Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

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Liebe Serienbrief-Freunde,

Good news, everyone! Wir haben in der letzten Staffel viele Empfehlungen gegeben, einige Serien davon sind besonders hängengeblieben. Die haben wir nun noch einmal extra gesammelt, auf der Serienbrief-Website gibt es jetzt eine Liste mit unseren Lieblingsserien. Die darf man sich gerne als Lesezeichen speichern, denn sie wird laufend erweitert und kann bei akuten Für-eine-Serie-Entscheidungs-Problemen hilfreich sein. Außerdem: Happy Birthday, Serienbrief! Wir wollen mit dem Beginn unserer zweiten Staffel ein paar weitere Neuerungen einführen. Wir möchten Sie zum Beispiel mehr einbinden; darum gibt es nun unten neben unseren Empfehlungen auch die Favoriten unserer Leserinnen und Leser.

I need a Dollar

Im vergangenen Jahr ist die Produktion des Serienbriefs immer aufwändiger geworden. Außerdem würden wir gerne noch mehr bieten. Das geht aber nur mit Ihrer Unterstützung. Wer unseren Service schätzt und außerdem zur artgerechten Haltung von Journalisten beitragen will, kann nun auf Steady Serienbrief-Mitglied werden und uns monetär unterstützen. Neben Kosten für das Hosting fällt vor allem Arbeitszeit für Sammeln, Schreiben, Redigieren und technische Hakelei an. Wenn dank Ihrer freiwilligen Mitgliedschaft unser Budget nicht nur aus dem Kleingeld besteht, das wir zwischen den Sofakissen finden, können wir den Serienbrief natürlich viel einfacher und schneller noch besser machen. Für einen kleinen Betrag können Sie nun offiziell zu Serienbriefmarken, Serientätern und Serienhelden werden. Herzlichen Dank dafür schon mal vorab! Ein kleiner Hinweis an dieser Stelle: Der Serienbrief wird auch während der zweiten Staffel weiterhin kostenlos sein.

 

Gangsta's Paradise

Vor 20 Jahren startete auf dem amerikanischen Sender HBO die Serie The Sopranos und mit ihr änderte sich die Art, Serien zu machen und zu schauen. Der depressive Mafiaboss Tony Soprano geht zum Psychologen – und ihm folgten viele Serien, in denen böse Kerle mit ihren jeweiligen Problemen kämpften. Nun wird mit etwas Abstand fleißig zurückgeblickt. In der Zeit diagnostiziert Dirk Peitz “toxische Männlichkeit” in der Krise, die von der Serie quasi prophetisch entdeckt wurde, bevor sie in der realen Politik zu Panikreaktionen führte, wie etwa Trump zu wählen:

Der 1999 laut seiner fiktionalen Biografie 40 Jahre alt gewordene Mobster Tony aus Newark sah das Ende auch schon kommen, und das war mehr als das Zeichen einer akuten Midlife-Crisis. Als Mitglied einer der letzten wahrhaft patriarchal geführten Organisationen neben der katholischen Kirche konnte man bereits am Ende des 20. Jahrhunderts Panikattacken kriegen.

Die New York Times hat Videointerviews mit einigen Mitarbeitern von Sopranos geführt. Außerdem gibt es dort einen Ratgeber für alle, die die Serie nochmal sehen wollen oder sie noch gar nicht gesehen haben und keine Zeit für alles Folgen haben. In praktischen Schritten kann man nur eine Folge schauen oder auch alle, bis auf die schwachen.

 

The Good, the Bad and the Predictable

Netflix investiert schon lange in internationale Stoffe. Nun auch in Ländern, die in Europa weniger für ihre Filmindustrie bekannt sind. Jüngstes Beispiel ist die nigerianische Produktion Lionheart. Doch was bedeutet das für die Filmbranchen in den jeweiligen Ländern? Carolina Schwarz und Fatma Aydemir schreiben für die Taz:

Dass Netflix immer mehr Originale international produzieren lässt, hängt mit einer neuen Ausrichtung des Konzerns zusammen: weg vom größtenteils US-zentrierten Mainstream-Fernsehen und hin zu progressivem und diversen Produktionen. In erster Linie geht es wohl darum, ein noch größeres Publikum anzusprechen.

Andere freuen sich weniger über die Aktivitäten des Streamingdienstes. In Frankreich solidarisieren sich jetzt französische Produzenten gegen Netflix, berichten Variety und Taz. So möchte sich etwa die öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt France Télévisions die Rechte für französische Eigenproduktionen sichern.

SZ-Autor Adrian Lobe untersucht derweil, was die Netflix-Algorithmen mit unseren Sehgewohnheiten anstellen und wie berechenbar dadurch Kunst wird. Eigentlich sollten sie doch unser Leben erleichtern, uns nur anzeigen, was uns auch wirklich interessiert. Die Realität sieht oft anders aus: Sie filtern und bestimmen außerdem, welche Inhalte erfolgreich sind und welche nicht. Was dabei auf dem Weg komplett verloren geht, ist der Zufall: Der französische Schriftsteller Honoré de Balzac hat mal geschrieben, "dass der Zufall 'der größte Romancier der Welt' sei. Viele wissenschaftliche Erfindungen verdanken wir dem Zufall: Teflon, Penicillin, Fotografie. Alles ungeplant", so Lobe.

Der beste Algorithmus nutzt aber auch nichts, wenn es für eine Zielgruppe keine Stoffe gibt. Netflix wird nun auch verstärkt auf dem Markt des "elder entertainment" aktiv, beobachtet Louis Wise für den Guardian. Also Serien für die insgesamt weniger netzaffinen Geburtenjahrgänge vor 1953, zum Beispiel die erfolgreiche Oldies-Sitcom Grace and Frankie, in der Jane Fonda mit Lily Tomlin Vibratoren für Seniorinnen anbietet, oder auch The Kominsky Method mit Michael Douglas und Alan Arkin. 

 

We're Not Gonna Take It – I

Netflix' Griff nach internationalen Produktionen kann auch schief gehen und weder divers noch progressiv sein. Zum Beispiel in diesem Fall: Die Kurdische Gemeinde Deutschlands hat sich in einem offenen Brief an Netflix-Chef Reed Hastings gewendet. Der Grund: Beim Streamingdienst zeigt die türkische Produktion Börü – Die Wölfe. Schon der Titel löse Assoziationen mit den Grauen Wölfen, also türkischen Rechtsradikalen aus. Die Serie selbst ist stumpfe Action, mit einem ideologischen Twist, ganz nach Erdogans Geschmack: die Spezialeinheit des türkischen Militärs säubert eine Stadt von vornehmlich kurdischen Terroristen. Die kurdische Gemeinde fordert, Börü nicht weiter zu zeigen, Netflix hat sich zu dem Vorwurf nicht geäußert. Weitere Einordnung gibt es beim Standard.

 

We're Not Gonna Take It – II

Öffentlicher Protest gegen eine Serie per Brief ist eine Sache, aber wann gehen Leute schon mal für eine Serie auf die Straße? Dafür braucht es hierzulande schon ein besonderes Ereignis, zum Beispiel die Ankündigung Ende letzen Jahres, die Lindenstraße im Frühjahr 2020 einzustellen. In Köln protestierten im Januar immerhin zwischen 200 und 300 Leute für den Erhalt der Serie. Unter anderem mit Stabreimen wie "Ohne Mutter Beimer ist Sonntag im Eimer." Fotos hat Sebastian Weiermann auf Twitter veröffentlicht. Das klingt wahnsinnig spießig, laut Taz-Reportage sei die Veranstaltung aber "diversitymäßig recht ansehnlich" gewesen. Demnächst soll wieder demonstriert werden. Kann man seltsam finden, aber klingt jedenfalls sympathischer als Pegida.

Apropos abgesetzte Serien: Mit der Übernahme von Fox durch Disney wackeln die Simpsons, berichtet Variety.

 

Can't Buy Me Love

Die ganzen Übernahmen von Medienkonzernen sind Teil des großen "Streaming-Kriegs". Wer am Ende das größte und beste Portfolio hat, hofft die meisten Kunden zu seinem eigenen Abodienst zu locken. Bezahlt wird dieser Konkurrenzkampf mit Schulden. Etwa 180 Milliarden Dollar stehe AT&T nach dem Kauf von Time Warner, wozu HBO gehört, in der Kreide, berichtet Variety. Comcast, zu dem seit Oktober auch Sky gehört, hat knapp 115 Milliarden Dollar Schulden. Bei Disney sei der Verschuldungsgrad aber der höchste seit mehr als einer Dekade. Der Grund für all das: Netflix hat, ebenfalls Schulden finanziert, die alten Medienkonzerne im Netz überholt. Das alles sei sehr riskant, heißt es in dem Artikel von Cynthia Littleton und Brent Lang. Denn noch sind die Kredite sehr billig. Das kann sich aber ändern, und die ehrgeizigen Konsolidierungspläne könnte eine allgemeine Rezession leicht scheitern lassen. Wem es gelingt, nach Netflix Vorbild die Kundschaft über eigene Streamingdienste direkt mit den eigenen Inhalten zu versorgen, wird sehr reich werden, so die Prognose. Die anderen verlieren und vielleicht gibt es dann irgendwann eine Serie über Manager im Streaming-Krieg. Da legen Sie ihr Aktiengeld wohl besser in eine Serienbrief-Mitgliedschaft auf Steady an.

 

Around the Globes

Vor der Verleihung ist nach der Verleihung. Während nun alle gespannt auf die Oscars warten, wollen wir noch einmal auf die Golden Globes schielen, die am 7. Januar vergeben wurden. Gewohnt uneinig ist man sich über die Gewinner*innen. Schön zu sehen, ist es auf jeden Fall, dass sich viele neue Serien unter die Ausgezeichneten geschmuggelt haben. Da wäre etwa Richard Madden in Bodyguard, der den Globe für den besten Schauspieler in einem Drama abräumte, oder Ben Whishaw, der für seine Rolle in der BBC-Miniserie A Very English Scandal ausgezeichnet wurde. Mit letzterem war auch der Guardian-Kritiker Stuart Heritage einverstanden, der sonst eher unglücklich war mit den Gewinnern der diesjährigen Globes. Seine Favoriten gingen meistens leer aus. Wie sehen Sie das?

Eine komplette Liste der Gewinner*innen gibt’s zum Beispiel bei der New York TimesFür diejenigen, die sich eher für die Überraschungen der diesjährigen Verleihung interessieren, hat Variety eine recht hübsche Auflistung zusammengestellt.

 

Übrigens

Warum interessiert man sich heute für die Western-Serie Trackdown aus den 1950ern? Weil während des US-Shutdowns viele Leute viel Zeit hatten, um fernzusehen, zum Beispiel auch Trackdown. Und wie das eben so passiert, stößt jemand früher oder später auf eine Folge, die von einem Herrn Trump handelt: Dieser warnt natürlich vor der Apokalypse und verkauft den Bewohnern eines kleinen Städtchens eine magische Mauer, um diese Bedrohung abzuwenden. Variety hat die Geschichte und die Episode als Video

Glück, gefunden zu werden, hatten auch andere: Alles fing an mit kurzen witzigen Videos, die Abbi Jacobson und Ilana Glazer auf YouTube hochluden. Eine selbst produzierte kleine Webserie entstand, auf die niemand geringeres als Amy Poehler aufmerksam wurde. Sie war begeistert und verbandelte die beiden New Yorker Komödianten mit Comedy Central. Nach fünf Staffeln ist dort jetzt Schluss mit Broad City. Was die letzten zehn Jahre für Jacobson und Glazer bedeuteten und was sie sonst so vorhaben, erzählen die beiden der New York Times im Interview.

 

Schaubar

Diese Serie ist Fernsehgeschichte: Vor 40 Jahren wurde in Deutschland Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss gezeigt, jetzt ist sie in der ARD-Mediathek wieder zu sehen. Es ist nicht übertrieben, zu behaupten, dass eine Serie nie wieder einen solchen Einfluss hatte und das, obwohl ihre Machart wirklich nicht sehr besonders ist. Den schönsten Text über die Serie und zu den massiven Reaktionen, zu denen sie führte, hat die eine Hälfte der Serienbrief-Redaktion für die Süddeutsche Zeitung aufgeschrieben. In der Taz gibt es ein Interview mit der Regisseurin Alice Agneskirchner, die eine Doku zur dem TV-Phänomen gedreht hat. Und damit wir dialektisch bleiben: Jonas Engelmann meint in der Jungle World, die Serie habe so viel nun auch wieder nicht erreicht.

Da müsste man sich fast schon bei Netflix bedanken. Vor ein paar Jahren wäre es wohl noch nicht so leicht gewesen, dieses Nischenserienjuwel in Deutschland aufzuspüren. Pose lief in den USA bereits im Juni 2018 an und wurde schnell zum Überraschungshit. Wir haben bereits in Serienbrief S01E07 darüber berichtet. Alex Rayner hat für den britischen Guardian aufgeschrieben, warum die Serie über die New Yorker Voguing und Ballroom-Szene so toll ist – und wie sehr sie doch an den bahnbrechenden Dokumentarfilm Paris is Burning (ebenfalls auf Netflix verfügbar) erinnert und ein spannendes Thema für unsere Zeit aufarbeitet.

Die sechsteilige Miniserie Valley of the Boom erzählt von der Dotcom-Blase. Internetpioniere wurden von heute auf morgen mit Koffern voller Geld überschüttet. Das zieht natürlich Visionäre wie Betrüger an. Die Doku ist aber mehr als Geschichtsstunde, sie kommt selbst so irre daher wie die Zeit, von der sie handelt. Mal lässt sie Macher zu Wort kommen, mal werden ihre Erlebnisse in Spielfilmszenen mit großem V-Effekt vorgeführt, mal sind die Ereignisse so verrückt, dass sie wie erfunden wirken, es aber nicht sind.

 

Brieffreundschaft

Das hat uns unheimlich gefreut! Eine treue Serienbrief-Leserin hat uns auf eine sehr besondere Netflix-Serie aufmerksam gemacht: Shtisel. Die israelische Produktion gibt ungewohnt tiefe Einblicke in eine Welt, die den meisten von uns versperrt bleibt. Man taucht ein in den komplizierten Alltag einer jüdisch-orthodoxen Gemeinschaft in Jerusalem. Gefangen zwischen Tradition, Ritual und Konvention, hat der junge Rabbiner Akiva ganz menschliche Bedürfnisse. Er sucht Zweisamkeit und die Liebe. Nur zu, schicken Sie uns weitere Anregungen und Empfehlungen, gerne auch Kritik.

 

Der nächste Serienbrief erscheint am 9. März. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter:

            

 

Herzliche Grüße

Benedikt Frank und Julia Weigl

Serienbrief
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