Der Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

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Liebe Serienbrief-Freunde,

heute sind wir etwas später als sonst dran, weil wir beide beim Filmfest München beruflich eingespannt sind. Auch da wurden einige Serien gezeigt, viel über serielles Erzählen diskutiert und mit der Darstellung von filmischen Langformaten experimentiert. Der 14-stündige Episodenfilm La Flor aus Argentinien wurde in drei Teilen gezeigt, die sechs Folgen der Bauhaus-Serie Die Neue Zeit liefen am Stück. Mal sehen, was sich da in nächster Zeit noch tut, wenn es darum geht, wie neue Erzählformen auch in Festivals eingebunden werden können.

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Verkleidet

Wir lesen zur Zeit viel über die Kostüme in Serien. Variety beschäftigte sich im vergangenen Monat gleich zweimal mit diesem Thema. Der eine Artikel handelt von der Kleidung in The Handmaid’s Tale, über die nicht nur der Status der Leute im Gottesstaat Gilead erzählt wird, sondern auch die schwierige Integration einer von dort nach Kanada geflohenen Frau. Der zweite Text ist ein Portrait über Nancea Ceo, der Kostümdesignerin von The Chi, in dem sie Einblicke in ihre Arbeit gibt. Man soll schon sehen, wer die Figuren sind, bevor sie überhaupt sprechen.

Den Metatext zu Serien-Kostümen liefert Ellie Violet Bramley im Guardian. Die Designerkleider aus Killing Eve seien trotz ihrer hohen Preise ausverkauft, modische NachahmungstäterInnen gab es aber bereits bei The Fresh Prince of Bel Air, Twin Peaks oder Gossip Girl, berichtet sie. Neu sei, dass man den ganzen Stoff heute schon online kaufen kann, noch während man die Serie schaut. Der Kostümdesigner von Fleabag und Doctor Who, Ray Holman, erzählt, er habe diesen Trend zuerst beim Cosplay beobachtet, wo Fans sich wie die Figuren aus Science-Fiction-Serien kleiden. Mittlerweile würde aber vor allem der Look von starken Frauenfiguren im Alltag nachgeahmt.

When we identify with someone on TV, “they are more easily absorbed into our sense of self because they are animated and have lives and characters we can aspire to,” says Carolyn Mair, author of The Psychology of Fashion. Take the Friends characters Monica, Rachel and Phoebe. They are, relatively speaking, rounded. We know how Monica likes her tomatoes: Julienne; how many sub-categories of towel she has: 11; and that she once ate the macaroni off a homemade jewellery box. Which means that to those who empathise with her, her stonewashed denim and crop tops will pack a specific punch. We buy into telly characters’ clothes because we buy into them as “people”.

 

Vergessen

Wir hatten hier bereits öfter über neue starke Frauenfiguren geschrieben, die nicht nur in Sachen Mode Vorbildfunktion haben. Zwei Essays machten diesen Monat den Realitäts-Check und stellten dabei fest, dass die tollen Alleskönnerinnen aus den Serien mehr Wunschbild als gesellschaftliche Realität sind. Amanda Hess nimmt sich in der New York Times die Figur des Bad Female Boss vor und stellt fest:

There are arguably more powerful women on screen than there are in real life. A woman has not commanded the desk of a major-network late night show since Joan Rivers got booted from Fox in 1987. Three women have become the president of the fake United States on “Veep” alone. The powerful women of fiction are born of both hope and fear, of how women will ultimately seize power and how they’ll wield it.

Sie sieht viele negative Eigenschaften in diesen, anders als in neuen Repräsentationen etwa von jungen Frauen oder Women of Color. Dass diese als die moralischen Gewinnerinnen wirken, sei aber auch nicht ohne Probleme, denn:

The ruthlessly competent ladyboss gets a bad rap. But perhaps the more troublesome archetype is that of the bright young woman who rises to power without compromising her values at all. She makes it seem as if all of the problems of power can be neatly resolved by one plucky individual.

Den riesigen Unterschied zwischen der Darstellung von Müttern in Serien und ihren eigenen Erfahrungen beschreibt Lisa Andergassen für die Zeit

Ich nehme die fehlende Repräsentation meiner eigenen Realität persönlich. "Wo ist dein verdammtes Baby?", schreie ich Mrs. Maisel, Rachel und Liberty Bell und all den anderen entgegen. Ich bin mir sicher, dass mein Nachwuchs-Loch nicht ganz so tief gewesen wäre, wenn ich irgendwo andere Darstellungen gesehen hätte als die romantische Stillverklärung oder Larger-than-life-Propaganda. In einer Zeit, in der jede marginalisierte Gruppe einfordert, ordentlich repräsentiert zu werden, muss das doch auch für Mütter gelten.

