Der Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

Diese E-Mail online lesen

Liebe Serienbrief-Freunde,

da sind wir wieder mit unserer neuen, vierten Staffel. Vor drei Jahren sind wir hier gestartet, 31 Ausgaben gab es bisher, seit Mitte des vergangenen Jahres schreiben wir zu viert. Wir würden uns zu Beginn dieser neuen Serienbrief-Staffel sehr für Ihr Feedback interessieren. Schreiben Sie uns gerne auch mal ein paar Zeilen zurück. Wir würden nämlich brennend gerne unser Publikum besser kennenlernen.

Zur Inspiration: Lesen Sie den Serienbrief überhaupt komplett oder scrollen Sie gleich zu den Tipps? Haben Sie uns schon weiterempfohlen und warum oder warum nicht? Sind wir zu lang, zu kurz oder genau richtig? Würden Sie uns gerne bezahlen und was wäre es Ihnen wert? Über welche Themen würden Sie gerne mehr erfahren und über welche lieber weniger? Wir freuen uns über Rückmeldungen an serienbrief@mailbox.org.

Charakterfrage

Therapeut*innen-Figuren sind in Serien oft ein wichtiger Teil der Problemlösung. Manchmal sind sie aber auch grandios überfordert. Ein Best-of der Serientherapeutinnen listet Doris Priesching im Standard auf: Von Tony Sopranos Psychiaterin bis zum Psychoonkel und Geheimnisverräter aus Mad Man, der Don Draper anruft und ihm brühwarm die intimsten Geheimnisse seiner Gattin berichtet.

 

Zum beliebtesten Serien-Personal zählen außerdem Ärzt*innen und Polizist*innen. Während fiktive Ärzte eine der honorigsten und beliebtesten TV-Figuren darstellen, hat das Ansehen der Polizist*innen in den letzten Jahrzehnten erheblich gelitten. Ob sich mit Corona und Black Lives Matter die Wahrnehmung und Figurenzeichnung von Ärzt*innen auch ändert, fragt sich Jenni Zylka in der taz:

 

Aber auf (nun coronagestählte) Ärzt*innen kann man sich verlassen. Ob sich in Zukunft fiktional auswirkt, dass einige Wissenschaftler*innen nicht bei Trost geblieben sind und die 'Querdenken'-Bewegung unterstützen?

 

Farbe bekennen

Mehr als 80 Millionen Haushalte weltweit haben in den vergangenen Wochen die historische Kostümserie Bridgerton geschaut. Das macht die "sanft softpornöse Netflix-Produktion" (Süddeutsche Zeitung) zur bislang erfolgreichsten Serie des Streamingportals. (Auch wenn Netflix mittlerweile sehr großzügig zählt: Zwei Minuten reichen, damit eine Serie oder ein Film als "gesehen" gilt.) Viel diskutiert und kritisiert wurde vor allem das "colorblind casting" von Bridgerton, also die Praxis, die Schauspieler*innen durchweg divers zu besetzen.

 

Man weiß heute: England war auch im späten 18. Jahrhundert gar nicht so weiß, wie oft geglaubt wird. Aber eine Schwarze Queen? Das ging manchen dann doch zu weit. Die Welt überschreibt einen Artikel von Jan Küveler etwa gar mit "Die Verlogenheit der Serien". Küveler schreibt (im dann aber differenzierteren Text), man tue der Serie "bestimmt kein Unrecht, wenn man unterstellt, dass der schwarze Cast eine vage Reaktion auf die Sensibilitäten unserer Ära ist".

 

Andererseits: Bei historischen Produktionen, die die Ausbeutung von People of Color ausgeklammert haben, hat meistens auch niemand historische Akuratesse vermisst. Mehr Fingerspitzengefühl beim Casting ist also erst einmal eine positive Entwicklung. Arabella Wintermayr kritisiert allerdings im Freitag, dass die in Bridgerton offensiv zur Schau gestellte Diversity angesichts der konservativen Geschichte nur Fassade ist. Feminismus werde auf “Frauenpower-Mentalität” geschrumpft, Queerness auf den Kampf um Akzeptanz reduziert. Wintermayr weiter:

 

Und durch eine faul erzählte, einmalig auf Öffentlichkeitswirksamkeit getrimmte Besetzung kommt man nicht zu einer langfristig diversen Castingpraxis. Geschweige denn zu wahrlich neuen Perspektiven mit tatsächlichem Identifikationspotenzial.

 

Bridgerton markiert den Anfang eines langen Weges, nicht sein Ende.

 

All inclusive

Das erste Mal seit fünf Jahren ist der Anteil an LGBTQ-Charakteren im US-Fernsehen geschrumpft, berichtet die New York Times. Statt 10,2 Prozent der Charaktere in der vorherigen Saison identifizierten sich 2020/21 nur noch 9,1 Prozent als lesbisch, schwul, bisexuel, transgender oder queer. Diese Entwicklung sei zu erwarten gewesen, weil durch die Corona-Pandemie Serien, die besonders viele LGBTQ-Charaktere zeigen, verschoben wurden. Auch Frauen bleiben mit 46 Prozent Anteil an den Charakteren leicht unterrepräsentiert. Schwarze und Latinos sind mit 22 beziehungsweise 7 Prozent etwas weniger als im Vorjahr vertreten. Die Zahlen werden übrigens von der Organisation Glaad gesammelt, die Netflix als den am diversesten aufgestellten Streamingdienst kürt.

 

Der Streamingriese hat nun auch selbst seinen ersten Diversity-Report veröffentlicht. Darin geht es allerdings nicht um On-Screen-Repräsentation, sondern um Diversität unter seinen Angestellten. Doch beides könnte ja durchaus etwas miteinander zu tun haben.

 

TV-Revolutionen

Vor 50 Jahren begann eine TV-Revolution, als eine feine ungemütliche Sitcom ins US-amerikanische Vorabendfernsehen gemogelt wurde. Nicht mehr viele erinnern sich wohl an die Serie All in the Family, die erstmals 1971 bei CBS ausgestrahlt wurde. Bereits vor ihrem Erscheinen hatte sie für reichlich Aufsehen gesorgt, wurde deshalb vorsorglich vom Sender in bestimmten konservativen ländlichen Bundesstaaten gesperrt. Denn: Die darin gezeigten Themen Homosexualität, Rassismus, Emanzipation oder gar Vergewaltung waren im der Unterhaltung dienenden Vorabgendprogramm Tabu. Wie einflussreich die Sendung über die Jahrzehnte war, zeigen die unzähligen Spin-offs.

50 Jahre später ist die Revolution noch nicht vorbei. Im Gegenteil: Seit Januar ist die grandiose Mini-Serie Small Axe von Oscar-Gewinner Steve McQueen auf Amazon abrufbar. Darin beschäftigt sich der britische Regisseur mit der rassistischen Vergangenheit Großbritanniens. Er wählt die Siebzigerjahre als Setting für seine fünf Episoden. Wie Hanna Pilarczyks Artikel im Spiegel mit den passenden Worten “Bruch mit allen Regeln” überschrieben ist, widmet sich jede Folge einem anderen Problemfeld und zeigt doch nach David Simon’scher The Wire-Manier, wie verbunden all diese soziopolitischen Themen miteinander sind: Sei es nun die Polizeigewalt gegenüber Brit*innen of Color, zwei ganz persönliche Porträts oder eine Liebesgeschichte an die lustvollen, rhythmischen Beats der Siebziger. McQueen ist mit Small Axe eine fantastische Reihe gelungen, welche die Trennung zwischen Film und Serie aufhebt.

 

Streaming Wars

Vom andauernden Kultur-Lockdown profitieren die Streamingdienste als letzte uneingeschränkt zugängliche Event-Location enorm. Das Münchner Feuilleton widmet seine aktuelle Ausgabe ganz dem Streaming und wie es verschiedene Künste verändert. Während in der Pandemie Streaming für viele eine Notlösung ist, machen Netflix & Co. ein gutes Geschäft mit der Krise. Die Abo-Zahlen steigen auf neue Höchstwerte.

 

Gleichzeitig wollen sich mehr Unternehmen ein Stück vom Kuchen sichern. Laut Brian Steinberg und Elaine Low von Variety investieren die Anbieter zur Zeit massiv in Kindersendungen, Kinderfernsehen sei sogar die “Most Heated Front in the Streaming Wars”. Getrieben ist die Entwicklung unter anderem von Disney+ und zahlreichen Kindersendern, denen das TV-Publikum immer mehr verloren geht und die es nun online suchen. Im Vergleich zum Free-TV, wo man einfach nur zwischen einer Handvoll kindgerechter Sender zappen musste, wird es mit den Abo-Diensten allerdings schwierig. Traditionsreiche Kindersendungen wie die Peanuts oder die Sesamstraße wurden durch das Rechte-Poker bereits der allgemeinen Öffentlichkeit entzogen.

 

Diese Fragmentierung wird nun auch für Hollywood zunehmend zum Problem. Schneller denn je werden Abos zu den unzähligen Diensten geschlossen, aber auch ebenso schnell wieder gekündigt, schreibt Ryan Faughnder in der Los Angeles Times. 46 Prozent der Befragten einer Studie von Deloitte hätten im letzten halben Jahr mindestens ein Abo gekündigt, knapp zwei Drittel davon, weil sie die Sendung gesehen haben, wegen der sie es abgeschlossen hatten. Aber die Leute leisten sich auch mehr: Hätte die streamende US-Bevölkerung im Schnitt vor Corona noch drei verschiedene Abos besessen, waren es im Oktober fünf.

 

Der Erfolg anwachsender Streaming-Plattformen treffe vor allem klassische TV-Sender, stellt Christian Meier in der Welt fest. Er konzentriert sich in seinem Artikel auf eine Studie von Medienexperten der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der Unternehmensberatung Roland Berger, die vor allem den Markteintritt des Angebots Disney+, das in Deutschland im vergangenen März gestartet ist, analysiert. Anhand der Reaktionen der Nutzer lasse sich ableiten, wie die Zukunft des Fernsehens aussehen könnte und welche Anbieter dominieren, so Meier:

 

Kopfzerbrechen bereiten sollte der Befund aber allen Fernsehmanagern. Denn er zeigt, dass neue Streaming-Angebote den Markt einerseits erweitern, dass aber die Nutzer dieser neuen Angebote auch und vor allem auf lineares Fernsehen verzichten.

 

 

Schwanzvergleich

 

In Dänemark sorgt die Kinderserie John Dillermand für Aufsehen, denn sie handelt von einem Mann mit einem lächerlich langen Penis, der wie eine Art Tentakel für allerhand motorische Aufgaben nützlich ist. Ein Riesenspaß für die Zielgruppe der Vier- bis Achtjährigen, weniger für einige ihrer Eltern. Das ruft eine interessante Koalition von Kritikern auf den Plan. Die einen befürchten, dass das dänische öffentlich-rechtliche Fernsehen die Kinder jetzt endgültig verdirbt, die anderen meinen, dass ein allmächtiger Pimmel nun nicht gerade eine feministische Botschaft rüber bringt. Der Sender hat sich natürlich auf den Shitstorm eingestellt und seine Drehbücher von einer Kinderpsychologin prüfen lassen, die sinngemäß meint: Macht euch mal locker, Kinder finden Genitalien einfach nur super lustig und John Dillermand ist ein verantwortungsbewusstes Vorbild.

 

 

Schachmatt

 

Dank der Netflix-Serie The Queens Gambit hamstern die Leute jetzt Schachbretter und -figuren. Was soll man auch sonst machen im Lockdown? Sich mit Filmgeschichte befassen, zum Beispiel. Das Arte-Magazin Blow-Up hat so ziemlich jede relevante Schachszene aus der Film- und TV-Geschichte gefunden und zu einem 20-minütigen Beitrag montiert. Und den Youtube-Kommentatoren fällt natürlich als erstes auf: Moment, es gibt doch noch mehr Filme, in denen Schach gespielt wird - Wikipedia-Liste inklusive.

 

 

Schaubar

 

Anna: Therapiesitzungen sind in Serien nicht selten zu finden. Ein besonders kluge und zugleich äußert amüsante Therapeutinnen-Patientinnen-Konstellation stellt die türkische Miniserie Bir Başkadır – Acht Menschen in Istanbul (Netflix) auf: Eine kopftuchtragende Frau aus der ländlichen Peripherie Istanbuls sitzt plötzlich einer aufgeklärten, westlich orientierten Therapeutin gegenüber. Die Serie, die in der Türkei zum Politikum wurde, verschränkt Probleme von Frauen mit unterschiedlichem soziokulturellen Hintergrund miteinander und reflektiert diese in deren Therapiesitzungen gleichzeitig auf einer Metaebene. Ein geniales Psychogramm einer zwischen Tradition und Fortschritt zerrissenen Gesellschaft.

