Der Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

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Liebe Serienbrief-Freunde,

 

zum Ende dieses verrückten Jahres melden wir uns noch einmal zurück. Es gab auch beim Serienbrief heuer einige Veränderungen. Kurz bevor alle in den ersten Lockdown gingen, hatten wir uns dafür entschieden, eine kleine Pause einzulegen. Seit Juli sind wir wieder da und zu viert - und es ist uns seitdem leider noch nicht gelungen, dass wir vier uns persönlich zur Redaktionssitzung treffen.

 

Das Jahr schließen wir mit vier mal vier persönlichen Empfehlungen ab. Wir hoffen, dass Sie über die Feiertage daran Freude haben.

 

Holiday Special

Die Serienwelt beschert ihrem Publikum zu Weihnachten gerne Sonderfolgen. Mit diesen wird es auch in Zeiten von Social Distancing stimmungsvoll.

 

Anna: Ein Kultklassiker unter den Serien, der irgendwie immer geht und gute Laune macht, ist Friends. Bei 10 Staffeln und 236 Epsioden gibt´s natürlich auch ein paar Weihnachtsfolgen. Besonders witzig ist "Das Weihnachtsgürteltier" (Staffel 7, Episode 10, Netflix), in der Ross seinem Sohn, der sich nur für den Weihnachtsmann interessiert, das jüdische Chanukka näherbringen will. Um seinem Sohn eine Freude zu machen, entschließt sich Ross doch dazu, den Santa zu spielen, doch leider bekommt er im Kostümverleih nur noch das Kostüm eines Gürteltiers ...

 

Benedikt: Es war nicht immer so, dass die Leute zu Weihnachten ihre Verwandtschaft vermissen. Im Gegenteil galt vor Corona das Fest manchen als schlimmste Familienfeier überhaupt. Wer sich nun ins Gedächtnis rufen will, was man heuer nicht verpasst, dem sei die großartige britische Comedy-Serie Peep Show empfohlen. In "Seasonal Beatings" (Staffel 7 Episode 5) lädt Mark zum ersten Mal seine Familie zum Weihnachtsessen zu sich ein. Und weil Peep Show eine Serie über im sozialen Miteinander völlig unbeholfene und miteinander inkompatible Protagonisten ist, läuft natürlich alles ganz wunderbar aus dem Ruder. Von Marks fehlendem Enthusiasmus bei der Geschenkeauswahl schaukelt sich alles hoch, bis er auf dem Höhepunkt mit seinem herrischen Vater aneinander gerät. Der beste Ersatz für den Weihnachtsstreit.

 

Bernhard: Rocko's modern life (dt. Rockos modernes Leben) war eine Cartoonserie um das namensgebende Känguru Rocko, die Anfang bis Mitte der 1990er für den US-Kindersender Nickelodeon entstand. Die Serie war bescheuert, psychedelisch und voll mit Doppeldeutig- und Anzüglichkeiten für Erwachsene, die sie aber brillant vor den jungen Zuschauer:innen verbarg. So auch die böse Weihnachtssatire Rocko's modern Christmas (Staffel 2, Folge 6), in der erst durch Rockos unermüdlichen Einsatz alle erkennen, dass an Weihnachten nicht Konsum im Vordergrund stehen sollte, sondern Liebe und Gemeinschaft. Kitschig wird das nicht, denn die Werte werden selbstverständlich wieder unterminiert. Die extreme Naivität und Gutgläubigkeit der Hauptfigur bewahrt Rocko’s modern life trotzdem vor allzu bitterem Zynismus.


Julia: Natürlich gibt man sich an Weihnachten gerne der Nostalgie hin, hinterfragt Entscheidungen, meldet sich nach langer Zeit mal wieder bei alten Freunden, reflektiert das Jahr, das gerade zu Ende geht. Das macht auch die gehypte Teenagerserie Euphoria, in der Spezialfolge, die jüngst bei Sky Atlantic online gegangen ist. Ungewöhnlich ruhig und zurückgenommen sitzt die Protagonistin Rue mit ihrem Entzugsbuddy in einem düsteren Diner und spricht über die miesen Entscheidungen, die sie in letzter Zeit getroffen hat. Ganz ohne Party, Exzess, Drogengetümmel – Corona sei quasi Dank, zeigt Euphoria in dieser Episode eine ganz neue Intimität und Verletzlichkeit.

 

Lesestoff

Unsere liebsten Longreads im Jahr 2020.

 

Anna: Der Männlichkeitsforscher Christoph May hat anlässlich der Neuauflage der vor 40 Jahren erschienenen Untersuchung “Männerphantasien” von Klaus Theweleit im Standard eine sehr lesenswerte Essay-Reihe über toxische Männlichkeit in Film und Serien geschrieben. May beginnt mit der Analyse männlicher Körperpanzer von Darth Vader, X-Men, Superman u.v.a. und deren Auswirkungen auf das gesellschaftliche Unterbewusstsein:

 

Die Story- und Bilderflut fiktiver Männerwelten [scheint] kaum zu bewältigen. In Wahrheit aber beschränkt sich die Fantasie von weißen, männlich dominierten Monokulturen auf drei simple Inszenierungsformen, an denen sich die Männer* sprichwörtlich abarbeiten: den Körperpanzer, die Kreatur und die Raumüberlegenheit. Das Bemerkenswerte ist, je schneller und effizienter die Produktionsprozesse und je größer der Output ihrer Erzählungen, desto rasender die Verzweiflung, dass Mann* sich hier so richtig festgefahren hat, quasi Stillstand.

