Serienbrief S01E04: Die Feste feiern wie sie fallen.

Liebe Serienbrief-Freunde,

die Tage werden wärmer, aber auch pollenreicher, was doch zumindest für Allergiker ein sehr guter Grund ist, den Tag im Reinraum mit Serien zu verbringen, statt sich in Biergärten zwischen schwitzenden Menschenmassen zu langweilen. Da wir wieder einige neue Serienbrief-Abonnenten begrüßen dürfen, noch mal kurz die Bedienungsanleitung: Erst gibt es interessante Geschichten und Artikel des vergangenen Monats, einige handgepflückte Serien-Empfehlungen stehen dann unten. Dem Spamfilter beizubringen, dass man unseren Newsletter lesen will, hilft auch. Dann wollen wir Sie mal nicht weiter aufhalten. Los geht’s.

Feiertage

Die Festival-Saison hat begonnen. Nein, gemeint sind nicht Rock am Ring, Wacken oder Fusion. Mit Cannesseries gab es Anfang April zum ersten Mal einen Serien-Ableger des weltberühmten Filmfestivals, zeitgleich zur Fernseh-Fachmesse MipTV, wohl auch um diese etwas aufzuhübschen. Heute kommt die neunte Ausgabe der Séries Mania in Lille zum Abschluss. Aber auch England mischt gerade bei Serien-Festivals mit, dort endet morgen das Pilot Light TV Festival in Manchester.

Die Premiere von Cannesseries ist, wenn man verschiedenen Kritiken glaubt, nicht gelungen, zumindest mit dem großen Filmfest-Bruder kann der Serienableger nicht mithalten. Es fehlte unter anderem an einem großen Coup. John Hopwell bemüht sich für Variety trotzdem, anhand des Programms von Festival und Messe acht globale Trends zusammenzutragen: Die neuen Serien dominieren Frauen, Europas Industrie-Revolution könnte im Free-TV stattfinden, in Israel entstehen interessante Serien, Kinofilmmacher wechseln weiterhin ins TV, Telekommunikations-Firmen gehen in die Serienproduktion, „Inspiriert von wahren Ereignissen“ ist schwer angesagt, die größte Herausforderung für Serienproduzenten ist es, Talente zu finden, und Nordic Noir ist nicht mehr nur Made in Skandinavien, sondern ein weltweites Phänomen. So etwa die Zusammenfassung. Für Séries Mania macht Variety vergleichbare Beobachtungen. Eine ausführlichere Analyse des europäischen Serienmarkts hat zudem Wilfred Urbe für die Taz geschrieben.

Am Ende von Cannesseries gab es einen Preis für die israelische Serie When Heroes Fly – beziehungsweise für dessen Pilotfolge, denn die Jury bewertete nur diese. Typischer gibt es auf Serienfestivals nur eine Folge oder zwei zu sehen, nie eine ganze Staffel. So sind Serienfestivals eigentlich eher Pilotfolgenfestivals. Lars Weisbrod hat für die Zeit einen Überblick über die kommenden europäischen Serienfestivals geschrieben und versucht im Fazit zu begründen, warum es diese trotzdem braucht:

Muss man denn aus allem ein Festival machen, selbst aus Serien? Ja, muss man. Serienkonsum mag Privatsache sein, Seriengespräche aber gehören in die Festival-Öffentlichkeit.
Nur: Zum öffentlich darüber reden würde es dann auch genügen, sich einmal im Jahr bei einer Art Barcamp zu treffen und über Serien zu diskutieren, die zuvor schon jeder sehen konnte. Wer Interesse an so etwas hätte, kann sich gerne bei uns melden: serienbrief@mailbox.org. Bis dahin verbleiben wir mit einer Liste der dieses Jahr noch anstehenden Festivals:
  • TV Series Festival (Berlin): 7. bis 10. Juni
  • Série Series (Fontainebleau): 26. bis 28. Juni
  • Serienale (Berlin): 17. bis 21. Oktober
  • Seriencamp (München): 8. und 9. November
  • Are You Series (Brüssel): 11. bis 16. Dezember
Für reine Branchenkreise gibt es natürlich schon Veranstaltungen, bei denen die Branche über sich selbst redet. Oliver Jungen berichtet für die FAZ vom Serien Summit aus Köln. Das große Thema dort war, wie man Serien produziert, die mit amerikanischen Streamingdiensten mithalten können, ohne die entsprechend großen Budgets dafür zur Verfügung zu haben.

