Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

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Liebe Serienbrief-Freunde,

Hurrah! Heute feiern wir mit Ihnen das Staffelfinale unseres Newsletters. Ob wir wirklich zwölf Ausgaben durchhalten würden, war vor einem Jahr keinesfalls klar. Nun dürfen auch wir zurückblicken: Gestartet sind wir mit ein paar handvoll Freunden und Kolleg*innen, heute lesen auch viele Leute mit, die wir nicht persönlich kennen. Ihr durchwegs positives Feedback motiviert uns sehr. 2019 dürfen Sie uns gerne mehr davon an serienbrief@mailbox.org schicken.

Falls Sie noch einen guten Vorsatz für das gerade begonnene Jahr suchen, der wirklich leicht einzuhalten ist, dann empfehlen Sie uns einfach weiter. Zum Beispiel per Mail, über Twitter und Facebook oder indem Sie beim Dreikönigsfrühschoppen und jeder anderen Gelegenheit die Sätze “Kennst Du übrigens schon diesen wirklich sehr liebevoll gestalteten Seriennewsletter? Der Serienbrief, da musst Du dich anmelden!” einstreuen. Es freut uns wirklich sehr, den Serienbrief jedes Mal an ein paar Menschen mehr schicken zu können und das macht natürlich auch Lust weiterzumachen. Wohlwissend, dass Drohungen oft bessere Motivatoren sind als freundliche Bitten, behaupten wir jetzt mal nicht, dass es Ihnen Unglück bringt, wenn Sie nicht mindestens fünf Leute überzeugen, den Newsletter zu abonnieren. Stattdessen probieren wir es mit einem Cliffhanger: Ab Februar wird es eine zweite Staffel des Serienbriefs geben und mit ihr auch ein paar Neuigkeiten.

Kopfsache

In Game of Thrones wird viel gestorben und zwar in der Regel nicht an Altersschwäche. Reidar P. Lystard und Benjamin T. Brown haben nachgezählt: eines natürlichen Todes sterben nur zwei Figuren. Meistens sind es Verletzungen an Kopf und Nacken, Enthauptungen eingeschlossen, welche die Charaktere dahinraffen. Veröffentlicht wurde die statistische Auswertung in einem richtigen Fachjournal über Verletzungen. Charmant finden wir vor allem das Sekundärziel der Studie:

The primary aim of this study was therefore to examine the mortality and survival of the characters in Game of Thrones. Specifically, to estimate survival time and probability, to identify predictive factors, and to describe causes and circumstances of deaths. The secondary aim was to give the authors an excuse to re-watch the first seven seasons before the final season reaches television screens worldwide.

Das Ergebnis fasst Spiegel Online zusammen. Der methodische Bias der Studie ist natürlich offensichtlich: Die Forscher konnten nur On-Screen-Tode zählen und die sterben nun mal meist Promis gewaltsam. Der Serienbrief spekuliert mal wild über das tatsächliche Ende der meisten Bewohner Westeros: Als mittelalterliche Gesellschaft, in der die meisten wohl kaum Zugang zu medizinischen Einrichtungen haben, dürfte bei vielen für das Publikum unsichtbaren Figuren schon eine Lungenentzündung ausreichen.

Natürlich ist das vor allem ein wissenschaftlicher Marketing-Gag, aber ein bisschen ernst ist es den Forschern zum Schluss dann doch: "Stable democratic governments, resilient institutions that deliver public goods, and implementation of evidence-based violence prevention policies can decrease the risk of violent deaths considerably."

 

Sie ist eine Berlinerin

… könnte man meistens sagen, wenn man auf eine deutsche Serie zeigt, denn wahnsinnig viele spielen dort. DWDL-Kolumnistin Ulrike Klode stört sich daran: "Mittlerweile ist es bei mir so weit, dass ich bei einer Serie, bei der ich vorher weiß, dass sie in Berlin spielt, voreingenommen bin. Weil ich mir denke: Wie einfallslos!" Wäre doch nett, wenn man auch mal an andere Orte gehen würde, meint die Autorin. Traumschiff-Kapitän Harald Schmidt sieht es im SZ-Interview übrigens genauso: "Als Konsument habe ich keine Lust auf eine Serie, die in Berlin spielt."

Amerikanische Serien der letzten Jahre spielen jedenfalls häufiger in kleineren Orten. Allerdings zählt nach US-Maßstäben auch der Handlungsort von Breaking Bad, Albuquerque, mit etwas über einer halben Million Einwohnern als Provinz. Und eine gewisse New-York-Fixierung gibt es natürlich noch immer – nicht nur im Film, sondern auch im Fernsehen.

In der Hauptstadtzeitung Taz sieht es Ulrich Gutmair mit Blick auf das internationale Publikum positiver, jetzt würde dieses sehen können, wie es in Neukölln tatsächlich aussieht. Und selbst Berliner würden sich freuen, dank 4 Blocks und Dogs of Berlin "eher unscheinbare Ecken und Orte des täglichen Lebens zu entdecken. Und zu sehen, wie lokale Sehenswürdigkeiten umdefiniert werden." Statt der üblichen Drehorte, an denen Filmteams Anwohner nerven. Den Artikel kann man gut als Reiseführer für den nächsten Besuch abseits der Berliner Denkmäler hernehmen.

Wer sich dagegen von Berlin aufgrund der ganzen dort spielenden Gangster-Serien lieber fernhält, kann den Artikel von Yasmin Polat bei Watson lesen, in dem sie einen anonymen Clan-Insider, der auffällig wie ein Soziologiestudent spricht, Dogs of Berlin quasi einem Fakten-Check unterziehen lässt. Wichtigste Erkenntnisse: Die Serie ist schlimm, aber die Berliner Öffis sind sicher, denn Clanmitglieder fahren mit Privatwagen.

Natürlich darf in der Aufzählung auch Babylon Berlin nicht fehlen. Weil die Serie im Jahr 1929 spielt und das Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz auch tut, philosophiert Willi Winkler großzügig in der Süddeutschen über Serie, Film, Stadt und Zeit. Zwischen viel Begeisterung für den Moloch Großstadt enthält der Text auch wertvolles Stadtführerwissen:

Der Hauptunterschied zwischen Buch und Serie ist der Ort, den Döblin im Titel führt. Sein Roman handelt vom Osten Berlins. Hier leben Kleingewerbler, Handwerker, Zuwanderer aus dem Osten, alles arme Leute. Babylon Berlin hält sich mehr an den besser gestellten Westen, wo man Auto fährt und nicht mehr isst, sondern speist und von der eigenen Morbidität kostet.

Wir werden demnächst wohl mal eine Serienbrief-Tour durch die Hauptstadt anbieten müssen. Würden Sie denn eine bei uns buchen wollen?

 

Big money

Netflix hat offenbar den bisher teuersten Deal für Serienrechte geschlossen. Für rund 100 Millionen US-Dollar darf der Streamingdienst dieses Jahr die 14 Jahre alte Serie Friends zeigen. Viel Geld, aber Friends ist immer noch eine der beliebtesten TV-Produktionen überhaupt und hat 236 Folgen. Das macht etwa 35.000 Dollar pro Folge und Monat – ist schon eine ziemlich imponierende Summe. Die Rechte sind exklusiv und sollen auch andere Verwertungsarten enthalten, neue DVD-Auflagen etwa, die Netflix wohl nicht selbst nutzen wird, aber darüber hinaus auch sonst niemand.

Peter Kafka analysiert für Recode den Deal und verlinkt den ehemaligen Head of Strategy der Amazon-Studios Matthew Ball, der auf Twitter meint, das sei für den Rechtehalter AT&T nicht unbedingt das beste Geschäft. Denn AT&T besitzt ohnehin schon den Pay-TV-Sender HBO und will 2019 einen eigenen Streamingdienst für den umfangreichen Katalog von Warner starten. Der Serienbrief hatte bereits darüber berichtet, dass sich der Wettbewerb unter Streaminganbietern bald verschärfen könnte und die wichtigsten Waffen dabei natürlich exklusive Inhalte sind. Bei Warner könnte Friends wertvoller sein, glaubt Ball, weil dafür ja überhaupt erst einmal Kunden gefunden werden müssen, die Netflix schon längst hat und nun auch erstmal bei sich hält. Bis der eigene Kanal starten wird, dauert es wohl noch. Die Frage ist jetzt, ob der Wert der Serie sinkt, wenn die Leute ein Jahr Zeit haben, Friends auf Netflix zu sehen, oder ob 100 Millionen bis dahin ein hübsches Taschengeld sind.

 

Vorwärts immer?

Ganz ohne Rück- und Vorschauen geht es um den Jahreswechsel herum nicht. Damit Sie sich nicht durch die fünfhundert Klickstrecken ackern müssen, haben wir die besonderen Zusammenfassungen hier. Für Variety-Kolumnistin Caroline Framke war das Fernsehen und im vergangenen Jahr von Politik geprägt. Die Nachrichten hätten versagt, mit Trump umzugehen, viele Serien aber auch, weil die Nachrichten über Trump sie zur Ausstrahlung schon längst überholt hätten. Sie schreibt:

So many shows were so much more successful with politics by eschewing Trump, in fact, that I was beginning to believe TV couldn’t directly engage with him and work at all — and then I watched “The Good Fight.”

Der Text enthält noch ein paar andere Empfehlungen. Wenn man aber nur eine Serie zur US-Politik sehen will, dann muss es auf jeden Fall The Good Fight sein.

Nun aber zum Blick voraus: Während sich im internationalen Fernsehen – um genauer zu sein, vor allem auf der britischen Insel 2019 – mal wieder einiges tut, bleiben wir in Deutschland unseren gewohnten linearen TV-Traditionen treu. Das befürchtet zumindest Hans Hoff:

Es bleibt alles, wie es ist, und damit wird alles schlimmer. Das lineare Fernsehen, so wie wir es kennen, wird sich im anstehenden Jahr allenfalls drei bis vier Millimeter bewegen, bestenfalls in alle Richtungen, was nicht ausschließt, dass es minimal besser werden könnte, aber auch die Möglichkeit einer Verschlechterung ist einkalkuliert und sogar sehr wahrscheinlich.

Brexit, mürrische Thirtysomethings und andere Weltkatastrophen: Welche Highlights es bei der BBC und Co. im neuen Jahr zu sehen gibt, haben die Listical-Meister des Guardian zusammengestellt. Voraussichtlich ab 30. März 2019 wird die Redaktion aus dem Nichtmehr-EU-Land Großbritannien berichten. Der Brexit wird auch folgen für die TV-Industrie haben, denn viele sehr gute Serien kommen von der Insel. Wilfried Ube schreibt in der Taz über die möglichen Folgen:

Bis zu 40 große Projekte mit britischer Mitwirkung wurden bislang pro Jahr realisiert. Unter anderem dafür haben die Engländer Fördergelder aus Brüssel in Milliardenhöhe erhalten. Wie es hier weitergehen soll, ist noch komplett unklar. Ähnlich sieht es bei den Fachkräften aus: Ein Drittel aller Animationsspezialisten zum Beispiel, die in Großbritannien arbeiten, kommt aus dem Ausland.

Schaubar

Nein, Harald Schmidt hat mit der SWR-Serie Labaule & Erben als “Ideengeber”, als der er durch die Presse geistert, nicht wirklich viel zu tun. Die richtige Arbeit an der Serie haben andere erledigt, dafür aber gut. Uwe Ochsenknecht spielt einen verwöhnten Erben, der seinen neuen Job als Verleger weder richtig will noch kann. Da geht natürlich einiges schief. Wer Kir Royal mochte wird auch das kaufen, würde Amazon sagen. Hier kann man die sechs Folgen in der Mediathek sehen. Wer mit lustig eher nicht so viel anfangen kann, aber sich trotzdem von Intrigen unter Erben eines Medienimperiums unterhalten lassen will, dem sei die HBO-Serie Succession noch einmal nahegelegt.

Überraschend viele Zuschauer hat eine Serie, die Ende 2018 bei Netflix gestartet ist: der Thriller You – Du wirst mich lieben. Sie trifft wohl ein Thema, das viele Menschen gerade beschäftigt. Es verschaut sich ein unheimlich sympathischer Buchhändler in eine hübsche Kundin und wird schnell zu deren Stalker. Fortan versucht er alles, um an sie heranzukommen. Und das gestaltet sich relativ leicht, denn im Internet findet er schnell die Infos, die er braucht. Claudia Reinhard schreibt für die FAZ: "Die Serie ist ein satirischer Kommentar auf die Auswirkungen der Sozialen Medien auf die Beziehungen von Menschen, die diese unreflektiert nutzen."

Durchgeknallten Teenies guckt man immer gerne zu, wie sie sich gegenseitig zerfleischen. Gerade bei Netflix haben High-School-Dramen im Moment Hochkonjunktur. Nachdem die Schönen und Reichen Spaniens in Elite auf ihrem College bereits die Drogen dealenden Assikids aufnehmen mussten, führen in Baby derweilen zwei noble Teenage Mädels aus der Romer Oberschicht ein Doppelleben. Ein wenig harmloser, dafür aber um einiges witziger geht es bei der nordirischen Sitcom Derry Girls zu. Da wird nicht nur ein armer emigrierter Engländer auf dem katholischen Mädchengymnasium zwangsintegriert, sondern hoffen die trashigen Mädels auf ihre nicht vorhandenen Sparbücher, die ihren Schulausflug nach Paris finanzieren sollen. Okay, mittendrin geht’s dann doch mal um die harte Realität im Nordirland der Neunziger, und da wird die IRA vielleicht schon mal ein wenig ungemütlich.

Zuguterletzt: Schotty sagt "Tschüß". Die letzten Folgen Tatortreiniger liefen bereits vor Weihnachten. Die Autorin Mizzy Meyer, die eigentlich Ingrid Lausund heißt, will die Serie nicht mehr weiterführen. Beim NDR kann man darum jetzt alle 31 seit 2011 erschienenen Folgen binge-watchen. Wir hoffen, dass sie nicht so bald wieder aus der Mediathek verschwinden müssen.

Die neue Staffel des Serienbriefs beginnt am 2. Februar. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

Frohes Neues und herzliche Grüße

 

Benedikt Frank und Julia Weigl

 

 

Serienbrief
Benedikt Frank; Großvenedigerstr. 35A; 81671 München
 
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