Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

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Liebe Serienbrief-Freunde,

nächstes Wochenende kann man uns treffen, live und in Farbe. Denn die Festival-Saison hat München erreicht. Die eine Hälfte des Serienbriefs, Julia Weigl, wird am Donnerstag, den 8. November, um 10:45 Uhr das Panel zu “Fresh From Belgium – Over Water & Undercover” bei der Konferenz des Seriencamps moderieren und am Samstag nach dem Screening von Undercover um 16 Uhr mit Publikum, Machern und Protagonisten über die Serie sprechen. Wenn Sie uns am Samstag “Hallo” sagen oder darüber diskutieren wollen, wie toll Jodie Whittaker als der Doktor ist, können Sie uns gerne eine Mail an serienbrief@mailbox.org schreiben. Unsere Flensburger Fans, die nicht so weit in den Süden trampen wollen, überscrollen einfach den ersten Abschnitt.

Seriensause

Zum vierten Mal lädt das Seriencamp Festival in die Münchner Hochschule für Fernsehen und Film ein, um gemeinsam auf der großen Leinwand neue Serien aus aller Welt zu schauen. Dabei dürfen im Jahr 2018 natürlich die TV-Remakes von einst erfolgreichen Filmen aus Deutschland nicht fehlen. Gezeigt werden hier etwa die Sky-Fortsetzung von Wolfgang Petersens Klassiker Das Boot oder der ZDF-Miniserienkrimi Die Purpurnen Flüsse mit Nora von Waldstätten. Dazu gibt es internationale Großproduktionen wie Lena Dunhams neue Serie Camping oder Kidding mit Jim Carrey.

Wir finden am Seriencamp vor allem Serien spannend, die in Deutschland noch keinen Sender gefunden haben - oder auch nie einen finden werden - und deshalb in der Sektion “First Look” laufen: Da schlendert etwa die großartige Desiree Akhavan in The Bisexual durchs nächtliche London auf der Suche nach ihrer eigenen sexuellen Orientierung oder es sitzen sich ein Mann und eine Frau in One Night in einem schicken Restaurant gegenüber, um einander kennen zu lernen. Israel ist wieder mit tollen Produktionen dabei, die es erfahrungsgemäß aber selten ins deutsche Fernsehen schaffen: In When Heroes Fly verarbeitet eine Gruppe ihre Wehrdienst-Traumata, die Comedy-Serie On the Spectrum handelt von einer Autisten-Wohngemeinschaft. Es lohnt sich jedenfalls, in der HFF München vorbeizuschauen und zu entdecken, womit sich die Serienmacher und Serienmacherinnen gerade beschäftigen. Das Programm des Seriencamps finden Sie hier.

Enemene Mei, flieg' los, Kartoffelbrei

Passend zum vergangenen Weltspartag, alias Halloween: Die Hexen sind wieder los! Was sie in den letzten Jahren zusammengebraut haben, ergießt sich nun in einen okkulten Herbst, mit dem Remake von Sabrina (das Original läuft übrigens spät nachts auf dem Disney Channel), dem Reboot von Charmed, der Ankündigung, dass auch die Sitcom Verliebt in eine Hexe (bzw. Bewitched) neu aufgelegt wird und der zur Abwechslung mal neuen Serie A Discovery of Witches. Trifft man hierzulande Leute, die sich für praktizierende Hexen halten, riechen sie meisten ein bisschen nach Räucherstäbchen und sind ganz schön esoterisch gestimmt. Die neuen Hexen sollen jetzt weniger hippie und mehr urban sein. Charlotte Richard Andrews beleuchtet für den Guardian die Hexe als feministische Emanzipationsfigur, als Gegenteil der Frauen in Handmaid’s Tale:
The witch is, after all, the original “nasty woman” and it is no coincidence that she is back now, a black-clad, pointy hat inverse of Gilead’s crimson-decked, bonnet-bound handmaids. “Minority and oppressed people in the west have discovered that there is no liberation to be found in traditional patriarchal, capitalist or religious systems,” says academic, author and chaos magic practitioner Patricia MacCormack.

Kick out the jams

Im Vergangenen Monat konnte man quasi die seltene absolute Sonnenfinsternis der Serienwelt beobachten: Gleich zwei große Titel gehen ohne ihren Hauptdarsteller weiter. Kevin Spacey ist nach Vorwürfen von Kollegen, er habe sie sexuell belästigt, nicht mehr US-Präsident Frank Underwood in House of Cards. Und Roseanne Conner, alter Ego von Comedienne Roseanne Barr, musste gehen, nachdem die echte Roseanne auf Twitter rassistisch tobte. Jetzt kann die erst im März wiederbelebte Serie natürlich nicht mehr Roseanne heißen, sie wurde in The Conners umgetauft.
Für Drehbuchautoren muss das plötzliche Verschwinden ihres Hauptcharakters der größte anzunehmende Unfall sein. In der Regel wählen sie für ihre Figur darum den berüchtigten Serientod. Für Zuschauer kann das aber durchaus interessant sein. House of Cards ist zwar legendär, hatte aber doch so einige Durchhänger in den letzten Staffel. Weil Underwood als Präsident schon alles erreicht hat oder weil die reale Politik noch viel irrer geworden ist als die Fiktion. Jetzt bringt seine Serien-Frau die Sache zu Ende, da kann man also noch mal einen Blick wagen. Und auch die Conners haben gute Kritiken gesammelt.
Die unverzichtbare Liste mit den wichtigsten Serientoden kommt diesmal nicht vom Guardian, sonder von der Süddeutschen.

Kriegskasse

Netflix investiert fast 19 Milliarden Dollar in neue Serien und Filme. Auch ein eigenes Studio hat der Streaming-Riese sich gekauft. Netflix wird von der Plattform zum Produzenten. Jetzt kann man sich fragen, wo denn die Originals vorher herkamen. Die Antwort: Sie wurden von anderen Produtenten gekauft und umgelabelt. Und genau das wird zum Problem.
Es mag Netflix-Abonnenten freuen, wenn die Firma in neue Inhalte investiert. Langfristig ist es aber Teil einer Entwicklung, die für das Publikum schlecht enden könnte. Der Streaming-Dienst hat Konkurrenz bekommen, wir hatten im Serienbrief bereits darüber berichtet. Disney wird seinen eigenen Streamingdienst starten und es ist abzusehen, dass der Konzern dann seine Inhalte, zu denen auch Star Wars und die Marvel-Filme gehören, dann exklusiv bei sich laufen lässt. Time Warner wird zusammen mit HBO ebenfalls einen Netflix-Konkurrenten aufbauen.
Netflix kann gar nicht anders, als mehr eigene Inhalte zu produzieren, sonst gibt es dort bald nichts mehr zu sehen. Das ist erstmal positiv. Die Kehrseite: Es ist abzusehen, dass es die eine Videothek, in der von jedem Studio ein bisschen was steht, in Zukunft nicht mehr geben wird. Die New York Times hat die Sache analysiert und spricht von einem möglichen “Content Cold War”. Man bräuchte schließlich noch mehr Abos, um nichts zu verpassen. Außerdem dürften die Preise steigen und die Regeln restriktiver werden, etwa wenn es darum geht, Accounts zu teilen. Denn Netflix ist auf Pump finanziert, machte im letzten Jahr zwei Milliarden Dollar Schulden – und dieses Geld werden Investoren irgendwann eintreiben wollen.
Was da auf die Streaming-Fans zukommt, erklärt ein Video von The Verge. Etwas kindgerechter und auf Deutsch beschäftigt sich Rayk Anders für funk mit der Sache.
Stoppen könnte die Entwicklung vielleicht noch, wenn die Studios noch einmal nachrechnen und zu dem Ergebnis kommen, dass ihnen so mehr Lizenzgebühren entgehen als sie mit den eigenen Diensten verdienen können.