 

Verschieden

Anlässlich des 50. Jubiläums der Stonewall-Aufstands in der Christopher Street, die dem Christopher-Street-Day ihren Namen gibt, häufen sich auch im Serienbereich die Berichte über queere Themen. Bei Variety gibt es einen Themenschwerpunkt, darüber wie weit die Gleichstellung von LGBTQ in Hollywood vorangeschritten ist - oder auch nicht. Ramin Setoodeh und Elzabeth Wagmeister schreiben, dass aktuell die Streamingdienste die Liberalisierung vorantreiben würden:

In 1997, Ellen DeGeneres kicked down the closet door as the first openly gay woman to headline a TV series. The cancellation of her sitcom one year later led to questions about her career prospects. Some 20 years after that, there are now many examples of LGBTQ characters on TV who are thriving, including the transgender chosen families on FX’s “Pose,” the bisexual assassin on BBC America’s “Killing Eve,” the pansexual brother on Pop’s “Schitt’s Creek” and the gay and sexually fluid teenagers on The CW’s “Riverdale.”

Laut einer Studie seien von den 857 Figuren, die in der Saison 2018/19 regelmäßig zur Primetime im US-Fernsehen auftraten, 75 als LGBTQ identifiziert, ein Rekord. Zahlen, die in in die richtige Richtung weisen. Aber es gibt nach wie vor Missstände. Caroline Framke berichtet in einer Kolumne für Variety, wie das Fernsehen sie beim Thema Bisexualität enttäuscht hat. Und Guy Lodge fällt im Guardian ein rückschrittlicher Ton ausgerechnet bei der Zukunftsserie Black Mirror auf, deren erste Folge der neuen Staffel sehr bemüht ist, die wirklich interessanten Fragen nicht zu stellen, wenn ihre heterosexuellen männlichen Protagonisten in der Virtuellen Realität und nach dem Gender-Swap eines der beiden miteinander schlafen.

 

Verguckt

Das Bingewatchen ganzer Serienstaffeln am Stück ist die Konsumform unserer Zeit. Im Guardian äußert Sarah Hughes einige Bedenken daran. Das losgelöste Schauen führt zu einem regelrechten Wettbewerb unter den Zuschauern, bei dem, wie an der Diskussion über Spoiler zu erkennen, nicht mehr wie früher für alle klar ist, ab wann man mit allen über das sprechen kann, was man gesehen hat. Es findet eine Individualisierung des Schauens statt, dabei können besonders wöchentliche Serien erfolgreich sein, weil sie ein Gemeinschaftserlebnis schaffen:

That sense of television as a communal rather than an individual experience is the reason why the year’s most talked about shows – Game of Thrones, Line of Duty and Fleabag – have been those that aired weekly, forcing audiences to wait. Being made to wait seven days for each new episode of Game of Thrones is the reason why even the smallest plot points were analysed and debated and why viewers became so creative with memes and gifs.

Erst durch die Pausen beim Schauen könne man die komplexen Inhalte verdauen, über das Gesehene nachdenken und sich auf die Fortsetzung freuen.

 

Verwählt

Erst im April wurde in der Ukraine der Schauspieler Wolodymyr Selenskyj, der in einer Serie dort den Präsidenten spielt, auch in der Realität zum Präsidenten gewählt. In Deutschland funktioniert diese Menage von Fernsehunterhaltung und Politik ja noch nicht wirklich erfolgreich, Tatort-Kommissar Peter Sodann wurde 2009 wie zuvor erwartet nicht Bundespräsident der Linken und Sky Du Monts Wahlkampfauftritte für die FDP sind auch völlig belanglos.

Das Land, in dem Schauspieler besonders in der Politik vertreten sind, ist aber nicht etwa die USA mit Reagan, Schwarzenegger und Trump, sondern es sind die Philippinen, berichtet Regine Cabato in der Washington Post. Nicht erst unter dem aktuellen Präsidenten Rodrigo Duterte, dessen quasi-faschistische Politik von stumpfen Actionfilmen inspiriert zu sein scheint, treten nun Fernsehstars aus eben solchen Actionformaten erfolgreich bei Wahlen an. Auch sonst gab und gibt es in dem Land eine große Vorliebe der Wähler für TV-Darsteller. Teilweise treffen sich dabei Regierung und Opposition direkt in der Fernsehserie:

“Ang Probinsyano” walks a tightrope between being subversive and subservient. The show blasts erring cops and, on one occasion, referenced 17-year-old Kian delos Santos, a student killed by police as part of the drug war who became a symbol for innocent victims.

But it also has to work closely with police for permission to film in their headquarters and use their uniforms.

 

Verstrahlt

Im letzten Monat sorgte die auch vom Serienbrief empfohlene Serie Chernobyl für einiges Aufsehen. Nicht nur, weil sie wirklich gut ist, sondern auch, weil die neue Aufmerksamkeit für die ukrainische Stadt mitunter seltsame Folgen hat. So haben Influencer*innen die verlassene Region als Fotospot für sich entdeckt und posieren mitunter vor den verfallenen Gebäuden in Kleidung der Strahlenschutzklasse Null - nämlich in Unterwäsche. Für den Katastrophen-Tourismus, den es auch schon vor der Serie gab, ist all das natürlich ein großes Glück. Der Drehbuchautor der Serie, Craig Mazin, twitterte Kritik, Tourismus sei ja schön und gut, man solle aber das Leid und die Opfer respektieren.

Kritik regt sich auch an der Serie selbst, positive wie negative. Die einen feiern den Realismus der Darstellung. Dieses Youtube-Video vergleicht etwa reale Archivaufnahmen mit der Serie und es sieht alles sehr authentisch aus. Doch die Serie soll sich auch viele Freiheiten bei der Darstellung der historischen Ereignisse nehmen. Indem Chernobyl zu den Mitteln des Katastrophenfilms greift, erfindet sie Helden ebenso wie einige wenige Bösewichte, denen dann der Schauprozess gemacht wird. Vor allem der Nuklearphysiker Legasov wird in der Serie überhöht, er wird zum Whistleblower und Ankläger gegen die sowjetische Vertuschungsstrategie, war in Wirklichkeit aber selbst treuer Apparatschik, schreibt die New York Times. Die von Emily Watson dargestellte Weißrussische Forscherin Ulana Khomyuk ist gar eine reine Erfindung.

Unabhängig davon ist auch Russland nicht zufrieden damit, sich dieses Kapitel der Geschichte von HBO erklären lassen zu müssen. Das russische Staatsfernsehen will nun seine eigene Version drehen.

 

Verurteilt

Apropos Realität in Serien. Die andere großartige Serie im Juni war When They See Us über den Fall der “Central Park Five”, fünf schwarzen Jugendlichen, die in den 1980ern zu langen Gefängnisstrafen verurteilt wurden, obwohl sie unschuldig waren. Dabei kommt vor allem die ehemalige Staatsanwältin Linda Fairstein schlecht weg. Deren reales Vorbild warf der Serie erst öffentlich vor, die Wahrheit zu verzerren. Allerdings hatte sie wohl während der Recherche für die Serie abgelehnt, mit den Machern zu reden, weil diese auch mit den von ihr damals verfolgten sprachen. Mittlerweile ist sie nach Protesten als Professorin der Columbia Law School zurückgetreten.

 

Schaubar

Es ist wieder Zeit der neuen Staffeln einiger Hype-Serien. In Stranger Things sind aus den niedlichen Kindern mittlerweile hässliche Teenager geworden und natürlich lauert da wieder etwas in der Zwischendimension. Und in Dark, einst die erste deutsche Netflix-Serie, zeitreist man wieder wild durch die Gegend. Was es mit der Beliebtheit von Zeitreisen auf sich hat, erklärt Lars Weisbrod in der Zeit.

Wer nach Chernobyl noch nicht genug von Reaktorunfällen hat, der kann einen Blick auf die spanische Produktion La Zona werfen. Die ist zwar komplett fiktiv, dafür aber subtiler als die Verfilmung der ukrainischen Katastrophe, meint Kathrin Hollmer.

Dschinn ist die erste arabische Netflix-Serie. Sie spielt in der jordanischen Hauptstadt Amman und zeigt entgegen aller Islam-Klischees sehr freizügige Teenager. Nur wollten dann offenbar einige Bewohner Jordaniens doch lieber genau diesen Klischees entsprechen und skandalisierten die Serie sogleich nach Erscheinen als unmoralisch.

Der nächste Serienbrief erscheint am 3. August. Unterstützen Sie uns bei Steady und empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter:

 

            

 

Herzliche Grüße

Benedikt Frank und Julia Weigl

Serienbrief
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