 

Benedikt: Als im März die erste Corona-Welle auf die USA traf schrieb Ian Bogost für The Atlantic “You already live in quarantine”. Alles, was es auch jetzt wieder zur komfortablen Selbstisolierung braucht, war auch vorher schon da. Ohne es zu ahnen, bereiteten wir uns seit langer Zeit auf ein Leben und Arbeiten in den eigenen vier Wänden vor, so die These.

 

I live this way by default now. I ordered wallpaper online, so I can redecorate my home without even leaving it. A week earlier, Best Buy had already delivered my new television, an irresponsibly huge apparatus I mounted on the wall. I fired it up and loaded in all my accounts: Netflix, Hulu, Disney+, Amazon Prime—enough content for a lifetime of excellent, let alone compromised, respiratory health.

 

Im Grunde mussten für den Lockdown nun nur noch ein paar analoge Überbleibsel abgeschaltet werden. Ohne das Virus wäre uns das fast nicht aufgefallen.

 

Bernhard: Serien- und Comedyautor Stefan Stuckmann hat sich im Juli bei Uebermedien mit dem Phänomen Serienmüdigkeit befasst. "Der Siegeszug der Serien hat die Serien ruiniert", ist der Artikel überschrieben. Eine interessante These, die Stuckmann mit Exkursen in betriebswirtschaftliche Produktionslogik und und Marketingpsychologie (Stichwort "All you can eat"-Buffet) kundig belegt. Ferner geht er auf die Präsentation von Serien in Streamingportalen ein und wirft einen Blick in die Zukunft: Worauf können wir uns eigentlich einstellen, nach dem ganzen Plattformchaos? Ein gelungener Rundumschlag.

 

Julia: Blicke hinter die Kulissen gibt es zu selten, obwohl sie in den meisten Fällen doch sehr erkenntnisreich und unterhaltsam sein können. So auch im Guardian Long Read über die britische Casting-Direktorin Nina Gold. Von Chernobyl über Game of Thrones bis hin zu The Crown, hat sie viele der wichtigsten Serien der vergangenen Jahre maßgeblich geprägt. 

 

Done right, casting is an invisible act. The choice of an actor should seem obvious in retrospect. No one but Eddie Redmayne could have played Stephen Hawking. No one but Claire Foy could have played the young Queen. Gold’s industry peers liken the way she does her job to the practice of an alchemist, a snake charmer, a card sharp, as if she were performing some kind of shadowy magic.

 

Der Artikel von Sophie Elmhorst gibt wunderbare Einblicke in die Kunst des Castings, den richtigen Riecher zu haben, wenn es darum geht, neue Talente zu entdecken oder alte Talente wiederzufinden. Ein kleiner Spoiler: Am liebsten würde Nina Gold einmal für Michael Haneke arbeiten. Das wäre auf jeden Fall spannend!

 

Geheimtipps

Der Serienbrief hat dieses Jahr viel empfohlen. Für die Tage zwischen den Jahren hätten wir noch ein paar Serien, die bisher unter dem Radar flogen.

 

Anna: Total beeindruckt hat mich die dänische Miniserie Sex, die ich auf der Berlinale gesehen habe. Regisseurin Amalie Næsby Fick und Autorin Clara Mendes haben eine sehr sympathische und amüsante Serie geschaffen, in der vorurteilsfrei Sex und queeres Coming-out verhandelt werden. In Sex ist die junge Protagonistin Cathrine zwischen ihrem langjährigen Freund Simon, mit dem es in Liebesdingen nicht mehr richtig läuft, und ihrer Kollegin Selma hin- und hergerissen. Sehr zärtlich und ohne in Geschlechterklischees zu verfallen erzählen die sechs Folgen von Cathrines identitätskrise.

 

Benedikt: How to with John Wilson ist eine Comedy-Dokuserie. Was soll das nun wieder für ein seltsames Genre-Crossover sein? Es ist eine Art Dokumentation, die wohl geplant, vermeintlich unfreiwillig komisch ist. John Wilson gibt in ihr Tipps fürs Leben, ist selbst aber nicht besonders gut auf dessen Herausforderungen eingestellt. Die Episoden behandeln banale Fragen wie “How to make small talk” oder “How to split the check”. Assoziativ bebildert ist sie mit Aufnahmen aus New York, die meistens kleine Seltsamkeiten des täglichen Lebens zeigen. Aus dem Off beginnt Wilson mit seinen Anleitungen, die dann immer mehr in philosophische Alltagsbeobachtungen abgleiten. Empfehlenswert ist auch die Youtube-Doku How To With John Wilson: Anatomy of a Scene von Wilsons Produzenten, dem kanadischen Komiker Nathan Fielder. Sie ist zwar nicht wirklich an Wilsons Serie interessiert, aber eben solche Entgleisungen sind Teil des Humors der beiden.

