Der Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

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Liebe Serienbrief-Freunde,

wir können neue LeserInnen begrüßen: Herzlich Willkommen! Schuld an ihnen ist wahrscheinlich Serienbrief-Freund Daniel Fiene, der uns auf Twitter empfohlen hat und dessen Podcast Was mit Medien wir wiederum nur empfehlen können. Es empfiehlt sich übrigens allgemein allen, den Serienbrief weiterzuempfehlen. Denn mit mehr LeserInnen macht uns das Schreiben gleich noch größeren Spaß und alles, was die Laune hebt, wird ja besonders in der dunklen Jahreszeit empfohlen. Und damit leiten wir elegant zu unseren Empfehlungen des Monats über.

Les clichés reviennent

Meistgesehen und höchst polarisierend: Die amerikanische RomCom-Serie Emily in Paris versetzt derzeit (nicht nur) französische Journalisten in Rage und sorgt auf sämtlichen Social-Media-Kanälen für hitzige Debatten. In der Netflixserie des Sex and the City-Erfinders Darren Star wird die junge Marketingexpertin Emily aus Chicago nach Paris geschickt, wo sie die Franzosen in die Social-Media-Welt einführen soll, aber eigentlich „stöckelt Emily in skurrilen Designer-Outfits durch die Disneyland-Version von Paris: Von Obdachlosen oder Gelbwesten ist nichts zu sehen.“, schreibt Mara Schwab auf SRF und gibt einen amüsanten Überblick über die französischen Twitter-Reaktionen. Selten habe er eine so „klischeebeladene, dumme, sexistische Serienproduktion“ gesehen, hatet Tomasz Kurianowicz in der Berliner Zeitung:

Die Macher haben alles an Stumpfsinnigkeiten über Europa hineingerührt, die man sich als heimlicher Trump-Wähler nur so vorstellen kann: Die französischen Männer sind tolle Liebhaber, der Biss in ein nicht-genmanipuliertes Croissant gleicht einem Orgasmus, die Franzosen sind stylisch, sprechen aber kein Englisch und sind außerdem total arrogant.

Doch welche Rolle spielt Corona in diesem Zusammenhang? Die Serie sage vor allem einiges über die Hassliebe der Amerikaner und Franzosen aus, so Nadia Pantel, die in der Süddeutschen Zeitung das Phänomen Emily analysiert:

In der Pandemie bleiben Amerikaner und Franzosen, beziehungsweise Touristen und Pariser, nun voneinander weggesperrt wie Saufkumpane nach einer Prügelei, die mal runterkommen sollen. Wenn Emily in Paris für eines gut ist, dann dafür zu zeigen, wie wenig diese Kumpane voneinander loskommen.

Alex Abad-Santos auf vox.com sieht das ganz anders: „Watching Emily in Paris is like drawing a warm bath for my brain cells, an isolated, low-effort form of pleasure.“ Gäbe es derzeit keine Pandemie, hätte Santos die Serie wohl niemals geschaut, schreibt er. Jetzt würde er sich aber jederzeit zehn weitere Folgen reinziehen.

 

Pflegefall

Apropos Empörung. Für die sorgt auch eine deutsche Produktion, die YouTube-Serie Ehrenpflegas. Gedacht war die als Propagandamittel des Familienministeriums, um bei jungen Leuten Interesse für die Pflegeausbildung zu wecken. Quasi das Zivildienst-Pendant zur Bundeswehr-Serie Die Rekruten. Nur will Ehrenpflegas gar nicht erst den Eindruck erwecken, die Realität abzubilden, während sich Die Rekruten dokumentarisch gibt. So setzt Ehrenpflegas auf durchaus hochkarätiges Personal aus dem Fiction-Bereich: Die Produzenten von Fack Ju Göhte, immerhin einem der kommerziell erfolgreichsten deutschen Kinofilme, und SchauspielerInnen aus den Netflix-Serien How to Sell Drugs Online (Fast) und Dark.

Die Kritik an der Serie ist dann auch weniger, ob man sie “bunt und recht witzig” (Deutschlandfunk Kultur) findet oder es doch eine “dumpfe Klassenzimmerkomödie” (Süddeutsche) ist. Sondern, dass sie mit der Realität nichts zu tun hat und den umworbenen Jugendlichen ein falsches Bild von Pflege vermittelt. Wenn sich die realen Bedingungen nicht ändern, bringt auch gut gemeinte Werbung mittelfristig nichts, hat Deutschlandfunk Kultur ein Gewerkschafter verraten:

Die Serie könne zwar für ein positives Bild der Pflege sorgen, so Venz weiter:„Allerdings hilft uns dieses Bild ja nicht weiter, wenn am Ende die Realität eine andere ist. Wir brauchen eine Behebung der großen Probleme in der Pflege, bevor wir darüber reden, ob wir dieses oder jenes Video produzieren, um das Image zu verbessern. Ich glaube nicht, dass Auszubildende über drei Jahre und dann auch noch in ihrem gesamten Berufsleben mit einer Serie darüber hinweggetäuscht werden können, dass wir drängendere Probleme haben.“

Hinzuzufügen wäre: Warum braucht es überhaupt eine Werbekampagne des Familienministeriums, um Pflegeberufe für eine jugendliche Zielgruppe in Serienform zu thematisieren? Das deutsche Vorabendfernsehen ist voll von Krankenbrüdern und -schwestern, RettungssanitäterInnen, siehe Sachsenklinik, Bettys Diagnose und Bergdoktor. Das Medical-Genre gehört nach dem Krimi zu den beliebtesten um diese Uhrzeit. Wäre es denn nicht möglich, dass TV-Sender unabhängig von den Ausbildungszielen der Gesundheitspolitik, ein realistischeres oder zumindest für Menschen unter 25 interessanteres Bild von der Pflege zeigen?

 

Go Vote!

Derzeit lässt sich beobachten, dass Serien eine interessante Rolle im US-Wahlkampf spielen. Die Simpsons zählten kürzlich im Rahmen einer Halloween-Folge eine Liste mit 50 Gründen auf, warum Trump nicht wählbar ist (Hier der Clip, hier die Liste). Und die zwischen 1999 und 2006 produzierte Serie The West Wing, die von einem US-Präsidenten handelt, der in in der Lage ist, in ganzen Sätzen zu sprechen und fast immer damit beschäftigt ist, seine Taten besonnen abzuwägen, hat sich zur Reunion getroffen. Eine der alten Episoden wurde für eine “Geht wählen”-Initiative zum Bühnenstück umfunktioniert. James Poniewozik schreibt für die New York Times:

Premiering in 1999 after a run of relative 20th-century institutional stability, “The West Wing” believed that the system worked, even if the people in it could always be better.

President Josiah Bartlet (Martin Sheen) was an aspirational Gallant to reality’s Goofuses. In the late Bill Clinton era, he was a fantasy of morally upstanding, unapologetic liberalism. In the Bush years, he was a fantasy of a proudly intellectual president. Today — well, take your pick. Wanting better leaders never goes out of style, but the series’s reverent institutionalism now seems much more remote.

[...]

Well, fantasy is part of what TV is for. And fantasy can be a strong motivator: Arguably, part of what fuels Joseph R. Biden Jr.’s campaign against the Twitter president today is the promise, however improbable, of returning to a time of relative comity, reverence and quiet.

Interessant ist, dass Nostalgie, also die Idee, dass früher einmal alles gut gewesen sei (Spoiler-Warnung: War es nicht), jetzt eine liberale Wahlkampfmasche gegen “Make America great again” ist, das ja ebenfalls eine fiktive Vergangenheit beschwört.

 

Remade

Apropos gute Erinnerungen an früher. Ein stummer, sympathischer älterer Herr mit Melone aus dem tschechoslowakischen 1970er-Jahre Fernsehen verzauberte einst Kindern im real existierenden Sozialismus ihren Alltag. Nun gibt es eine Neuauflage der Kinderserie Pan Tau, die im Ost- und Westfernsehen gleichermaßen zu sehen war, die aber ziemlich in die Hose gegangen ist, wie Martin Zips  in der Süddeutschen Zeitung findet:  

“Tatsächlich fungiert Pan Tau, dem man in der Neuverfilmung keine Kinder, sondern Jugendliche zur Seite gestellt hat, als eine Art Eventmanager…. Stand der alte Pan Tau noch für Solidarität der Generationen untereinander, für Empathie und Humor im Einfamilienhaus, so wird er hier zum Angebefaktor.”

