Der Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

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Liebe Serienbrief-Freunde,

seit nun fünf Jahren herrscht im November Zeltlagerstimmung. Das Münchner Seriencamp Festival präsentiert zum 5. Jubiläum erneut ein spannendes Branchenprogramm und zahlreiche Serienpremieren und Previews. Einen Programmüberblick gibt’s bei DWDL. Natürlich sind auch wir wieder beim Seriencamp vertreten. Benedikt Frank durfte als Teil der Jury mitbestimmen, wer den Hauptpreis verdient hat, während Julia Weigl bei der Seriencamp Conference mit der US-amerikanischen Produzentin Angela Treviño über die digitale Revolution und innovatives Storytelling sprach.

Fernseh-Chat

Vertikales Geschichtenerzählen ist kein neues Thema mehr, spätestens seit Netzgiganten wie Facebook, Instagram und Snapchat eigene kreative und fiktionale Inhalte im Hochformat anbieten. Im Gespräch mit der Produzentin Angela Treviño bei der Seriencamp Conference ging es unter anderem um neue Versuche, unser Konsum- und Kommunikationsverhalten auch visuell abzubilden. Txt Stories ist da ein hübsches Beispiel. Diese Social-Serie läuft auf Facebook, die Episoden sind lediglich rund drei Minuten lang und zu sehen gibt’s Handybildschirme, auf denen Geschichten durch Chatverläufe erzählt werden. Nachahmung ist hier das richtige Stichwort, für Jugendliche heutzutage Alltag, den sie auch gerne im fiktionalen Bereich weiter zelebrieren möchten. Das legen zumindest die Klickzahlen dieser Videos nahe.

Wie die Sozialen Medien – etwa TikTok – unsere Sehgewohnheiten lenken und umdenken, damit hat sich die New York Times beschäftigt und gefragt: Was bedeutet Fernsehen für die Jugendlichen von heute und wer sind ihre Netz-Idole? Dass Interaktion dabei eine große Rolle spielen kann, zeigt ein kürzliches Experiment der Dating-App Tinder, die eine eigene interaktive Serie gestartet hat. Jürgen Schmieder hat sich diese für die Süddeutsche Zeitung angeguckt. 

 

Entmarginalisiert

Wir haben bereits im letzten Jahr über den Perspektivwechsel berichtet, den die Serie Pose einläutet, die von der Voguing-Szene im New York der Achtzigerjahre handelt. Seit der ersten Staffel sind darin mehrere Trans-Schauspieler*innen vertreten und im weiteren Team arbeiten rund 140 Mitarbeiter*innen aus der LGBTQ-Community. Der Kopf, der hinter diesem Perspektivwechsel steht, ist einer der vielleicht mächtigsten Männer Hollywoods: Ryan Murphy. Mit Serien wie GleeAmerican Horror Story und eben Pose schaffte er Foren für neue Themen und marginalisierte Communities: 

A self-declared “gay kid from Indiana who moved to Hollywood in 1989 with $55 in savings in my pocket”, Murphy has always been drawn to the margins. And, difficult though it may be to recall, there once was a time when – rather than the man who, last February, signed a whopping $300m deal with Netflix– he was “somebody who couldn’t sell a script and was being told that everything I did was too gay or too out-there”. The feedback did not cause him to deviate from his vision. “I only wrote or created shows that I really wanted to watch, so they inevitably had gay characters and trans characters and minorities,” he says. “And I made them the leads instead of the sidekicks, because that is what I did in my own life.”

Beim Guardian gibt es den ganzen Text von Jane Mulkerrins zu lesen. Die zweite Staffel von Pose ist nun endlich bei Netflix zu sehen.

 

 

 

Netflix auf Speed

We’re running out of time – in der Schnelllebigkeit unserer Zeit, in der wir 24/7 erreichbar sind, ob wir es wollen oder nicht, müssen wir uns zackig entscheiden, was wir anschauen wollen oder eben nicht. Das Überangebot im Netz macht die Auswahl da nicht leichter. Wenn ein Anbieter nnun daherkommt und sich denkt: “Wie können wir es denn dem Publikum einfach ermöglichen, mehr in weniger Zeit zu gucken?” Dann macht das neugierig. Was Netflix sich hat einfallen lassen, ist allerdings simpel und nicht neu. Der Streaminganbieter testet gerade ein Handy-Feature, das es erlaubt, einige wenige Inhalte schneller abzuspielen. Eine Option, die es bei Podcasts bereits länger gibt. Doch Serien- und Filmemacher*innen sind gleich hellhörig geworden und haben sich eingeschaltet, was Netflix sich da erlaube. Nachlesen können Sie diese kuriose Idee und Debatte etwa beim Guardian und der New York Times

 

Bienen, passt auf

Beinahe wäre es an uns vorbeigegangen, dass South Park, die Skandalserie unserer Teenagerzeit, Ende September in die mittlerweile 23 Staffel startete. Dann hat sie aber zum Glück zuverlässig mit einem neuen Skandal auf sich aufmerksam machen können, und zwar (wieder) einmal mit einem Zensurskandal. Der hat auch etwas mit dem globalisierten Serienmarkt zu tun. Die Chinesische Staatsführung, die immerhin bestimmt, was ihre 1,4 Milliarden Bürger*innen sehen dürfen, hat ein Problem mit Pu, dem Bären. Der sieht nämlich dem Präsidenten Xi Jinping nicht im geringsten ähnlich, subversive Elemente sehen das allerdings anders. Willi Winkler fasst für die Süddeutsche Zeitung die Hintergründe zusammen:

Auch in der Zeichentrickserie South Park wurde nachdrücklich betont, dass Xi Jinping nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit Pu dem Bären zeigt, auch wenn die Figur Randy bei einem Aufenthalt in China ein Arbeitslager besucht und dort besagten Bären antrifft, der bei näherer Betrachtung eine überraschende Ähnlichkeit mit Xi Jinping aufweist.

Jedenfalls ist South Park nun aus China verschwunden. Die Macher schoben eine, nun ja, Entschuldigung hinterher unter anderem mit der Erklärung: “Auch wir lieben das Geld mehr als Freiheit und Demokratie.” Aus einem Bieterwettstreit um die Serie stiegen zwar Apple und Netflix zufälligerweise gerade nach diesem Zwischenfall mit China aus. Geschadet hat das den Geldbeuteln der Macher Trey Parker und Matt Stone allerdings nicht. Den Zuschlag soll nun Warners Streamingdienst HBO Max für über 500 Millionen Dollar erhalten haben. 

Ebenfalls interessant in diesem Zusammenhang ist dieser Artikel der New York Times über die Expansion von Netflix in eine “Welt der Zensur”.

 

Privatweg nur für Befugte

Die Sesamstraße wird am morgigen Sonntag 50 Jahre alt. Anfang Oktober wurde ein großer Deal mit dem Pay-Streamingdienst HBO Max öffentlich, nach dem die neue Staffel dort zuerst veröffentlicht werde. Das ist aber nicht genug, denn HBO sichert sich auch den großen Katalog. Die vielleicht berühmteste Kindersendung der Welt wird damit ein Asset in der großen Konkurrenz der Streamingdienste. Das ruft auch Kritik hervor. Denn bisher war die Sesamstraße in den USA ein Leuchtturm im finanziell relativ ausgetrockneten nichtkommerziellen Public Broadcasting Service. Der Politikwissenschaftler der Columbia University Toby Ziegler widmet dem Wandel einen lesenwerten Twitter-Thread:

Sesame Street helps fill a vital need by providing our kids with a *free*, accessible education. It teaches them letters, numbers, art, music, math, basic vocabulary and social skills using characters and situations they can relate to.

It also normalizes diversity.

Die Sesamstraße sei quasi das eine universelle Bildungsprogramm der USA, das selbst für den sehr armen Teil der Bevölkerung mit qualitativ hochwertiger Frühbildung versorgt. Sie sei nie als exklusiver Bonus für die Eltern gedacht gewesen, die sie sich leisten können. Mit dem Wechsel ins Pay-TV fürchtet er um diese Errungenschaft. Noch sollen die neuen Folgen allerdings zumindest mit Verspätung bei PBSKids zu sehen sein.

Für die Musiker*innen sei noch ein Video der New York Times zu der Frage empfohlen, wie die Sesamstraße es schafft, etwas so simples wie das ABC zu singen, immer wieder neu zu erfinden.

 

Serienapfel

An diesem Thema kommen auch wir nicht vorbei: Apple+, der neue Streamingdienst des US-amerikanischen Tech-Giganten, ist nun auch in Deutschland gestartet. Die Erwartungen waren hoch, denn das Unternehmen versprach: Stars und revolutionäre, innovative High-End-Eigenproduktionen – und vor allem enorm viel Schotter, den Apple in seine Inhalte investiert. Mal wieder eine neue Fernseh-Revolution. Mal wieder ein neuer Anbieter, der den Streaming-Krieg weiter befeuert und das Publikum vor noch mehr Auswahloptionen stellt. Da war es nur sehr erwartbar, dass alle den neuen Streamingdienst sehr genau unter die Lupe nehmen.

Die Süddeutsche Zeitung gibt etwa einen generellen Überblick, wie alles funktioniert und ob die Starbesetzte Flaggschiff-Serie The Morning Show etwas taugt, während sich die New York Times eher auf die anderen Apple-Produktionen stürzt, die doch auf zweitem Blick die interessanteren zu sein scheinen. Auch die Zeit rezensiert die ersten Inhalte. Wer sich eher einen Überblick darüber verschaffen möchte, wie Apple nun den TV-Markt im Netz verändert, der kann sich bei Variety über die immensen Geldsummen informieren, die heute in Serien gesteckt werden, oder bei Spiegel Online lesen, was die Medienwissenschaftlerin Susanne Marschall zu sagen hat. Bleiben wir gespannt, ob sich Apple auf der Streamingdienstspielwiese etablieren kann und wie sich Disneys Plattform positioniert, die in den USA bereits verfügbar ist. Es bleibt spannend, doch der große Hype bleibt erst einmal aus.

 

Schaubar

“Die beste Serie des Jahres” heißt es an Bushaltestellen, Häuserfronten, auf Bahnhofsmonitoren. Wie wild plakatiert der deutsche Privatsender Tele5 gerade seine internationale Errungenschaft des Jahres: The Handmaid’s Tale. Ganze drei Staffeln hat es gedauert, dass die Erfolgsserie nun auch im deutschen Free-TV zu sehen ist. Ob es 2019 noch “die beste Serie des Jahres” ist, ist vielleicht ein wenig utopisch. Aber sehenswert ist sie allemal. Von der ersten bis zur dritten Staffel.

Mit einer der beeindruckendsten Pilotfolgen der letzten Zeit ist Watchmen gestartet. Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Comic, bedient sich aber am Motiv der zweifelhaften Selbstjustiz von Superhelden, statt einfnach nurz nachzuerzählen. Anders als die Vorlage nimmt sie die sogenannten Tulsa Race Riots als Grundlage, den wohl größten Vorfall kollektiver rassistischer Lynchjustiz in den USA aus dem Jahr 1921.

Der nächste Serienbrief erscheint am 7. Dezember. Unterstützen Sie uns bei Steady und empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter:

 

            

 

Herzliche Grüße

Benedikt Frank und Julia Weigl

Serienbrief
Benedikt Frank; Großvenedigerstr. 35A; 81671 München
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