Der Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

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Liebe Serienbrief-Freunde,

da sind wir wieder, pünktlich zum Übergang der Corona-Ferien ins Sommerloch, um die Leere in euren E-Mail-Postfächern zu füllen – und wir haben auch direkt einige Veränderungen anzukündigen. Die erste gute Nachricht: Der Serienbrief soll jetzt wieder öfter erscheinen! Die zweite gute Nachricht: Wir haben neue AutorInnen ins Team aufgenommen! Ab dieser Ausgabe unterstützen uns Anna Steinbauer, die unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und die an.schläge - Das feministische Magazin schreibt, und Bernhard Hiergeist, der den Newsletter Setup/Punchline über Stand-up-Comedy verfasst. Wir freuen uns sehr über die beiden! Und legen auch gleich los, es sind ja durchaus ein paar Dinge in den letzten Monaten passiert.

Gesundheit!

Ein Virus hat die Welt im Griff. Früher oder später trifft Corona jede Realität, die Frage ist nur wann. In der britischen Soap Coronation Street – dem Vorbild für die deutsche Lindenstraße – wird die Pandemie am 24. Juli schlagartig und über Nacht einbrechen, wie Rory Smith in der New York Times berichtet. Länger könnte die Produktion die Auswirkungen des Virus auf Drehbedingungen und Kosmos der Serie nicht hinauszögern, die seit 1960 Szenen aus dem alltäglichen Leben zeigt und bis auf ein paar Ausnahmen keine aktuellen Bezüge abbildet. Doch Corona könne man nicht ignorieren, sagt die Filmwissenschaftlerin Christine Geraghty, die im Artikel zitiert wird:

“It is a health event, a political event, an economic event,” Geraghty said. “It is changing lives.” To her mind, British soaps, which set themselves the task of showing “everyday life and how it is lived, cannot ignore it as they normally would.”

Auch in Deutschland überlegen Sender und Streamingdienste genau, welche Bilder man den Zuschauer*innen in der Krise zumuten kann. So hat sich Netflix dazu entschlossen, den Start der für den 30. April angekündigten Serie Biohackers bis auf weiteres zu verschieben. Die Serienthematik sei offenbar „aktuell zu nah an der Realität“, mutmaßt Michael Müller in Blickpunkt:Film. Während das ZDF die neue Realität sofort integriert und mit Liebe. Jetzt! und Drinnen zwei Serien aus dem Boden stampft, die ausschließlich im Homeoffice entstanden sind, setzt die ARD auf Distance Acting und strenge Hygieneregeln beim Dreh. Nicola Erdmann staunt in der Welt über so viel Innovation beim Zweiten:

Das ZDF hat damit etwas geschafft, was man den öffentlich-rechtlichen Sendern kaum zugetraut hätte: In wenigen Wochen wurden zwei komplette Staffeln neuer Serien geschrieben, genehmigt, gedreht, produziert, - unter Bedingungen, die mehr als Flexibilität und ziemlich viel Einsatz aller Beteiligten erfordern […] Opulente Dramen und ausufernde Handlungen sind natürlich nicht möglich - aber genau das macht auch den Reiz der Episoden aus.

Einen amüsanten Einblick in die Dreharbeiten unter Corona-Bedingungen liefert Aurelie von Blazekovic in der Süddeutschen Zeitung, die das Set von Sturm der Liebe besucht hat und von der neuartigen Berufsgruppe der Medical Consultants berichtet. Diese Wächter der Abstands- und Hygieneregeln „machen sich auch bemerkbar, wenn jemand seine Maske vergessen hat, messen außerdem jeden Morgen die Körpertemperatur bei allen Schauspielern und führen montags einen Corona-Test durch. Anders als bei der Bundesliga hier ohne große Diskussionen.“

Die Krise birgt manch weitere traurige Realität: Über das Alter als doppeltes Risiko für Schauspieler*innen schreibt Barbara Sichtermann im Tagesspiegel: „Was ihnen droht, sind Nachrufe zu Lebzeiten. Denn ehe ihr Siechtum die Kalkulationen der Produktionsfirmen über den Haufen wirft, streicht man sie lieber gleich ganz von den Besetzungslisten. Ist das absurd? Oder bloß kaufmännisch richtig gedacht?“ Doch ist so eine Pandemie nur eine Wiederkehr des ewig Gleichen?

Einen interessanten Blick zurück zu den Anfängen von Traumfabrik und Starsystem, wirft Hanns-Georg Rodek, der in der Welt erläutert, warum Hollywood seine Weltherrschaft einem Virus verdankt. Ohne die spanische Grippe hätte der Aufstieg der großen Studios länger gedauert oder gar nicht stattgefunden. Rodek erzählt die Geschichte von Adolph Zukor, einem ungarischen Immigranten, der nach dem Ersten Weltkrieg in den USA das erfand, was man heute “vertikale Integration” nennt: “Filme produzieren, vertreiben, zeigen - alles aus einer Hand.” Die Geburtsstunde der Mega-Filmstudios. Möglich war das übrigens, weil Hunderte Kinos in den USA wegen der Pandemie in finanzielle Nöte geraten waren. Interessant: Unter Covid-19 könnte sich das so ähnlich wiederholen, denn US-Präsident Trump hat angekündigt das Gesetz aufzuheben, das das Oligopol der mächtigen Studios dann wieder brach.

 

Rücksicht und Weitsicht

Der Tod von George Floyd Ende Mai hat weltweit Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus ausgelöst. Neu ist beides an sich nicht, und so gibt es auch eine ganze Reihe an Serien, die beides bereits zum Thema hatten und jetzt wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Da ist etwa When They See Us über die rassistische Vorverurteilung oder Show Me a Hero über rassistische Proteste gegen Desegregation. Die 2016 neu verfilmte Serie Roots, ursprünglich aus den 1970ern, erzählt eine fiktive afroamerikanische Familiengeschichte über mehrere Generationen, die sich von der Sklaverei bis in die jüngere Zeit immer wieder mit der realen Historie kreuzt. All das beschäftigt sich mit der Vergangenheit. Die Zukunft gewissermaßen vorhergesehen, wenn auch nur um neun Monate, hat aber ausgerechnet eine Serie, die auf einem Comic basiert, beobachtet Meghan O'Keefe für Decider:

A little Black boy watching cops murder his parents and looters burn down his neighborhood. People walking the streets in mask so they can stay safe while keeping other people safe. A political divide so stark, it stretches like a scar across the country. Systemic racism infiltrating the police force, political leadership, and potentially the highest office of the land. This might all sound like a portrait of life in 2020, but it’s actually all from 2019’s hit HBO miniseries Watchmen.

Die Hintergrundgeschichte der Serie markiert ein reales Ereignis, das Tulsa Race Massacre, als Ausgangspunkt für die Handlung. Trump hat nun kürzlich ausgerechnet diesen symbolischen Ort für den Neustart seiner Wiederwahlkampagne gewählt hat.

 

Schluss mit cute

Die “good cops” haben’s derzeit schwer. Auch im Fernsehen. Egal ob sie, wie in der schnuckeligen Kindercartoon-Serie Paw Patrol, auf vier Pfoten daherkommen oder im amerikanischen Crime-Klassiker Law & Order für Recht und Ordnung sorgen. Das Bild des guten Polizisten ist out – und vor allem nicht realistisch. Jordan Calhoun, Autor für The Atlantic, hat es endgültig satt und rechnet mit einer seiner Lieblingsserien und seiner Faszination für Krimiserien ab:

Growing up, I wanted to work in law enforcement. Actually, what I wanted was based on a television franchise I began watching as a teenager: Law & Order. Dick Wolf’s world of procedural crime dramas, the good guys working via the legal system to catch the bad, mesmerized me throughout high school and into college.

Jahrzehntelang haben naive Mainstream-Crime-Serien das öffentliche Bild vom “good cop” geprägt, damit soll nun Schluss sein: "Television has the opportunity to influence public opinion the way it once did via the popularization of the police drama, this time replacing cop stories with a fuller picture." Das zeigen die unzähligen Proteste, die sich gerade auf der ganzen Welt gegen Polizeigewalt formieren.

Ganz neu ist das natürlich nicht. Denn bereits Anfang der 2000er hat die wegweisende HBO-Serie The Wire das korrupte System aus Politik und Polizei hinterfragt. Baltimore wurde zum maroden Schauplatz, an dem sich abgeklärte Drogenbosse, ambitionierte Politiker und überforderte Polizisten gegeneinander ausspielen. Nach 18 Jahren fühlt sich die Sendung unheimlich aktuell an, schreibt Rae Nudson für das Paste Magazine

The Wire wasn’t a portend of what was to come, it was telling the story that has existed in America since police forces were first formed. If it feels prescient, it’s just because this particular story seems endless and repetitive.

Auch die neue Serie von David Simons Plot Against America hat einen aktuellen Beigeschmack. Sie erzählt eine alternative Geschichte, was passiert wäre, wenn sich Amerika in den 1940er Jahren für einen antisemitischen Präsidenten entschieden hätte. Wie gewaltig es ist, dass diese Serie gerade jetzt entstanden ist, untersucht Julian Ignatowitsch für den DeutschlandfunkPlot Against America ist in der Tat, wie Ignatowitsch am Ende schreibt, “ein sehenswertes geschichtspolitisches Gedankenspiel”.