Erste Allgemeine Verunsicherung

Die angesagten Serien sind nicht nur teuer zu produzieren, sondern immer öfter auch sehr verwirrend. Wer unserer Empfehlung aus dem letzten Serienbrief für die zweiten Staffeln von Westworld und Legion gefolgt ist, weiß das. Sam Wolfson hat sich für den Guardian nun die Frage gestellt, warum das moderne Fernsehen einen so durcheinanderbringt. Ein Grund könnte sein, dass wir eben in wirren Zeiten leben und sich das in Serien widerspiegelt. Ein weiterer, dass Medien und Fans gerne mitspielen, denn jede komplizierte Serie braucht Erklärstücke und ein engagiertes Publikum, das sich auch über das reine Sehen hinaus mit der Serie beschäftigt. Wie so oft, steht am Ende ein Dilemma:
If things are too straightforward, savvy audiences will guess the ending before it happens. If they’re too complicated then watching starts to feel like a second job, especially when shows prioritise plot twists and conceptualism over likable characters and good scripts. But perhaps it’s outdated to think that TV should be entertaining. The concept of the serious novel or experimental cinema is accepted. Maybe it’s time we acknowledged there are some shows you watch for simple escapism, and others you have to work for.

Am Ende des Artikels werden die vier kompliziertesten aktuellen Serien (ohne Twin Peaks) vorgestellt und die Frage gestellt, ob man sie sich wirklich antun muss.

Eine weitere Beobachtung der Serienkritiker des Guardians: Es gibt immer öfter extra lange Episoden, die ein besonderes Event sein sollen. Stuart Heritage ärgert sich aber darüber, dass dafür der Inhalt unnötig gedehnt wird.

Killer-Serie

Zwar kann man an der großen Verwirrung verzweifeln. Die einfachen Weltbilder dürfen aber auch nicht die Lösung sein. Ein solches vertritt ganz sicher der philippinische Staatschef Rodrigo Duterte, der mit einem Krieg gegen vermeintliche Drogensüchtige Politik macht. In der Praxis heißt das, dass er Selbstjustiz erlaubt, durch die schon über 20.000 Menschen zum Mordopfer geworden sein sollen und sich in seinem Bestreben auch mal stolz mit Hitler vergleicht. Und nun gibt es eine philippinische Netflix-Serie des international gefeierten Regisseurs Brillante Mendoza, die mit dieser Politik so kompatibel ist, dass man sie ruhig Propaganda nennen darf. Jens Geiger schreibt für Spiegel Online über Amo:

Die Gewalt des Staates ist in der Serie – wie in Dutertes Propaganda – immer nur eine Reaktion auf abscheuliche Verbrechen, wird mit Augenmaß dosiert und trifft ausschließlich die Richtigen. Genau ein unschuldiges Opfer wird gezeigt: Eine Passantin wird von einem Dealer erschossen.

Ansonsten achtet Mendoza peinlich genau darauf, dass nur Verbrecher sterben. Und die Todesschwadronen? Amo legt nahe, dass es wohl die Dealer selbst seien, die sich zu Tausenden gegenseitig umbrachten.

Netflix ist die Kritik herzlich egal und flüchtet vor der Verantwortung: Die Zuschauer sollen entscheiden.

Kleinigkeiten

Die gescriptete US-Serie mit den meisten Episoden ist seit vergangenen Sonntag Die Simpsons. Mit Folge 636 überholte sie die Western-Serie Gunsmoke (in Deutschland unter dem Titel Rauchende Colts bekannt). Natürlich feiert man das mit einem Couch-Gag.

