Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

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Liebe Serienbrief-Freunde,

Der Sommer war sehr groß. Dank zunehmender Dunkelheit ist es nun aber endlich wieder sozial akzeptiert, melancholisch zu sein. Beim unvermeidlichen Regenwetter kann man schon auch mal ein paar Serien-Staffeln wegbingen. Da fangen wir doch gleich mal mit einem Downer an.

Time to say goodbye

Danielle Turchiano fällt auf, dass Serien nach dem Erfolg von This is Us einen Hang zur Trauerarbeit haben. In Sorry For Your Loss, Kidding und A Million Little Things geht es um Tod und Verlust. Für Variety fragt die Autorin bei den Machern nach, wie sie mit den Themen umgehen. Die Erklärung dafür, warum solche Serien heute so beliebt sein könnten, ist für Kidding-Autor Dave Holstein nicht nur ein allgemeines emotionales Grundbedürfnis, sondern auch mit Blick auf die aktuelle politische Lage zu verstehen:

“Let’s not beat around it, I think having Trump in the White House has made television a place for liars,” Holstein says. “I think there’s a climate right now for optimism; there’s a climate for wanting to feel real emotions; there’s a desire for honesty — where there used to be a desire for antiheroes and cynicism and drug dealing and hooker killing. I think that where we are in the world today, it is already that bad for some people that I think there’s a demand to just feel good — or just feel something.” 

Abenteuerland

Lustiger geht es in der Cartoon-Serie Adventure Time zu, deren letzte Folge nun nach zehn Staffeln und 280 Episoden lief. Eigentlich ist die Serie für sechs- bis elfjährige Kinder gedacht. Trotzdem sind viele erwachsene Serienredakteure begeistert von den Geschichten aus dem höchst seltsamen Königreich Ooo, mit dem jungen Abenteurer Finn, seinem magischen Hund Jake und jeder Menge Prinzessinnen und Bösewichten (wir auch). Guardian-Autor Stuart Hertiage wundert sich auch ein bisschen, dass er über das Ende einer Kindersendung so traurig ist.

When it debuted back in 2010, Adventure Time might have felt like another zany brain-rotter for kids to slowly grow obese to; there was a boy and a dog and a magical land and it was all very twee, like something Zooey Deschanel might dream up after over-indulging at an ironic vintage fondue revival night.

As the episodes rolled on, though, the show slowly built the confidence to show its true colours. Dark isn’t the word – dark can never be the word for a programme that created a character called Lumpy Space Princess – but Adventure Time’s increasing determination to reflect emotional truth wherever it was found certainly made it more mature than the normal fare. 

Wer das bisher verpasst hat, dem empfiehlt die New York Times die zehn besten Folgen. Sehr ausführlich würdigt Maria Bustillos auf Popula die Serie.

 

The Sound of Music

Können Sie sich noch erinnern, als Sie in den Neunzigern Soundtrack-Compilations auf CD gekauft haben? Nein?! Wir schon. Deshalb finden wir auch, dass grundsätzlich viel zu wenig über Musik in Filmen und Serien berichtet wird, Interviews mit den Musikverantwortlichen gibt es gleich noch seltener. Deshalb ist es umso schöner, dass Variety’s Shirley Halperin mit Maggie Phillips sprach, die für die eindringliche Musik bei The Handmaid’s Tale verantwortlich ist. Zumal der Soundtrack der Serie wirklich großartig ist, nicht nur wegen der Popsongs im Abspann, die eine Episode noch einmal in einem neuen Licht erscheinen lassen können. Im Interview spricht Phillips nun auch über das Geschäft, das offenbar kein einfaches ist. So antwortet sie auf die Frage nach dem Gehalt: "It’s off by a lot and really not fair pay. If people broke it down to an hourly pay, it would be below minimum wage."

Wer nun trotzdem Lust auf Serienmusik bekommen hat: Beim Guardian kann man lesen, warum der Soundtrack von Big Little Lies eine Geheimwaffe ist. Billboard listet die zehn wichtige Momente aus der Serie, die von zehn wichtigen Songs begleitet werden. 

Milchmädchenreport

Wenn es nach Film und Fernsehen ginge, wäre Journalismus ein ziemlich einfacher Job. Zumindest für junge attraktive Frauen, beobachtet Sophie Gilbert für The Atlantic:

For some reason, and despite all assurances from reporters to the contrary, Hollywood is stuck on the idea that female journalists are having sexual relationships with their bosses, their sources, or both.

So schläft etwa Zoe Barnes in House of Cards mit dem Politiker Frank Underwood, um an exklusive Geschichten zu kommen, oder Camille Preaker landet in Sharp Objects mit ihren Informanten im Bett. Beides sind tolle Serien, aber dieser Aspekt der Frauenrollen ist zu einem Stereotyp geworden, der mit realer journalistischer Arbeit herzlich wenig zu tun hat. Sex ist einfach keine besonders gute Recherchemethode, trotzdem hält die Idee sich bei Serienautoren hartnäckig. Sie ist eng mit dem sexistischen Ressentiment verbunden, dass Frauen nicht durch gute Arbeit erfolgreich sind, sondern sich hochgeschlafen haben müssen.

Männliche Journalistenfiguren brauchen sich jedenfalls nicht ständig auszuziehen. Sie kommen deswegen aber auch nicht unbedingt gut weg. Jan Freitag glaubt, dass das auch daran liegt, dass normaler Journalismus schlicht und einfach zu langweilig für die Fiktion ist. Für DWDL hat er ein paar typische Darstellungen gesammelt, von Kent Brockman aus den Simpsons bis Sex and the City's Carrie Bradshaw.

Heimvorteil

Die EU-Kommission möchte Streamingdienste wie Netflix und Amazon zwingen, mehr in lokale Produktionen zu investieren, hat Nick Vivarelli von Variety erfahren. Zukünftig sollen mindestens 30 Prozent der Kataloge aus europäischen Filme und Serien bestehen. Ob das nun Eigenproduktionen sind, Zukäufe oder dadurch ein Beitrag zur nationalen Filmförderung geleistet wird, wie es in Deutschland bereits geschieht, bleibt den Ländern überlassen. Im Dezember soll darüber abgestimmt werden, dann hätten die EU-Länder 20 Monate Zeit, die Regelung umzusetzen. Netflix soll die Quote ohnehin schon fast erfüllen.

Schaubar

Im Grunde passiert nicht viel in der Serie von Thomas Pynchon, Lodge 49, die es hierzulande bei Amazon Prime zu sehen gibt. Der Slacker Dud schließt sich einer Geheimloge an, eine Art Freimaurer für Loser. Dort hat man vor seinem Aufkreuzen nicht viel gemacht, außer Bier zu trinken. Nun geschehen allerdings auf einmal wundersame Dinge. FAZ-Autor Oliver Jungen ist hin und weg von der Serie: "Sie ist so gut geschrieben, gespielt und inszeniert, dass selbst eigentlich flapsige Einfälle – Duds ganzer Besitz scheint eine riesige Packung Klopapier zu sein, die er von Schlafplatz zu Schlafplatz schleppt – wie amüsante Marotten erscheinen."

In der zehnteiligen Miniserie Maniac, ab 21. September bei Netflix, treffen sich zwei ohnehin schon psychisch etwas schwierige Personen (gespielt von Emma Stone und Jonah Hill), beim Arzneimitteltest. Das Ergebnis ist reichlich surreal.

Deutschland wird ungewohnt düster und komisch zugleich – und das gefällt: In Arthurs Gesetz spielt Jan Josef Liefers einen Typen, der für seine Frau alles tut. Er sägt sich sogar die Hand ab, weil seine Martha, gespielt von Martina Gedeck, so die Versicherung bescheißen möchte, um endlich nicht mehr chronisch pleite zu sein. Mal sehen, was sich die beiden weiter so einfallen lassen. Zu sehen gibt’s “Arthurs Gesetz” beim Streamingangebot der Telekom, bald vielleicht auch im Fernsehen. Denn den Sendern gefällt, was sich Hauptautor Benjamin Gutsche einfallen lassen hat.

Die zweite Staffel von HBOs The Deuce springt direkt in das Jahr 1978. Und was erwartet in diesem Jahr die verruchten Protagonisten Vincent (James Franco) und Candy (Maggie Gyllenhaal)? Natürlich Punk, Disco und der unaufhaltsame Aufstieg der Pornoindustrie. Ab 10. September gibt es die Serie by Sky zu sehen. Weniger anrüchig geht es bei Atypical zu, dessen zweite Staffel nun bei Netflix läuft. Darin kämpft der ungewöhnliche Außenseiter Sam weiter gegen die Hindernisse seines Teenagerlebens.

 

Der nächste Serienbrief erscheint am 6. Oktober. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.

 

Mit herzlichen Grüßen

 

Benedikt Frank und Julia Weigl

Serienbrief
Benedikt Frank; Großvenedigerstr. 35A; 81671 München
 
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