 

Schluss mit Schuhcreme

Die Proteste gegen Rassismus führen nun auch dazu, dass Sender, Streamingdienste und Serienproduktionen auf rassistische Dialoge und Szenen abklopfen. So hat die BBC eine Episode von Fawlty Towers aus dem Streaming-Programm genommen. Bei 30 Rock hat sich Autorin Tina Fey dafür eingesetzt, dass vier Folgen nicht mehr gezeigt werden, da sie Blackfacing enthalten, also Weiße, die sich dunkel bemalen, um Schwarze zu veräppeln. Weitere Beispiele wären Little Britain, Scrubs, The Office, Golden Girls oder Community.

Die Haltung von Initiativen Schwarzer Menschen weltweit ist an sich sehr deutlich: Blackfacing ist eine rassistische Praxis, die einfach nicht geht. Trotzdem gibt es Kritik am Vorgehen der Sender und Produzenten. Alyssa Rosenberg hält das für die Washington Post am Beispiel 30 Rock fest:

Attempting to retroactively neaten up the cultural record may be convenient for corporations looking to avoid a bad news cycle, and for artists looking to preserve their reputations. But it does nothing to change the balance of power in an overwhelmingly white industry, or to reckon with Hollywood’s distant, and recent, past.

Es sage nämlich etwas über Fey und das gesamte Business aus, dass es überhaupt einmal als normal angesehen wurde, solche Szenen zu machen. Mark Harris bei Vulture sieht es am Beispiel Gone With the Wind ähnlich. Die peinlich berührten Reaktionen lenkten wieder von den aktuellen Problemen ab: "rewriting the past is not how you write a better future [...]."

Auffällig ist, dass es sich bei den betreffenden Serien fast ausschließlich um Comedyserien handelt. Dabei nutzen die Blackfacing sicher nicht exklusiv, auch bei Mad Men gab's das zum Beispiel. Vielleicht liegt es daran, dass die Gesellschaft solche Entgleisungen eher übel nimmt, wenn sie einem erkennbar komischen Zweck dienen. Und Komik kann, auch wenn der Witz auf Kosten der Blackfacer und Rassisten geht (wie eben bei 30 Rock, Fawlty Towers oder Community), genauso rassistische Muster verbreiten. 

 

Schaubar

Unsere persönlichen Favoriten des Serienbrief-Teams derzeit.

Anna: Little Fires Everywhere - das Familiendrama der Stunde, legt pointiert und fast brutal offen, wie schmal der Grat zwischen ernst gemeintem Hilfsangebot, unreflektiertem Rassismus und intersektioneller Diskriminierung sein kann. 

Benedikt: Der tägliche Trump-Irrsinn schreitet so rasant voran, dass man im Juli schon fast wieder vergessen hat, dass der US-Präsident im April den Leuten riet, sich Desinfektionsmittel zu spritzen. The Good Fight ist die perfekte Medizin, um daran nicht zu verzweifeln. Oder zumindest, um mit den kämpferischen AnwältInnen in der Serie gemeinsam zu verzweifeln. Die stemmen sich dem nun in der vierten Staffel gegen den Wahnsinn - und stellen diesmal gleich zu Beginn die Frage, ob anders denn unbedingt alles besser wäre.

Bernhard: Manchmal ist es auch mal gut mit schwerer Serienkost, mit Homeland oder Better Call Saul, mit allem Pandemie/Rassismus/Polizeigewalt-Relevantem, mit allem Schauen, weil eine Serie ein wichtiges Thema behandelt oder weil’s die anderen schauen. Manchmal schaut man zur Abwechslung auch einfach mal nur für sich. Und dann schaut man Adventure Time, eine Trickfilmserie mit 10-minütigen Folgen, die einen immer abholt, egal ob man Kind, Erwachsener, Nerd, Gamer, gut drauf, traurig oder Philosophieprofessorin ist. 

Julia: Um Fakten geht es hier nicht. Und das ist in diesem Fall auch mal gut so. Die Starz-Serie The Great schert sich wenig darum, was sich am russischen Hof tatsächlich abgespielt hat. Vielmehr feiert sie – ganz im Stile von Yorgos Lanthimos’ The Favorit – den Exzess und die hübschen Bilder. Oder wie Kathleen Hildebrand es in der Süddeutschen Zeitung auf den Punkt eine “junge Zarin als Mischung aus Lisa Simpson, einer Highschool-Promqueen und Jane Austens Emma”.

 

Die nächste Ausgabe des Serienbriefs erscheint überraschend. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter:

 

            

 

Herzliche Grüße

Benedikt Frank, Julia Weigl, Bernhard Hiergeist und Anna Steinbauer

Serienbrief
Benedikt Frank; Großvenedigerstr. 35A; 81671 München
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