Serienbrief S01E02: Oldschool

Liebe Serienbrief-Freunde,

Unter uns: Wir sind wohl etwas altmodisch. Gerne würden wir Ihnen den Serienbrief auch handgeschrieben auf Büttenpapier per Postkutsche zukommen lassen. Das würde ganz wunderbar zu diesem entspannten Slow-News-Habitus passen. Doch das können wir uns leider nicht leisten.

Falls Sie jetzt vermuten, dass wir Sie gleich anschnorren, liegen Sie fast richtig. Diesmal geht der Serienbrief schon an fast doppelt so viele Leute wie zur Pilotfolge im Februar. Das freut uns sehr, danke für Ihr Interesse! Sie sind aber immer noch Teil eines relativ kleinen, elitären Abonnenten-Clubs. Darum unser Vorschlag: Wir investieren unsere Zeit in dieses Dossier mit interessanten Artikeln über Serien und Sie empfehlen uns weiter. Klingt gut? Wunderbar! Falls das Ihnen zu billig ist, Sie nicht wissen, wohin mit der Erbschaft, oder Sie uns einfach nur mit überschwänglichem Lob motivieren wollen, können Sie uns jederzeit über serienbrief@mailbox.org kontaktieren.

Und nun, wie gehabt, erst zum Drumherum, persönliche Empfehlungen gibt’s unten.

Foto: Electronic Superhighway by Nam June Paik, Libjr, CC-Attribution-Share Alike

Rettet die Flimmerkiste

Da wir uns nun schon als altmodisch geoutet haben, können wir auch gleich Adi Robertsons umfangreiche Reportage für The Verge empfehlen. Darin setzt sie dem Röhrenfernseher ein Denkmal. Es gibt nämlich noch Leute, die professionell alte TV-Geräte restaurieren. Ihre Kunden sind etwa Museen, die Videokunst erhalten wollen, zum Beispiel auch die Installationen von Nam June Paik, von denen eine oben im Titelbild zu sehen ist. Auch für Turniere mit alten Videospielen sind die Röhren unverzichtbar. Dass es darüber hinaus eine Verwendung für sie geben könnte, bezweifelt die Autorin allerdings:

It’s unlikely that CRTs will enjoy a sudden resurgence in popularity like vinyl records have. They’re extraordinarily large and heavy, and depend on other obsolete technologies like VCRs and old gaming consoles.

Dabei würde ein bisschen Authentizitäts-Fimmel sicher dem Ansehen alter TV-Serien zuträglich sein. Den Cineasten gelingt es schließlich auch, mit reliquienhaft protegierten Filmkopien noch der letzten uralten Schnulze filmhistorische Bedeutung abzuringen. Wir kennen bisher noch keine Télévisionnaires, die ähnliche Spleens für das Fernsehen entwickelt haben, möchten aber dringend dazu anregen, ein solcher zu werden und uns Bescheid zu geben.

Yellow Press

Alte Simpsons-Folgen würden Sie dann natürlich originalgetreu auf einer lieblich brummenden Plastik-Kiste aus den Neunzigern sehen. Langsam wird Ihnen dann auffallen, dass die Simpsons geradezu prophetisch sind. Sie haben die Entdeckung des Higgs-Teilchens, 9/11 und die Übernahme von Fox durch Disney vorhergesehen. Maya Salam erklärt in der New York Times, warum das keine Magie ist: Die Autoren sind klug, sie müssen in die Zukunft denken, damit die Folgen nach einjähriger Produktionszeit noch aktuell sind, und es gibt einfach sehr viele Folgen, was Glückstreffer wahrscheinlich macht. Am Ende des Artikels gibt es eine Liste mit schon eingetroffenen Simpsons-Orakeln inklusive Begründungen.

Foto: ProSieben

Zu den prominentesten Vorhersagen gehört heute, dass die Simpsons bereits im Jahr 2000 wussten, dass Donald Trump US-Präsident wird. Dessen Gegner im republikanischen Vorwahlkampf, Ted Cruz, fühlte sich im Februar dazu berufen, die politischen Lager der USA mit den Simpsons zu vergleichen. “Ich glaube die Demokraten sind die Partei von Lisa Simpson und die Republikaner sind, glücklicherweise, die Partei von Homer, Bart, Maggie und Marge”, zitiert ihn der Guardian. Stuart Heritage lässt sich dort die Vorlage nicht entgehen und geht mit köstlichen Spitzen der größtenteils falschen Behauptung nach:

Homer might be Republican, but then again Homer is a man so stupid that he once caused a nuclear meltdown in a van that contained no nuclear material whatsoever.

Weil sich Ted Cruz immer wieder öffentlich dazu bekennt, Simpsons-Fan zu sein, fragt der Guardian-Autor auch, wie es denn sein kann, dass ein so rechter Politiker eine so subversive Serie mag – deren Macher ihn zudem oft und gerne beschimpfen.

Flasche voll

Wie leitet man jetzt elegant von Republikanern und Homer Simpson zu Flaschen über? Egal. Manche Flaschen jedenfalls sind besser als ihr Ruf. Jake Nevins beschäftigt sich für den Guardian mit dem Phänomen der Flaschenepisoden. Ursprünglich waren das Lückenfüller-Folgen in Serien, deren Handlung, um Kosten zu sparen, sehr begrenzt ist. Heute können sie aber viel mehr als nur Budgetschoner sein. Sie werden zu Kammerspielen im Rahmen einer Serie:

These standalone chapters, narrowly conceived either thematically, geographically, or in the number of characters featured, serve as little detours and creative flourishes that let a show breathe. The recent popularity of the anthology series owes itself in part to the idea, spearheaded by the standalone, that TV episodes can function as mini-films instead of book chapters.

In Breaking Bad gibt es etwa die wunderbare Episode „Fly“ (S03E10), „Die Fliege“, in der es ausschließlich darum geht, dass Walther White eine Fliege jagt. Weitere Flaschenepisoden-Empfehlungen, die man auch ohne den Rest der Serie sehen kann, gibt es im Artikel zu entdecken.

Filmfestwürdig

Die Flaschenepisoden würden auch gut als Kurzfilm im Kino funktionieren. Bei Deutschlands größtem Filmfestival, der Berlinale, feiern nun schon seit einigen Jahren auch Serien ihre Premieren. Claudia Reinhard zählt für die FAZ auf, was es 2018 zu sehen gab. Taz-Autorin Carolina Schwarz ist darüber hinaus aufgefallen, dass es bei den diesjährigen Berlinale-Serien um die Frauenrollen ganz gut bestellt ist: Sechs von sieben würden den Bechdel-Test bestehen, der testet, ob Frauen mehr sind als nur dekoratives Beiwerk und sich miteinander auch über andere Themen als Männer unterhalten.

Die Serien stellen politische und gesellschaftliche Fragen, aus der Berufswelt, unter Freunden, in der Beziehung. Doch was sie alle verbindet, ist eine komplexe Frau als Hauptfigur.

Carolin Ströbele sieht das in der Zeit ganz ähnlich.

Kleingeld

Serien sehen nicht nur im Kino gut aus, sie werden auch immer teurer. Demnächst dürfte die erste Serie Produktionskosten von 20 Millionen US-Dollar pro Stunde übertreffen. Guardian-Redakteur Mark Sweney spekuliert darauf, dass es Der Herr der Ringe sein wird. Alleine die globalen Verwertungsrechte kosteten 250 Millionen Dollar. Das Blockbuster-Kino ist pro Stunde immer noch deutlich teurer, dafür dauern Serien natürlich viel länger. Am Ende des Artikels ist eine Liste mit Serien für alle, die sich mal etwas Luxus ins Wohnzimmer holen wollen.

Foto: Amazon.de

Nicht nur wegen steigender Kosten suchen Serienmacher weitere Finanzierungsmöglichkeiten. Die neue Staffel von Pastewka, ganz sicher keine mega-teure Produktion, steht unter Schleichwerbungs-Verdacht. Eine Folge spielt nämlich bei einer Filiale einer bekannten Elektronikmarkt-Kette, die uns nichts dafür bezahlt, ihren Namen auch noch an dieser Stelle zu nennen.

An sich ist das nicht verboten. Wenn es dafür aber eine Gegenleistung gab, dann handelt es sich ab einem gewissen Wert um Produktplatzierung. Im linearen Fernsehen (über)sieht man häufig eine kleine Einblendung, die auf solches Product Placement hinweist. Bei Pastewka fehlt diese aber, was nun die Medienaufsicht beschäftigt. Die muss nun erst einmal die Zuständigkeit klären: Amazon selbst sitzt in Luxemburg, für das Streaming-Angebot könnte aber der deutsche Ableger aus München geradestehen müssen.

Raus aus der Nische

Foto: Amazon Prime Video

Die Sorge um das liebe Geld bedingt offenbar auch andere Amazon-Entscheidungen. In den letzten Jahren überraschte der Versandhändler immer wieder als Produzent ungewöhnlicher Comedy-Formate, allen voran mit der Genderdiskussions-Serie Transparent. Damit ist jetzt erstmal Schluss. Im Februar wurde Hauptdarsteller Jeffrey Tambor, der in der Serie die Trans-Frau Maura spielt, gefeuert, nachdem ihm sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde – das scheint auch das Aus für Transparent zu bedeuten. Zwei andere tolle Serien setzte Amazon ohne Not bereits im Januar ab: One Mississippi mit Tig Notaro und die Adaption von Chris Kraus’ Roman I Love Dick. Wieso das geschieht, analysiert Josef Adalian auf vulture.com:

The art-house, critic-friendly fare championed by disgraced former Amazon Studios chief Roy Price (and TV head Joe Lewis) will be replaced by content designed to appeal to the masses, both in the United States and abroad. It’s a form of the tentpole strategy Disney has pursued in features under CEO Robert Iger, where smaller one-off movies made way for franchises like Star Wars and Pirates of the Caribbean.

Es lässt sich mit Serien für möglichst breite Zielgruppen wohl mehr verdienen. Netflix etwa fährt (noch) zweigleisig und produziert sowohl seichte Komödien für den Massengeschmack als auch Nischenserien. Amazon zieht sich aus letzteren wohl erstmal zurück.

Pembe dizi

Das war türkisch. Das Massenfernsehen in der Türkei hat sich Kristina Karasu für Deutschlandfunk Corso angeschaut. Präsident Erdoğan verdrückt dort Krokodilstränen bei der Premiere einer nationalistischen Propaganda-Serie. Wie diese teils auch schwer antisemitischen Produktionen aussehen, hat bereits im August 2017 Selim Aydin für die Süddeutsche Zeitung aufgeschrieben. Die Mehrheit der Türken guckt aber lieber das Melodrama Unsere Geschichte, in der es eher unislamisch zugeht, berichtet nun der Deutschlandfunk. Auch an Hauptdarstellerinnen mit Kopftuch hat das türkische Publikum wenig Interesse. Dennoch transportieren die Pembe dizi (zu Deutsch: Seifenopern) meist ein konservatives Weltbild.

Nachdreh

Im letzten Serienbrief berichteten wir darüber, dass deutsche Produzenten eine Serienförderung wollen. Diese steht nun im Koalitionsvertrag, der womöglich der nächsten großen Koalition zugrunde liegen wird. „Wir prüfen die Einbeziehung weiterer Verwertungsformen audiovisueller Inhalte, wie z.B. Streaming-Dienste, in die solidarische Filmförderung (FFG)“, steht im Entwurf (pdf) so vage wie nur möglich. Sprich: Man will mal drüber reden. Auch zur Höhe gibt es keine konkreten Angaben. Die Produzenten-Allianz freut aber, dass man die Förderung „mindestens auf dem aktuellen Niveau“ fortsetzen will.

Schaubar

Besonders gefallen haben uns im Februar drei Produktionen.

Die vierte Staffel der Amazon-Serie Mozart in the Jungle geht wichtigen Musikerinnen auf die Spur, die sich im Schatten ihrer Brüder und Ehemänner bewegten. So quatscht Hauptfigur Hailey Rutledge etwa mit Mozarts Schwester Maria Anna und entscheidet sich, mit ihrem Ensemble nur Stücke von Komponistinnen aufzuführen. Ein kluger, subtil-komischer Kommentar zur hitzigen #MeToo-Debatte.

Here and now ist das zeitgeistige Familien-Drama des Six Feet Under– und True Blood-Machers Alan Ball. „Wir haben verloren“, verkündet Greg zu seinem sechzigsten Geburtstag. Wir, das sind er, Philosophieprofessor, seine Frau, beide Ex-Hippies, ihre aus Vietnam, Liberia und Kolumbien adoptierten Kinder, die schon erwachsen sind, und die leibliche Tochter, die es fast ist. Die Serie zur Depression der Linksliberalen unter Trump läuft bei Sky.

Eine der oben genannten Berlinale-Serien mit den starken Frauenfiguren ist Bad Banks, zu sehen in der Arte-Mediathek und ab 3. März , 21:45 Uhr, auch linear im ZDF. Hauptfigur ist die junge und ehrgeizige Bankerin Jana Liekam, die in dem Thriller in Intrigen und Machenschaften einer fiktiven systemrelevanten deutschen Bank gerät. Exzesse inklusive, auch wenn die noch ein gutes Stück von Wolf of Wall Street-Niveau entfernt sind. Wer nach sechs Folgen noch mehr Lust auf kriminelle Banker hat, dem sei auch die BBC-Produktion McMafia nahegelegt.

Foto: ZDF/Sammy Hart

Vorschau

In den nächsten vier Wochen könnten sich folgende Serien lohnen: Die Berlinale-Serie The Looming Tower, ab 9. März auf Amazon, handelt vom Aufstieg des Terror-Netzwerks Al-Kaida bis zu den Anschlägen vom 11. September. In der SundanceTV-Produktion Liar, ab 14. März auf Vox und bereits jetzt auf TV Now, geht es in sechs Folgen um die Frage nach der Wahrheit bei einem Vergewaltigungsvorwurf. Gespannt erwarten wir auch die zweite Staffel von Legion, ab 4. April bei Fox, denn sie war unter den zahlreichen Superhelden-Serien des vergangenen Jahres die interessanteste.

Der nächste Serienbrief erscheint am 7. April.

Bis dahin. Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl

 

Serienbrief S01E01: Pilot

Guten Tag, liebe Early Adopters,
schön, dass Sie den Weg zu uns gefunden haben. Immerhin schon in mittlerer zweistelliger Zahl. Und das, obwohl wir dieses Projekt kaum beworben haben. Wahrscheinlich kennen wir uns also. Für alle anderen: Wir, das sind Julia Weigl und Benedikt Frank, eine freie Journalistin und ein freier Journalist aus München, die von Serien nicht lassen können.Bei unserem täglichen Leseprogramm arbeiten wir uns durch wahnsinnig viele Artikel. Die meisten davon sind tags darauf völlig egal. Die unzähligen Recaps. Die Flut an Meldungen über Kleinigkeiten. Vage Ankündigen, Jahre bevor es eine Serie zu sehen gibt. Große dezidierte Serienwebsites sind wegen des ganzen Hypes unbenutzbar geworden, von der Kalenderfunktion vielleicht abgesehen. Schade eigentlich, denn viel Interessantes geht im Rauschen unter.

Wir sind überzeugt, dass Serienmenschen zwar den Thrill auf dem Bildschirm schätzen, im Grunde aber gemütliche Personen sind. Schließlich nehmen sie sich wahnsinnig viel Zeit, den ihnen lieb gewordenen Geschichten zu folgen. Statt Serienmenschen als Drogensüchtige zu sehen, die mit billigem Crack beliefert werden wollen, möchten wir sie uns lieber als Trinker vorstellen. Pardon: Geselligkeitstrinker. Wie jemanden eben, der es vielleicht manchmal übertreibt, aber anders als Abhängige den Konsum genießen kann und entsprechende Ansprüche an die Qualität seines Genussmittels hat.

Darum gibt es hier nicht noch mehr überhypte News und keine endlos lange Listen, die vorgeben, Empfehlungen zu sein, aber doch nur Suchmaschinenoptimierung betreiben. Hier geht es um das wirklich Wichtige. Monatlich, weil wöchentlich schon zu eilig ist, sammeln wir gute Artikel über das, was wahrscheinlich noch über vier Wochen hinaus relevant bleiben wird. Nach zwölf Folgen hat man dann ein Dossier mit handgepflückten Essays, Metatexten und Lesestoff zu andauernd aktuellen Diskussionen über das Serienjahr. Der Serienbrief kommt immer am ersten Samstag eines Monats. Wir freuen uns über Kritik und noch viel mehr über Lob an serienbrief@mailbox.org. Wenn Ihnen der Serienbrief gefällt, empfehlen Sie uns gerne weiter.

Fangen wir an. Zunächst ein paar Dinge zum Drumherum, persönliche Empfehlungen stehen am Ende.

(Foto oben: Alien Productions)

Was bisher geschah

Foto: BR

Zum Start ein kurzer Flashback. Zeit-Redakteurin Carolin Ströbele hat einen guten Überblick über die Neuerungen bei deutschen Serien im vergangenen Jahr 2017 geschrieben. Am Beispiel von Neuesuper, der Produktionsfirma der nun auch für den Grimme-Preis nominierten BR-Serie Hindafing, analysiert sie:

Die Genese von Hindafing erzählt viel über den deutschen Serienmarkt und das Verhältnis zwischen seinen Protagonisten. 2017 haben Amazon und Netflix nicht nur mit ihren ersten deutschen Eigenproduktionen erfolgreich ihre Macht erprobt. Die Streamingdienste greifen immer häufiger auch erfolgreiche Formate des linearen Fernsehens ab, indem sie, wie bei Hindafing, einem Nischenprodukt der Öffentlich-Rechtlichen noch mal eine Plattform bieten.

Am Ende gibt es eine Liste mit deutschen Serien, auf die zu achten im aktuellen Jahr sich lohnen könnte.

Preisausschreiben

Ebenfalls für einen Grimme-Preis nominiert sind die Serien 4 Blocks (TNT), Babylon Berlin (Sky/WDR) und Das Verschwinden (BR/NDR/SWR). Mit Baran bo Odars und Jantje Frieses Nominierung in der Kategorie “Spezial” für ihr Buch und die Idee zu Dark (Netflix) hat es auch erstmals eine Produktion eines Streaming-Dienstes auf die Liste geschafft. Ein deutlich weniger seriöser Preis, die Goldene Kamera der Funke-Mediengruppe, schmückt sich ebenfalls mit den genannten Serien.

Foto: ARD/Sky

Beim Deutschen Fernsehpreis dagegen darf ein Streamingdienst wie Netflix natürlich nicht mitspielen. Ausgezeichnet wurden hier Ende Januar die anderen Verdächtigen: Babylon Berlin als beste Drama-Serie und für das Drumherum (beste Kamera, Musik und Ausstattung), Das Verschwinden für das beste Buch und die beste Schauspielerin (Julia Jentsch), 4 Blocks für die beste Regie, Schnitt und den besten Schauspieler (Kida Khodr Ramadan) und Magda macht das schon! (RTL) als beste Comedy-Serie.

Gleichstellung

Über den Preis wird sich jeder Fernsehmacher freuen. Die Verleihungsfeier selbst ist aber mittlerweile so egal, dass man sie lieber nicht im TV überträgt und trotzdem niemand etwas verpasst. Wenig preiswürdig war auch die Einladungspolitik der Veranstalter. Sie ließen nämlich zunächst die Drehbuchautoren außen vor, angeblich aus Platzgründen. Ein Affront für den Verband Deutscher Drehbuchautoren, der protestierte:

Ein Sinnbild für eine immer noch grassierende Ignoranz in Teilen der Branche. Angesichts der massiv zunehmenden Anerkennung und Wertschätzung der Arbeit, die Drehbuchautoren international erhalten, ist dies ein wenig zeitgemäßer und skandalöser Rückschritt auf nationaler Ebene. Die Macher des Deutschen Fernsehpreises haben scheinbar nichts gelernt!

Nach etwas Hin und Her war dann auf einmal doch Platz.

Über den Kontext der fehlenden Achtung vor Drehbuchautoren in Deutschland sprechen Eva und Volker A. Zahn im Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger:

Man vertraut uns und unserer Vision von einer Story oft nicht. Autoren müssen ständig für ihre Geschichten kämpfen, weil Produzenten, Redakteure, Regisseure und Schauspieler meinen, ihre Vorstellungen, ihre eigenen Erlebniswelten, ihre Geschmäcker und Bedenken miteinbringen zu müssen. In vielen Fällen hat das nichts mit erwünschter konstruktiver Kritik zu tun, sondern mit Einmischung. Das Drehbuch wird nicht als eigenständiges schöpferisches Werk gesehen, sondern als Verhandlungsmasse, manchmal als Beutestück, viele Besprechungen ähneln einem Wunschkon-zert der Beteiligten.

Natürlich betrifft das auch Filme. Durch Serien hat sich aber das Berufsbild der Drehbuchautoren gewandelt und ihr Selbstbewusstsein gestärkt: Als Showrunner sind sie in den USA bereits länger Auteurs, mächtige Lenker des Produkts. Diesen Bedeutungsgewinn fordern Autoren nun also auch in Deutschland ein.

In den USA geht es derweil aktuell weniger um die generelle Anerkennung, als um einen gerechten Lohn. In einem Google Doc sammeln FernsehmacherInnen anonym ihr Gehalt, um durch den Vergleich der Diskriminierung entgegenzuwirken. Hierzulande hat sich kürzlich die Gleichstellungs-Initiative Pro Quote Regie umbenannt. Als Pro Quote Film vertritt nun also allgemein Frauen im Filmgewerbe, das natürlich auch ein Seriengewerbe ist.

Allgemeine Diskriminierung bildet einen Rahmen, in dem auch sexuelle Belästigung und Vergewaltigung offenbar toleriert werden. Mit den im Zeit Magazin erhobenen Vorwürfen gegen den Regisseur Dieter Wedel ist die #MeToo-Debatte, die vor allem in der Unterhaltungsindustrie der USA Auswirkungen zeigt, im Januar endgültig auch in Deutschland angekommen. Mittlerweile untersuchen ZDF, Sat. 1, SR, NDR und die Produktionsfirma Bavaria Film, ob es auch bei ihren Produktionen zu sexuellen Übergriffen kam. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Fördern und fordern

Achtung, harter Schnitt. Auf die Beteiligung von Streamingdiensten an deutschen Serien alleine wollen sich der aktuelle Geschäftsführer der UFA, Nico Hofmann, und sein Vorgänger, Wolf Bauer, offenbar nicht verlassen. In einem Text für die FAZ (Blendle-Link) halten sie die Hand auf. 200 bis 300 Millionen Euro sollen nach ihnen durch deutsche Serien jährlich zusätzlich umgesetzt werden können. Da sie aber behaupten, das ginge nur, wenn der Staat die Produktionen zukünftig in gleicher Höhe fordert, wäre das eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, meinen wir Milchmädchen. Interessanter ist da schon ihre Idee, das Fördersystem vom Kino zu lösen, damit auch Serien profitieren können:

Zukunftsfähig ist ein Förderinstrument deshalb nur dann, wenn es unabhängig von Abspielwegen die Inhalte-Produktion in Deutschland unterstützt. Effektive Fördermodelle müssen also zugunsten deutscher Produktionen ausgestaltet sein, da von diesen – anders als bei reinen Produktionsdienstleistern – die kreative Entwicklung neuer Inhalte ausgeht.