Wie sich die Zeit in den fast 30 Jahren seit Beginn der Simpsons ändert, zeigt auch eine andere Diskussion. Die Figur des achtfachen Vaters und Quick-E-Markt-Verkäufers Apu Nahasapeemapetilon steht in der Kritik, da sie Vorurteile gegen Inder bedient. Von Mr. Burns bis Chief Wiggum sind natürlich fast alle Simpsons-Charaktere Stereotypen, nur eben keine rassistischen. In einer Folge Anfang April, die davon handelt, dass Marge schockiert ist, wie rassistisch ihre Kindheitslektüre war, haben die Macher etwas lasch auf den Vorwurf reagiert, indem sie Marge und Lisa etwas oberflächlich bemerken ließen, dass die Zeiten sich eben geändert hätten. Die Kritik daran führte nun dazu, dass Apus Sprecher Hank Azaria anbot, von der Rolle zurückzutreten. Der Simpsons-Erfinder Matt Groening sagte dagegen, in einem Interview auf das Thema angesprochen, die Leute würden heutzutage gerne so tun, als seien sie beleidigt.

Jörn Kruse schreibt für die Taz über den Scully-Effekt. Laut einer Studie des Geena Davis Institute of Gender in Media ergreifen Frauen, die in der Jugend Akte-X geschaut haben, öfter naturwissenschaftliche oder technische Berufe. Kommt das jemandem unter unseren Serienbrief-LeserInnen bekannt vor?

Es gibt ein neues Serien-Magazin, das einfacherweise auch „Serien Magazin“ heißt. Uns hat die zweimal im Jahr erscheinende Kooperation von Cinema und TV Spielfilm mit seinen unzähligen Daumen-rauf-daumen-runter-Kritiken nicht überzeugt. Karoline Meta Beisel schreibt für die Süddeutsche über das Magazin:

Das Layout sieht etwas zusammengestöpselt aus, ansonsten dürfte der größte Haken sein, dass man nach der Lektüre zwar weiß, was läuft, aber trotzdem nicht, wann man all das gucken soll.

 

Schaubar

Mit zerzausten Haaren und im Schlafanzug sitzt Audrey unter lauter Fremden mit Babys auf dem Schoß in einer Scheune. Eigentlich wäre sie viel lieber mit ihren Freunden in der Kneipe. Aber das geht nicht mehr, sie hat jetzt ein Baby und ist auf ihre neue Baby-Support-Truppe angewiesen. Leicht und ein wenig schräg erzählt die australische Serie The Letdown auf Netflix, wie schnell sich das Leben ändern kann, wenn plötzlich 24/7 ein Baby an dir klebt. Political Correctness und Etikette sind egal, warum darf sich nicht eine stillende Mutter auch mal ein kleines Bierchen gönnen, zwischendurch.

Ab dem 28. Mai zeigt Fox die ganz wunderbare israelische Serie False Flag. Unbescholtene Bürger werden öffentliche bezichtigt, Mossad-Agenten zu sein und den iranischen Verteidigungsminister aus einem russischen Hotel entführt zu haben. Doch weder die Beschuldigten noch der israelische Geheimdienst wissen etwas davon. Und da wir gerade in der Gegend sind: Die zweite Staffel von Fauda gibt es ab 24. Mai auf Netflix.

Foto: Netflix

Aktuell entdecken viele die spanische Serie Haus des Geldes (La casa del papel).  Was bisher Geheimtipp war, soll nun von Netflix eine dritte Staffel spendiert bekommen. Im Stil eines Heist-Movies bricht eine Gruppe von Profi-Kriminellen in die spanische Gelddruckerrei ein.Klar, man kann sich DVD-Boxen kaufen oder Serien im Stream Bingewatchen. Aber manche wurden dafür einfach nicht gemacht. Wenn sie schon etwas älter sind, ist es eine große Freude, sie beim Zappen zu entdecken. Tele5 zeigt derzeit samstags ab 18.10 Uhr jeweils zwei Folgen der wundertollen Buffy. Man ist zwar schon mitten in Staffel zwei, aber zum Glück sind Serien aus den 90ern etwas großzügiger, was den Quereinstieg angeht.

Der nächste Serienbrief erscheint am 2. Juni. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl