Der Serienbrief
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Liebe Serienbrief-Freunde,

wir haben überlebt. Westeros liegt in Trümmern und natürlich fragen sich alle, wer nun die ganzen Kriegskredite abbezahlen soll, nachdem die Gläubiger alle gefallen sind. Zum Glück muss die Finanzkrise bei Game of Thrones aber niemand mit ansehen. Anders ist es beim Serienbrief. Denn derzeit kostet uns alleine das Hosting mehr, als unsere lieben Brieffreunde und Brieffreundinnen uns an Unterstützung zukommen lassen. Einzelne behaupteten darauf angesprochen sogar, sie hätten noch gar nicht gemerkt, dass man uns Geld zukommen lassen kann. Wer etwas an der Misere ändern möchte, kann uns bei Steady mit wenigen Klicks freiwillig für einen kleinen Betrag abonnieren. Wer arm ist, kann seine wohlhabenden Bekanntschaften für den Serienbrief begeistern. Wer die Einleitung immer überspringt und deshalb nicht mitbekommt, dass wir ein unabhängiger Newsletter sind, hinter dem kein großer Verlag steht, für den bauen wir ab jetzt Bilder zum Drüberstolpern ein. Vielen Dank schon mal für Ihre Unterstützung!

Get Out

Der US-Bundesstaat Georgia will ab 2020 ein sehr strenges Anti-Abtreibungs-Gesetz umsetzen. Das hat zunächst einmal nichts mit Serien zu tun, außer dass, wie heute in solchen Fällen üblich, die Kostüme aus The Handmaid’s Tale als Symbol des Protests getragen werden. Nun hat allerdings zuerst Netflix und später auch Disney anklingen lassen, im Falle des Inkrafttretens des Gesetzes, nicht mehr in Georgia drehen zu wollen. Das ist in verschiedener Hinsicht beachtlich. Denn normalerweise können zwar die Serien und ihre DarstellerInnen politisch sein, die Studios selbst aber äußern sich in der Regel nicht explizit. 

Hier hätte ihr Protest für sie auch ganz handfeste Auswirkungen. Nicht zuerst, weil abzusehen ist, dass irgendwelche evangelikalen Abtreibungsgegner Netflix boykottieren. Sondern weil Georgia sich dank sehr niedriger Steuern für die Filmindustrie zu einem äußerst beliebten Standort entwickelt hat – dort nicht mehr zu drehen, dürfte die Studios Geld kosten. Variety berichtet ausführlich über die Sache und lässt viele Betroffene zu Wort kommen.

Für alle, denen das zu abstrakt und entfernt ist, gibt es eine Serienempfehlung: Ctrl Alt Delete ist laut Guardian-Autorin Emine Samer Amerikas mutigste TV-Show, statt der üblichen Abtreibungstragödie zeigt sie nämlich eine Pro-Choice Comedy.

 

Goldene Zeiten

Manchmal klappt ein Wandel doch schneller als vermutet. Oder zumindest lassen sich erste Tendenzen beobachten, die auf mehr hoffen lassen. Im Fernsehen ist das derzeit etwa die Repräsentation von Frauen. Während die meisten Serien in den vergangenen Jahren nicht mal ansatzweise den Bechdel-Test – Gibt es mindestens eine weibliche Hauptfigur, die sich mit anderen Frauen über etwas anderes als Männer unterhält? – bestanden haben, scheint der bald keine Rolle mehr zu spielen. Fleabag, Catastrophe, Killing Eve, Derry Girls, Glow, Big Little Lies, The Bold Type, Claws, She’s Gotta Have It. Die Liste ist mittlerweile erfreulich lang. Yomi Adegoke nennt das in ihrem Opinion-Artikel für den Guardian "a golden age of feminist TV":

The portrayal of women’s lives in TV has grown in nuance as well as numbers. We don’t simply seek representation, but representation as we truly are: complex. Female characters need the licence to be myriad things at once, without it feeding into a wider, one-dimensional narrative because that is what they are in real life.

 

 

Beispiellos

Eine amerikanische Drehbuchautorin und Comedian ist dagegen noch eine Einzelkämpferin, wenn es darum geht, queere muslimische Figuren im Fernsehen zu etablieren. In einer Folge von The Red Line hat Fawzia Mirza das kürzlich geschafft. Ein entscheidender Grund für ihr Engagement ist ihre eigene Person: Als lesbische, muslimische Schauspielerin, Autorin, Aktivistin und Tochter eines pakistanischen Einwanderers hat sie die Sache selbst in die Hand genommen und geht der Frage nach: "Can you be queer and Muslim?". In einem Interview mit der New York Times sagt Fawzia Mirza etwa:

Even as you’re asking me that question, it makes me emotional. As out and public as I am about my identity, it was not easy, whether it was with family or with friends. There was no representation of positive straight Muslim characters at the time, much less positive queer Muslim representation. So for me, writing was a way of creating some of that representation. Now you have Tan France on the new “Queer Eye”; that was not what we were living 10 years ago. The landscape of television, pop culture and basic representation has shifted so much. It just wasn’t there. I don’t think the job is ever going to be done. This is just the beginning of the work that we have to do.

 

Don't Ad me

Neben den Filmen und Serien selbst mögen die Leute an Streamingdiensten, dass sie keine Werbung zeigen. Wenig stört einen Fernsehabend mehr als die herausgeplärrte Lüge "We love to entertain you" – würde es Pro7 tatsächlich lieben, uns zu unterhalten, würde der Sender es nicht übers Herz bringen, die Momente der größten Spannung mit nervigen Werbejingles zu versauen. Das heißt nun aber nicht, dass es bei Netflix und Co. gar keine Werbung gäbe, sie kommt nur in anderer, unauffälligerer Form daher, nämlich als Product Placement. Für die Süddeutsche Zeitung schreibt Nicolas Freund über das Phänomen:

Produktplatzierung ist ein Milliardenmarkt. Auch weil über das lineare Fernsehen die wichtige Zielgruppe der unter 50-Jährigen mit überdurchschnittlichem Einkommen nur noch schwer zu erreichen ist. Diese besitzen oft Abos bei Streamingdiensten und gar keinen Fernseher mehr. Deshalb gibt es inzwischen Agenturen wie Saint Elmo's, die sich darauf spezialisiert haben, Produkte in digitalen Unterhaltungsformaten unterzubringen. Auf der Homepage des Unternehmens heißt es: "Ihre Werbebotschaften kommen nicht bei der Zielgruppe an? Hören Sie auf mit Werbung - fangen Sie an mit Content Marketing! Wirkungsvoller ist Ihre Werbung nämlich, wenn sie nicht als solche wahrgenommen wird. Sondern als spannende, nützliche, zeitgemäße Inhalte. Dann klappt's auch mit der Zielgruppe.

Bei Meedia berichtet man derweil, dass Experten annehmen, Netflix müsse in Zukunft auch auf klassischere und eben nicht in die Serie geschmuggelte Werbung setzen. Denn im Grunde ist der Abopreis zu billig, der Streamingriese holt darüber seine enormen Produktionskosten nicht rein. 

 

Warum?

Die Serie 13 Reasons Why, deutscher Titel Tote Mädchen Lügen nicht, wurde bereits kurz nach erscheinen kontrovers diskutiert. Weltweit befürchteten Psychologen, dass der darin sehr explizit dargestellte Suizid einer Schülerin zum sogenannten Werther-Effekt, also Nachahmungstaten führen kann. Nun gibt es erste Studien, die eine Korrelation zwischen Serie und Suizidrate belegen, ein Monat nach der Serie stieg sie laut amerikanischen Forschern in den USA um knapp 30 Prozent auf den höchsten Stand in fünf Jahren. Serienbrief-Macher Benedikt Frank hat über das Thema Anfang des Monats geschrieben und dazu einen der führenden Suizidforscher im deutschsprachigen Raum, Thomas Niederkrotenthaler, gesprochen. Dessen eigene Studie zum gleichen Thema ist vor einigen Tagen erschienen, sie bestätigt die Ergebnisse der amerikanischen Kollegen. Das Problem ist dabei nicht, dass Suizid überhaupt in einer Geschichte vorkommt. Würden Auswege und Hilfsangebote bei psychischen Krisen aufgezeigt, kann das suizidale Menschen von ihrem Vorhaben abhalten. Das tut 13 Reasons Why allerdings nicht, ganz im Gegenteil.

 

Endlich

Man hätte es fast nicht mitbekommen, aber Game of Thrones ist jetzt übrigens vorbei. Das ging ein bisschen unter neben dem grandiosen Finale der österreichischen Regierungskoalition aus ÖVP und FPÖ, das so ziemlich alles hatte, was Game of Thrones zuletzt fehlte, außer vielleicht Drachen. Mit der Politik in Österreich und Westeros, kann man sich abfinden, auch weil sie leicht zu ignorieren ist. Schwieriger ist das mit den Schlagzeilen über US-Präsident Trump. Schlimm ist darum nicht das Ende von Game of Thrones, sondern, dass die hervorragende Serie The Good Fight nun eine Pause zwischen der dritten und vierten Staffel einlegt. Die Serie ist nämlich die Medizin, die man nach einer Woche voller verrückter Trump-News unbedingt braucht. In ihr existiert das Pinkel-Video, Melania will die Scheidung, abgebrühte Anwältinnen setzen Menschenrechte durch. Eine schöne Fantasie für alle links von Steve Bannon. Rebecca Nicholson schreibt für den Guardian über die Serie:

The pitfalls for a series as liberally minded as this one are plain, particularly when it comes to politics. It is preaching to the converted. It runs the risk of seeming self-satisfied and even elitist. This season, it has had its moments. But its most impressive strategy, away from the Blum circus and the elevated jingles, has been to turn its judgment in on itself, after two seasons of directing it the other way. 

In dieser Staffel tanzten die Macher nicht nur nahe an der politischen Realität, sie produzierten auch einen kleinen realen Skandal – ein Segment über Zensur in China wurde vom Sender CBS zensiert. Und für alle Game-of-Thrones-EnthusiastInnen: Rose Leslie, Ygritte in GoT und auch real mit Jon-Snow-Darsteller Kit Harrington verheiratet, spielt in The Good Fight eine ganz wunderbare Nebenrolle.

 

Coitus digitalis

Digitale Liebe ist nichts Neues. Doch werden die virtuellen Liebespartner zunehmend zu bloßen Objekten der Begierde – ohne Gefühle, Bewusstsein und Persönlichkeit. Ist Netflix Schuld daran? Hat der Streamingdienst wohl eine Schwäche für Robotersex? Das behauptet zumindest Máté Mohos im Guardian und stellt fest, dass Netflix-Produktionen wie Maniac und Osmosis problematisch sind:

Depictions of coitus with artificial beings is not an entirely new area of pop-culture fascination. The cyberpunk novels of William Gibson, Jude Law’s bittersweet robot gigolo from Kubrick and Spielberg’s AI, plus the romantic entanglements of the two heartbroken Blade Runners, Harrison Ford and Ryan Gosling, all come to mind. What is new, though, is a deeply antisocial trend about the depiction of artificial partners. Increasingly, robots, VR personas and digital proxies are not seen as cradles of consciousness, but as mere objects of (mostly male) sexual desire.

 

Schaubar

Die Eltern der Serienbrief-Redaktion müssen damals sehr besorgt gewesen sein, ob ihre Kinder wegen herabregnender Strahlung gesund geboren werden und draußen spielen können. Denn wegen des Super-GAUs in Chernobyl fiel hier strahlender Regen vom Himmel. Was 1986 keiner so genau wusste, war was in dem ukrainischen Reaktor überhaupt passiert ist. Die Miniserie Chernobyl von HBO und Sky zeigt nun eindrücklich, wie vor Ort versucht wurde, der Situation irgendwie Herr zu werden.

Das ZDF zeigt nun endlich die belgische-niederländische Produktion Undercover, die wir bereits in der Dezember-Ausgabe des Serienbriefs angeteasert hatten. Hier geht es zur Mediathek. Da hatte sie nämlich gerade den Publikumspreis auf dem Seriencamp Festival in München abgestaubt. In Undercover geht es um ein Extasy-Imperium an der niederländisch-belgischen Grenze, das obskurerweise von einem Campingplatz aus gemanagt wird. Drogenboss Ferry Bouman hat sich ein recht entspanntes Leben dort aufgebaut, bis es sich plötzlich zwei Undercover-Agenten im Wohnwagen gegenüber bequem machen. 

Was wenn sich ein katholischer Priester plötzlich verliebt und sich zwischen Gott und einer jungen attraktive, etwas komplizierten Frau entscheiden muss? Für die zweite Staffel der eigenwilligen schwarzhumorigen britischen Komödie Fleabag, zu sehen bei Amazon Prime, über eine neurotische junge Londonerin, haben sich die MacherInnen einige gute Twists einfallen lassen. Sehr schade, dass es wohl keine dritte Staffel geben wird.

Fünf Jugendliche sind zur falschen Zeit am falschen Ort. Man macht sie für eine grausame Vergewaltigung einer Joggerin im Central Park verantwortlich, Polizisten setzen sie unter Druck, bis sie schließlich gestehen. Nur sie waren es nicht. Der Fall der Central Park Five machte in den Achtzigern Schlagzeilen, ein gewisser – damals noch Bauunternehmer – Donald Trump, der heute sehr um seine eigene Vorverurteilung besorgt ist, begann sich politisch zu profilieren und forderte die Wiedereinführung der Todesstrafe in New York. Nach 13 Jahren meldete sich der wahre Täter. Die Netflix-Serie When They See Us erzählt von dem Prozess.

Am 10. Juni kehren die komplizierten Nobel-Housewives aus Big Little Lies zurück und haben ein neues Mitglied: Meryl Streep nistet sich als Detektivin Mary Louise Write, die Mutter von Celestes Ehemann Perry, in Monterey ein. Sie möchte den Geheimnissen aufspüren, die sich in der ersten Staffel aufgetan haben, und herausfinden, warum ihr Sohn sterben musste. Weiter geht’s also mit dem Gespinst aus Lügen, