Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

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Liebe Serienbrief-Freunde,

Ach du grüne Neune, es ist ja schon wieder erster Samstag im Monat. Noch dazu ein Nicht-Sommerloch-Samstag. Willkommen zurück, beziehungsweise Hallo erstmal, liebe neue Abonnentinnen und Abonnenten. In den letzten vier Wochen ist viel passiert. Es gab Serienpreise, Diskussionen, neue Player und natürlich neue Serien. Das Newsletter-Archiv des Serienbriefs ist nun auch auf unsere neue Seite umgezogen. Also, los geht’s, let’s fetz.

Preisausschreiben

Die wichtigsten Fernsehpreise der USA, die Emmys, wurden im September zum 70. Mal vergeben. Von der Verleihung bleibt in Erinnerung, dass das Thema #MeToo aus dem Vorjahr kaum interessierte, dafür gab es allerdings einen Heiratsantrag. Und der wurde natürlich angenommen. Was will man auch machen, vor so vielen Leuten? Im Vorfeld hatte man viel über eine Trendwende spekuliert, weil Netflix den seit zehn Jahren führenden Kabelsender HBO bei den Nominierungen überholte. Am Ende gab es ein Unentschieden: Beide Anbieter gingen mit je 23 Emmys nach Hause. Game of Thrones wurde zur besten Dramaserie gekürt. Bereits zum dritten Mal. Muss das wirklich sein? Gibt es da wirklich nichts Neues, Großartiges, Revolutionäres am Serienhimmel, das den Thronwahnsinn endlich ablösen könnte?
Bei der besten Comedy-Serie ließ man eine Newcomerin gewinnen, was gleich viel verdienter wirkt: die Amazon-Serie The Marvelous Mrs. Maisel. Seltsamerweise nannten viele deutsche Medien die Sendung in ihrer Berichterstattung "melancholisch". Das sagt wenig über diese köstlich amüsante Serie über eine aufstrebende jüdische Komikerin im New York der Fünfziger, legt aber nahe, dass man bei der Nachrichtenagentur, von der das alle abgeschrieben hatten, unter Comedy wohl eher Atze Schröder versteht. Auf eine komplette Gewinner-Liste sei hier der Vollständigkeit wegen auch verlinkt, interessanter ist aber die Variety-Liste mit den größten Überraschungen wie auch Enttäuschungen.

Muss halt

Was den nun hochoffiziellen Superlativ "beste Serie" für Game of Thrones unbefriedigend macht, ist ein seltsames Gefühl, das beim Schauen der letzten Staffeln aufkam. Das Gefühl, nur weiterzugucken, damit man nach der letzten Episode 2019 wie bei einer To-do-Liste einen Haken dahinter setzen kann. Alle Folgen, check. Der Moderator Raul Krauthausen fragt auf Twitter, wie man diese Emotion denn nennt. Unter den Antworten findet man Wortneuschöpfungen wie "Purge-Watching"  oder "Telenovelanitis". Viele Herzchen sammelt auch "Große Koalition". Auch psychologische Erklärungen und entsprechende Termini sind unter den Vorschlägen: Completion Bias, Sunk Cost Fallacy oder Fear of Missing Out. Kennen Sie das Gefühl selbst? Dann verraten Sie uns doch, wie sie es nennen würden.

Schwul oder was?

Foto: The Sesame Workshop
"Ernie und Bert sind schwul", vermeldeten Medien weltweit nach einem Interview des Sesamstraße-Autoren Mark Satzman. Schließlich klärten die Produzenten die Öffentlichkeit auf: "Es handelt sich um Puppen, die keine sexuelle Orientierung haben." Und auch der Drehbuchautor wollte es anders gemeint haben. Seine eigene homosexuelle Beziehung habe ihn inspiriert, was die Puppen aber nicht festlege. Nun mag man sich fragen, was denn erwachsene Menschen so sehr am Liebesleben zweier Puppen aus einer Sendung für Vorschulkinder interessiert. Klar, es geht um Repräsentation und Normalität. Zumindest die Asexuellen dürfen sich jetzt freuen, überrepräsentiert zu sein. Der im Schnitt etwa fünf Jahre alten Kernzielgruppe der Sesamstraße dürfte derweil herzlich egal sein, was im gemeinsamen Schaumbad untenrum zwischen Ernie und Bert läuft, weil das Quietscheentchen-Lied viel interessanter ist. Dennoch wurden die beiden seit den Neunzigern mehrmals als Ikonen der Schwulenbewegung entdeckt, wie Oliver Kaever für Spiegel Online zusammengetragen hat.

