Der Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

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Liebe Serienbrief-Freunde,

das Sommerloch ist nun wirklich vorbei, was wir daran merken, dass über mehr interessante Dinge in der Serienwelt geschrieben wird, als wir hier ausführlich thematisieren könnten. Darum gibt es jetzt unten neu die Kategorie Kurzform, in der wir mit etwas weniger Anschlägen als sonst gute Artikel empfehlen. Los geht’s.

Blanker Horror

Was ist schlimmer als menschenfressende Zombiehunde? Wer Lovecraft Country gesehen hat, weiß: auf den ersten Blick harmlos erscheinende Weiße. Die US-amerikanische Horrorserie von Misha Green, die auf der gleichnamigen Romanvorlage von Matt Ruff basiert, trifft den Nerv der Zeit und befeuert die aktuelle Rassismus-Debatte, nicht nur in den USA. Besonders interessant ist, wie Lovecrafts offen geäußerter Rassismus in der Serie verarbeitet wird, so Lili Hering auf Zeit online:  “Green lässt auf Lovecraft, der an Weißen Suprematismus glaubte, dessen eigene Monster los: Menschen mit seinem Weltbild kommen in der Serie um.”

Auch Welt-Autor Hannes Stein findet, dass sich in der Medienlandschaft einiges geändert hat:

Bis gerade eben hätte ein Bezahlsender wie HBO eine Serie wie Lovecraft Country wahrscheinlich nicht in Auftrag gegeben. Der Grund war nicht Rassismus, der Grund waren die Gesetze der Marktwirtschaft: Weiße hätten sich kaum dafür interessiert, und das Marksegment der schwarzen Zuschauer war nicht groß genug.

Natürlich begann die Debatte um Lovecraft Country in den USA. Denn das Timing stimmte, unzählige Menschen gingen für Black Lives Matter auf die Straße, HBO nahm kurzzeitig den Filmklassiker Birth of a Nation von der Plattform, um ihn dann mit Kontextualisierung wieder online zu stellen. Und dann kam die Serie Lovecraft Country, die einen Bogen spannt von der Vergangenheit ins Heute – oder wie Glen Weldon und Linda Holmes es für den Pop Culture Happy Hour Podcast von NPR formulieren: “Exploring the now – the past is not really the past.”

Doch geht es in der Serie nicht ausschließlich darum, rassistische Motive in der amerikanischen Gesellschaft – ob damals oder heute – zu entlarven. Vielmehr bietet sie eine Steilvorlage dafür, sich mit dem Autoren H. P. Lovecraft auseinanderzusetzen und dem Rassismus, der in seinen Texten steckt. Einen detaillierten Überblick hat Aja Romano für Vox zusammengetragenDarin stellt sie die interessante These auf, dass Lovecrafts allgemeingültige Themen spannende Tropen für zeitgenössische Autor*innen sind, um diese zu unterwandern, zu kommentieren und komplett neu zu denken:

Perhaps that means the universality of Lovecraft’s themes can also serve as the fundamental appeal that allows modern horror writers to subvert and ultimately transform his tropes into smart, aware commentaries on the very kind of racism he evinced. 

And that’s perhaps the biggest Lovecraftian twist of all: the unknown cosmic terror, transformed into something as familiar and tawdry as everyday racism — and then vanquished with the light of understanding in favor of newer, better stories.

Diese neuen, vielleicht besseren Geschichten möchten die Monster, die es in unseren Gesellschaften gibt nicht mehr ignorieren, wie Lovecraft Country Macherin Misha Green es im Guardian formuliert:

“The best horror is when [it’s] saying that the way to escape it is to speak it, is to live it,” says Green. “It’s about confrontation, then moving through the dark into the light.” 

Nur durch die Konfrontation, den Dialog und die Auseinandersetzung mit dem strukturellen Rassismus in unseren Gesellschaft kann ein Bewusstsein für neue Perspektiven geschaffen werden. Das funktioniert heute eben vor allem auch über die sozialen Medien. Da hat etwa Erica Buddington, die Black History Forschung auf Instagram sichtbar machen möchte, einen inoffiziellen Guide zu Lovecraft Country herausgegeben.

 

Queer as folk

In der Taz schreibt Mirjam Kid über die Neuauflage der Animationsserie She-Ra und leitet ihren Text mit einem Rückblick auf queere Seriencharaktere ein:

Wer als queere Person und Kind der 90er aufgewachsen ist, für den gehören TV-Serien wie „Xena“ und „Buffy“ zum Kanon. Die Intensität und Komplexität, mit der hier Beziehungen starker Frauen zueinander erzählt wurden, galt lange Zeit als beispielhaft – und ist in Teilen auch heute noch unerreicht.

Die Repräsentation von Queerness und lesbischer Liebe machte diese Serien nicht nur in der LGBTQI*-Community zum Langzeiterfolg. Dennoch hatten sie stets etwas Uneingelöstes, etwas, das auf dem Boden des Cutting-Rooms landete, das Studiobosse verhinderten, das nie vollständig erzählt werden durfte, zumindest nicht in seiner vollen Stärke: queere und lesbische Liebe.

Nicht nebenher oder kodifiziert, sondern als Kern der Geschichte. Die Neuauflage der 80er-Zeichentrickserie „She-Ra“ hat diese Lücke gefüllt. Und macht Hoffnung auf mehr Fernsehen dieser Art.

Interessanterweise entsteht gerade jetzt mehr Fernsehen dieser Art und auch die Dichte von queeren Nebenfiguren nimmt zu. Disney gibt der Fantasy-Zeichentrick-Serie The Owl House mit der 14-jährigen Luz Noceda die erste bisexuelle Hauptfigur der Firmengeschichte, berichtet Variety.

Auch das Start-Trek-Universum bekommt mit der nächsten Staffel von Discovery erstmals eine Transgender-Figur sowie einen nichtbinären Charakter, meldet der Spiegel. Die Serie hat übrigens auch das erste homosexuelle Ehepaar des Star-Trek-Universums, obwohl auch das reichlich spät ist, für ein Sci-Fi-Universum, das sich - völlig zurecht - seiner Fortschrittlichkeit rühmt. So hat die Star-Trek-Parodie The Orville die eigentliche Vorlage überholt, denn dort gibt es bereits Crewmitglieder einer vermeintlich rein männlichen Alien-Spezies, die Eier legt und ausbrütet - aber dann gibt es Trouble, weil doch ein weibliches Baby schlüpft.

 

Exklusiv inklusiv

Gut, die Repräsentation von LGBTQ und People of Color kann zumindest im progressiveren Teil des Medienbetriebs Fortschritte vorweisen. Doch wie steht es um behinderte Menschen? Diese Frage stellt Mark Harris in einem ausführlichen Artikel für das New York Times Style Magazine an behinderte SchauspielerInnen. Zwar gewinnt Peter Dinklage als Schauspieler mit Achondroplasie immer wieder mal einen Emmy, es gibt Beispiele wie die sehr schöne - aber auch sehr kurze - Serie Special von und mit Ryan O’Connell über dessen eigene Biografie als leicht gelähmter Homosexueller. Aber der große Wurf fehlt bisher: 

With every new appearance, word gets out on social media and excitement builds, but among disabled actors (and viewers), skepticism about whether it’s all mounting to something is not easily vanquished. That’s historically justified: For decades, people with disabilities have seen themselves incorporated into pop culture not as fully realized human beings but as teachable moments for nondisabled people; they’re gazed at patronizingly, applauded — and then forgotten.

Der Artikel handelt nicht nur von Serien, sondern auch behinderten SchauspielerInnen beim Film und beim Theater. Bei den Produktionen stellen sich teils ganz banale Fragen, etwa wie die Zugänglichkeit zum Filmset ist oder welche Formen von Assistenz nötig sind. Aber auch künstlerische Fragen kommen auf: Sich irgendwo hochzuziehen mag etwa für eine Rollstuhlfahrerin ein alltäglicher Akt sein, auf der Bühne wird es zur Performance. Behinderte werden immer als Behinderte identifiziert, statt etwa als Held einer Geschichte. Insbesondere Fragen, die so ähnlich auch in anderen Bereichen zum Thema Diversität immer wieder gestellt werden, bekommt so besondere Relevanz:

What if the character is an abled person who becomes disabled? What if the production requires a famous person? What if no disabled actor is right for the role? — are often used as a cover for a still-pervasive attitude: Why do we have to think about this? And the most common response of all — Shouldn’t any actor be able to play any role? — leads directly to the second battlefront: If that’s the case, why does it simply never occur to many networks, studios, producers or casting directors to cast, or even consider, actors with disabilities in roles that don’t specify whether a character is disabled or not?

Einfach beantworten lassen diese Fragen sich nicht, aber der Text ist eine großartige Bestandsaufnahme des Diskurses.

 

Marktmächte

Wieso vertrauen wir in der Serienunterhaltung eigentlich so sehr auf die USA? Ein riesiges Segment des Marktes teilen Netflix, Amazon, Disney etc. unter sich auf. Und das macht etwas mit den Produktionen: 

Wie definiert sich der europäische Mensch? Doch als Wesen in einem Gemeinwesen. Und der amerikanische? Als individuell Handelnder. Genau das sind auch die Geschichten, die auf den Portalen erzählt werden.

Das sagt Andreas Wildfang, Gründer von Sooner, im Gespräch mit der Welt. Das Portal ging Ende Juli an den Start. Das Ziel: der Prüderie oder Werten wie dem extremen Individualismus in US-Werken (die Wildfang etwa auch in ausländischen Netflix-Produktionen wie How to Sell Drugs Online (Fast) erkennt) etwas entgegenzusetzen. Das heißt: exklusive und europäische Serien und Filme, Vielfalt, darunter viel Arthouse und Independent, wie Thomas Herrig das in der FAZ zusammenfasst. Bislang wird nur gestreamt, langfristig könnten eigene Produktionen folgen. Kooperationen mit Filmhochschulen in Hamburg und Berlin zeigen, in was für eine Richtung das gehen könnte.

Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen möchte da natürlich mitbuhlen und hat vor wenigen Wochen eine Serienoffensive gestartet - mal wieder. Frank Beckmann, NDR-Programmdirektor Fernsehen, nennt das im dwdl-Interview eine der "größten Serieninitiative des NDR seit zehn Jahren".

Der NDR wird in den kommenden Monaten acht neue Serien in die ARD-Mediathek bringen – mit dem breitesten Portfolio, das man sich vorstellen kann. Das beinhaltet Koproduktionen, Auftragsproduktionen und internationale Einkäufe gleichermaßen. Die Genres reichen von Mystery bis True Crime. Am Anfang legen wir den Fokus noch etwas stärker auf eingekaufte Serien, weil wir so schneller sein können. Perspektivisch werden wir uns jedoch deutlich mehr darum bemühen, internationale Partner in unsere Produktionen einzubinden. Die Konkurrenz im Streaming-Bereich agiert international. Daher wäre es hoch sinnvoll, aufwendige Produktionen mehr noch als bisher in Kooperation mit öffentlich-rechtlichen Sendern aus anderen Ländern herzustellen.

Der Beweggrund ist natürlich klar: Jüngere Zielgruppen wieder erschließen. Dass diese sich vor allem im Netz tummeln, ist nicht neu. Das schreibt auch meedia: So konsumieren laut einer Studie rund 82 Prozent der unter 30-jährigen TV- und Film-Inhalte über Streamingdienste.

Mal sehen, ob diese Kampfansagen künftig auch interessante Früchte tragen werden.

 

Gesundheit!

Allmählich laufen die durch die Corona-Epidemie gestoppten Film- und Serienproduktionen wieder an. Allerdings sieht es an den Sets anders aus als zuvor. Danielle Turchiano berichtet für Variety über die neue Position des Covid Compliance Officers, der Abstände kontrolliert, die Maskenpflicht durchsetzt und das Personal durchtesten lässt. Die Arbeit für die Postproduktion lässt häufig noch auf sich warten, weil sie nun mal als letztes mit einer Serie beschäftigt ist. Ebenfalls für Variety berichtet Jazz Tangsay, wie sich die Arbeit der Sound Editors verändert. Manche setzen auf neue Recording-Apps oder bauen sich strikt getrennte Tonstudios in Wohnwagen, mit denen sie zu den Schauspielern fahren, andere nutzen die Gelegenheit für einmalige Atmo-Aufnahmen - offenbar klingt die Umwelt gerade anders, weil weniger Autos und Leute unterwegs sind. Beim Guardian sorgt sich Phil Harrison derweil um eine andere Art von Tonkulisse. Er fragt, ob in Zeiten von leeren Sitcom-Studios das Lachen aus der Dose wieder ein Revival braucht.

 

Kurzform

Deutsche Serien spielen häufig in fiktiven Kleinstädten, ist Carolin Gasteiger aufgefallen. “Warum eigentlich?”, fragt sie sich und einige Serienmacher. Und offenbar scheint die deutsche Provinz auch international immer besser zu funktionieren. Christian Buß und Oliver Kaever schreiben im Spiegel, dass deutsche Serien international aufholen.

Es gibt eine türkische Serie, die Diriliş: Ertuğrul heißt. Wahrscheinlich hat sie unter unseren Leser*innen kaum jemand gesehen, sie gilt aber als das “islamische Game of Thrones”. Im Guardian erklärt Aina Kahn, wie es dazu kommen konnte. Und für die Taz liefert Klemens Ludwig die Kritik nach: Die Serie ist nationalistisches Histotainment, das einem osmanischen Kolonialisten allerlei Heldentum andichtet. 

Remakes von Serien gibt es immer wieder. Ein kompletter Umschwung von Comedy zu Drama ist aber selten. Und dass alles auf einem Fantrailer basieren soll, wahrscheinlich einzigartig. Insofern lässt das Remake von Fresh Prince of Bel Air uns sehr neugierig zurück. Die klamaukige Serie mit Will Smith thematisierte in den 1990ern häufig schwerere Themen wie Rassismus oder soziale Ungleichheit. Darum findet etwa Jürgen Schmieder in der Süddeutschen die Neuauflage als Drama gar nicht so abwegig. Bei Collider haben sie außerdem die besten Szenen gesammelt, in denen die lockere Sitcom dann doch so richtig ernst wurde. 

In Israel entstehen seit Jahren ungewöhnlich viele kreative Serienstoffe, die gerne von den USA kopiert werden. Euphoria wäre da etwa ein jüngeres Beispiel. Warum das so ist und was man sich so anschauen könnte, hat Mareike Enghusen für das Wirtschaftsmagazin brandeins aufgeschrieben.

 

Schaubar

Die derzeitigen persönlichen Favoriten des Serienbrief-Teams.

Anna: Im IS spricht man auch Schwedisch. Abstrus, höchst befremdlich und sehr schockierend ist das Setting der schwedischen Netflix-Serie Kalifat. Diese konzentriert sich auf die Frauenfiguren und erzählt vom Schicksal einiger junger Schwedinnen, die sich vom Islamischen Staat rekrutieren lassen, sich radikalisieren oder ihn bekämpfen. Tragik und Grauen des Dschihad werden so schmerzlich spürbar, so dass man hinsehen muss, obwohl man eigentlich wegschauen will.

BenediktDie wichtigste IT-Firma der Welt baut in Devs einen Quantencomputer, um die Zukunft vorherzusagen. Und weil Alex Garland dabei für Regie und Drehbuch verantwortlich ist, kommt dabei ein Sci-Fi-Thriller mit einer guten Portion New-Age-Kram heraus. Gibt es freien Willen oder ist eh alles vorherbestimmt? Jedenfalls haben die Computer-Nerds einen weiten Weg hinter sich, von schrägen Witzfiguren zu jetzt Quasi-Göttern.

BernhardStiefmütter, die heimlich Drogenimperien führen, Zwillingsbrüder, die aus dem Nichts auftauchen, eine ungewollte Leihmutterschaft und Intrigen, Intrigen, Intrigen gibts bei Jane the Virgin von 2015. Als klassische Telenovela wäre das dramatisch und kitschig. Die Serie umschifft das aber mit Verfremdungseffekten, einem liebenswürdig-bescheuerten Erzähler und zahlreichen Metareflexionen über die Natur von Telenovelas, Serien und Fiktion im Allgemeinen. Total cray-cray, würde der Erzähler das nennen.

JuliaJude Law wandert durch saftgrüne Wiesen und Wälder. Warum er so verloren herumirrt, erfährt man nur durch rare trippige Rückblenden, die etwas Klarheit in die hübsch gefilmte Wildnis bringen sollen. In der neuen rafinierten HBO-Miniserie The Third Day kombinieren die britischen Serienmacher Felix Barrett und Dennis Kelly magischen Realismus mit unheimlichen Horrorelementen und blicken dabei tief in die Psyche ihrer Figuren. Die Serie startet am 17. September bei Sky.

 

Die nächste Ausgabe des Serienbriefs erscheint überraschend. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter:

 

            

 

Herzliche Grüße

Benedikt Frank, Julia Weigl, Bernhard Hiergeist und Anna Steinbauer

Serienbrief
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