Fun fact: In der alten Version von Pan Tau spielte die Schauspielerin Ivana Zelníčková mit. Die ging dann in die USA, ließ zahlreiche Schönheitsoperationen über sich ergehen und heiratete einen Multimillionär, der heute US-Präsident ist.

Eine Wiederauflage, in der u.a. Ivanas Familie unfreiwillig und nicht besonders vorteilhaft auftaucht, ist die britische Puppen-Satire Spitting Image. Die Serie lief von 1984 bis 1996 und beinhaltete politische Satire der unverschämten Art. “Einige Sketche gelten bis heute als Sternstunde des britischen Humors.”, schreibt Alexander Mühlauer in der Süddeutschen Zeitung. Jetzt ist Spitting Image zurück: Unverschämter, kühner und anzüglicher, wie der damalige Puppenerfinder und Produzent Roger Law ankündigt. Das findet auch Dominic Maxwell in der britischen Times:

“If you thought that President Trump and Boris Johnson were already such crafty caricatures of themselves that satire against them was futile, the new Spitting Image makes you think again.”

 

Girl Nostalgia

20 Jahre Gilmore Girls! Woo-hoo. Damals galt die Serie um das schlagfertige Mutter-Tochter-Gespann Lorelai und Rory als progressiv. Heute eher nicht mehr, finden vier Autor:innen in der taz und listen schonungslos auf: viel Kitsch, ein sehr weißer Cast, stereotype People of Color, Heteronormativität, toxische Männlichkeit und eine feministische Storyline, die doch nur wieder neoliberale Ideale hochhält. Unbestritten ist, dass die Serie vielen Menschen viel bedeutet hat. Und außerdem tut das nachträgliche Abklopfen auf einen Wokeness-Faktor hin Kulturprodukten selten gut. Peter Weissenburger, einer der Autor:innen des Artikels, schreibt:

Man kann daraus schließen, dass „Gilmore Girls“ ein reiches, weißes Fantasyland als Fortschritt verpackt und damit lange durchgekommen ist. Oder man kann schließen, dass wir an sogenannte Vorreiter-Serien retrospektive zu hohe Ansprüche stellen. Werte wie „richtig“, „gut“ und „progressiv“ sind nicht zeitlos.

Zum Jubiläum der Serie veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung dagegen einen Text von Luise Checchin aus dem Jahr 2016. Um Wokeness geht es darin sicher nicht, stattdessen geht es um Nostalgie, Popkultur und indirekt den Bechdel-Test. Denn in den frühen 2000er war es überhaupt nicht üblich, dass zwei Protagonistinnen über andere Dinge sprechen – als Männer. Dass das natürlich nicht mehr unseren heutigen Vorstellungen und Diversity-Ansprüchen entspricht, ist logisch. Serien sind eben doch ein Produkt ihrer Zeit. Und die Zeit ist ein Spektrum, auf dem wir uns hoffentlich, auch wenn es nicht immer so aussieht, langsam aber sicher in eine positive Richtung bewegen und sich unsere diverse Gesellschaften besser repräsentiert sehen.

 

Dokutainment

Bei Vulture wirft Kathryn Van Arendonk einen Blick auf den Trend Dokuserie. Im Frühjahr löste etwa Netflix’ Tiger King große Aufregung aus, aber es gibt zahlreiche weitere Beispiele: The Vow von HBO, die Chicago-Bulls-Doku The Last Dance (Netflix), ganz zu schweigen vom ganzen Subgenre Food mit Vertretern wie Chef’s Table oder Street Food (um nur mal ein paar zu nennen). Van Arendonk zufolge kommt der Trend nicht aus dem Nichts. Sie stellt die These auf, dass ausgerechnet trashige Reality-Formate den Dokuserien den Weg geebnet haben:

Docuseries, made with a journalistic eye and with the (unintoxicated) consent of their subjects, are sanitized versions of reality-show messiness. If dubious ethics help define reality TV’s lowbrow trashiness, the perception that a docuseries is less manipulative and less manufactured helps secure its more dignified status.

Es kommt dann, wie es in solchen Artikeln kommen muss: Eine der Macherinnen von The Vow darf Dokuserien dann als “in many ways the new novel” bezeichnen. Ein Vergleich, der auch der Autorin schon zu abgeschmackt ist, der ihr aber doch als Beleg für die Akzeptanz des Genres dient.

 

Kurzform

Der Serienbrief hatte über Proteste in den USA gegen die Besetzung von weißen Synchronsprechern für People of Color in Animationsserien geschrieben. Jetzt folgen Konsequenzen: Cleveland Brown aus Family Guy wird nun von Arif Zahir gesprochen und Carl Carlson aus den Simpsons bekommt die Stimme von Alex Désert, beides Schwarze Schauspieler.

Der Bund will über den German Motion Pictures Fund zukünftig mehr hochwertige Serien fördern, berichtet DWDL. Bisher standen 15 Millionen Euro zur Verfügung, aber 2021 soll es mit 30 Millionen doppelt so viel sein. Von dem Geld könnte man etwa zwei durchschnittlich teure Folgen Game of Thrones drehen.

Laut Guardian hat eine Studie der USC Annenberg die Repräsentation von MigrantInnen in US-Serien untersucht. Das Ergebnis: Ein Viertel der Charaktere wird mit Kriminalität in Verbindung gebracht, 11 Prozent mit Gefängnis. Das sind weniger als 2018, aber immer noch mehr als in der Realität. Außerdem ist der Anteil der illegalen MigrantInnen und Asylsuchenden mehr als doppelt so hoch als im echten Leben. 

Das Seriencamp Festival findet dieses Jahr vom 05. bis 22. November komplett digital statt. Watchroom statt Kino – abrufbar in ganz Deutschland. Disclosure: Unsere Serienbrief-Schreiberin Julia Weigl arbeitet für das Festival, Benedikt Frank war letztes Jahr Mitglied der Jury.

 

Hörbar

Die derzeitigen persönlichen Favoriten des Serienbrief-Teams.

AnnaZum Beethoven-Jubiläum empfehle ich, in den Podcast  Roll Over Beethoven - Eine Hörspiel-Sitcom aus dem alten Wien von Johannes Mayr und Ulrich Bassenge (SRF/BR-Produktion) reinzuhören. Der ist nicht nur äußerst amüsant, was zum großen Teil an Christoph Maria Herbst als Ludwig van Beethoven liegt, er liefert äußerst zeitgemäße Pointen rund um das harte Leben eines Freiberuflers, das Kreuz mit der österreichischen Monarchie und übertriebenen Star-Kult, besonders witzig: Das Aufeinandertreffen mit Goethe in der 5. Folge.

BenediktDeutsche Abgründe heißt die Podcast-Serie der Süddeutschen Zeitung zum rechten Terror des NSU, 20 Jahre nach dessen ersten Morden, neun Jahre nach dessen Enttarnung und zwei Jahre nach Prozessende. Annette Ramelsberger saß über fünf Jahre immer wieder in den Verhandlungen und berichtet in acht eindringlichen Folgen über die Taten, das Versagen der Behörden und deren Widerwillen zur Aufklärung beizutragen.

Bernhard: Alles fließt, alles ist Serie. Warum also nicht auch zum Beispiel ein Wörterbuch? Duden Comedy heißt ein Comedy-Podcast, dessen Macher ein ehrgeiziges Projekt verfolgen: Sie schreiben Witze zu jedem Substantiv im Duden und küren jeweils den besten. Bisher gibt es knapp 20 Folgen und der Podcast ist auch schon bei "Ab" angekommen. Teilweise tut das richtig weh beim Hören, teilweise ist das genial, und es zeigt wie nur wenige Produktionen: Komik ist ein Knochenjob.

JuliaWeil es bereits zu Beginn des Serienbriefs ums Empfehlen ging, empfehle ich heute etwas, was mir eine Freundin empfohlen hat. Einen weitereren Podcast. In Overinvested – with Morgan and Gavia geht es um Popkultur, insbesondere TV-Serien und Filme. Die beiden jungen Autorinnen sprechen darin über kulturelle, politische und gesellschaftliche Themen, die sie gerade nicht loslassen und Serien, die sie gerade gucken.

 

Die nächste Ausgabe des Serienbriefs erscheint überraschend. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter:

 

            

 

Herzliche Grüße

Benedikt Frank, Julia Weigl, Bernhard Hiergeist und Anna Steinbauer

Serienbrief
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