Mehr Wert

Die Drama-Serie Sorry for Your Loss über den plötzlichen Tod eines Vaters und Ehemanns wird von Kritikern gefeiert. Eine Besonderheit an ihr ist, dass sie nicht bei einem der großen Sender oder Streamingdienste läuft, sondern bei Facebook. Stuart Hertiage schreibt für den Guardian:
Think of Facebook and you probably think of unusably simplistic cooking videos, or Kickstarter ads for shoes, or faked footage of levitating Chinese cars that my dad will inexplicably insist are real. Even the existing Facebook Watch stable of original shows – primarily consisting of sludgy millennial reality filler including Help Us Get Married, You Kiddin’ Me? and (god help us all) Huda Boss – did nothing to prepare anyone for something as stately and mature as Sorry For Your Loss.
Er sieht die Serie als Versuch, sich nun als Anbieter seriöser Inhalte zu etablieren. Das Social Network mit den vielen Sicherheitslücken und Propaganda-Trollen ist nicht die einzige Firma, die auf einmal meint, auch Serien produzieren zu müssen.
Apples Video-Streaming-Dienst soll 2019 starten und setzt dabei auf Prominenz: Das Unternehmen hat Steven Spielberg, Chris Evans, Jennifer Aniston sowie Reese Witherspoon verpflichtet, auch US-Takshow-Queen Oprah Winfrey steht unter Vertrag. Apple will ganz offenbar mit exklusiven Inhalten viel Geld verdienen. Eine Analystin der Investmentbank Morgan Stanley bescheinigt dem Konzern auch gleich mal, vielleicht nicht ganz uneigennützig, dass dieses Vorhaben gelingen wird. Dabei fährt Apple eine andere Strategie als etwa Netflix – und will ausdrücklich nicht auf Sex und Gewalt setzen. Im Gegensatz zu einem reinen Videoanbieter hat der Konzern nämlich etwas Wertvolleres zu verlieren als Abonnenten: sein Image und damit Käufer von überteuerten iPhones.
Für Serien-Fans sind mehr Produktionen erst einmal gute Nachrichten. Die Analysten von Sandvine haben nun aber herausgefunden, dass die Zersplitterung des Marktes die Leute wieder zur Piraterie zurückkehren lässt. Abos bei zehn unterschiedlichen Diensten will oder kann sich eben nicht jeder leisten.

WeToo

Fernsehserien sind ja nicht unbedingt bekannt dafür, schnell auf gesellschaftliche Debatten zu reagieren. So auch bei #MeToo. Bedingt durch langwierige Produktionsabläufe ist es schwierig, schnell und geschickt Kommentare einzubauen. Leichter haben es bereits etablierte Sendungen: It’s Always Sunny in Philadelphia thematisierte Sexismus in einer Folge, ebenso The Good Fight oder Younger. Aber eben nur als eingebaute Randnotiz.
Besser funktioniert das in per se gesellschaftskritischen Comicserien. BoJack Horseman setzt sich nun in einer ganzen Staffel mit den komplexen Dynamiken der #MeToo-Debatte auseinander. Der titelgebende ab-gewrackte Filmstar BoJack arbeitet in der nun fünften Staffel der Netflix-Hollywoodsatire seine eigene egozentrische, sexistische Vergangenheit auf, die sich bereits in den Vorgängerstaffeln andeutete. Amanda Hess kommentiert für The New York Times, was sie davon hält – etwa, dass Bojack der einzige Missbrauchstäter ist, dem sie zuhören möchte: 
The reckoning has come for BoJack Horseman. Netflix’s washed-up Hollywood star has recklessly abused his power for four seasons: harassing his ghostwriter, goading his sober co-star into a bender that kills her, coming on to a friend’s teenage daughter.
Der Serienbrief wird weiter beobachten, was sich dazu tut in der Serienwelt.
Foto: Netflix

Düdüü düdel düdü

Na, wer erkennt die Melodie? Im letzten Serienbrief hatten wir über die oft etwas vernachlässigte Serienmusik geschrieben. In einem Video von Variety erklärt nun Komponist Ramin Djawadi, unter anderem für die Musik von Game of Thrones und Westworld (einer der Serienbrief-Lieblingssound-tracks), wie er arbeitet.

Schaubar

Große Streamingplattformen entdecken zunehmend den Reiz von lokalen Produktionen. Serien aus Spanien boomen: Mit Elite zeigt Netflix nach Haus des Geldes und Die Telefonistinnen eine weitere Serie von dort. Vielversprechende Serien kommen schon lange nicht mehr ausschließlich aus den USA. Inspiriert von Gossip Girl oder Pretty Little Liars taucht Elite ein in die zwielichtige Welt der jungen Schönen und Reichen. Natürlich dürfen da die Kids aus der Arbeiterklasse auch nicht fehlen, die in diese abgeschottete Elite eindringen und sie ordentlich aufwirbeln.
Hamady-Clan-Oberhaupt Toni, gespielt vom großartigen Kida Khodr Ramadan, regiert mit seinen Brudis die Berliner Unterwelt. In der zweiten Staffel von 4 Blocks soll man sehen, was er auf seinem Weg zum Immobilienhai alles aufs Spiel setzen muss. Ab 11. Oktober, immer donnerstags um 21.00 Uhr auf TNT Serie bei Sky.
Warum Deutschland 83 auf RTL so floppte, ist leicht nachzuvollziehen. Das muss wohl am Publikum liegen. Nach der Weltpremiere auf der Berlinale 2015 wurde die UFA-Produktion von Kritikern umjubelt und zum Exportschlager, hierzulande wurde der Enthusiasmus bei den Fernsehzuschauern nicht geteilt. Ob die Fortsetzung Deutschland 86 mehr Erfolg hat, wird sich zeigen. Ab 19. Oktober ist der Thriller um einen in die Bundeswehr eingeschleusten DDR-Spion auf Amazon-Prime verfügbar. Die Free-TV-Ausstrahlung folgt später, RTL wird sich wohl nicht mehr an Qualitätsfernsehen wagen.
Geben Sie es zu, Teenager der Neunziger, Sie waren damals auch alle in die Serienhexe Sabrina verliebt. Mit The Chilling Adventure of Sabrina startet 15 Jahre nach dem Ende von Sabrina – Total verhext! die deutlich düstere Neuadaption des Comics um die titelgebende Teenager-Hexe bei Netflix. Die zehn Folgen der ersten Staffel sind ab 26. Oktober verfügbar.
Babylon Berlin, die mit einem Budget von 40 Millionen Euro teuerste deutsche Serie bisher, gibt es nun auch im Ersten und in der ARD-Mediathek zu sehen. Vor rund einem Jahr lief sie bereits beim Bezahlsender Sky. Nun sahen die Free-TV-Premiere auf dem prominenten Sonntagabendplatz, der sonst dem Tatort vorbehalten ist, 7,83 Millionen Menschen – das ist in etwa Tatortdurchschnitt, aber mehr als Sky überhaupt Abonnenten hat. Interessant ist nun, wie das neue Sendeumfeld auch die Wahrnehmung verändern kann: War die Serie auf Sky neben den hochkarätigen HBO-Serien im Programm die okaye deutsche Produktion, ist die Referenz nun die ARD-Umgebung, aus der Babylon Berlin weitaus mehr heraussticht. Weil die großen Kritiken nun auch schon ein Jahr herumliegen, ist die aktuelle Leseempfehlung David Denks Interview mit den Produzenten der Serie für die Süddeutsche. Sie sprechen darüber, wie man eine solche Mammutproduktion überhaupt stemmen kann. Wer die Serie ohnehin schon kennt oder mal etwas für die Ohren sucht, dem sei das Hörspiel zur Buchvorlage Der nasse Fisch empfohlen.
Der nächste Serienbrief erscheint am 3. November. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.
Mit herzlichen Grüßen
Benedikt Frank und Julia Weigl
Serienbrief
Benedikt Frank; Großvenedigerstr. 35A; 81671 München
 
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