Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

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Liebe Serienbrief-Freunde,

da sind wir wieder. Schön, dass Sie wieder mitlesen. Unser besonderer Dank gilt denen, die den Serienbrief mit einem kleinen Beitrag auf Steady unterstützen. Wer zu diesem derzeit noch sehr exklusiven Club gehören und die Wertschätzung für unser Angebot zeigen will, kann das auch weiterhin über diesen Link tun. Wir freuen uns sehr, wenn liebe Leser uns über diesen Weg quasi den für die Produktion unabdingbaren Kaffee spendieren. Dann wollen wir Sie mal nicht länger aufhalten, es gibt wieder ein volles Programm.

Da steppt der Bär

Serienbrief-Redakteurin Julia Weigl ist zur Berlinale gefahren. Beim größten deutschen Filmfestival sind Serien nun schon seit einigen Jahren dabei, manchmal waren sie aufregender als der eigentliche Filmwettbewerb. Dieses Jahr traf die Serienbranache sich im zwar sehr luxuriös ausgestatteten Zoo-Palast, dessen breite Ledersessel auch immer die Gefahr bergen, während dem Screening einzuschlafen. Gleichzeitig waren die Drama Series Days so aber auch etwas abseits vom Hauptgeschehen und sehr auf großes Premierenfeier-Brimborium fixiert, wie etwa David Schalkos M – Eine Stadt sucht einen Mörder oder die britische Serie Hanna von Autor David Farr, der auch für die großartige Serie The Night Manager verantwortlich war.

Einen Überblick über die Tops und Flops der Berlinale Serien hat Bettina Dunkel in ihre Radioreportage für den Bayerischen Rundfunk festgehalten, unter anderem mit einem Interview mit David Schalko. Carolina Schwarz von der taz war nicht so positiv überrascht von der Auswahl in Berlin: “viel Europäisches, viel Brutales, wenig Neues und wenig Lustiges”. Michael Meyer fragt im Deutschlandfunk gemeinsam mit Sören Brinkmann danach, ob es nicht endlich mal reicht mit den Serien: Müssen heute alle Stoffe als Serien verhandelt werden?

 

Preisverdacht

Der renommierte Grimme Preis ging dieses Jahr unter anderem an drei Serien. Mit Beat ist erstmals eine Amazon-Produktion unter den Gewinnern. Weitere Preisträger sind Hackerville (TNT) und Bad Banks (ZDF). Letztere kann auch die Serienbrief-Redaktion empfehlen, bei Beat haben uns die schlechten Dialoge den Genuss verdorben, bei Hackerville sind wir über die hanebüchene Pilotfolge nicht hinausgekommen. Die Grimme-Jury hebt andere Qualitäten der Serien hervor. Interessant ist, dass sie in ihren Begründungen zweimal andeutet, das ewige Fiktionalisieren von historischen Ereignissen im deutschen Fernsehen satt zu haben. Das kann man als Absage gegen die ebenfalls nominierte Serie Das Boot verstehen. Die Jury meint:

„Bad Banks“ zeigt, dass sich gutes Fernsehen aus Deutschland nicht immer mit deutscher Vergangenheit auseinandersetzen muss.

Und über Hackerville:

Während große historische Fernsehproduktionen die deutsche Geschichte heute am Drehort Osteuropa nachstellen, ist Hackerville interessiert an der Gegenwart.

Etwas seltsam mutet dagegen diese Stelle aus der Jurybegründung für die Techno-Serie Beat an:

Dass die Filmsparte eines globalen Handelskonzerns eine Serie hervorbringt, die sich gegen die Logik eines radikalen Marktkapitalismus wendet, ist ein irritierender, aber letztlich produktiver Widerspruch.

In der Serie geht es nämlich um Organhandel. Der ist natürlich nur schwierig auf Paketversand umzustellen, darum dürfte das lokale Geschäft mit Nieren- und Hirntransplantationen so schnell nicht von Jeff Bezos Moloch bedroht werden. Wo dann noch der Widerspruch liegt? Wir wissen es nicht, aber wer behilflich sein will, bestellt seine kapitalismuskritische Sekundärliteratur bitte über unseren Affiliate-Link bei Amazon.

 

Knapp kalkuliert

Apropos Kapitalismus. Da im Streaming-Krieg immer mehr neue exklusive Serien produziert werden, herrscht in der Branche eine Knappheit an kreativen Ressourcen. Doris Priesching berichtet für den Standard über steigende Schauspielergagen und welche Schwierigkeiten Produzenten haben, überhaupt noch eine erfahrene Filmcrews zu finden:

Die Konsequenzen aus der hohen Nachfrage folgen den Marktgesetzen und sorgen für zusätzliche Hitze: Die Preise steigen auf allen Ebenen – Gagen, Produktionskosten, Lizenzen. Teurer werden die Serien insgesamt, weil immer aufwendiger produziert wird, um im Werbewettrennen um das tollste Format ganz vorn zu liegen. 13 Millionen Euro soll eine Folge von Game of Thrones kosten. Netflix investiert 110 Millionen Euro in eine Staffel von The Crown.

Allerdings würden auch die Verkaufspreise der Produktionsfirmen steigen. Nun ist die Frage, ob die vielen teuren Serien überhaupt noch von einer zur Finanzierung nötigen breiten Masse gesehen werden. Doch auch wenn keine Blase platzt, scheint das Produktionslimit allmählich erreicht zu sein.

Über den Fachkräftemangel hinter der Kamera schreibt auch Lisa Priller-Gebhardt für die Süddeutsche Zeitung. Sie macht nicht nur den Serienboom verantwortlich, sondern auch, dass große Marken eigene Medienabteilungen schaffen, bei denen eine bessere Bezahlung winkt als beim Fernsehen.

Im Markt fehlen Autoren, Produktionsleiter sowie Filmschaffende aus den Bereichen Aufnahme, Requisite und Postproduktion, aber auch Filmgeschäftsführer werden händeringend gesucht. Nur Regisseure und Filmproduzenten scheint es genug zu geben.

Da kommt sogar der Bavaria-Film-Geschäftsführer Christian Franckenstein auf die Idee, dass die grottigen Arbeitsbedingungen der Filmbranche (befristete Verträge für Freiberufler, 12-Stunden-Tage) “möglicherweise nicht mehr im Einklang stehen mit den Erwartungen der jüngeren Generation”. Oder anders und ohne eine Generationensache daraus zu machen gesagt: Wenn der Streaming-Krieg mit Söldner geführt wird, stärkt das die Verhandlungsposition der Söldner.

 

Kernfussion

Was uns gleich zum nächsten Schlachtfeld bringt. HBO-Chef Richard Plepper ist zurückgetreten. In den sechs Jahren seiner Herrschaft entstand unter anderem Game of Thrones und Westworld. Den Hintergrund erklärt Jürgen Schmieder in der Süddeutschen:

Ausgelöst wurde dieses Beben – und ein zweites am Donnerstag, bei dem David Levy, Chef des Medienkonzerns Turner, ebenfalls seinen Rücktritt erklärte – durch ein Gerichtsurteil: Der Telekom-Gigant At&T darf den Medien-Giganten Time Warner für 85 Milliarden Dollar übernehmen und in WarnerMedia umbenennen.

HBO gehörte auch vorher zu Warner, verfügte allerdings über viel Autonomie. Mit der soll nun Schluss sein, wenn die Geschäfte zusammengelegt werden, um gemeinsam gegen Netflix konkurrieren zu können. Noch mehr Hintergründe gibt es bei Variety. Demnach dürfte es schwierig werden, die an verschiedenen Standorten sesshaften Firmen zusammenzulegen. Ebenso liegt die Annahme nahe, dass auch Turner-Serien wie etwa The Alienist von TNT unter der in dem Bereich profilierteren Marke HBO landen. Übrigens hatte auch der Co-Head-of-Drama, also einer der Kreativchefs, David Levine Anfang Februar HBO verlassen.

 

Werbedraufsicht

Und es geht weiter ums Geld. Was bei all den teuren Produktionen und der Konsolidierung von Medienkonzernen im Streaming-Krieg noch relativ unbeachtet ist, ist die Werbung. Denn auf die reagieren Kunden, die für ein Angebot bezahlen, höchst allergisch. Dass man bei Netflix oder Amazon aber werbefrei sehen würde, stimmt auch nicht, denn es gibt Produktplatzierungen in den Serien. Das passt nun wiederum der deutschen Werbebranche nicht, da diese noch sehr an den klassischen Spots hängt. Worum es genau geht, erklärt Stefan Römermann bei @mediasres im Deutschlandfunk.

Um unter den vielen Serien aufzufallen, ringt auch die Werbung für die Premieren um Aufmerksamkeit. Einen fragwürdigen Coup landete im Februar Sky mit der sonst recht mittelmäßigen Produktion 8 Tage. Darin stürzt ein Asteroid auf Europa und droht, alles Leben dort auszulöschen. Bei der Münchner tz, der Hamburger Morgenpost, dem Kölner Express und dem Berliner Kurier hatte der Sender nun die Titelseiten als Anzeigen gebucht und dort im Stil der Boulevardblätter Weltuntergangsstimmung gemacht, was auf den ersten Blick wie echte Meldungen aussah. Eine Katastrophe ist das natürlich vor allem aus journalistischer Sicht. Die nun nicht unbedingt für ihre Seriosität bekannten Blätter verkaufen auch noch ihr letztes Bisschen Glaubwürdigkeit. Einen schönen Kommentar dazu hat Samira El Ouassil für Übermedien geschrieben, darin lernt man auch noch etwas über die Geschichte der Zeitungsente.

Passend dazu fragt Pamela Hutchinson im Guardian anlässlich der Serie Flack, warum ausgerechnet Presseagenten in der Fiktion so schlecht davon kommen:

PR professionals will tell you that’s not quite how the job works, but it’s a consistent feature of screen PR that the job is intrinsically opaque, and not a little shifty. You’re more likely to see a screen PR procuring drugs for a contact than perfecting a press release.

Dabei sollte doch besonders dieser Berufszweig wissen, wie er sein Image aufbessern kann.

 

(Selbst-)Betrüger

Vielleicht hat es ja damit zu tun, dass die Gauner oft viel interessanter sind als die moralisch sauberen Figuren. In der New York Times geht Abby Elin der Frage nach, warum wir Betrüger so lieben.

Betrügen kann man sich aber auch selbst. Zum Beispiel um den Genuss einer Serie. Ein sehr guter Weg, sich diesen zu zerstören, sind entgegen der verbreiteten Annahme nicht die Spoiler, sondern die allgegenwärtigen Fantheorien. Die Spekulation anzuheizen, war für das Serienmarketing ursprünglich gut, hält es doch Fans auch zwischen den Staffeln bei der Stange. Aber: Die Fantheorien werden nicht nur immer irrer, sie sorgen auch für Enttäuschung – wenn man richtig lag, weil die Überraschung fehlt, wenn man falsch lag, weil die Erwartung enttäuscht wird. Walulis erklärt auf Youtube das Phänomen.

 

Zurück in die Zukunft

Eine andere düstere Obsession beobachtet Ellen Hunt für den Guardian. Frauen in Opferrollen seien trotz progressiverer Serien weiter äußerst populär:

When it comes to choosing from thousands of films and television shows, many will opt for one in which a woman is killed, raped, abused or manipulated (and, judging by some responses to Badgley and Efron on social media, even publicly thirst after the hot perpetrators).

Und das obwohl es parallel die Tendenz gibt, dass auch mehr Serien mit neuen Frauenbildern entstehen. Sie erklärt das mit dem Netflix-Algorithmus, der letztendlich dem Publikumsgeschmack wiedergibt – neu produziert wird, was schon vorher gut ankam. Das ist natürlich auch für frauenfeindliche Stereotype ein Einfallstor.

Über die Gegenbewegung dazu schreibt Jack Seal, ebenfalls für den Guardian. Besonders an Reboots sei gut zu beobachten, dass sie heute als “woke” inszeniert werden, also sich ihrer politischen und gesellschaftlichen Implikationen bewusster und um eine progressivere Färbung bemüht sind. Unter anderem drückt sich das in einer diverseren Besetzung und der Inklusion marginalisierter Gruppen aus. Aber auch er erkennt, dass dieser Trend längst nicht alles erfasst hat: “It would be absurd to try to graft modern sensibilities on to Miami Vice, Magnum PI, Hawaii Five-O or MacGyver, and so all four have recently come back with not much more ambition than to sweep up viewers lazily hankering for cheesy old glories.”

 

Schaubar

David Schalko hat eine moderne Serienadaption von Fritz Langs M - Eine Stadt sucht einen Mörder inszeniert. Sich an einer Übersetzung eines großen Klassikers der Filmgeschichte für die heutige Zeit zu wagen, ist natürlich einigermaßen größenwahnsinnig, dass sie bei TV Now, dem Streamingdienst der RTL-Gruppe, neben Gute Zeiten, schlechte Zeiten steht, ist zumindest ungewöhnlich. Im Interview mit der Zeit spricht er über seine Motivation und die parallelen zur aktuellen Politik.

Die Netflix-Serie Russian Doll soll der erste große Serienhit des Jahres 2019 sein, laut L.A. Times soll man sie sogar gleich zweimal sehen. Vox beobachtet, dass die fulminante Frauenrolle im Zentrum einen großen Teil des Reizes ausmacht. Nadia wird von Natasha Lyonne nicht nur gespielt, sie war auch als Produzentin und Autorin involviert. Inhaltlich geht es um eine Party, die unzählige Male von der Protagonistin neu erlebt wird. Aus diesem Anlass fragt Zach Vasquez beim Guardian, warum Hollywood immer noch von diesem Murmeltiertag-Szenario besessen ist.

Von einem zum Medienspektakel gewordenen Kriminalfall handelt die Amazon-Doku Lorena, und erzählt dabei auch viel über die Gegenwart von Skandalsucht, Reality-TV, Rollenbildern und #MeToo. Sie handelt von Lorena Bobbitt, die ihrem Mann 1993 den Penis abschnitt. Die Kritik von Serienbrief-Redakteur Benedikt Frank ist in der Süddeutschen erschienen.

 

Veranstaltungstipp

Eine Veranstaltung wollen wir Ihnen noch ans Herz legen: Die deutsche Film- und Fernsehakademie in Berlin lädt in Kooperation mit FilmPOLSKA unter dem Titel "Serial Poland – Crime and Politics in New Polish" Series ein, sich kommendes Wochenende in Berlin aktuelle polnische Serien anzugucken und zu diskutieren. Mal eine frische Perspektive auf Stoffe, die sonst wenig Beachtung finden.

 

Der nächste Serienbrief erscheint am 6. April. Unterstützen Sie uns bei Steady und empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter:

 

            

 

Herzliche Grüße

Benedikt Frank und Julia Weigl

Serienbrief
Benedikt Frank; Großvenedigerstr. 35A; 81671 München
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