Happy, happy, joy, joy

Wir Kinder der 90er hatten ja noch kein Netflix. Wir hatten noch nicht mal Amazon Prime! Sky hieß noch Premiere und zeigte Fußball und Pornos. Aber immerhin hatten wir Nickelodeon, das, ganz ähnlich wie Netflix heute das Serienschauen verändert, das Kinderfernsehen ordentlich durchwirbelte. Dort liefen die seltsamsten Cartoons und sie waren alle so herrlich unpädagogisch, dass man sie als kleiner Mensch lieben musste: Allen voran der Wahnsinn und Ekel von Ren und Stimpy aber auch Catdog, Rockos modernes Leben, die Rugrats, Hey Arnold und Sponge Bob. James Tyler hat dem Kanal - nein, dem Phänomen - einen nostalgischen Video-Essay gewidmet.
Ren & Stimpy graffiti, Trellick Tower - Foto:  duncan c, CC by-nc

Nachdreh

Der Serienbrief hatte bereits im April über den laschen Umgang der Simpsons mit Kritik an der Figur des Kwik-E-Markt-Verkäufers Apu Nahasapeemapetilon berichtet. Nun kamen Gerüchte auf, dass man die als rassistisch wahrgenommene Figur ganz aus der Serie streichen will. Was natürlich auch eine Art von Ausgrenzung wäre. Der Mitgründer des linken Jacobin-Magazins Bhaskar Sunkara kommentiert nun für den Guardian, wie schade er das Ende der Figur fände, die für ihn ein Vorbild war. Der Macher der Dokumentation The Problem with Apu, die die Kontroverse startete, hätte eben nicht nur die US-Inder befragen sollen, die erfolgreiche Schauspieler geworden sind, sondern die Einwanderer der Arbeiterklasse.
The United States is incredibly economically divided today, but perhaps no group more so than Indian-Americans. We’re either pumping your gas or we’re performing open-heart surgery. For Indian-American actor Utkarsh Ambudkar having Apu represent us is a disgrace. An “idiot, potbelly dude, who can’t even speak English”. Obama-era surgeon general Vivek Murthy expresses similar shame in Kondabolu’s documentary.
It would seem that the solution is to have every media depiction of an Indian guy in America be Kal Penn playing a doctor. But a lot of us pump gas too. A lot of us say things like “Thank you come again,” because good service counts when you’re living on the razor edge of a society that doesn’t care about struggling people – wherever they’re originally from.

Schaubar

In Kidding spielt Jim Carrey den Kinderstar Mr. Pickles, der auch Off-Kamera der überfreundlichste Mensch und der weltgrößte Philanthrop ist. Nach dem Tod seines Sohns und der Trennung von seiner Frau entgleist er langsam. Wer nicht zur Vorpremiere auf dem Seriencamp nach München kommt, kann die Serie ab dem dritten Dezember bei Sky sehen.
Es gibt eine Fortsetzung zu Making a Murderer, der True-Crime-Serie von Netflix über Steven Avery, der erst 18 Jahre unschuldig in Haft saß und kaum draußen, wegen Mordes verurteilt wurde. Nachdem die Doku die ihn belastenden Indizien anzweifelte, gab es eine große weltweite Aufmerksamkeits- und Empörungswelle. Die zweite Staffel sammelt die Geschehnisse seitdem ein, thematisiert Kritik und präsentiert eine Anwältin, die Avery nun wirklich raushauen will. Das ist immer noch spannend, aber nicht mehr so umwerfend wie die erste Staffel. Praktischerweise liefert Netflix auch gleich die Genreparodie mit: Auch American Vandal hat eine zweite Staffel. Ging es in der ersten noch um Penis-Graffiti auf Lehrerautos, gilt es nun das Verbrechen, die Limo der Schule mit Abführmittel zu vergiften.
In der BBC-Produktion Wanderlust, zu sehen bei Netflix, geht es unter anderem um eine Liebesexperiment. Joy und Alan sind seit vielen Jahren glücklich verheiratet. Aber im Bett wünscht sie sich, mal was Neues auszuprobieren, ihm taugt dagegen die Routine. Um da mal frischen Wind reinzubringen, suchen sie sich jeweils einen neuen Sexfreund. Das klappt zunächst, wird aber schnell kompliziert. Mit britischem Understatement geht es hier nicht nur um die Liebe, sondern auch Ehrlichkeit, Zufriedenheit und die ständige Angst, sein Gegenüber zu verletzen.
Der nächste Serienbrief erscheint am 1. Dezember. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.
Mit herzlichen Grüßen
Benedikt Frank und Julia Weigl
Serienbrief
Benedikt Frank; Großvenedigerstr. 35A; 81671 München
 
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