Der Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

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Liebe Serienbrief-Freunde,

es weihnachtet sehr und weil gleich danach heuer nicht nur ein Jahreswechsel ansteht, sondern auf ein ganzes Jahrzehnt zurück geblickt werden muss, erfreuen uns die Redaktionen dieses Jahr mit noch mehr Bestenlisten als sonst. Es bietet sich also an, dem üblichen Feiertagswahnsinn durch ein Studium des letzten Serienjahrzehnts zu entfliehen. Wir bleiben das Medium der rasenden Entschleunigung und halten uns kurz.

Frau TV

Immer wieder beschäftigen wir uns im Serienbrief mit Themen und Personengruppen, die in der Vergangenheit unterrepräsentiert und gar falsch repräsentiert wurden. Maya Salam hat sich für die New York Times mit der Abbildung beziehungsweise der Geschichte von lesbischen Figuren in Serien beschäftigt. Von den Golden Girls in den Achtzigern bis hin zu Ellen und The L World, deren neue Staffel nun zu sehen ist. 

For the next couple of decades, the number of lesbian, gay and bisexual characters on scripted television ticked slowly upward, very slowly. The number of lesbians and bisexual women, specifically, rose more slowly still, surging only in the past several years [...] But a lot of significant sexual and romantic TV moments between women happened along the way, some of them blatant ratings ploys, others more nuanced and complex.

Der Ton macht die Musik

Viele Serien spielen heutzutage in mindestens sehr ernsten, wenn nicht sogar depressiv dystopischen Szenarien, die im Grunde keinen Spaß erlauben. Wie schaffen es ihre Autor*innen trotzdem, eine gewisse Leichtigkeit unterzubringen und dem Publikum etwas Eskapismus zu erlauben? Das fragt Danielle Turchiano für Variety und befragt dazu unter anderem die Showrunner hinter den beiden großartigen Serien Watchmen und The Handmaid’s Tale, wie sie es schaffen, die Balance zu halten. Nicht immer reagiert das Publikum, wie die Leute im Writer’s Room es sich vorstellen:

As all of these series go on, there are lessons to be learned from the early reactions of the audience. While a show’s tone is set from the start, the flexibility of leaning into or away from comic relief in traumatic or otherwise triggering moments is essential to provide a true collaboration between those working on the show, as well as those watching.

Schwimm mit dem Stream

“The streaming era has finally arrived” titelt die New York Times und natürlich fragt man sich da als treue Serienbrieffreundïn: Warum jetzt erst? Brooks Barnes hat die letzten Jahre aber nicht unter einem Stein verbracht, sondern hat vielmehr mit Leuten über die radikalen Veränderungen in Hollywood geredet, die derzeit stattfinden:

“I get asked all the time, ‘Where does this stop? When does it stop?’” said Brett Sappington, a senior Parks Associates analyst and researcher. “The truth is that it is only getting started.”

Wenn nun auch die ganzen großen US-Studios Netflix und Amazon nacheifern, ist sicher noch einmal eine andere Qualität erreicht. Und tatsächlich gibt es noch sehenswerte Serienjuwelen, die bisher bei keinem Streamingdienst zu finden sind, hat die New York Times recherchiert.

Über ein weiteres Indiz dafür, dass Streaming noch eher am Anfang steht, berichtet auch Michael Schneider für Variety. Streamingdienste sind noch nicht so reguliert wie klassisches Fernsehen:

In the direct-to-consumer programming world, there’s no regulatory reason, and usually no advertiser pressure, to distinguish between what might be deemed “appropriate” fare and what might be considered exploitive or unduly offensive.

Es gibt teils gar keine Abteilungen, die sich um die Einhaltung irgendwelcher moralisch-ideologischer Standards kümmern. Das macht auch den Reiz des Programms aus – es wirkt radikal, denn es gibt Dinge zu sehen, die man sonst nicht sieht: Nackte, Gewalt, allerlei Seltsamkeiten. Auch für die Künstler*innen ist das eine tolle Sache. Aber zu früh gefreut: Geld verdienen wollen die Studios immer noch und zwar auf einem globalisierten Markt. Sie müssen sich nun also auf nationale Systeme einstellen, etwa beim Jugendschutz, und sich außerdem mit der finanziellen Entscheidung auseinandersetzen, ob man den eigenen Dienst in China oder Saudi Arabien anbieten will. Das kann wegen der dortigen Zensur auch schnell zu einem anderen Umgang mit den Inhalten führen.

 

Das Beste zum Schluss

Wie gut, dass es mit dem Streamingzeitalter angeblich erst jetzt richtig losgeht. So bleibt noch Zeit, das bisherige Seriengeschehen einigermaßen zu verdauen. Zum Wechsel von den 10er-Jahren in die 20er wird jedenfalls fleißig am Kanon der besten Serien des Jahrzehnts gebaut:

Serien des Jahrzehnts

Im nun endenden Jahrzehnt hat sich in der Serienlandschaft natürlich einiges getan. Streamingdienste sind auf allen Seiten aufgeploppt, das lineare Fernsehen musste sich verändern und gar experimentieren – auch hierzulande, was in diesen Listen natürlich keine Rolle spielen wird (da wären nur Erfolgsserien wie Deutschland 83, 4 Blocks, Dark oder Hindafing zu nennen). Eine Auswahl mit einigen Überraschungen (etwa Better Things <3!) und erwartbaren Allerweltslieblingen (Game of Thrones, BoJack Horseman, Fleabag, Atlanta) gibt es bei Indiewire, Hollywood Reporter, Time und dem Rolling Stone Magazine.

Serien des Jahres

Ein bisschen einfacher wird es, wenn man sich nur das letzte Jahr anschaut. Da sind sich dann auch Guardian und New Yorker einig: Die britische Serie Fleabag darf nirgends fehlen und Taika Waititi‘s neue Serienadaption seiner Vampir-Mockumentary What We Do in The Shadows taucht bereits auf, die man hoffentlich bald auch in Deutschland zu sehen bekommt. Die New York Times hat sich dagegen die besten Performances von 2019 angesehen, auch ein netter Zugang zum letzten Serienjahrgang.

 

Schaubar

Alois Zischl ist zurück. Zwar hat er seinen Crystal-Meth-Konsum in der zweiten Staffel von Hindafing zurückgefahren – die Frau ist ja schließlich schwanger und die Landespolitik anspruchsvoller. Trotzdem stolpert er auch hier von einer Katastrophe zur nächsten. Es lohnt sich, in der BR-Mediathek dem Zischl auf den Spuren zu bleiben.

Manchmal passiert es dann doch noch ganz im Stillen: Dann gibt es plötzlich eine der besten Serien der Dekade auch in Deutschland zu sehen (und zwar seit rund einem Jahr, ohne dass es wirklich auffällt). Deshalb: Wer es noch nicht getan hat. Die düsterkomische, melancholische Dramedy Better Things von der großartigen Pamela Adlon über die das knifflige Leben einer alleinerziehenden Mutter in Hollywood kann nun bei Magenta TV gestreamt werden.

In The Movies that Made Us, zu sehen bei Netflix, forscht ein ulkiger Kommentator nach, was es mit den größten Filmerfolgen der letzten Jahrzehnte so auf sich hat. Was waren die Schwierigkeiten beim Dreh? Und vor allem: Hatte irgendjemand mit einem Erfolg gerechnet? So befragt er Dirty Dancing, Ghostbusters oder den X-Mas-Movie schlechthin: Kevin – Allein zu Haus.

Und sonst so? Die deutsche Serie Der Pass, ursprünglich bei Sky erschienen, ist der Jahreszeit angemessen schön verschneit und läuft jetzt auch beim ZDF und in der Mediathek. Und der Nikolaus hat die dritte Staffel von The Marvelous Mrs. Maisel den braven Amazon-Kindern in die Stiefel gesteckt.

Das Staffelfinale des Serienbriefs erscheint am 4. Januar. Unterstützen Sie uns bei Steady und empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter:

 

            

 

Herzliche Grüße

Benedikt Frank und Julia Weigl

Serienbrief
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