 

Bernhard: Monaco Franze und Kir Royal sind zwei Serien, die das Bild vom München der 1980er geprägt haben. Davor hat Regisseur Helmut Dietl aber noch eine andere Serie gemacht: Der ganz normale Wahnsinn, mit Towje Kleiner als erfolglosem Journalisten/Schriftsteller Maximilian und Monika Schwarz als geschiedener Millionärsgattin Gloria. (Helmut Fischer spielt den Stenz Lino, die Figur, die später Vorlage für Monaco Franze wurde.) Die Serie ist etwas ruppiger und chaotischer als die Nachfolger, hat aber denselben Charme und verhandelt erstaunlich zeitlose Themen. So dreht sich ein großer Teil der Serie um Maximilians Buchmanuskript mit dem Titel "Woran es liegt, dass der Einzelne sich nicht wohl fühlt, obwohl es uns allen so gut geht". Der ganz normale Wahnsinn gibt es auf DVD und zurzeit auch auf Youtube zu sehen.


Julia: Hier ein etwas älterer Hidden Gem: die britische Mockumentary Sitcom This Country. Der Plot ist recht simpel: Eine junge Frau und ein junger Mann sind etwas lost im englischen Hinterland. Sie haben keine Jobs, keine Zukunft und vor allem eigentlich keine Lust, an ihrer Situation etwas zu ändern. Lieber tingeln sie durch ihr Kaff, tratschen über die Nachbarn und brüllen durch die leichtwändigen Flure ihres müffigen Eigenheims. Wer britischen Humor feiert, wird diese ungewöhnliche Serie lieben.

 

Gute Vorsätze

Auch wir können nicht alles sehen. Diese Serien nehmen wir uns aber unbedingt fürs nächste Jahr vor.

 

Anna: Vielgelobt und heiß diskutiert bevor sie bei uns zu sehen war: Die US-amerikanische Horrorserie Lovecraft Country, in der Rassisten, Zombies und andere Horrorgestalten im Amerika der 1950er-Jahre ihr Unwesen treiben. Vielleicht liegt es an der belastenden Nähe zur aktuellen Realität, in der überall Querdenker und Rassisten auftauchen, warum ich die Serie immer noch nicht gesehen habe. Ist aber vorgemerkt und wird in Angriff genommen, sobald die Tage zwischen den Jahren es zulassen.

 

Benedikt: Es gibt eine Krankenhaus-Horror-Serie aus den 90ern, die von Lars von Trier stammt, von Twin Peaks inspiriert sein soll und sinnvollerweise in Deutschland Hospital der Geister heißt. Man hat sie mir schon dutzende Male empfohlen, und doch habe ich es nie über die erste Folge hinaus geschafft. Die Ankündigung, dass nun eine dritte und letzte Staffel produziert werden soll, nehme ich zum Anlass, um mich diesmal durchzubeißen. 11 Folgen à 44 Minuten sollten ja trotz Dogma-95-Wackelkamera zu schaffen sein. 

 

Bernhard: Nach der Serie ist vor der Serie, man kommt mit dem Schauen nie ans Ende. Oft ist das etwas, was Menschen an Serien stresst. Merkwürdigerweise – denn es hat sich noch niemand beklagt, dass jährliche Zehntausende Bücher geschrieben werden, und dann gesagt: Ist mir alles einfach zu stressig mit dieser Literatur! Serien haben sogar noch einen Vorteil: Als Kunstform sind sie so jung, dass die Meilensteine deutlich hervortreten. The Wire zum Beispiel, da gehts um irgendwas mit Verbrechen, liest man, in Baltimore. Ein Hafen spielt eine Rolle. Und jede Staffel soll anders sein. Wenn sie auch nicht mehr ganz modern aussieht, ist The Wire eine Serie, die früh gezeigt hat, was mit Serien möglich ist. Also: vermute und hoffe ich. Nächstes Jahr will ich es herausfinden.

 

Julia: Manchmal möchte man Serien einfach keine Chance geben. Dann erwischt man sich dabei, wie man nach zwei Folgen einfach aufgibt, die Gründe dafür sind häufig dem Moment, der falschen Gemütslage geschuldet. Dann vergehen die Monate oder gar Jahre, und nie schafft man den Sprung zurück. Mir ging das etwa zuletzt bei der deutschen Netflix-Serie Dark so. Und das möchte ich 2021 ändern! Nach viel Überzeugungsarbeit von Kolleg*innen und Freund*innen möchte ich der Serie eine zweite Chance geben.

 

 

Schöne Feste und rutscht gut rüber!

 

Die nächste Ausgabe des Serienbriefs erscheint überraschend. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter:

 

            

 

Herzliche Grüße

Benedikt Frank, Julia Weigl, Bernhard Hiergeist und Anna Steinbauer

Serienbrief
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