Der Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

Diese E-Mail online lesen

Liebe Serienbrief-Freunde,

die Emmy-Nominierungen sind seit kurzem bekannt und mit ihnen zahlreiche Rekorde. Das erste Mal sind die neuen Streamingdienste von Apple und Disney dabei, Netflix ist 160 Mal nominiert und übertrumpft damit HBOs 137 Nominierungen vom letzten Jahr. Fast wirkt es, als müsste man jedes Jahr ein paar neue Kategorien erfinden, um neue Superlative vermelden zu können. Der Serienbrief beschäftigt sich diesmal mit anderen Zahlen, denen zur Diversität bei dem großen Award. Wir empfehlen einen Text eines Serienmachers, dem das alles zu viel wird mit den Serien und ein Radiofeature über den Umgang mit psychischen Krankheiten in Serien. Es geht um alternative Geschichte, reale Geschichte und was manchen so alles einfällt, wenn sie das Oktoberfest dieses Jahr nur in Serienform präsentiert bekommen. Fangen wir an.

All inclusive

Mit Diversität war das bisher bei den Emmys schwierig, immerhin der wichtigste Fernsehpreis der USA. Michael Ordoña rechnet in der Los Angeles Times vor: „From 2015 to 2019, 82% of the nominees in 19 prime-time Emmy categories were white, including more than three-fourths of the acting nominees and fully 90% of the writing and directing nominees.“

Dieses Jahr ist das anders: Die Serie mit den meisten Nominierungen (26) ist die HBO-Superhelden-Comic-Adaption Watchmen. Sie setzt sich mit dem Tulsa Race Massacre von 1921 auseinander, einem rassistischen Gewaltverbrechen in den USA mit Hunderten Toten. Joy Press moniert in Variety: Dass Watchmen-DarstellerInnen für Emmys nominiert wurden, sei kein Beweis für ein Umdenken in der Branche: „In fact, many of the actors of color are frequently nominated but rarely win, suggesting a tokenism trap that the ceremony needs to avoid if it is serious about representing real change in Hollywood.” Dass ferner asiatische und hispanoamerikanische Communities dieses Jahr deutlich unterrepräsentiert seien, beschreibt Lisa Respers France bei CNN.

20 Nominierungen erhielt The Marvelous Mrs Maisel über eine jüdische Hausfrau und Stand-up-Comedienne im New York der 1950er Jahre. Und die deutsche Netflix-Produktion Unorthodox, die den Ausstieg einer jungen Jüdin aus einer ultraorthodoxen Gemeinschaft beschreibt, bekam acht Nominierungen. Warum es gut ist, dass immer häufiger differenzierte Frauenfiguren zu sehen sind, erklärt die Sozialwissenschaftlerin Anastassia Pletoukhina in der FAZ: “Ich hoffe, dass Serien wie Unorthodox ein Fuß in eine Tür sind, die sich für andere Bilder jüdischer Lebenswelten öffnet.”

Es tut sich was, in Deutschland wie so oft etwas langsamer als anderswo. Alexa Karoliniski, Co-Drehbuchautorin und Produzentin von Unorthodox, erklärt im Interview bei BR24: „Wenn man sich das deutsche Fernsehen anschaut, ist es einfach noch nicht divers, weder vor noch hinter der Kamera. Es ist noch unheimlich weiß, noch unheimlich männlich. Das sind die Geschichten, die man erzählt.“

 

You drive me crazy

Psychische Krankheiten waren im Fernsehen eigentlich nie tabu. Allerdings wurden sie zunächst häufig als Stereotype eingesetzt. Denken wir an Figuren mit autistischen Zügen wie den nerdigen Sheldon aus Big Bang Theory oder die kauzigen Computer-Geeks aus IT Crowd. So waren es meist schmuddelige Typen, die sich ganz gut mit dem Internet auskannten. Wie sich diese Darstellungen in den vergangenen Jahren weiterentwickelten, haben sich Vanessa Schneider und Katja Engelhardt für den BR Zündfunk Generator näher angeschaut. Sie sprachen für ihren Podcast unter anderem mit Psycholog/innen und Dramaturg/innen, wie wichtig es ist, sich realistisch mit psychischen Krankheiten im TV auseinanderzusetzen. Und vor allem auch mit der Frage, was mögliche Darstellungen in ihren Zuschauer/innen auslösen können.

 

Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt

Schon seit einiger Zeit häufen sich alternative historische Erzählungen in Serien. Ihre zentrale Frage “Was wäre wenn?” kann man immer wieder neu an die Weltgeschichte stellen. Für Variety fragt Liz Shannon Miller ProduzentInnen solcher Serien nach ihrer Motivation. Die ähnelt sich teils in ihrem Anliegen, auf dem Weg der Geschichte Abzweigungen zu nehmen, die zu positiveren Entwicklungen als real führen. Die Filmbrache des Jahres 1948 in Hollywood ist deutlich diverser als sie es im echten Leben war: Männliche Prostituierte, Homosexuelle und Schwarze werden zu Stars vor und hinter der Kamera. In For all mankind führt ein Wettlauf im All, nachdem die erste Mondlandung nicht den USA sondern der Sowjetunion gelingt, als Nebenprodukt zu mehr Gleichberechtigung. In der Welt von Watchmen haben die Weltmächte Frieden geschlossen - allerdings nur, weil eine vermeintliche außerirdische Bedrohung sie dazu zwingt. In der Serie selbst geht es dann auch keinesfalls harmonisch zu, sie handelt von Rassismus, Polizeigewalt und Selbstjustiz. Und so spielen alternative Geschichtserzählungen zwar in einer Vergangenheit, sie erzählen aber von der Gegenwart, in der sie entstehen.

Auch Jack Seale beschäftigt sich beim Guardian mit kontrafaktischen Geschichtsserien. Ihm fällt auf, dass es in vielen um Faschismus geht - was nicht unbedingt bedeutet, dass sich auch immer tatsächlich mit dem historischen Faschismus auseinandersetzen. In der BBC-Serie SS-GB oder der dritten Staffel von Westworld sind Nazis kaum mehr als Staffage, ein auffälliger Bildschirmhintergrund über den sie aber nichts Wichtiges sagen. Positiver fallen dem Kritiker The Man in the High Castle nach Philip K. Dicks Roman und The Plot Against America auf. Serien, in denen Nazis mal die USA besetzen (The Man in the High Castle) oder sie sich in freier Wahl unter die Herrschaft von Nazis begibt (The Plot Against America). Der Unterschied zur reinen Nazi-Kulisse: “[...] it’s less what if, and more … what now?” 

 

O'zapft is

Ein Vorteil davon, Geschichtsfiktionen in einem Paralleluniversum spielen zu lassen, ist auch die Vermeidung von peinlichen Possen wie dieser: Der Bildzeitung ist es gelungen, Wiesn-Wirte gegen die ARD-Serie Oktoberfest 1900 aufzuwiegeln. “Rufschädigend” sei die Serie nämlich, die erst im September zu sehen sein wird, denn es geht um Machtkämpfe zwischen Brauern. Und weil der Wirt alleine zu wenig Gewicht hat und die Politik offenbar glaubt, bei öffentlich-rechtlichen Sendern noch nicht genug mitzureden, lässt sich Clemens Baumgärtner, Münchner Wirtschaftsreferent, Wiesn-Chef und CSU-Mitglied, wie folgt zitieren: "Ein Oktoberfest nur auf ein machtbesessenes Milieu zurückzudrehen, um Publikum zu generieren, ist total daneben. Es hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun." Und möchte die Serie tatsächlich “historisch prüfen lassen”, ob es den als Vorbild dienenden Wirte-Krieg von 1898 tatsächlich gegeben habe. Damit hat nun wiederum Abendzeitungs-Redakteur Robert Braunmüller seinen Spaß: 

Wenn Baumgärtner ein Buch lesen könnte und den Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit kennen würde, wäre er nicht Wiesn- sondern Kulturreferent. Wir möchten jetzt ungern eine Historiker-Kommission arbeitslos machen, die für den vielbeschäftigten CSU-Mann den legendären Stadtmuseumskatalog "Das Oktoberfest. Einhundertfünfundsiebzig Jahre Bayerischer National-Rausch" von 1985 durchblättert. Oder auch Abendzeitung online oder die Homepage der Kapelle des Augustiner-Festzelts googelt. Dort hat man, im Unterschied zur Rathaus-CSU, schon mal von Georg Lang gehört. 

Einem schlitzohrigen Geschäftsmann, der zwar eigentlich nicht auf dem Oktoberfest hätte ausschenken dürfen, dann aber die Bierburg, die Trachtler-Kapellen und das umsatzsteigernde Mitsingen und Zuprosten auf die Gemütlichkeit erfunden hat.

Was heute als Tradition vermarktet wird, wurde nun mal immer irgendwann einmal erfunden, auch wenn das nicht zum urtümlichen Image der Tradition passt, schon immer dagewesen zu sein. Und umgekehrt lebt jede fiktionale Produktion von den Erfindungen um ihren historischen Kern, auch wenn sie sich noch so authentisch gibt. 

 

Überdruss

Schau dir unbedingt [hier beliebige Serie einfügen] an! Es ist so gut, besser sogar als [beliebige andere Serie]. Klar, der Anfang ist so lala, die ersten sieben Folgen sind etwas zäh, aber danach wird's großartig. Jeder von uns hat solche Sätze schon gehört (oder selbst gesagt). Es gibt heute so viele Serien, so viele Streamingdienste, und so vieles ist austauschbar. Das kann überfordernd sein oder gar nervig. Kein Wunder, dass manche (nicht wir) serienmüde werden.

Auch den Autor und Showrunner Stefan Stuckmann (Eichwald MdB) hat es getroffen, der seinen Überdruss auf Übermedien ausbreitet. Das Schöne an diesem Text ist, dass er nicht bei der bloßen Meinungsäußerung stehen bleibt. Stuckmann versucht sich an der Analyse und man merkt ihm dabei (trotz Müdigkeit) die Liebe zum Genre an.

Einerseits habe gerade wegen des Siegeszugs der Serien deren Qualität gelitten. Etwa weil zu wenig Handlung auf zu viele Staffeln gestreckt werde. Oder weil talentierte AutorInnen schnell ein eigenes Projekt leiten, darum sei es heute schwieriger, ein gutes Team zu versammeln. Andererseits, schreibt Stuckmann:

Möglicherweise also sind all die Serien, die uns von immer mehr Anbietern auf den Schirm gedrückt werden, gar nicht schlechter als ihre gefeierten Vorgänger – uns fällt es nur schwerer, ihre Qualität wahrzunehmen

Auch gefühlter Qualitätsverlust ist eben real. Schuld daran, unter anderem: das Bingewatching. Das hält Stuckmann zwar für eine kluge Marketing-Strategie, aber eine, die das eigene Produkt schwächt. Die Präsentation (Stichwort All-you-can-eat-Buffet) wirkt sich eben stark auf die Wahrnehmung aus.

Vielleicht müsse alles ein bisschen langsamer laufen, die Industrie ein bisschen zusammenschrumpfen, damit man sich wieder auf das Eigentliche konzentrieren kann, von dem alle Diskussion über die Zukunft des Fernsehens ablenken. Die Serienmüdigkeit, sie ist so gesehen dann eigentlich mehr eine Serienhype-Müdigkeit.

 

Schaubar

Unsere persönlichen Favoriten des Serienbrief-Teams derzeit.

Anna: In der belgischen Dramaserie Die zwölf Geschworenen (Originaltitel: De twaalf) auf Netflix müssen 12 Geschworene darüber entscheiden, ob die Angeklagte ihre eigene zweijährige Tochter umgebracht hat. Doch war sie es wirklich? Oder will ihr Exmann sie nur aus dem Verkehr ziehen? Eine atemlose Mischung zwischen Gerichtsprozess und Mördersuche, in der es übelst menschelt, alle lügen und ihr eigenes Päckchen zu tragen haben. Eindringlich grandios: Maaike Cafmeyer als dämonisch-verzweifelte Angeklagte. Mit dem gleichnamigen Klassiker der Filmgeschichte hat die Serie nicht viel zu tun.

BenediktIch kann nicht anders, als mir sämtliche Pandemie-Filme und -Serien anzusehen. Wo andere durch Klopapierhamsterkäufe ihre Nerven beruhigen, brauche ich filmische Apokalypse, um die reale Ausnahmesituation in angenehmer Relation zu sehen. Solange nur die Hefe ausverkauft ist und statt Zombies ein paar Maskengegner durch die Straßen wandeln, ist es ganz gut auszuhalten. Die ZDF-Serie Sløborn hat versehentlich den Nerv der Zeit getroffen. Die Serie um eine deutlich tödlichere Pandemie wurde vor Corna gedreht, aber erst jetzt veröffentlicht. Vor einem Jahr hätte sie auch mich wohl kaum interessiert, jetzt kann man dabei zuschauen, was die Leute und die Regierung alles falsch machen, wenn ihnen kein Drosten-Podcast erklärt, wie es richtig ginge.

BernhardSeit März gibt es den Film zu Berlin Berlin auf Netflix. Die Macher sprangen ruppig mit den eigenen Figuren um und ordneten alles dem Klamauk unter. Das Ergebnis: schlimm. Wesentlich besser geklappt hat das in der Serie, die von 2002-2005 lief. Die hat zwar auch mal Hänger und hat zum Beispiel mit dem weisen vietnamesischen Imbissbuden-Betreiber auch ein Stereotyp im Gepäck, das heute so nicht mehr gehen würde. Aber die Macher haben ihre Figuren gemocht. Das merkt man und kann sich das heute noch sehr gut ansehen.

JuliaManchmal dauert es auch heute noch länger, bis eher nischigere Serien in Deutschland zu sehen sind. Better Things war da vor Monaten ein sehr gutes Beispiel. Nun möchte ich Vida ans Herz legen, ein eklektisches Drama über zwei mexikanisch-amerikanische Schwestern in Los Angeles, die zu ihrer Community zurückfinden und dort nicht immer nur willkommen sind. Charvela Vargas, ranzige Eckkneipe und eine Mutter, die nicht unbedingt der Norm entsprochen hat, gibt es hier einen wunderbaren Mix, wie divers die amerikanische Gesellschaft ist – und das amerikanische Fernsehen.

 

Die nächste Ausgabe des Serienbriefs erscheint überraschend. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter:

 

            

 

Herzliche Grüße

Benedikt Frank, Julia Weigl, Bernhard Hiergeist und Anna Steinbauer

Serienbrief
Benedikt Frank; Großvenedigerstr. 35A; 81671 München
Icons von Bogdan Rosu und Zurb für www.flaticon.com lizensiert mit CC 3.0 BY
Um ihr Abonnement zu kündigen oder zu ändern, klichen Sie hier.