Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

Diese E-Mail online lesen

Liebe Serienbrief-Freunde,

viele lesen hier heute zum ersten Mal mit. Willkommen und vielen Dank für Ihr Interesse. Der Serienbrief funktioniert so: Monatlich gibt es Zusammenfassungen, Links und Kommentare zum Seriengeschehen. Ganz unten stehen dann einige wenige Serien-Empfehlungen. Zu frühe Ankündigungen ersparen wir uns und Ihnen. So bleibt allen mehr Zeit fürs Seriengucken.

Ausgerechnet in dieser Folge müssen wir eine kleine Ausnahme von der Regel machen. Denn die meisten Neulinge dürften uns vom Seriencamp her kennen. Den Publikumspreis des Festivals hat nun die belgisch-niederländische Serie Undercover gewonnen. Wir vermuten: Das hat etwas damit zu tun, dass den Auftritt der Crew die eine Hälfte des Serienbriefs, Julia Weigl, so sympathisch moderiert hat. In der Serie geht um ein Extasy-Imperium, das obskurerweise von einem Campingplatz aus gemanagt wird. Weil man sie aber erst im nächsten Jahr auf ZDFneo sehen kann, belassen wir es jetzt erst einmal dabei und erinnern an Undercover, wenn die Serie tatsächlich läuft.

Do me baby

Ein schlüpfriges Thema zum Start: In aktuellen Qualitätsserien gibt es bekannterweise viel expliziten Sex. Den muss auch irgendwer spielen. Nun sind SchauspielerInnen zwar recht exibitionsistisch veranlagt. Aber nicht alle wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie sich nackig mit anderen über die Bildschirme wälzen sollen. Darum hat HBO jetzt sogenannte Intimacy Coordinators eingestellt. Klingt wie das Äquivalent zum Stunt-Choreographen fürs Bett, ist aber eher eine Assistenz- und Coachingstelle. Alica Rodis arbeitet in dem Job unter anderem für The Deuce, wo qua Thema – Prostitution und Pornoszene – noch etwas mehr als sonst gepimpert wird. Laut jetzt.de sieht ihr Job dann in der Praxis zum Beispiel so aus:

Wenn Meade sich für den Dreh eines Blow-Jobs auf den Boden kniet, legt Rodis ihr ein Kissen unter, damit ihr die Knie nicht wehtun. Sie bietet ihr Mundspray zwischen den Szenen an, reicht ihr Stoff, wenn Meade sich bedecken will, und gibt Rat, wann immer die Schauspielerin ihn braucht.

Das klingt einigermaßen banal, es geht aber um mehr als wunde Knie. Im Guardian erfährt man, dass sie auf ganz unterschiedlichen Ebenen daran arbeitet, dass alle sich beim Dreh wohlfühlen. Sie lehrt SchauspielerInnen Techniken, die nach mehr aussehen, als tatsächlich passiert, klärt ab, wer was tun möchte und was nicht. Sie berät etwa auch Männer, die sich unwohl fühlen, weil sie eine übergriffige Figur spielen sollen. Und letztendlich achtet sie darauf, dass beim Dreh die Grenzen nicht überschritten werden.

 

Time to say goodbye

Wie alle war auch die Serienbrief-Redaktion erschüttert, zu erfahren, dass die Lindenstraße abgesetzt wird. Das schlimmste daran: Jetzt bleibt uns Fernseh-Feuilletonisten bald nur noch der Tatort, um von der Fiktion ohne große Umwege auf die kollektive Befindlichkeit der deutschen Bevölkerung zu schließen. Dann ist uns eingefallen, dass wir seit gefühlt 20 Jahren keine einzige Folge mehr bewusst gesehen haben. Aber beruhigend war es eben doch, stets zu wissen, dass wir die alte Freundin Lindenstraße jederzeit besuchen könnten. Jetzt wissen wir, dass sie in weniger als zwei Jahren tot sein wird und schämen uns etwas, ihr nicht mehr Zeit gewidmet zu haben. Nur weil sie ein bisschen nervt und wir lieber mit den coolen Serien der Streamingdienste abhängen wollen.

Natürlich gibt es unzählige Nachrufe. Dass die Lindenstraße nach 35 Jahren "unerwartet und viel zu früh" ginge, will, soweit wir wissen, dennoch niemand daherfloskeln. Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner, den wir uns gerne als eine Seifenoper-Figur vorstellen wollen, vergisst immerhin vor lauter Schock, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Hans Hoff würdigt die Zeit, in der die Serie noch Avantgarde war, und lässt etwas Mitleid mit den Schauspielern erkennen, die nach dieser Phase noch weitermachen mussten. Dann hat er die Geißendörfers besucht und interviewt. Die klagen ihm ihr Leid, zweifeln die offizielle Begründung – mangelndes Zuschauerinteresse – an und vermuten eine Intrige des Bayerischen Rundfunks.