Nur müsste man dann überhaupt erst die Kriterien definieren, die eine Serie zur förderungswürdigen „High-End-Serie“ machen. Die Förderung dürfte nicht nur den großen, teuren Werken zukommen, die auf eine möglichst breite Zielgruppe zielen. Und eine Serienförderung wirft weitere Fragen auf. Die Filmförderungsanstalt vergibt etwa auch Gelder an Kinos. Müssten dann analog nicht auch Sender gefördert werden, die spleenige Serien für ein kleineres Publikum zeigen? Oder müssten in Programmkinos auch künstlerisch anspruchsvolle Serien laufen? Es gibt jedenfalls viel Diskussionsbedarf und alles auszuhandeln sollte nicht alleine Filmwirtschaft und Politikern überlassen werden. Was wäre Ihnen eine Serienförderung wert? Die UFA-Chefs wollen ihre Forderung den Steuerzahlern schmackhaft machen, indem sie vier- bis sechsfache Mehreinnahmen versprechen.

Als „Anreiz zur Stärkung der Filmproduktion in Deutschland“ stehen laut Subventionsbericht des Bundes dieses Jahr 125 Millionen Euro bereit. Das ist 2,5 mal so viel Steuergeld wie im Vorjahr, das laut Hofmann und Bauer den Serien aber nicht zugute kommt. Die Filmförderung belegt damit Platz 18 der größten Finanzhilfen des Bundes, außerdem gibt es Förderprogramme der Länder. Zum Vergleich: Der Städtebau (Platz 13) soll mit 231 Millionen Euro gefördert werden, also ungefähr in der Höhe, die sich die UFA-Chefs wünschen.

Die Serienförderung könnte schließlich auch Thema der Koalitionsverhandlungen werden. Eine entsprechende Forderung hat jedenfalls die Produzentenallianz veröffentlicht.

Essaypause

Foto: Netflix

Guardian-Autor Jonathan Bernstein analysiert Western-Serien als einen (Zerr-)Spiegel des amerikanischen Zeitgeists. Rawhide und Gunsmoke lullen ihr Publikum ab den 1950ern mit einfachen Geschichten, in denen die Guten über die Bösen siegen, im Glauben ein, dass früher alles besser gewesen sei. Als in den 70ern der Vietnamkrieg tobt, sendet man mit Unsere kleine Farm Kleinststadtidylle ohne Schießereien. Unter Bush Jr. sieht man mit dem Space-Western Firefly und dem historischen Western Deadwood Serien, die vom Misstrauen in die Regierung und die Rechtsstaatlichkeit geprägt sind. Marshal Raylan Givens aus Justified erinnere an die wütenden, weißen Männer mittleren Alters, die dann zu Trump-Wählern wurden. Und heute?

 A thin line separated the hero with the gun and the psycho he was shooting full of holes. In shows such as Westworld and Godless that line, you sense, is disappearing altogether. Because Americans are only getting more scared.

Seit 1. Februar gibt es nun auch die Western-Serie Damnation auf Netflix. Die wurde zwar in den USA nach einer Staffel eingestellt, handelt aber ganz passend von Streiks und Union-Bustern in den 1930er-Jahren.

Ebenfalls passend: “Die Starken, Zielsicheren und Lässigen in Godless, das sind die Frauen von La Belle”, schreibt Axel Weidemann in der FAZ. Untypisch für den klassischen Western sind sie es, die für Recht und Ordnung sorgen, als der berüchtigte Verbrecher Frank Griffin (Jeff Daniels) die Kleinstadt überfällt.

Kurz gemeldet

Der Süddeutsche-Redakteurin Karoline Meta Beisel ist eine Analyse der Wikipedia-Abrufzahlen aufgefallen, nach der im Anschluss an neue Folgen Victoria besonders viele Leute Lexikoneinträge zu britischen Königinnen lesen. Der Beweis, dass Serien klug machen, ist das wohl noch nicht. Aber offenbar machen sie neugierig.

Zumindest, wenn man sie richtig schaut. Die Welt entdeckt eine bereits im September 2017 veröffentlichte Studie der University of Melbourne. Die hat erschreckendes herausgefunden: Binge-Watching macht doof. So die sehr verkürzte Zusammenfassung.