 

Benedikt: Man könnte meinen, nach gefühlt hundert Jahren “Marvel Cinematic Universe” schon alle Marvel-Helden und -Heldinnen in sämtlichen Kombinationen und in jedem  erdenkbaren Setting und Genre gesehen zu haben. Stimmt natürlich nicht. Die Marvel-Sitcom hatte noch gefehlt - bisher. Denn WandaVision auf Disney+ beginnt als genau das: Superhexe Wanda und ihr Androiden-Ehemann Vision sind in einer 50er-Jahre-Sitcom - ja, was eigentlich … gefangen? Das ist zumindest mal Medienhistorisch und wegen des Genre-Clashs interessant.

 

Bernhard: Netflix hat neuerdings Helmut Dietls Monaco Franze im Sortiment, ein grandioses Stück 80er Jahre, ungemein einflussreich obendrein: Noch heute kann man in München Männern begegnen, die sich bis in den Sprechduktus hinein an Monaco orientieren. Vorsicht aber: Beim Wiederanschauen war ich verblüfft, wie stark Dietl die Figur schon als kindisch, schwach und moralisch fragwürdig angelegt hat. Eine frühe Kritik toxischer Männlichkeit. Aber mei, sympathisch ist er halt schon, der Franze. (Fun fact: Der Komponist der Titelmelodie, Dario Farina, hat auch den Italo-Popklassiker Felicità geschrieben.)


Julia: Weil es gerade einfach mal gut tut, einer der legendärsten Nörglerinnen der amerikanischen Kulturgeschichte beim Flanieren in New York zuzusehen und vor allem zuzuhören, gibt es diesmal auch eine nichtfiktionale Comedy-Empfehlung. Und zwar hat kein geringerer als Martin Scorsese eine Serie über das New Yorker Urgestein Fran Lebowitz gemacht. In Pretend It’s a City plaudern die beiden über Feminismus, rüpelige Spaziergeher und die Tatsache, warum man Super-Athleten auf keinen Fall mit Literaturgenies gleichsetzen kann.

 

Hörbar

 

Anna: Mit den Hörspieladaptionen bekannter Romanvorlagen ist das so einen Sache: Oft fragt man sich, was der Mehrwert einer solchen sein soll. Nicht so die vom BR aufwendig produzierte erste deutschsprachige Hörspieladaption des ersten Teils der Neapolitanischen Saga von Elena Ferrante (4 Folgen). Hier wird nun das im Roman beschriebene Leben in einem ärmlichen Viertel im postfaschistischen Neapel der 1950er- und 1960er-Jahre hörbar. Mit einem herausragenden Sprecher*innenensemble erzählt die literarische Hörspielserie eine packende Emanzipationsgeschichte im zutiefst religiösen, durch mafiöse und patriarchalische Strukturen geprägten Italien.

 

Benedikt: Über ein Jahrzehnt lang hat Margot Overath die Vorgänge um den Asylbewerber Oury Jalloh begleitet, der in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte. In der fünfteiligen Podcast-Serie Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau rollt sie den Fall noch einmal auf, den die Justiz bis heute nicht aufgeklärt hat, obwohl es Gelegenheiten gegeben hätte. Doch der Korpsgeist der Polizei hält stand und den Ermittlern scheint das Opfer nicht wichtig genug zu sein.


Julia: Kaitlin Prest ist so etwas wie die Göttin der fiktionalen Serienpodcasts. Immer wieder schafft sie es, Hörer*innen mit ihren geschickt konstruierten Audiodramen in gewohnt ungewohnte Welten zu entführen. So etwa auch in Asking for It. Darin geht es um das junge Indie-Girl Goldie, das die sich auf in die Großstadt macht, um eine Band zu gründen. Doch findet sie dort nicht nur die Musik, sondern auch die Liebe – und die ist mit der Zeit explosiver und toxischer als erwartet.

 

Die nächste Ausgabe des Serienbriefs erscheint überraschend. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter:

            

 

Herzliche Grüße

Benedikt Frank, Julia Weigl, Bernhard Hiergeist und Anna Steinbauer

Serienbrief
Benedikt Frank; Großvenedigerstr. 35A; 81671 München
Icons von Bogdan Rosu und Zurb für www.flaticon.com lizensiert mit CC 3.0 BY
Um ihr Abonnement zu kündigen oder zu ändern, klichen Sie hier.