Der Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

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Liebe Serienbrief-Freunde,

viele Grüße aus dem Sommerloch. Auch wir haben es uns ein wenig gemütlich gemacht und deshalb einen kompakten Serienbrief für Sie zusammengestellt, der sich prima zur Strandlektüre eignet. Denn Erholung muss ja schließlich sein.

Selbstbestimmt

Abtreibungen waren lange ein Tabu-Thema im Fernsehen. Im Gegensatz zu jüngeren konservativen politischen Bestrebungen in den USA, Schwangerschaftsabbrüche wieder stärker zu unterbinden, gehen Serien nun sehr offen damit um. Laut Cara Buckley von der New York Times gebe es 2019 bereits rund eine Duzend weiblicher Figuren in Filmen und Serien, die entweder eine Abtreibung durchgeführt haben oder sich mit der Frage – häufig sehr direkt – auseinandersetzen. Diese Selbstbestimmtheit und Offenheit wäre vor einigen Jahrzehnten noch unvorstellbar gewesen. Als Beispiele nennt sie etwa die Polit-Serie Veep, Spike Lees She’s Gotta Have it:

These portrayals, like others on the series “Glow” and “Dear White People,” are a marked departure from how abortion was depicted, or not, in story lines from the ’80s through the early aughts. Characters facing unplanned pregnancies then usually agonized about what to do or, if the show was set in the past, weighed back-alley procedures. Babies were often carried to term or lost to miscarriage. Terminations led to psychological or physical problems or death. It’s not that today’s characters come to their decisions without deliberation, but that they are decisive and forthright, like Becky, the music executive played by Gabourey Sidibe in “Empire.” “My situation is not getting any easier,” she says at one point, “but I have decided to terminate.”

 

Sprechtheater

Amerika entdeckt die Synchronisation. Weil der Filmmarkt der USA ein riesiges Exportgeschäft ist, war es bisher schlicht nicht nötig, sich mit fremden Sprachen zu befassen. Durch Netflix’ weltweite Expansion ändert sich das jetzt, berichtet Jill Goldsmith in der New York Times. Serien wie La casa del papel/Haus des Geldes bekommen englische Synchros und anders als etwa bei alten Anime und Martial Arts Filmen setzt man auf Qualität durch fähige Schauspieler. Warum nicht wie bisher einfach Untertitel lesen? Weil die US-Kundschaft von Netflix es mehrheitlich so will und man sich so erhofft, weiter zu wachsen. Die Strategie geht so weit, dass die schlechter synchronisierte erste und zweite Staffel von Haus des Geldes nun mit einem anderen Team neu nachsynchronisiert wird. Wenn das Englisch der Originalschauspieler gut genug ist, dürfen sie auch mal selber ran.

Hierzulande synchronisiert man schon immer in die andere Richtung. Was das in Zeiten von Streaming und Deutschlandpremieren kurz nach der Weltpremiere bedeutet, erklärt Sini-Ilona Haupt von Sky im Interview mit Timo Niemeier für DWDL. Sie berichtet von Zeitdruck und seltsamen Sicherheitsvorkehrungen. Dazu kommt, dass immer mehr bekannte Hollywoodstars in Serien mitspielen, die schon eine feste deutsche Synchronstimme haben – die dann aber unter Umständen keine Zeit für die Seriensynchro haben. Das hat natürlich alles Einfluss auf die Qualität.

Wer jetzt Synchronerd werden will, der findet bei DWDL auch Filmgeschichtliches zum Thema.

 

 

Hört, hört!

Auch eine Art von Übersetzungsarbeit ist das Erstellen von Hörfassungen für Blinde. Falkenberg soll nun die erste barrierefreie fiktive Serie im deutschen Privatfernsehen sein. Kathrin Müller-Lancé hat sich für die Süddeutsche die Sache angeschaut und -gehört. Immer noch ist es recht umständlich für Blinde, sich Serien und Fernsehen allgemein zu erschließen. Zur Not müssen Wikipedia-Artikel die Lücken füllen. Besonders viele Ressourcen investiert RTL 2 trotz Pionierrolle im Privatfernsehen nun aber auch nicht in die Barrierefreiheit: Für die Hörfassung von Falkenberg gibt es keine eigenen Sprecher, sondern eine Computerstimme, die nach Navigationsgerät klingt.

 

Denkbar

In der New York Times zählt Jonathan Rothwell einige Studien auf, die belegen, dass Fernsehen einen Einfluss auf das Denken hat. So hatten Kinder, die von ihren Eltern ermuntert wurden, die Sesamstraße zu schauen, später einen höheren IQ. Nach der Einführung des Privatfernsehens sollen die Leute dagegen messbar ein wenig dümmer geworden sein. Außerdem kann die Wahl des TV-Programms die politischen Ansichten beeinflussen. Ergo: Wo viel Unterhaltung und wenig Nachrichten geschaut wird, geht man seltener wählen. Das alles basiert auf nun schon einige Jahrzehnte alten Studien. Der Autor schließt daraus, dass auch heute Vorsicht angebracht ist: “Still, media providers and advertisers compete aggressively for our attention. Most lack the altruistic motivations that guided the producers of the original “Sesame Street.”

 

Entschärft

Wir hatten hier bereits über die Serie 13 Reasons Why, in Deutschland als Tote Mädchen lügen nicht berichtet. Thema der Serie ist der Suizid eines Mädchens. Infolge der Serie, so fanden Forscher heraus, stieg die Suizidrate in den USA deutlich an. Nun, zwei Jahre nach der Premiere, hat Netflix reagiert und eine besonders harte Szene herausgeschnitten, in der die Hauptfigur sich das Leben nimmt. Ein kleiner Schritt, aber am von Psychologen weltweit kritisierten Grundaufbau der Serie ändert sich nichts. Die Serie stellt den Suizid als einzigen Ausweg dar, ein Szenario, das Nachahmungstaten besonders wahrscheinlich macht.

 

Haftentlassung

Nach der siebten Staffel endet nun Orange is the new black, entsprechend gibt es viele Nachrufe auf die Gefängnisserie. Im Guardian schreibt Arielle Bernstein, wie die Serie Frauenrollen neu definiert habe: “For me, the heart of the show, and what I feel the series will be remembered most for, is its insistence that diverse female stories are worth telling and watching.” In der TAZ resümiert Carolina Schwarz, wie diese zweite Eigenproduktion von Netflix fürs Bingewatchen geradezu gemacht war, das Lob für die diverse Besetzung und die Kritik, dass das AutorInnenteam selbst nicht so divers war.

 

Schaubar

In der Arte-Mediathek ist aktuell eine der großen Serien des letzten Jahrzehnts zu sehen. Die dänische Politserie Borgen handelt vom Aufstieg der ambitionierten Politikerin Birgitte Nyborg.

In der Amazon-Serie The Boys sind Superhelden die neuen Superstars. Sie sind so populär wie Marvelfiguren – allerdings sind sie reale Menschen mit übermenschlichen Kräften. Und menschlichen Schwächen, die so gar nicht zu ihrem Saubermann-Image passen: Sie sind machtbesoffene, vom Marketingexperten umringte Ekel, die über dem Gesetz zu stehen glauben.

Die düstere nordirische Komödie Derry Girls bekommt eine zweite Staffel auf Netflix. Wir haben die Produktion auf unsere Lieblinsserienliste aufegenommen und sind deshalb gespannt, was sich die dreisten Teenager diesmal haben einfallen lassen. Möglichwerweise ist die Serie ja auch eine gute Vorbereitung auf den nächsten Nordirlandkonflikt.

Der nächste Serienbrief erscheint am 7. September. Unterstützen Sie uns bei Steady und empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter:

 

            

 

Herzliche Grüße

Benedikt Frank und Julia Weigl

Serienbrief
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