Der Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

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Liebe Serienbrief-Freunde,

willkommen zurück zu Staffel drei des Serienbriefs. Der freie Monat hat uns gut getan, wir hatten Zeit, etwas über diesen Newsletter nachzudenken. Es wird ein paar Veränderungen geben. Der Serienbrief erscheint seit zwei Jahren monatlich und es liegt uns sehr am Herzen, ihn ordentlich und einigermaßen pünktlich zu verschicken. Der Aufwand ist dabei mit der Zeit eher gewachsen, während wir selbst immer mehr mit anderen Dingen beschäftigt sind. Wir können den Serienbrief derzeit nicht ohne Ablenkung durch bezahlte Arbeit produzieren. In den kommenden Monaten ist absehbar, dass wir uns diesem Newsletter nicht so gründlich und regelmäßig widmen können werden. Daher wird der Serienbrief in dieser Staffel nicht mehr immer zum ersten Wochenende des Monats erscheinen, sondern seltener, alle zwei bis drei Monate. Da das mit dem monatlichen Abo-Modell von Steady nicht mehr zusammenpasst, bitten wir unsere bestehenden AbonnentInnen, selbst zu kündigen, bzw. wir warten auf eine Antwort des Steady-Supports, wie das von unserer Seite aus geschehen kann. Wer sich über unsere Website für den Serienbrief registriert hat, wird ihn auch weiter erhalten. Wir danken für Ihr Interesse. Empfehlen Sie uns auch weiterhin gerne weiter.

M-m-m-my Corona!

Heute schon Hände gewaschen, Laptop, Tablet und Smartphone desinfiziert? Das Coronavirus wirkt sich jedenfalls auch auf die Unterhaltungsindustrie aus. Filmpremieren werden verschoben, Serienproduktionen zeitweise eingestellt und die großen Branchentreffpunkte und -märkte sowie Festivals fallen aus. Hintergründe gibt es zweimal bei Variety.

Für die Streaming-Anbieter könnte es aber dennoch lukrativ sein, wenn sich die Leute massenhaft in Selbstquarantäne begeben und etwas zu tun brauchen. Sie und andere Online-Dienstleister haben auch die Bedingungen geschaffen, dass eine Quarantäne so angenehm ist wie noch nie. “You already live in quarantine”, meint Ian Bogost im Atlantic:

It’s too much. No wonder people are lying about what they watch. I do. I do it all the time. Not in print, of course, but socially. “Isn’t The Good Fight amazing?” a friend will ask me. What choice do I have? Of course The Good Fight is amazing. I know it’s amazing because people won’t shut up about how amazing it is.

Ganz ohne Risiko ist es aber nicht, sich dauerhaft zuhause einzusperren, merkt Bogost an. Zum einen werden Gefahren dann eben auf andere ausgelagert, etwa auf die Lieferdienste. Auch verschiebt es das Machtverhältnis für BüroarbeiterInnen: Wen das Management nicht mehr als präsent wahrnimmt, von dem trennt es sich vielleicht einfacher.

Der Serienbrief-Tipp zur Corona-Krise: Wer sich Sorgen macht, sollte jetzt nicht unbedingt The Hot Zone über einen Ebola-Ausbruch in New York Ende der 1980er schauen.

 

Copy and paste

Wenn man es sich nun in der häuslichen Isolation bequem gemacht hat und durch Netflix, Amazon Video, Sky Ticket und Joyn scrollt, wird man eventuell merken: Da sind ganz schön viele Remakes dabei. Wir können zwar alle Serien der Welt untertitelt schauen, trotzdem adaptierten die Sender sie mit deutschen SchauspielerInnen. Warum eigentlich? Das hat sich Kathrin Hollmer für die Süddeutsche gefragt. Es gibt viele Gründe. Kopieren ist billiger und weniger riskant als Stoffe neu zu entwickeln, gleichzeitig kann man aber kulturelle Eigenheiten der eigenen Zielgruppe anpassen. Anders gesagt: Deutsche Fernsehmacher trauen ihrem Publikum nicht zu, dass es sich auf etwas andere Darstellungen des Alltags und auf Fernsehgewohnheiten anderer Länder einlassen kann. Und Zuschauerquoten geben ihnen da sogar Recht:

Sat.1 dreht im Moment eine Adaption der britischen Serie Liar. Das Original hatte vor zwei Jahren auf Vox schlechte Quoten. Sender beobachten, dass Zuschauer Produktionen aus Deutschland gegenüber synchronisierten Originalen bevorzugen. 

Die Sat.1-Adaption von De Luizenmoeder, Die Läusemutter, hat die eine Hälfte des Serienbriefs zum Anlass genommen, um in der Süddeutschen über den Wandel der Bilder von Schule und LehrerInnen zu schreiben.

 

Die Qual der Wahl

Lang waren sie die ungesehenen Genies der Branche. Während RegisseurInnen, ProduzentInnen und SchauspielerInnen verehrt und geehrt wurden, blieben die AutorInnen unbekannt und vor allem unterbezahlt. Das änderte sich mit dem Erfolg von TV-Serien und der Einführung von amerikanischen Writers Rooms. Mit mehr Verantwortung, kam nicht nur mehr Sichtbarkeit und Gestaltungsmöglichkeit, sondern auch mehr Druck. Der wurde in den letzten Jahren vor allem durch die Streamingdienste befeuert, die mit ihrer Flexibilität und Unberechenbarkeit den AutorInnen das Leben schwer machen. Vielleicht wäre die Schattenposition am Ende doch die bequemere gewesen. 

Rachel Adams analysiert die verflixte Situation der DrehbuchautorInnen für die New York Times:

The rise of streaming has fattened the wallets of superstar writer-producers like Shonda Rhimes and Ryan Murphy, while also giving chances to unproven writers. But the medium’s shorter seasons and unpredictable cadences have made it harder for writers in Hollywood’s middle class to plot out a year’s work in a way that doesn’t leave them nervous when mortgage payments are due.

Realitätsflucht

Ein nostalgischer Blick auf die Vergangenheit ist nicht neu. Dennoch ist es erstaunlich, dass sich sämtliche Teenie-Serien gerade in ein von der heutigen Welt abgeschottetes Retrohinterland verziehen. Vermeintliche Kleinstadtidyllen, gruselige Wälder, Kids auf klaprigen Fahrrädern treten den Kampf an gegen die hormongesteuerten Konflikte, die Teenager eben so durchmachen. Gerade beim Streamingdienst Netflix haben diese Stoffe gerade Hochkonjunktur.

To watch a lot of shows about teenagers on Netflix these days is to experience a world about as aesthetically and topically removed from modern teenagedom as possible. There’s no YouTube, no influencers, no political advocacy or climate-change awareness. Technology is sparse.

Die Serien orientieren sich allerdings nicht nur an der Vergangenheit, sondern auch an Klassikern der Filmgeschichte, argumentiert Sophie Gilbert für den amerikanischen Atlantic. Warum das so spannend ist, können Sie hier weiterlesen:

If you were a postmodernist, you might call this trend pastiche. Starting with Stranger Things in 2016, then cycling through The End of the F***ing World, Chilling Adventures of Sabrina, Sex Education, and now I Am Not Okay, some of the most distinctive original series of the past few years—all on Netflix—have occupied a strange stylistic space, mashing up old classics into shows about teenagers who aren’t old enough to have experienced the originals.

Drag against Trump

In der neuen Staffel von RuPaul’s Drag Race geht es um alles andere als Realitätsflucht. In poppigen Glitzerwelt wird’s nun offensichtlich politisch. Es ist schließlich Wahlkampfjahr in Amerika. Und Donald Trump könnte potenziell erneut zum Präsidenten gewählt werden. Da möchte auch die queere Community mitreden und tun, was sie kann, um sich für ihre eigenen Rechte und die benachteiligter Minderheiten einzusetzen. So ist etwa die Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez als Jurorin dabei, aber auch die gegeneinander konkurrierenden Queens nutzen ihre Fernsehauftritte als politische Plattform.

Wie eng verknüpft Politik und TV heute sind, beschreibt Lizzie Widdicombe im New Yorker:

It’s a truism that, with Donald Trump as President, the American political scene has morphed into a sickeningly high-stakes reality-TV show. The ravings of Fox News hosts can send U.S. troops to the border. Prisoners pin their hopes for clemency on the benevolence of Kim Kardashian.

Sonstiges

Variety liefert die Zahl zur gefühlten Überforderung: 2019 sollen weltweit über 10.600 neue Serien gestartet sein, 4.600 davon fiktional. So steht es im “New on the Air”-Report der TV-Forschungsfirma Glance. Die größte Nachfrage gebe es bei Stoffen, die auf realen Ereignissen beruhen, und bei mit übernatürlichen Themen, also Fantasy und Horror.

In den letzten Monaten endeten zwei sehr tolle Serien, The Good Place und Bojack Horseman. In der New York Times und bei Variety werden sie zusammen besprochen, denn sie stellen beide auf jeweils sehr unterschiedliche Art die gleiche moralische Frage: Wie kann man das Richtige tun?

 

Schaubar

 

Passend zu den fallenden Aktienkursen ist die zweite Staffel der sehr guten deutschen Serie Bad Banks gestartet. Diesmal geht es in die Fintech-Szene. Zu finden ist die Serie in der ZDF-Mediathek.

Auch David Simon, der Mann hinter The Wire und The Deuce, lässt es sich nicht nehmen, in diesem Jahr politisch zu werden. Mit der Verfilmung von The Plot Against America, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Philip Roth, geht es um eine alternative Geschichte Amerikas, als ein xenophober, populistischer Präsident das Land langsam aber sicher in den Faschismus führt. Ab 17. März gibt es die Originalversion bei HBO bzw. Sky zu sehen.

Pünktlich zum Start der 5. Staffel von Better Call Saul wird es im April auch die Free-TV-Premiere der US-Serie im deutschen Fernsehen geben. Zeit wird’s, denn der ungewöhnliche Drogenanwalt Saul Goodman hat bereits so manches Hindernis überwunden, da gilt es dranzubleiben. Wer das Spektakel noch nicht verfolgt hat, kann dies ab 17. April im ZDF nachholen.

Die Netflix-Miniserie Unorthodox handelt von einer Frau, die von ihrem strengen ultraorthodox jüdischen Umfeld davonläuft. Sie basiert auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Deborah Feldman, einem Bestseller in den USA. Könnte gut werden. Vier Folgen ab 26. März.

 

Die nächste Ausgabe des Serienbriefs erscheint überraschend. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter:

 

            

 

Herzliche Grüße

Benedikt Frank und Julia Weigl

Serienbrief
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