Immerhin soll die Dummheit aber reversibel sein, wenn man das Konsumverhalten ändert. Anderen ist wohl nicht so einfach zu helfen. Amerikanische Rechtsradikale haben eine über elf Jahre alte Lindenstraße-Folge ausgegraben und missbrauchen sie für ihre Hetze, berichtet Meedia. Islamisierung und so weiter.

Retro-Serie des Monats

Vielleicht würde heute auch eine Serie über einen illegalen Immigranten, der vor der Zerstörung seiner Heimat geflohen ist, für Empörung sorgen. Wenn der außerdem seltsame Essgewohnheiten hat und sich gegenüber der Familie, die ihn vor den Behörden versteckt, kein bisschen dankbar zeigt, erst recht. Wenn das dann auch noch bei einem öffentlich-rechtlichen Sender läuft, müsste der Fernsehrat spätestens nach einer Woche Shitstorm zum Thema tagen. Klar, die Rede ist von Gordon Shumway, besser bekannt als Alf, der Außerirdische vom Planeten Melmac. Nachdem er bereits zwei Jahre davor in der Garage der Familie Tanner bruchlandete, kam er vor 30 Jahren, am 5. Januar 1988, auch ins ZDF. Anlässlich des Jubiläums zeigt Super RTL die 52 Folgen der Sitcom jetzt immer freitags ab 22 Uhr.

Es gibt noch ein weiteres Jubiläum: Breaking Bad ist 10 Jahre alt. Die kürzestmögliche Zusammenfassung in einer Minute kann man hier anschauen. Spannend zu lesen ist zudem ein Interview des Esquire, in der die Beteiligten nachzeichnen, wie es entgegen aller Widrigkeiten zu der Serie kam.

Schaubar

Foto: Netflix

Zu guter Letzt noch vier kurze Empfehlungen, die uns in den letzten vier Wochen ans Herz gewachsen sind.

Düstere Komödien können die Briten einfach. Das haben sie in letzter Zeit gleich mehrfach bewiesen – nicht nur in der der Amazon-Produktion Fleabag, sondern auch in der fantastisch zynischen Channel-4-Produktion The End of the F***ing World: Zwei schräge Teenager begeben sich darin auf einen verhängnisvollen Roadtrip. Emily Nussbaum schreibt im New Yorker dazu.

Die zweite Staffel von American Crime Story ist angelaufen. Diesmal geht es um den Mord am Modedesigner Gianni Versace.

Big Little Lies hat bei den Emmys sechs Trophäen abgesahnt. In einen seltsamen Todesfall bei der Spendengala für eine Grundschule sind drei Mütter verstrickt. Im Rückblick wird erzählt, wie es dazu kommen konnte.

Frauen hatten es im New York der Fünfzigerjahre nicht leicht. Jüdische Frauen schon gleich gar nicht. Wenn sie dann auch noch ein Talent für Stand-up-Comedy haben, landen sie schon mal im Knast. All das gibt’s zu sehen in der Golden Globe prämierten Komödie The Marvelous Mrs. Maisel von den Machern von Gilmore Girls. Dazu ein Text von The Atlantic.

Vorschau

Im Februar könnte die HBO-Serie Mosaic (Trailer) von Regisseur Steven Soderbergh und Autor Ed Solomon interessant sein. Ursprünglich als App konzipiert, konnten die Zuschauer wählen, wessen Perspektive sie folgen. In Deutschland ist sie ab 14. Februar bei Sky Atlantic zu sehen, allerdings nur als Zusammenschnitt der interaktiven Version.

Ab 27. Februar zeigt Pro 7 die Star-Trek-Parodie von Family Guy-Macher Seth MacFarlane The Orville (Trailer). Die Pilotfolge ist fürchterlich, es lohnt sich dennoch weiterzuschauen, besonders für Nostalgiker. Denn was kaum veräppelt wird, sind die Ideale der Sternenflotte.

Gespannt sind wir auch auf Nix festes, ab 27. Februar auf ZDF Neo. Es geht um Serien-Autoren, die irgendwie über die Runden kommen wollen. Wie könnten wir das ignorieren?

Und damit zum Abspann. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Der nächste Serienbrief erscheint am 3. März.

Bis dahin. Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl