Der Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

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Liebe Serienbrief-Freunde,

und schon wieder ist ein Monat vorbei. Wir haben heute ein volles Programm: Es geht um die Emmys, Transparent, Fleabag, Cliffhanger, den Streaming Krieg und darum, dass es gefühlt doch etwas viel wird, wenn heute alles eine Serie sein muss. Gegen die Überforderung hilft vielleicht unsere Rubrik Schaubar. Fangen wir an.

Serienmüdigkeit

SZ-Magazin-Autor Till Raether hat genug von Serien. In der Abschiedskolumne, die so heißt, weil es darin darum geht, sich von lieb gewordenen Dingen zu verabschieden, schreibt er:

Ich sehne mich nicht nur danach, dass die Geschichten schneller wieder aufhören, damit man neue anfangen kann. [...] Ich möchte mich wieder weniger betäuben und mehr anregen lassen, ich möchte das Aufwendige und Unpraktische des Kinobesuchs, weil ich womöglich genug herrliche Wir-essen-vorm-Fernseher-Abende hatte in den letzten Jahren.

Kann man nachvollziehen, zumal viele Serien zwar grandios starten, aber ihnen nach ein paar Staffeln immer wieder die Luft ausgeht.

In der Zeit beschäftigen sich Carolin Ströbele und Elena Erdmann mit einem ähnlichen Phänomen und fragen, ob Netflix immer schlechter wird. Die Autorinnen versuchen, das einigermaßen vergleichbar zu messen, nämlich über die IMDB-Bewertungen. “Das Ergebnis: Einen generellen Abwärtstrend kann man nicht erkennen”, schreiben sie: “Aber die Zeiten der handverlesenen Serien, die euphorisch gefeiert wurden, sind vorbei.”

 

Abgehängt

Einst lebten Serien davon, von den mal ungemütlichen, mal überraschenden, mal tränenreichen Cliffhangern am Ende der jeweiligen Folge oder Staffel. Doch das hat sich seit der Binge-Watching-Era und vor allem seit Streaming-Zeiten geändert. “[...] cliffhangers are a dying art, and we only have our viewing habits to blame. There’s more television around than at any point in history, but we’ve become a captive audience”, schreibt Stuart Heritage im britischen Guardian. Cliffhanger waren im Zeitalter des klassischen linearen Fernsehens eine Sensation:

When JR was shot at the climax of the third season of Dallas, the result wasn’t just the most-watched television episode in US history, but a mystery so perplexing that even the Queen Mother mobilised for spoilers.

Wer sich noch einmal die besten Cliffhanger in Erinnerung rufen möchte, kann dies ebenfalls beim Guardian tun. Mit dabei unter anderem Breaking Bad, Emergency Room, Star Trek.

 

 

Sound of Music

Die Amazon-Serie Transparent wagte vieles. Sie spielte in einem sehr eigenwilligen jüdischen Upperclass-Milieu, veränderte die Art und Weise, wie wir über Trans-Themen nachdenken. Die Serie machte vieles richtig, und manches falsch. So ist man sich in Deutschland etwa einig, dass die Trans-Protagonistin Moura nicht hätte mit einem Cis-Mann wie Jeffrey Tambor besetzt werden sollen. Mit anderer Besetzung hätte man vielleicht auch einem Problem aus dem Weg gehen können, das letztlich zum Ende der Serie geführt hat: Tambor wurde im Zuge von #Metoo als Täter entlarvt.

Ganz ohne Ende sollte die Serie dann doch nicht verschwinden und deshalb haben sich die Macher*innen eine besondere Lösung einfallen lassen: ein abendfüllendes tragikomisches, überzeichnetes Musical-Happy-End, das nun auf Amazon zu sehen ist.

“[...] this is Transparent: a universe where a joke is never only played for laughs. What begins as hand-over-mouth hilarious ends as a howl of pain at a mother’s sacrifice until, with tears in her eyes and throat, Shelly (Judith Light, who deserves every award going) whisper-sings: “I don’t know boundaries / Never knew I should have them / So how could I know yours?” Tragicomedy, as only the greatest musicals can sing it,” findet Chitra Ramaswamy im Guardian und fährt fort: “Perhaps most subversive of all for this relentlessly boundary-pushing show, what we get is what we might least expect to emerge from so much trauma and loss. A happy ending.”

 

Preiswürdig

Gefühlt ging es in den vergangenen Wochen ausschließlich um die Emmy-Verleihung. Etwa wurde gemosert, dass sie doch gar nicht relevant wäre, nur ein irrelevantes Branchenevent. Wenn man sich allerdings den Jubel anschaut, den die BBC-Serie Fleabag einheimste, die gleich vier Emmys in den Hauptkategorien abräumte, dann wirkt es, als schaue sich die Welt doch ganz gerne die Fernseh-Award-Show an. 

Der britische Guardian – vielleicht ein wenig parteiisch, da britische Shows äußerst erfolgreich waren – spricht gleich davon, dass die Emmys endlich mal nicht alles verbockt hätten: “For decades now, we’ve been conditioned to expect the worst from the ceremony.”

Verantwortlich dafür ist vor allem die großartige kühne Serie Fleabag, deren zweite Staffel für Furore sorgte. So schreibt die New York Times:

It’s late. A man and a woman sit together in a garden and agree never to sleep together. He is a priest, lightly tempted but resolute. Friends, the woman concurs warmly. Then she turns to the camera and smiles at us, already triumphant: “We’ll last a week.” This conversation occurs midway through the second season of Fleabag, the acclaimed series written by and starring Phoebe Waller-Bridge. It’s a short, delicately modulated sequence that has been lauded by critics and viewers as one of the most important scenes of television in recent years, for the way it revives the tired trope of breaking the fourth wall. It zaps the viewer awake, reminding us that watching is never neutral.

 

Neues vom Streaming War

Dieses Jahr gelang wieder HBO mit neun Trophäen der Gesamtsieg bei den Emmys, vor Amazon Prime mit sieben und Netflix mit vier. Nächstes Jahr kann man wohl schon mit einem ganz anderen Feld rechnen. Denn im kommenden Monat tritt der Streaming War, bisher noch eher ein kalter Krieg, in die heiße Phase. Denn dann starten Disney und Apple ihre eigenen Netflix-Konkurrenten. Disney startet zunächst nicht in Deutschland, Apple schon, aber mit recht wenigen Inhalten verglichen mit den großen Programmkatalogen der anderen Anbieter. Auch Netflix-Chef Reed Hastings hat sich jetzt laut Variety zu den neuen Mitstreitern geäußert und gesagt, ab November beginne “eine ganz neue Welt”. Netflix habe auch auf Fleabag geboten, aber gegen Amazon verloren. Viel Geld fließt in Neuproduktionen, aber auch ältere Publikumshits: Die 30 Jahre alten Serie Seinfeld für fünf Jahre weltweit exklusiv streamen zu dürfen, soll Netflix mehr als 500 Millionen Dollar wert sein.

 

Und täglich grüßt das Murmeltier

Die ARD ist scheinbar aus dem Tiefschlaf aufgewacht und erkennt plötzlich das Potenzial von Serien. Ein bisschen spät, aber nun gut. Der öffentlich-rechtliche Sender möchte künftig rund 20 Millionen Euro in Serien investieren, die nicht im linearen Fernsehen gezeigt werden, sondern in den Mediatheken Priorität haben und online ausgewertet werden. Auch genremäßig soll es mal nicht die üblichen Arzt- oder Krimiserien werden, sondern SciFi und Mystery. Spiegel-Online schreibt dazu:

Die Ankündigung klingt wie eine direkte Reaktion auf eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, die vergangene Woche veröffentlicht wurde. Demnach verbringt das Fernsehgesamtpublikum in Deutschland mehr Zeit mit der Streamingplattform Netflix als mit jedem einzelnen klassischen linearen Sender, Tendenz steigend.

Die Erkenntnis des Jahrhunderts, oder konkret des zu Ende gehenden Jahrzehnts des goldenen Serienzeitalters, könnte man behaupten. Trotzdem sind die 20 Millionen Euro der ARD eine ziemlich kleine Kriegskasse: Game of Thrones kostete beispielsweise etwa 15 Millionen Dollar pro Folge.

 

Schaubar

Undone ist die neue Serie des Erfinders von BoJack Horseman, Raphael Bob-Waksberg. Anders als die Cartoon-Serie ist sie aufwändig im sogenannten Rotoskopie-Verfahren animiert, also erst gefilmt und dann nachgezeichnet. Das ist nicht nur hübsch anzusehen, auch die mysteriöse Geschichte ist interessant: Alma (Rosa Salazar) wacht nach einem Unfall aus dem Koma auf und kann auf einmal durch durch die Zeit reisen.

Im September startete die dritte Staffel der kanadischen Serie Working Moms. Der schlichte Titel mag eine konkrete Zielgruppe ansprechen, täuscht aber auch schnell. Denn die pointierte Dramedy um eine Gruppe Mid-Thirty-Frauen in Toronto zeichnet ein vielfältiges, zeitgemäßes Frauenbild, in der alle einfach nur versuchen, ihren Alltag zu bewältigen. Mastermind Catherine Reitman (Showrunner und Hauptdarstellerin) hat mit NPR über ihre Serie gesprochen. 

 

Der nächste Serienbrief erscheint am 9. November. Unterstützen Sie uns bei Steady und empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter:

 

            

 

Herzliche Grüße

Benedikt Frank und Julia Weigl

Serienbrief
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