Serienbrief S01E06: WTF

Liebe Serienbrief-Freunde,

es soll gerade ein großes Fußball-Event stattfinden, haben wir gehört. Da wir den Sport ausschließlich aus der 80er-Jahre-Anime-Serien Kickers und Captain Tsubasa kennen, vermissen wir beim derzeitigen Remake mit Schauspielern ein wenig die Kung-Fu-Einlagen und die Dramatik abseits des Spielfelds. Da im TV aber niemand ernsthaft mit der FIFA konkurrieren will, ist jetzt auch endlich mal Zeit, Serien nachzuholen.

Foto: Giphy

Wirrworld

Zum Beispiel die zweite Staffel Westworld noch mal sehen, weil man sie nicht verstanden hat. Die Serie durfte im letzten Monat die mit den meisten Recaps gewesen sein. Das Nacherzählen war auch bitter nötig, denn mit mehreren wild wechselnden Timelines, in denen die Charaktere mal sie selbst, mal Roboter und dann wieder nur Träume in einem Rechenzentrum sind, war das Gesehene auch für ausgeschlafene Zuschauer höchst verwirrend. Aber das ist ja gerade der Spaß daran. Geordnet lässt sich die Geschichte zwar in fünf Minuten erzählen, wie in diesem Youtube-Video, wie banal sie dadurch wird, ist dann aber doch sehr ernüchternd.

Wenn der Mensch von dem, was er sieht, verwirrt ist, erfindet er Geschichten, die dem ganzen Sinn geben. So funktionieren etwa Verschwörungstheorien. Beziehen diese sich statt auf die reale Welt auf popkulturelle Unterhaltungsprodukte spricht man von Fan-Theorien. Was ist Ihre liebste Fan-Theorie? Westworld jedenfalls provoziert diese regelrecht. So arbeiten Fans nicht nur etwa daran, das Intro mit Lego-Figuren nachzustellen, sondern recherchieren kleinsten Hinweisen hinterher. So entdeckte jemand etwa in den Untertiteln zur ersten Folge der zweiten Staffel Koordinaten, die darauf hindeuten, dass Westworld auf einer Insel im südchinesischen Meer liegt.

James Donaghy hat sich für den Guardian durch die Message-Boards gewühlt und die besten Fan-Theorien gesammelt. Die unwahrscheinlichste ist die schönste: Ein Wolf, der immer wieder bedeutungsschwanger durch die Szenen schweift, könnte doch in Wirklichkeit ein Direwolf aus Game of Thrones sein.

Bei Variety erkennt Daniel D’Addario, dass ein wichtiger Westworld-Charakter selbst so obsessiv ist, wie einige Fans der Serie es zur Freude der Marketing-Abteilung sind:

William’s story is both a rebuke and a sympathetic embrace at once. This man is so tangled up in narrative that the world around him is meaningless; preferring fantasy, he’s blandly watched as his ties to the real world fray and ultimately break. Westworld, cleverly and vexingly, knows storytelling in the digital age can be an anesthetic that numbs us even as it adds on more narrative fripperies to keep us hanging on.

 

Und wer den Verwirrungs-Aspekt bei Westworld zu schätzen weiß: Die Folgen der aktuellen Staffel Legion konnten einen nicht nur vergessen lassen, worum es überhaupt geht, sonder auch wer und wo man ist. Einer zeitweisen Depersonalisierungs- und Derealisationsstörung kommt man wohl selten so nah im Fernsehen. Oder wie es Stuart Heritage im Guardian beschreibt: “Where Westworld is portentous and self-important, Legion is a kaleidoscope.”

No more heroes anymore

Früher war das Fernsehen geordneter. Es gab strahlende Helden und garstige Bösewichte. Dank Serien wie Sopranos und Breaking Bad sind nun auch öfter Grautöne zu sehen, allerdings eher die dunkleren: Sind sie es nicht von Anfang an, werden die Hauptfiguren im Lauf der Zeit zu ziemlich kaputten Antihelden. Nun hat ausgerechnet Breaking-Bad-Schöpfer Vince Gilligan auf einer Podiumsdiskussion gesagt, dass man mittlerweile so viele von diesen Charakteren hat, dass es mal wieder Zeit für Helden wäre. Das 50er-Jahre-Fernsehen wünscht er sich dennoch nicht zurück:

„I don’t know if we can ever go back to characters who are all good or all bad, but maybe around the corner are more characters who are flawed and yet work very hard to do the right thing and want to be good, even when they’re not,“ he added. „Even when they try and they fail.“

Hurra, die Welt geht unter

Freunde steiler Thesen aufgehorcht: Es ist nun endlich ein Schuldiger für den vermeintlichen Untergang der westlichen Zivilisation gefunden. Es ist, Überraschung, die Hit-Sitcom Friends. So sieht es zumindest David Hopkins in einem vielbeachteten Essay auf Medium.com. Für in ist die Serie einen Komplott gegen Ross, den Intellektuellen, dessen verblödete Freunde ihm als Running-Gag bei jedem schlauen Satz ins Wort fallen, bis er schließlich wahnsinnig wird:

You may see it as a comedy, but I cannot laugh with you. To me, Friends signals a harsh embrace of anti-intellectualism in America, where a gifted and intelligent man is persecuted by his idiot compatriots. And even if you see it from my point of view, it doesn’t matter. The constant barrage of laughter from the live studio audience will remind us that our own reactions are unnecessary, redundant.

Mehr Licht

Auf den ersten Blick hat Fritz Langs monumentaler Stummfilmklassiker Metropolis mit der Mutter aller Sitcoms I Love Lucy herzlich wenig zu tun. Und doch verbindet sie eine Personalie: Sie haben den gleichen Beleuchter, Karl Freund. Bei Metropolis ist er für dramatische Bilder verantwortlich, bei I Love Lucy sorgte er dafür, dass man eine Folge mit mehreren Kameras günstig ohne große Szenenwechsel runterfilmen konnte. Vox hat seiner ungewöhnlichen Karriere ein Video gewidmet.

Jetzt aber richtig

Vor Krimis kann man sich nicht nur im deutschen Fernsehen kaum retten. Kein Wunder, dass manche Leute beginnen, das alles etwas zu ernst zu nehmen. Die Popularität von CSI soll damals sogar zu einem spürbaren Anstieg von Studierenden der Rechtsmedizin geführt haben. Von denen dürften dann freilich einige sehr enttäuscht festgestellt haben, das die Arbeit der echten Wissenschaftler weniger cool ist, dafür aber extrem akribisch sein muss. Die New York Times hat nun den Kriminaltechniker Matthew Steiner befragt, was er von der Darstellung seines Berufs in Serien wie Dexter und The Wire und bekannten Filmen hält. Neben der mangelnden Tatorthygiene ist offenbar der größte Unterschied, dass TV-Kommissare es nicht lassen können, erzählerisch sinnvoll, aber eben nicht dem realen Protokoll gemäß, bereits nach ein paar Blicken auf Tat und Täter zu schließen. Und manche falsche TV-Marotten, wie Beweise mit Stiften hochzuheben, haben sich offenbar auch schon bei echten Ermittlern eingeschlichen.

Nachdreh

Bereits im ersten Serienbrief hatten wir über den Aufstand des Verbands Deutscher Drehbuchautoren wegen der Nicht-Einladung von Autoren zum Deutschen Fernsehpreis berichtet. Die nachfolgenden Diskussionen sind nun in dem Manifest Kontrakt 18 gemündet, das mehr Mitspracherecht bei den Produktionen fordert. 183 Autor*innen haben bis Anfang Juli unterzeichnet. Wenn das so umgesetzt wird, wäre das sicher nicht falsch. Die Autoren halsen sich damit aber natürlich auch mehr Arbeit auf und tragen mehr Mitschuld, wenn das Ergebnis trotzdem Quatsch ist. Da die Produktion aber auch immer viel Zeit kostet, wird man auf die erste Kontrakt-18-Serie ohnehin noch etwas warten müssen.

Schaubar

Strange Angel erzählt die Biographie Jack Parsons, der in den USA der 1930er beginnt, an Raketen zu forschen. Gleichzeitig beginnt er, sich für Okkultismus zu interessieren, was damals wohl noch etwas seriöser ist als Raketenwissenschaft. Zumindest fühlen sich von Aleister Crowleys Magick auch Leute von Status angezogen, während die Raketen-Experimente zunächst mit ein paar Outsidern im Abstellraum der Uni durchgeführt werden.

Familienkrieg ist unterhaltsam, wenn es nicht die eigene ist: In Succession wollen die Kinder eines alternden, milliardenschweren Medienmoguls diesen ablösen. Natürlich gibt es beim Sturz eines Patriarchen viel Neid, Gier, Intrige und andere unterhaltsame menschliche Abgründe zu sehen.

Wenig definiert die Kindheit mehr als Spielzeug und das ist im Kapitalismus natürlich ein riesen Geschäft. Netflix’ Doku-Serie The Toys That Made Us erzählt zwischen Nostalgie und Firmenportrait die Geschichten der großen Spielwaren-Marken, von Star-Wars-Figuren bis zu Lego. Eine gute Abwechslung zu den sonst so sehr auf Kriminalität fixierten Streaming-Serien.

Der nächste Serienbrief erscheint am 4. August. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

Mit herzlichen Grüßen

Benedikt Frank und Julia Weigl