill Barr für Forbes Magazin:

The even is far enough in the past that it can be exposed to a whole new generation that may be unfamiliar with it.

 

Die etwas älteren Millennials unter Ihnen möchten vielleicht lieber den ausführlichen Reportageartikel lesen, der im Januar 2011 im WIRED Magazin erschienen ist.

Der nächste Serienbrief erscheint am 7. Juli. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl


P.S.: Korrektur – Uns ist ein peinlicher Fehler unterlaufen. Wir hatten in S01E03 ABC-Entertainment-Präsidentin Channing Dungey als Mann vorgestellt. Natürlich ist sie eine Frau. Das ist erst jetzt, im Zuge der neuen Roseanne-Geschichte aufgefallen. Wir bitten, diesen aus einer Mischung aus Sexismus und Flüchtigkeit geborenen Fauxpas zu entschuldigen.

Serienbrief S01E03: Which Side Are You On?

Liebe Serienbrief-Freunde,

willkommen zur dritten Ausgabe des Serienbriefs. Gleich mal vorab eine Warnung: Diesmal hat sich ohne Absicht ein Metathema in unserer Linksammlung ergeben und es wird nicht kuschelig. Es geht um Konflikte in Familien, zwischen oben und unten, links und rechts, Netflix und Disney. Mancher ruft da gleich einen Boykott aus und auch uns ist zu Ohren gekommen, dass der Serienbrief boykottiert wird. Von manchen Spamfiltern zumindest. So ganz wissen wir auch nicht, wie wir die umstimmen können. Es kann aber sicher nicht schaden, die Mailadresse serienbrief@mailbox.org der Kontaktliste hinzuzufügen oder auf eine Whitelist zu setzen. Es soll auch etwas mit dem Text-Link-Verhältnis zu tun haben, weshalb wir diesmal versuchen, die Spamfilter mit weniger Verlinkungen zufrieden zu stimmen und nur darauf verweisen, dass sich für die Recherche, wo eine Serie nun genau zu finden ist, die Seite werstreamt.es gut eignet.
Fangen wir an, stürzen wir uns ins Getümmel.

Foto: ABC

Roseanne-Krieg

Größten Wirbel gab es diesen Monat nicht nur in den USA um das Revival von Roseanne. Einerseits, weil die ABC-Sitcom nach 20 Jahren Pause einen Zuschauerrekord von 18,2 Millionen in den USA erreichte, so viel wie keine Premiere des Genres seit vier Jahren. Andererseits, weil es um die aktuelle politische Situation in den USA geht und die Positionen der Serienfigur Roseanne Conner mit der von Schauspielerin Roseanne Barr verschmelzen.Barr unterstützt nämlich Trump und auch die Serien-Roseanne ist jetzt eine Trump-Wählerin, die ihre Schwester Jackie so lange trietzte, bis die von Zweifeln erfüllt statt Hillary Clinton der chancenlosen Grünen-Kandidatin Jill Stein ihre Stimme gab. Barr selbst verbreitete zuletzt sogar auf Twitter Verschwörungstheorien über einen von pädophilen Liberalen gelenkten Deep State.

Zum Quotenerfolg gratulierte dann auch der US-Präsident Barr telefonisch und öffentlich auf Twitter, verbunden mit dem üblichen Selbstlob und dem ebenfalls obligatorischen Angriff auf die Medien. Sonia Saraiya merkt in einem Text für Variety, der „eine liberale Verteidigung von Roseanne, irgendwie“ sein soll, an:

Ironically, the premiere of “Roseanne” is an attempt to bridge divisions by encouraging several members of the Conner family to coexist, even though they don’t agree.

Der Hintergrund, warum sich eher linke nun bemüht fühlen, Roseanne zu verteidigen, ist auch, dass die Serie es in den 90ern schaffte, eine authentische Sitcom zu sein, die in der Arbeiterklasse spielt, statt wie so viele Vorgänger in gutsituierten Mittelklassefamilien. Die Figur Roseanne wird von vielen auch als Feministin gesehen. Eine Krawallnudel war die Serien-Roseanne schon immer, aber auch stets herzlich und trotz viel Spott nicht hasserfüllt. Und nun soll sie also für die Arbeiter stehen, die Trump gewählt haben.

Für die meisten Kritiker hat die Neuauflage einen gewissen Reiz, weil die aktuelle Polarität der amerikanischen Gesellschaft im TV verhandelt wird. Bezogen sich die alten Staffeln nie explizit auf Politik, ist das jetzt anders, obwohl der Name des US-Präsidenten nie fällt. Trotzdem werden die ersten Folgen als unpolitischer empfunden, weil es jetzt vor allem darum geht, die Harmonie der Familie zu retten, statt sich mit politischen Themen auseinanderzusetzen. Die Familie Conner ist knapp bei Kasse, wie sie es schon immer war, aber die besonders unter Trumps Politik leidenden Gruppen kommen nicht vor.

Eine kluge und unterhaltsame Analyse liefert etwa der Kultur-Podcast „Monkey Sees“ des US-amerikanischen Radiosenders NPR.

Gegenüber der New York Times erklärt ABC-Unterhaltungschef Channing Dungey, sicher selbst kein armer Mann, dass der Fokus auf proletarische Trump-Wähler seine Zielgruppenstrategie war:

We had spent a lot of time looking for diverse voices in terms of people of color and people from different religions and even people with a different perspective on gender,” Ms. Dungey said. “But we had not been thinking nearly enough about economic diversity and some of the other cultural divisions within our own country. That’s been something we’ve been really looking at with eyes open since that time.

Die Quoten suggerieren, dass diese Suche nach der verlorenen Zielgruppe vorerst erfolgreich war. Die Frage ist jetzt, wie lange nach dem großen Aufschlag das Interesse anhält.

Bezüglich der Vermischung von Schauspielerin und Bühnenfigur ist auch ein Interview der New York Times mit Roseanne Barr interessant. Vor allem, weil es kurz zu eskalieren droht und von Barrs Agenten unterbrochen wird, nachdem der Reporter Patrock Healy nachhakt, warum Bar mit Trump einen Kandidaten unterstützt, der gegen so viel steht, für das sie und Roseanne Conner einmal standen.

Apropos altes Fernsehen und reaktionäre Ansichten. Vor 40 Jahren, am 2. April, wurde die Seifenoper Dallas erstmalig in den USA gezeigt. Aus diesem Anlass hat der Deutschlandfunk nun eine umfangreiche “lange Nacht” dazu wiederholt.

Amazon Leak

Zu Roseanne gibt es Zuschauerzahlen, zu den Serien bei Amazon Video nicht – bis jetzt. Der Internetriese hält sich, wie auch andere Streamingdienste, nämlich äußerst bedeckt darüber, wie viele seine Produktionen schauen. Reuters-Reporter Jeffrey Dastin ist nun an Dokumente gelangt, die nicht nur Hausnummern für einzelne Serien (Stand Anfang 2017) angeben, sondern auch Amazons eigentliche Strategie erklären: Für Amazon sind Serien Werbemittel für das Rundum-Abo Prime, das Kunden stark an den Versandhändler bindet. Die Produktions- und Marketingkosten werden mit den durch eine Serie gewonnenen neuen Prime-Kunden aufgerechnet.

For example, the first season of the popular drama „The Man in the High Castle,“an alternate history depicting Germany as the victor of World War Two, had 8 million U.S. viewers as of early 2017, according to the documents. The program cost $72 million in production and marketing and attracted 1.15 million new subscribers worldwide based on Amazon’s accounting, the documents showed.

Amazon calculated that the show drew new Prime members at an average cost of $63 per subscriber.

That is far less than the $99 that subscribers pay in the United States for Prime; the company charges similar fees abroad. Prime members also buy more goods from Amazon than non-members, Bezos has said, further boosting profit.

Im Artikel gibt es dazu auch eine Grafik. Am anderen Ende dieser Aufstellung steht Good Girls Revolt. Die Serie kostete 1560 Dollar pro neuen Abonnenten und wurde nach einer Staffel eingestellt. Das Vorgehen passt auch zur Beobachtung aus dem letzten Serienbrief, dass Amazon die nischigeren Formate derzeit absetzt.

Stream Wars

Bei den Streamingdiensten, für die Film und Serien tatsächlich das Hauptgeschäft sind, verschärft sich derweilen die Konkurrenz. Disney hat seinen eigene Streaming-Plattform für Ende 2019 angekündigt. Bereits im August 2017 kündigte der Medienriese den Vertrag mit Netflix, die Disney-Inhalte sollen mit dem Start der eigenen Plattform von dort verschwinden. Das betrafe auch viele Franchises wie die Marvel-Comics, Star Wars (woraus Disney auch eine Serie machen will) und wenn die derzeit diskutierte Übernahme von Fox gelingt, auch die Simpsons – neben den vielen Pixar- und Disney-Filmen, die unser aller Kindheit geprägt haben. Netflix wehrt sich mit immer mehr eigenen Produktionen, analysiert Jack Kavanagh für Little White Lies. Ein paar Jahre in die Zukunft gedacht, wird man, wenn alle dieser Exklusiv-Strategie folgen, immer weniger Streamingdienste mit Komplettangebot haben und immer mehr Insellösungen, auf denen ausschließlich die Inhalte des jeweiligen Konzerns angeboten werden.Uns erinnert das ein wenig an das alte Studiosystem, bei dem jedes Filmstudio seinen eigenen Kinoverleih hatte, es also Kinos gab, in denen nur Disney-Filme liefen und welche, in denen nur Paramount-Filme zu sehen waren. Ende der 1940er brach dieses System nach juristischen Prozessen zusammen. Die Studios hatten zu viel Macht angehäuft und so gegen das Wettbewerbsrecht verstoßen.

Teil der Bemühungen, sich von der Konkurrenz abzusetzen, sind auch immer neue Mega-Produktionen. Im letzten Serienbrief hatten wir bereits darüber berichtet, dass die Produktionskosten stetig steigen. Der Guardian bleibt an dem Thema dran und liefert mit einer Liste von Serien, denen der Geldregen nichts gebracht hat, den Nachweis, dass teuer nicht immer Qualität bedeuten muss.

Binge-Boycotting

Darauf muss man erstmal kommen: Die BDS-Bewegung (die Abkürzung steht für „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“) hat sich in einem offenen Brief bei Netflix beschwert, weil der Streamingdienst die israelische Serie Fauda im Programm hat. Diese sei nämlich „rassistische Propaganda für die israelische Besatzung“ der Palästinensergebiete. Die Serie handelt von einer Spezialeinheit, die einen hohen Hamas-Terroristen jagt, wie auch von der Familiengeschichte dieses Terroristen. Die Aktivisten drohen, Netflix zu verklagen, sollte die Distribution nicht eingestellt werden.

Was man dazu wissen muss: Die inhaltliche Begründung ist von den BDS-Aktivisten nur vorgeschoben. Die Kampagne fordert den Boykott sämtlicher israelischer Produkte, völlig egal, ob es sich etwa um eine Zahnbürste oder eben um ein Kulturprodukt wie die Serie handelt. So rufen die teils prominenten Aktivisten immer wieder dazu auf, keine israelischen Filme auf Festivals zu zeigen, aus dem einzigen Grund, dass diese aus Israel kommen. Die Bewegung gibt sich als Bürgerrechtsgruppe aus, tatsächlich geht es ihr alleine um die Delegitimierung Israels.

Besonders erfolgreich scheint ihr beabsichtigter Kulturboykott immerhin nicht zu sein: Die Macher der Serie freuen sich über die kostenlose Werbung, und meinen, dass jetzt ganz sicher auch jeder Palästinenser Fauda sehen will. Mit der Creative Community for Peace (CCFP) stellen sich, ebenfalls per offenem Brief an Netflix, 50 hohe Führungskräfte der Unterhaltungsbranche gegen den „eklatanten Versuch künstlerischer Zensur“.

Auch andernorts ruft man aus politischen Gründen zum Serien-Boykott auf. Der Mechanismus von Narcos-Macher José Padilha handelt von der Korruption in Brasilien. Das passt nun einigen der Korruption verdächtigten Politikern nicht. Mit dem Hashtag #DeleteNetflix machen nun auch sie unbeabsichtigt Werbung für die Serie.

Kleinigkeiten

Wir haben uns ja im letzten Serienbrief als altmodisch geoutet. Und so gefällt uns auch dieses Youtube-Video, das sich vorstellt, wie Netflix Mitte der 90er ausgesehen hätte – wenn sie gleich aufs Internet statt zunächst auf DVD-Versand gesetzt hätte.

Um auch mal Eigenwerbung zu machen. Der einen Hälfte des Serienbriefs ist aufgefallen, dass in letzter Zeit sehr viele Coming-of-age-Serien bei Netflix erscheinen und hat das Phänomen für die Süddeutsche Zeitung analysiert.

Im Zeit-Magazin geht Matthias Kalle der Frage nach, wie es dazu kommen konnte, dass Serien heute so gefeiert werden.

Schaubar

Am 22. April startet die zweite Staffel des SciFi-Westerns Westworld. Der Youtube-Kanal Alt Shift X hat die Storyebenen der ersten entknotet und geordnet. Gut als Erinnerungshilfe oder wenn man sich nicht ganz sicher ist, ob man damals alle Wendungen und Zusammenhänge begriffen hat.

Überhaupt ist der April ein guter Monat für alle, die es genießen, sich von Serienmacher verwirren zu lassen. Die zweite Staffel des X-Men-Spin-offs Legion, seit Anfang April bei Fox, scheint in dieser Hinsicht die erste noch übertreffen zu wollen.

Foto: Netflix

Manchmal sind sie nackt und wippen ekstatisch zu indischen Gesängen, manchmal tragen sie rotorangene Einheitskluften und versuchen mit Reden über freie Liebe und Polygamie die spießige amerikanische Gesellschaft ein wenig aufzulockern. Die Netflix-Dokuserie Wild Wild Country beleuchtet nun die dunklere Seite des Bhagwan-Kults der Siebzigerjahre. Eine spannende Collage über Radikalisierung, Täuschung, Enttäuschung. Deutschlandfunk bespricht die Serie in einem kurzen Radio-Beitrag.

Der Kult um den Kult, denn kurioserweise spielen Sekten aber auch in vielen fiktionalen Serien eine zentrale Rolle, wie Charles Bramesco vom britischen Guardian festgestellt hat.

Die sechste Staffel der Spy-Serie The Americans ist angelaufen. Da sie von sowjetischen Spionen handelt und sie in der Zeit ankommt, in der die Sowjetunion zerfällt, wird es die letzte sein. Nun ist Paige, die Tochter der Spione, mit ins Familiengeschäft eingestiegen. Warum man die Serie gucken sollte, auch wenn man sich jahrelang dagegen gewehrt hat, schreibt Tom Batten vom New Yorker. Postkarten, Sprachnachrichten, Social Media. Lange haben Kollegen und Kolleginnen versucht, ihn endlich dazu zu bringen, der Serie eine Chance zu geben.

Multikulti-WG in Kreuzberg. Mit Just Push Abuba möchte das ZDF junge Leute erreichen. Ein spannendes Projekt, das für Youtube produziert wurde und ein internationales Publikum ansprechen soll.

Just Push Abuba ist eine für das Netz produzierte Komödie, die mit viel Selbstironie den Berlin-Hype anhand des Mikrokosmos einer Kreuzberger WG entlarvt. Die Serie wurde im TV-Labor „Quantum“ der ZDF-Redaktion ‚Das kleine Fernsehspiel‘ entwickelt, das auch schon die Emmy-prämierte Sitcom Familie Braun hervorgebracht hat.

schreibt Anna Steinbauer von der Süddeutschen Zeitung.

Der nächste Serienbrief erscheint am 5. Mai. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl

Serienbrief S01E02: Oldschool

Liebe Serienbrief-Freunde,

Unter uns: Wir sind wohl etwas altmodisch. Gerne würden wir Ihnen den Serienbrief auch handgeschrieben auf Büttenpapier per Postkutsche zukommen lassen. Das würde ganz wunderbar zu diesem entspannten Slow-News-Habitus passen. Doch das können wir uns leider nicht leisten.

Falls Sie jetzt vermuten, dass wir Sie gleich anschnorren, liegen Sie fast richtig. Diesmal geht der Serienbrief schon an fast doppelt so viele Leute wie zur Pilotfolge im Februar. Das freut uns sehr, danke für Ihr Interesse! Sie sind aber immer noch Teil eines relativ kleinen, elitären Abonnenten-Clubs. Darum unser Vorschlag: Wir investieren unsere Zeit in dieses Dossier mit interessanten Artikeln über Serien und Sie empfehlen uns weiter. Klingt gut? Wunderbar! Falls das Ihnen zu billig ist, Sie nicht wissen, wohin mit der Erbschaft, oder Sie uns einfach nur mit überschwänglichem Lob motivieren wollen, können Sie uns jederzeit über serienbrief@mailbox.org kontaktieren.

Und nun, wie gehabt, erst zum Drumherum, persönliche Empfehlungen gibt’s unten.

Foto: Electronic Superhighway by Nam June Paik, Libjr, CC-Attribution-Share Alike

Rettet die Flimmerkiste

Da wir uns nun schon als altmodisch geoutet haben, können wir auch gleich Adi Robertsons umfangreiche Reportage für The Verge empfehlen. Darin setzt sie dem Röhrenfernseher ein Denkmal. Es gibt nämlich noch Leute, die professionell alte TV-Geräte restaurieren. Ihre Kunden sind etwa Museen, die Videokunst erhalten wollen, zum Beispiel auch die Installationen von Nam June Paik, von denen eine oben im Titelbild zu sehen ist. Auch für Turniere mit alten Videospielen sind die Röhren unverzichtbar. Dass es darüber hinaus eine Verwendung für sie geben könnte, bezweifelt die Autorin allerdings:

It’s unlikely that CRTs will enjoy a sudden resurgence in popularity like vinyl records have. They’re extraordinarily large and heavy, and depend on other obsolete technologies like VCRs and old gaming consoles.

Dabei würde ein bisschen Authentizitäts-Fimmel sicher dem Ansehen alter TV-Serien zuträglich sein. Den Cineasten gelingt es schließlich auch, mit reliquienhaft protegierten Filmkopien noch der letzten uralten Schnulze filmhistorische Bedeutung abzuringen. Wir kennen bisher noch keine Télévisionnaires, die ähnliche Spleens für das Fernsehen entwickelt haben, möchten aber dringend dazu anregen, ein solcher zu werden und uns Bescheid zu geben.

Yellow Press

Alte Simpsons-Folgen würden Sie dann natürlich originalgetreu auf einer lieblich brummenden Plastik-Kiste aus den Neunzigern sehen. Langsam wird Ihnen dann auffallen, dass die Simpsons geradezu prophetisch sind. Sie haben die Entdeckung des Higgs-Teilchens, 9/11 und die Übernahme von Fox durch Disney vorhergesehen. Maya Salam erklärt in der New York Times, warum das keine Magie ist: Die Autoren sind klug, sie müssen in die Zukunft denken, damit die Folgen nach einjähriger Produktionszeit noch aktuell sind, und es gibt einfach sehr viele Folgen, was Glückstreffer wahrscheinlich macht. Am Ende des Artikels gibt es eine Liste mit schon eingetroffenen Simpsons-Orakeln inklusive Begründungen.

Foto: ProSieben

Zu den prominentesten Vorhersagen gehört heute, dass die Simpsons bereits im Jahr 2000 wussten, dass Donald Trump US-Präsident wird. Dessen Gegner im republikanischen Vorwahlkampf, Ted Cruz, fühlte sich im Februar dazu berufen, die politischen Lager der USA mit den Simpsons zu vergleichen. “Ich glaube die Demokraten sind die Partei von Lisa Simpson und die Republikaner sind, glücklicherweise, die Partei von Homer, Bart, Maggie und Marge”, zitiert ihn der Guardian. Stuart Heritage lässt sich dort die Vorlage nicht entgehen und geht mit köstlichen Spitzen der größtenteils falschen Behauptung nach:

Homer might be Republican, but then again Homer is a man so stupid that he once caused a nuclear meltdown in a van that contained no nuclear material whatsoever.

Weil sich Ted Cruz immer wieder öffentlich dazu bekennt, Simpsons-Fan zu sein, fragt der Guardian-Autor auch, wie es denn sein kann, dass ein so rechter Politiker eine so subversive Serie mag – deren Macher ihn zudem oft und gerne beschimpfen.

Flasche voll

Wie leitet man jetzt elegant von Republikanern und Homer Simpson zu Flaschen über? Egal. Manche Flaschen jedenfalls sind besser als ihr Ruf. Jake Nevins beschäftigt sich für den Guardian mit dem Phänomen der Flaschenepisoden. Ursprünglich waren das Lückenfüller-Folgen in Serien, deren Handlung, um Kosten zu sparen, sehr begrenzt ist. Heute können sie aber viel mehr als nur Budgetschoner sein. Sie werden zu Kammerspielen im Rahmen einer Serie:

These standalone chapters, narrowly conceived either thematically, geographically, or in the number of characters featured, serve as little detours and creative flourishes that let a show breathe. The recent popularity of the anthology series owes itself in part to the idea, spearheaded by the standalone, that TV episodes can function as mini-films instead of book chapters.

In Breaking Bad gibt es etwa die wunderbare Episode „Fly“ (S03E10), „Die Fliege“, in der es ausschließlich darum geht, dass Walther White eine Fliege jagt. Weitere Flaschenepisoden-Empfehlungen, die man auch ohne den Rest der Serie sehen kann, gibt es im Artikel zu entdecken.

Filmfestwürdig

Die Flaschenepisoden würden auch gut als Kurzfilm im Kino funktionieren. Bei Deutschlands größtem Filmfestival, der Berlinale, feiern nun schon seit einigen Jahren auch Serien ihre Premieren. Claudia Reinhard zählt für die FAZ auf, was es 2018 zu sehen gab. Taz-Autorin Carolina Schwarz ist darüber hinaus aufgefallen, dass es bei den diesjährigen Berlinale-Serien um die Frauenrollen ganz gut bestellt ist: Sechs von sieben würden den Bechdel-Test bestehen, der testet, ob Frauen mehr sind als nur dekoratives Beiwerk und sich miteinander auch über andere Themen als Männer unterhalten.

Die Serien stellen politische und gesellschaftliche Fragen, aus der Berufswelt, unter Freunden, in der Beziehung. Doch was sie alle verbindet, ist eine komplexe Frau als Hauptfigur.

Carolin Ströbele sieht das in der Zeit ganz ähnlich.

Kleingeld

Serien sehen nicht nur im Kino gut aus, sie werden auch immer teurer. Demnächst dürfte die erste Serie Produktionskosten von 20 Millionen US-Dollar pro Stunde übertreffen. Guardian-Redakteur Mark Sweney spekuliert darauf, dass es Der Herr der Ringe sein wird. Alleine die globalen Verwertungsrechte kosteten 250 Millionen Dollar. Das Blockbuster-Kino ist pro Stunde immer noch deutlich teurer, dafür dauern Serien natürlich viel länger. Am Ende des Artikels ist eine Liste mit Serien für alle, die sich mal etwas Luxus ins Wohnzimmer holen wollen.

Foto: Amazon.de

Nicht nur wegen steigender Kosten suchen Serienmacher weitere Finanzierungsmöglichkeiten. Die neue Staffel von Pastewka, ganz sicher keine mega-teure Produktion, steht unter Schleichwerbungs-Verdacht. Eine Folge spielt nämlich bei einer Filiale einer bekannten Elektronikmarkt-Kette, die uns nichts dafür bezahlt, ihren Namen auch noch an dieser Stelle zu nennen.