Der entscheidende Satz kommt von der Lindenstraße-Erbin Hana Geißendörfer: "Wer sagt denn, dass es zu Ende ist? Wir wären bereit, weiterzumachen, mit wem auch immer." Und wenn ein paar Tage später Mutter Beimer höchstpersönlich der Bildzeitung verrät, dass sie an ein Ende der Lindenstraße nicht glaubt, wäre spätestens das die perfekte Stelle für den Cliffhanger und Düdeldüdel-düdeldüdel-düü-düü-düü-düü. Einen Zusammenschnitt der schönsten Lindenstraße-Enden gibt es übrigens bei Übermedien.

Bei all dem Drama wünscht man sich fast, auf dem Sendeplatz würde demnächst eine Soap folgen, die bei der ARD selbst spielt. Aufmerksame Serienbrief-Leser wissen natürlich: Remakes, Revivals und Spin-Offs liegen voll im Trend und wenn wir heute schreiben, dass Schluss ist, kann das morgen schon wieder überholt sein. Ob die Geißendörfers ihr Baby aber einem den Einzelhandel zerstörenden Großkapitalisten wie Amazon in den Rachen werfen, wagen wir zu bezweifeln. Ein Crowdfunding würde viel besser passen. Bis Klarheit herrscht, hören wir Popsongs mit Lindenstraße-Bezug und nehmen Ihre Wetten an.

 

Deutschländer Würstchen

Als wolle man über den Verlust der Lindenstraße hinwegtrösten, sind im November gleich sechs neue deutsche Serien gestartet. 35 Jahre wird wohl keine von ihnen durchhalten, aber das ist auch kein Wunder, denn die Serien treten nicht als Seifenopern an, sondern wollen aufregendes Qualitätsfernsehen sein. Gelingt das auch? Nun ja.

Für die erste Eigenproduktion der Deutschen Telekom, Deutsch-Les-Landes, sollten sich nur diejenigen extra ein Abo beim Magenta TV holen, die auf seichten Integrationsklamauk wirklich überhaupt nicht verzichten können. Die Bavaria steckt auch bei der Sky-Serie Das Boot mit im gleichnamigen. Wolfgang Petersens Vorlage von 1981 wurde sechs Jahre nach dem Kinofilm schon zur Miniserie umgeschnitten, die neue Adaption spielt nun ein Jahr nach deren Handlung. Eigentlich eine sichere Sache, könnte man angesichts des Welterfolgs des Kinofilms meinen. Sie ist jedenfalls, je Folge gerechnet, die teuerste deutsche Serie bisher und auch schon in etwa 100 Länder verkauft. Die Kritiken kennen den hohen Produktionswert an, vermissen aber Originalität. Lars Weisbrod wirft der Serie in der Zeit Geschichtsrevisionismus vor.

Hackerville macht vor allem durch seine Kooperationen auf sich Aufmerksam: Die Macher von Deutschland 83 stehen hinter der deutsch-rumänischen Serie für HBO Europe und den kleinen Sender TNT. Inhaltlich fällt der Krimi um eine Hackerbande aber nicht weiter auf und man ist froh, wenn die Handlung nach Rumänien wechselt, weil die deutschen Schauspieler schwierig zu ertragen sind. Die ZDFneo-Produktion Parfum ist zwar schön düster durchgestylt. Die Verbindung zum Süßkind-Roman ist aber eher eine Marketing-Strategie, die darüber hinwegtäuschen soll, dass man es mit einem relativ gewöhnlichem Krimi zu tun hat. Der Radikalität von US-Serien versucht man sich mit überzeichneten Charakteren und Frauenfeindlichkeit anzunähern.

Die Amazon-Serie Beat, ein Agenten-Krimi in der Berliner Techno-Szene, hat hübsche Club-Szenen und eine tolle Besetzung. Die Story besteht aus verworrener Paranoia, etwas seltsam eingewobenen Gesellschaftsthemen und Klischees – dem Titelhelden und Druffi Beat steht ein Volksmusik hörender Psychopath entgegen. Milk & Honey wurde von VOX als Nachfolger der tollen Serie Club der Roten Bänder angekündigt. Die Komödie über Männer, die einen Escortservice in der Brandenburgischen Provinz eröffnen, stört weder, noch begeistert sie.

Das klingt vernichtend. Und doch muss man sagen, dass abgesehen vom Desaster Deutsch-Les-Landes, vieles zumindest erahnen lässt, dass man in die richtige Richtung will. Erkennbar ist insgesamt der Wille zu großen Produktionen, neuen Kooperationen, epischen Erzählungen, ungewöhnlichen Looks und aufregenden Stoffen. Vieles ist besser als der deutsche Serienalltag, einiges schon fast sehr gut. Nur fällt all das nicht richtig zusammen oder es fehlt das Quäntchen Mut, aus einer etwas besseren Serie eine großartige zu machen.

 

Warum werde ich nicht satt?

Was uns zu der Frage bringt, ob es nicht überhaupt zu viele Serien gibt. Das hat nämlich ausgerechnet Regisseur Philipp Kadelbach in einem Interview mit DWDL behauptet. Seine eigene Serie Parfum wird er damit nicht gemeint haben. Joachim Huber kommentiert für den Tagesspiegel:

Eine nicht mehr ferne Gefahr im Meer der Serien ist das Mehr vom Gleichen. Sound und Struktur der Produktionen beginnen sich zu ähneln, die Amazons dieser Welt beginnen ihrem eigenen Erfolg hinterherzuproduzieren. Wer auch immer sendet und streamt, wird Zugriffszahlen und Investment gegeneinander bilanzieren. Und schlicht sagen können: Alles egal, es gibt auch nur fünf, sechs Pizzabeläge, die weltweit schmecken. Pizzafernsehen muss das Fernsehen bleiben, das mit der Serienrevolution überwunden wurde.

Was hat der Mann gegen Pizza? Egal. Parfum wäre demnach eine schick angerichtete Pizza, die man schön für Instagram fotografieren kann, deren Teig aber zu labbrig ist. Dass es mehr Serien gibt, als man jemals sehen könnte, ist klar. Für uns Serienbrief-Autoren ist die hohe Zahl an Produktionen prinzipiell eine tolle Sache. Das wertet unsere Auswahl auf. Und weil so viele Serien nur mittelmäßig sind, wird uns so schnell nicht die Arbeit ausgehen, die sehenswertesten herauszusieben.

Die Industrie hat derweil ein anderes Problem: Serienmacher sollen mehr Ideen liefern, als sie überhaupt sich auszudenken in der Lage sind. Also greifen sie zu Adaptionen. Das verändert den Rechtehandel. Variety berichtet über die Veränderungen. So verkaufte ein Agent früher in 95 Prozent der Fälle Buchrechte an den Film, heute gehen 60 Prozent ans Fernsehen. Abseits vom Geschäft soll das auch Folgen für die Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen haben.

Thanks to the adaptation explosion, a diverse range of voices have gotten the opportunity to be heard, with more women, people of color and LGBTQ voices making waves in the marketplace.

"I feel like I naturally gravitate towards being able to give a voice to those that I believe should have or need a bigger voice out there, through film and television," says Richman, who helped sell Hidden Figures based on a book proposal. "And I think it’s important for us as representatives to be able to embolden those voices."

Aktuell würde großes Interesse an Stoffen bestehen, die Hoffnung machen und erlauben, die Welt zu vergessen.

 

Nachdreh

Potzteufelsblitz: Die PR-Profis der Kirche der Satanisten verklagen die Macher der Neuauflage von Sabrina. Die Satanisten hatten erst im August dieses Jahres in den USA eine Statue des Baphomet öffentlich gezeigt und gefordert, sie solle ebenso wie ein christliches Monument der Zehn Gebote auf öffentlichen Grund in Detroit gestellt werden. Die Serie soll das Kunstwerk kopiert haben. Nun sind sowohl die Religionsfreiheit als auch das Urheberrecht bürgerliche Erfindungen. So wirklich teuflisch wirkt es aber nicht gerade, auf die Durchsetzung des Copyrights zu pochen. Mittlerweile haben sich die Satanisten mit Netflix auch schon außergerichtlich geeinigt.

In der Serie geht es unter anderem um ideologische Kämpfe zwischen liberalen Reformern und fundamentalistischen Traditionalisten unter den Teufelsanbetern. In der realen Welt werden Serien schon auch mal zum Ziel religiös begründeter Empörung. So hatten christliche Fundamentalisten 2015 eine Petition gegen die Serie Lucifer gestartet. Man muss sich fragen, warum sich nicht der Temple of Satan an ihrer Stelle beschwert hat. Denn in Lucifer ist der Teufel nur ein langweiliger schleimiger Typ, wie man ihn überall treffen kann. Seine übernatürlichen Kräfte setzt er für Lappalien ein, wie Strafzetteln zu entgehen und streng nach dem Schönheitsideal von Modemagazinen gecasteten Frauen zu verführen. Da möchte man glatt ins Kloster eintreten, dort wird mehr gesündigt.

 

Kleinigkeit

Auf Netflix werden Nutzern je nach Vorliebe unterschiedliche Vorschaubilder angezeigt. Wen der Algorithmus als Fan eines bestimmten Schauspielers identifiziert, der bekommt dessen Gesicht häufiger zu sehen. Bei Serien wie Stranger Things lässt sich wahlweise der Horror, das Abenteuer oder die Nostalgie betonen. Vox fasst in einem Video zusammen, was hinter den Teaserbildern steckt.

 

Comfort TV

Weil Sie die vorweihnachtliche Zeit natürlich nicht auf den überfüllten, übertreuerten, überflüssig unzähligen Weihnachtsmärkten verbringen wollen, sondern viel lieber auf dem Sofa, haben wir mal ein paar besondere Fernsehperlen rausgesucht, die ihrer Zeit viel zu schnell wieder von der Bildflächer verschwunden sind. Wir nennen das einfach mal Comfort TV. IMDB hat dazu eine umfangreiche Best 100-Liste angelegt.

Eine weitere Serie, die ein größeres Publikum verdient hätte, ist die fantastische Mini-Animationsserie Over the Garden Wall (Hinter der Gartenmauer) mit Elijah Wood. Sie basiert auf dem Kurzfilm Tome of the Unknown von Patrick McHale. Darin geht um die beiden Brüder Wirt und Greg, die in einer geheimnisvollen Welt gefangen sind und ihren Heimweg suchen.

Wenn Sie dann bis Weihnachten alles durchgeschaut haben, gibt es ja immer noch die Serien aus den Neunzigerjahren, die gerade wieder nach und nach neuinterpretiert werden. Nach Sabrina – Total verhext! soll nun auch Charmed – Zauberhafte Hexen folgen. Da sich aber nicht alle Serien aus den Neunzigern um magische Frauenwesen drehen, gibt’s hier einen Überblick über vergessene Fernsehhits.

 

Foto: Bayerischer Rundfunk

 

Schaubar

In Früher oder später geht es in die bayerische Provinz, um genau zu sein an die tschechische Grenze in der Oberpfalz – und da ein Teil des Serienbrief-Teams dort aufgewachsen ist und ein wenig nostalgisch wird, wenn sie die grotesk-melancholische BR-Dokuserie schaut, möchten wir euch diese empfehlen (Hier in der BR-Mediathek). In der Serie porträtiert die HFF-Studentin Pauline Roenneberg unterschiedlichste Bewohner des Dorfes Schönsee. Unter anderem auch ein Bauernpaar, das sich als Bestattungsunternehmen über Wasser hält. Anna Steinbauer hat die junge Regisseurin für die Süddeutsche Zeitung interviewtHans Kratzer bringt das ganze dann noch in einen historischen Kontext.

Dem können wir uns nicht versperren: Homecoming mit Julia Roberts in der Hauptrolle, gemacht von Sam Esmail (Mr. Robot). Die Geschichte handelt vom Umgang mit Kriegsveteranen, einer Verschwörung und Gedächtnislücken. Besonders ist, dass die Amazon-Serie auf einem Podcast basiert, dessen Klangwelt in der Fernsehversion eine besonderen Stellenwert einnimmt. Wer sich gerne das Original anhören möchte, kann das hier tun.

Für die Harten: Kolumbien ist Schnee von gestern. Jetzt geht es in einem Narcos-Ableger um die Drogendealerei in Mexiko. Mittendrin Diego Luna als Miguel Ángel Félix Gallardo, der sich nach bekanntem Muster langsam und brutal zum einflussreichen Drogenboss hochmanipuliert. Zu sehen gibt’s die Begleitserie zu Pablo Escobars Narcos-Eskapaden ebenfalls auf Netflix.

Für die Lustigen: Die Amazon-Serie The Marvelous Mrs. Maisel wird ab 5. Dezember fortgesetzt. Die erste Staffel war bezaubernde und kluge Comedy und hat sich die fünf Emmys auf jeden Fall verdient. Wir sind schon ganz gespannt, wie sich die Stand-up-Karriere der jüdischen Hausfrau Midge weiterentwickelt.

Das Staffelfinale des Serienbriefs erscheint am 5. Januar. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

Happy Chrismukkah und herzliche Grüße

 

Benedikt Frank und Julia Weigl

 

 

Serienbrief
Benedikt Frank; Großvenedigerstr. 35A; 81671 München
 
Um ihr Abonnement zu kündigen oder zu ändern, klichen Sie hier.