An sich ist das nicht verboten. Wenn es dafür aber eine Gegenleistung gab, dann handelt es sich ab einem gewissen Wert um Produktplatzierung. Im linearen Fernsehen (über)sieht man häufig eine kleine Einblendung, die auf solches Product Placement hinweist. Bei Pastewka fehlt diese aber, was nun die Medienaufsicht beschäftigt. Die muss nun erst einmal die Zuständigkeit klären: Amazon selbst sitzt in Luxemburg, für das Streaming-Angebot könnte aber der deutsche Ableger aus München geradestehen müssen.

Raus aus der Nische

Foto: Amazon Prime Video

Die Sorge um das liebe Geld bedingt offenbar auch andere Amazon-Entscheidungen. In den letzten Jahren überraschte der Versandhändler immer wieder als Produzent ungewöhnlicher Comedy-Formate, allen voran mit der Genderdiskussions-Serie Transparent. Damit ist jetzt erstmal Schluss. Im Februar wurde Hauptdarsteller Jeffrey Tambor, der in der Serie die Trans-Frau Maura spielt, gefeuert, nachdem ihm sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde – das scheint auch das Aus für Transparent zu bedeuten. Zwei andere tolle Serien setzte Amazon ohne Not bereits im Januar ab: One Mississippi mit Tig Notaro und die Adaption von Chris Kraus’ Roman I Love Dick. Wieso das geschieht, analysiert Josef Adalian auf vulture.com:

The art-house, critic-friendly fare championed by disgraced former Amazon Studios chief Roy Price (and TV head Joe Lewis) will be replaced by content designed to appeal to the masses, both in the United States and abroad. It’s a form of the tentpole strategy Disney has pursued in features under CEO Robert Iger, where smaller one-off movies made way for franchises like Star Wars and Pirates of the Caribbean.

Es lässt sich mit Serien für möglichst breite Zielgruppen wohl mehr verdienen. Netflix etwa fährt (noch) zweigleisig und produziert sowohl seichte Komödien für den Massengeschmack als auch Nischenserien. Amazon zieht sich aus letzteren wohl erstmal zurück.

Pembe dizi

Das war türkisch. Das Massenfernsehen in der Türkei hat sich Kristina Karasu für Deutschlandfunk Corso angeschaut. Präsident Erdoğan verdrückt dort Krokodilstränen bei der Premiere einer nationalistischen Propaganda-Serie. Wie diese teils auch schwer antisemitischen Produktionen aussehen, hat bereits im August 2017 Selim Aydin für die Süddeutsche Zeitung aufgeschrieben. Die Mehrheit der Türken guckt aber lieber das Melodrama Unsere Geschichte, in der es eher unislamisch zugeht, berichtet nun der Deutschlandfunk. Auch an Hauptdarstellerinnen mit Kopftuch hat das türkische Publikum wenig Interesse. Dennoch transportieren die Pembe dizi (zu Deutsch: Seifenopern) meist ein konservatives Weltbild.

Nachdreh

Im letzten Serienbrief berichteten wir darüber, dass deutsche Produzenten eine Serienförderung wollen. Diese steht nun im Koalitionsvertrag, der womöglich der nächsten großen Koalition zugrunde liegen wird. „Wir prüfen die Einbeziehung weiterer Verwertungsformen audiovisueller Inhalte, wie z.B. Streaming-Dienste, in die solidarische Filmförderung (FFG)“, steht im Entwurf (pdf) so vage wie nur möglich. Sprich: Man will mal drüber reden. Auch zur Höhe gibt es keine konkreten Angaben. Die Produzenten-Allianz freut aber, dass man die Förderung „mindestens auf dem aktuellen Niveau“ fortsetzen will.

Schaubar

Besonders gefallen haben uns im Februar drei Produktionen.

Die vierte Staffel der Amazon-Serie Mozart in the Jungle geht wichtigen Musikerinnen auf die Spur, die sich im Schatten ihrer Brüder und Ehemänner bewegten. So quatscht Hauptfigur Hailey Rutledge etwa mit Mozarts Schwester Maria Anna und entscheidet sich, mit ihrem Ensemble nur Stücke von Komponistinnen aufzuführen. Ein kluger, subtil-komischer Kommentar zur hitzigen #MeToo-Debatte.

Here and now ist das zeitgeistige Familien-Drama des Six Feet Under– und True Blood-Machers Alan Ball. „Wir haben verloren“, verkündet Greg zu seinem sechzigsten Geburtstag. Wir, das sind er, Philosophieprofessor, seine Frau, beide Ex-Hippies, ihre aus Vietnam, Liberia und Kolumbien adoptierten Kinder, die schon erwachsen sind, und die leibliche Tochter, die es fast ist. Die Serie zur Depression der Linksliberalen unter Trump läuft bei Sky.

Eine der oben genannten Berlinale-Serien mit den starken Frauenfiguren ist Bad Banks, zu sehen in der Arte-Mediathek und ab 3. März , 21:45 Uhr, auch linear im ZDF. Hauptfigur ist die junge und ehrgeizige Bankerin Jana Liekam, die in dem Thriller in Intrigen und Machenschaften einer fiktiven systemrelevanten deutschen Bank gerät. Exzesse inklusive, auch wenn die noch ein gutes Stück von Wolf of Wall Street-Niveau entfernt sind. Wer nach sechs Folgen noch mehr Lust auf kriminelle Banker hat, dem sei auch die BBC-Produktion McMafia nahegelegt.

Foto: ZDF/Sammy Hart

Vorschau

In den nächsten vier Wochen könnten sich folgende Serien lohnen: Die Berlinale-Serie The Looming Tower, ab 9. März auf Amazon, handelt vom Aufstieg des Terror-Netzwerks Al-Kaida bis zu den Anschlägen vom 11. September. In der SundanceTV-Produktion Liar, ab 14. März auf Vox und bereits jetzt auf TV Now, geht es in sechs Folgen um die Frage nach der Wahrheit bei einem Vergewaltigungsvorwurf. Gespannt erwarten wir auch die zweite Staffel von Legion, ab 4. April bei Fox, denn sie war unter den zahlreichen Superhelden-Serien des vergangenen Jahres die interessanteste.

Der nächste Serienbrief erscheint am 7. April.

Bis dahin. Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl

 

Serienbrief S01E01: Pilot

Guten Tag, liebe Early Adopters,
schön, dass Sie den Weg zu uns gefunden haben. Immerhin schon in mittlerer zweistelliger Zahl. Und das, obwohl wir dieses Projekt kaum beworben haben. Wahrscheinlich kennen wir uns also. Für alle anderen: Wir, das sind Julia Weigl und Benedikt Frank, eine freie Journalistin und ein freier Journalist aus München, die von Serien nicht lassen können.Bei unserem täglichen Leseprogramm arbeiten wir uns durch wahnsinnig viele Artikel. Die meisten davon sind tags darauf völlig egal. Die unzähligen Recaps. Die Flut an Meldungen über Kleinigkeiten. Vage Ankündigen, Jahre bevor es eine Serie zu sehen gibt. Große dezidierte Serienwebsites sind wegen des ganzen Hypes unbenutzbar geworden, von der Kalenderfunktion vielleicht abgesehen. Schade eigentlich, denn viel Interessantes geht im Rauschen unter.

Wir sind überzeugt, dass Serienmenschen zwar den Thrill auf dem Bildschirm schätzen, im Grunde aber gemütliche Personen sind. Schließlich nehmen sie sich wahnsinnig viel Zeit, den ihnen lieb gewordenen Geschichten zu folgen. Statt Serienmenschen als Drogensüchtige zu sehen, die mit billigem Crack beliefert werden wollen, möchten wir sie uns lieber als Trinker vorstellen. Pardon: Geselligkeitstrinker. Wie jemanden eben, der es vielleicht manchmal übertreibt, aber anders als Abhängige den Konsum genießen kann und entsprechende Ansprüche an die Qualität seines Genussmittels hat.

Darum gibt es hier nicht noch mehr überhypte News und keine endlos lange Listen, die vorgeben, Empfehlungen zu sein, aber doch nur Suchmaschinenoptimierung betreiben. Hier geht es um das wirklich Wichtige. Monatlich, weil wöchentlich schon zu eilig ist, sammeln wir gute Artikel über das, was wahrscheinlich noch über vier Wochen hinaus relevant bleiben wird. Nach zwölf Folgen hat man dann ein Dossier mit handgepflückten Essays, Metatexten und Lesestoff zu andauernd aktuellen Diskussionen über das Serienjahr. Der Serienbrief kommt immer am ersten Samstag eines Monats. Wir freuen uns über Kritik und noch viel mehr über Lob an serienbrief@mailbox.org. Wenn Ihnen der Serienbrief gefällt, empfehlen Sie uns gerne weiter.

Fangen wir an. Zunächst ein paar Dinge zum Drumherum, persönliche Empfehlungen stehen am Ende.

(Foto oben: Alien Productions)

Was bisher geschah

Foto: BR

Zum Start ein kurzer Flashback. Zeit-Redakteurin Carolin Ströbele hat einen guten Überblick über die Neuerungen bei deutschen Serien im vergangenen Jahr 2017 geschrieben. Am Beispiel von Neuesuper, der Produktionsfirma der nun auch für den Grimme-Preis nominierten BR-Serie Hindafing, analysiert sie:

Die Genese von Hindafing erzählt viel über den deutschen Serienmarkt und das Verhältnis zwischen seinen Protagonisten. 2017 haben Amazon und Netflix nicht nur mit ihren ersten deutschen Eigenproduktionen erfolgreich ihre Macht erprobt. Die Streamingdienste greifen immer häufiger auch erfolgreiche Formate des linearen Fernsehens ab, indem sie, wie bei Hindafing, einem Nischenprodukt der Öffentlich-Rechtlichen noch mal eine Plattform bieten.

Am Ende gibt es eine Liste mit deutschen Serien, auf die zu achten im aktuellen Jahr sich lohnen könnte.

Preisausschreiben

Ebenfalls für einen Grimme-Preis nominiert sind die Serien 4 Blocks (TNT), Babylon Berlin (Sky/WDR) und Das Verschwinden (BR/NDR/SWR). Mit Baran bo Odars und Jantje Frieses Nominierung in der Kategorie “Spezial” für ihr Buch und die Idee zu Dark (Netflix) hat es auch erstmals eine Produktion eines Streaming-Dienstes auf die Liste geschafft. Ein deutlich weniger seriöser Preis, die Goldene Kamera der Funke-Mediengruppe, schmückt sich ebenfalls mit den genannten Serien.

Foto: ARD/Sky

Beim Deutschen Fernsehpreis dagegen darf ein Streamingdienst wie Netflix natürlich nicht mitspielen. Ausgezeichnet wurden hier Ende Januar die anderen Verdächtigen: Babylon Berlin als beste Drama-Serie und für das Drumherum (beste Kamera, Musik und Ausstattung), Das Verschwinden für das beste Buch und die beste Schauspielerin (Julia Jentsch), 4 Blocks für die beste Regie, Schnitt und den besten Schauspieler (Kida Khodr Ramadan) und Magda macht das schon! (RTL) als beste Comedy-Serie.

Gleichstellung

Über den Preis wird sich jeder Fernsehmacher freuen. Die Verleihungsfeier selbst ist aber mittlerweile so egal, dass man sie lieber nicht im TV überträgt und trotzdem niemand etwas verpasst. Wenig preiswürdig war auch die Einladungspolitik der Veranstalter. Sie ließen nämlich zunächst die Drehbuchautoren außen vor, angeblich aus Platzgründen. Ein Affront für den Verband Deutscher Drehbuchautoren, der protestierte:

Ein Sinnbild für eine immer noch grassierende Ignoranz in Teilen der Branche. Angesichts der massiv zunehmenden Anerkennung und Wertschätzung der Arbeit, die Drehbuchautoren international erhalten, ist dies ein wenig zeitgemäßer und skandalöser Rückschritt auf nationaler Ebene. Die Macher des Deutschen Fernsehpreises haben scheinbar nichts gelernt!

Nach etwas Hin und Her war dann auf einmal doch Platz.

Über den Kontext der fehlenden Achtung vor Drehbuchautoren in Deutschland sprechen Eva und Volker A. Zahn im Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger:

Man vertraut uns und unserer Vision von einer Story oft nicht. Autoren müssen ständig für ihre Geschichten kämpfen, weil Produzenten, Redakteure, Regisseure und Schauspieler meinen, ihre Vorstellungen, ihre eigenen Erlebniswelten, ihre Geschmäcker und Bedenken miteinbringen zu müssen. In vielen Fällen hat das nichts mit erwünschter konstruktiver Kritik zu tun, sondern mit Einmischung. Das Drehbuch wird nicht als eigenständiges schöpferisches Werk gesehen, sondern als Verhandlungsmasse, manchmal als Beutestück, viele Besprechungen ähneln einem Wunschkon-zert der Beteiligten.

Natürlich betrifft das auch Filme. Durch Serien hat sich aber das Berufsbild der Drehbuchautoren gewandelt und ihr Selbstbewusstsein gestärkt: Als Showrunner sind sie in den USA bereits länger Auteurs, mächtige Lenker des Produkts. Diesen Bedeutungsgewinn fordern Autoren nun also auch in Deutschland ein.

In den USA geht es derweil aktuell weniger um die generelle Anerkennung, als um einen gerechten Lohn. In einem Google Doc sammeln FernsehmacherInnen anonym ihr Gehalt, um durch den Vergleich der Diskriminierung entgegenzuwirken. Hierzulande hat sich kürzlich die Gleichstellungs-Initiative Pro Quote Regie umbenannt. Als Pro Quote Film vertritt nun also allgemein Frauen im Filmgewerbe, das natürlich auch ein Seriengewerbe ist.

Allgemeine Diskriminierung bildet einen Rahmen, in dem auch sexuelle Belästigung und Vergewaltigung offenbar toleriert werden. Mit den im Zeit Magazin erhobenen Vorwürfen gegen den Regisseur Dieter Wedel ist die #MeToo-Debatte, die vor allem in der Unterhaltungsindustrie der USA Auswirkungen zeigt, im Januar endgültig auch in Deutschland angekommen. Mittlerweile untersuchen ZDF, Sat. 1, SR, NDR und die Produktionsfirma Bavaria Film, ob es auch bei ihren Produktionen zu sexuellen Übergriffen kam. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Fördern und fordern

Achtung, harter Schnitt. Auf die Beteiligung von Streamingdiensten an deutschen Serien alleine wollen sich der aktuelle Geschäftsführer der UFA, Nico Hofmann, und sein Vorgänger, Wolf Bauer, offenbar nicht verlassen. In einem Text für die FAZ (Blendle-Link) halten sie die Hand auf. 200 bis 300 Millionen Euro sollen nach ihnen durch deutsche Serien jährlich zusätzlich umgesetzt werden können. Da sie aber behaupten, das ginge nur, wenn der Staat die Produktionen zukünftig in gleicher Höhe fordert, wäre das eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, meinen wir Milchmädchen. Interessanter ist da schon ihre Idee, das Fördersystem vom Kino zu lösen, damit auch Serien profitieren können:

Zukunftsfähig ist ein Förderinstrument deshalb nur dann, wenn es unabhängig von Abspielwegen die Inhalte-Produktion in Deutschland unterstützt. Effektive Fördermodelle müssen also zugunsten deutscher Produktionen ausgestaltet sein, da von diesen – anders als bei reinen Produktionsdienstleistern – die kreative Entwicklung neuer Inhalte ausgeht.

Nur müsste man dann überhaupt erst die Kriterien definieren, die eine Serie zur förderungswürdigen „High-End-Serie“ machen. Die Förderung dürfte nicht nur den großen, teuren Werken zukommen, die auf eine möglichst breite Zielgruppe zielen. Und eine Serienförderung wirft weitere Fragen auf. Die Filmförderungsanstalt vergibt etwa auch Gelder an Kinos. Müssten dann analog nicht auch Sender gefördert werden, die spleenige Serien für ein kleineres Publikum zeigen? Oder müssten in Programmkinos auch künstlerisch anspruchsvolle Serien laufen? Es gibt jedenfalls viel Diskussionsbedarf und alles auszuhandeln sollte nicht alleine Filmwirtschaft und Politikern überlassen werden. Was wäre Ihnen eine Serienförderung wert? Die UFA-Chefs wollen ihre Forderung den Steuerzahlern schmackhaft machen, indem sie vier- bis sechsfache Mehreinnahmen versprechen.

Als „Anreiz zur Stärkung der Filmproduktion in Deutschland“ stehen laut Subventionsbericht des Bundes dieses Jahr 125 Millionen Euro bereit. Das ist 2,5 mal so viel Steuergeld wie im Vorjahr, das laut Hofmann und Bauer den Serien aber nicht zugute kommt. Die Filmförderung belegt damit Platz 18 der größten Finanzhilfen des Bundes, außerdem gibt es Förderprogramme der Länder. Zum Vergleich: Der Städtebau (Platz 13) soll mit 231 Millionen Euro gefördert werden, also ungefähr in der Höhe, die sich die UFA-Chefs wünschen.

Die Serienförderung könnte schließlich auch Thema der Koalitionsverhandlungen werden. Eine entsprechende Forderung hat jedenfalls die Produzentenallianz veröffentlicht.

Essaypause

Foto: Netflix

Guardian-Autor Jonathan Bernstein analysiert Western-Serien als einen (Zerr-)Spiegel des amerikanischen Zeitgeists. Rawhide und Gunsmoke lullen ihr Publikum ab den 1950ern mit einfachen Geschichten, in denen die Guten über die Bösen siegen, im Glauben ein, dass früher alles besser gewesen sei. Als in den 70ern der Vietnamkrieg tobt, sendet man mit Unsere kleine Farm Kleinststadtidylle ohne Schießereien. Unter Bush Jr. sieht man mit dem Space-Western Firefly und dem historischen Western Deadwood Serien, die vom Misstrauen in die Regierung und die Rechtsstaatlichkeit geprägt sind. Marshal Raylan Givens aus Justified erinnere an die wütenden, weißen Männer mittleren Alters, die dann zu Trump-Wählern wurden. Und heute?

 A thin line separated the hero with the gun and the psycho he was shooting full of holes. In shows such as Westworld and Godless that line, you sense, is disappearing altogether. Because Americans are only getting more scared.

Seit 1. Februar gibt es nun auch die Western-Serie Damnation auf Netflix. Die wurde zwar in den USA nach einer Staffel eingestellt, handelt aber ganz passend von Streiks und Union-Bustern in den 1930er-Jahren.

Ebenfalls passend: “Die Starken, Zielsicheren und Lässigen in Godless, das sind die Frauen von La Belle”, schreibt Axel Weidemann in der FAZ. Untypisch für den klassischen Western sind sie es, die für Recht und Ordnung sorgen, als der berüchtigte Verbrecher Frank Griffin (Jeff Daniels) die Kleinstadt überfällt.

Kurz gemeldet

Der Süddeutsche-Redakteurin Karoline Meta Beisel ist eine Analyse der Wikipedia-Abrufzahlen aufgefallen, nach der im Anschluss an neue Folgen Victoria besonders viele Leute Lexikoneinträge zu britischen Königinnen lesen. Der Beweis, dass Serien klug machen, ist das wohl noch nicht. Aber offenbar machen sie neugierig.

Zumindest, wenn man sie richtig schaut. Die Welt entdeckt eine bereits im September 2017 veröffentlichte Studie der University of Melbourne. Die hat erschreckendes herausgefunden: Binge-Watching macht doof. So die sehr verkürzte Zusammenfassung.

Immerhin soll die Dummheit aber reversibel sein, wenn man das Konsumverhalten ändert. Anderen ist wohl nicht so einfach zu helfen. Amerikanische Rechtsradikale haben eine über elf Jahre alte Lindenstraße-Folge ausgegraben und missbrauchen sie für ihre Hetze, berichtet Meedia. Islamisierung und so weiter.

Retro-Serie des Monats

Vielleicht würde heute auch eine Serie über einen illegalen Immigranten, der vor der Zerstörung seiner Heimat geflohen ist, für Empörung sorgen. Wenn der außerdem seltsame Essgewohnheiten hat und sich gegenüber der Familie, die ihn vor den Behörden versteckt, kein bisschen dankbar zeigt, erst recht. Wenn das dann auch noch bei einem öffentlich-rechtlichen Sender läuft, müsste der Fernsehrat spätestens nach einer Woche Shitstorm zum Thema tagen. Klar, die Rede ist von Gordon Shumway, besser bekannt als Alf, der Außerirdische vom Planeten Melmac. Nachdem er bereits zwei Jahre davor in der Garage der Familie Tanner bruchlandete, kam er vor 30 Jahren, am 5. Januar 1988, auch ins ZDF. Anlässlich des Jubiläums zeigt Super RTL die 52 Folgen der Sitcom jetzt immer freitags ab 22 Uhr.

Es gibt noch ein weiteres Jubiläum: Breaking Bad ist 10 Jahre alt. Die kürzestmögliche Zusammenfassung in einer Minute kann man hier anschauen. Spannend zu lesen ist zudem ein Interview des Esquire, in der die Beteiligten nachzeichnen, wie es entgegen aller Widrigkeiten zu der Serie kam.

Schaubar

Foto: Netflix

Zu guter Letzt noch vier kurze Empfehlungen, die uns in den letzten vier Wochen ans Herz gewachsen sind.

Düstere Komödien können die Briten einfach. Das haben sie in letzter Zeit gleich mehrfach bewiesen – nicht nur in der der Amazon-Produktion Fleabag, sondern auch in der fantastisch zynischen Channel-4-Produktion The End of the F***ing World: Zwei schräge Teenager begeben sich darin auf einen verhängnisvollen Roadtrip. Emily Nussbaum schreibt im New Yorker dazu.

Die zweite Staffel von American Crime Story ist angelaufen. Diesmal geht es um den Mord am Modedesigner Gianni Versace.

Big Little Lies hat bei den Emmys sechs Trophäen abgesahnt. In einen seltsamen Todesfall bei der Spendengala für eine Grundschule sind drei Mütter verstrickt. Im Rückblick wird erzählt, wie es dazu kommen konnte.

Frauen hatten es im New York der Fünfzigerjahre nicht leicht. Jüdische Frauen schon gleich gar nicht. Wenn sie dann auch noch ein Talent für Stand-up-Comedy haben, landen sie schon mal im Knast. All das gibt’s zu sehen in der Golden Globe prämierten Komödie The Marvelous Mrs. Maisel von den Machern von Gilmore Girls. Dazu ein Text von The Atlantic.

Vorschau

Im Februar könnte die HBO-Serie Mosaic (Trailer) von Regisseur Steven Soderbergh und Autor Ed Solomon interessant sein. Ursprünglich als App konzipiert, konnten die Zuschauer wählen, wessen Perspektive sie folgen. In Deutschland ist sie ab 14. Februar bei Sky Atlantic zu sehen, allerdings nur als Zusammenschnitt der interaktiven Version.

Ab 27. Februar zeigt Pro 7 die Star-Trek-Parodie von Family Guy-Macher Seth MacFarlane The Orville (Trailer). Die Pilotfolge ist fürchterlich, es lohnt sich dennoch weiterzuschauen, besonders für Nostalgiker. Denn was kaum veräppelt wird, sind die Ideale der Sternenflotte.

Gespannt sind wir auch auf Nix festes, ab 27. Februar auf ZDF Neo. Es geht um Serien-Autoren, die irgendwie über die Runden kommen wollen. Wie könnten wir das ignorieren?

Und damit zum Abspann. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Der nächste Serienbrief erscheint am 3. März.

Bis dahin. Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl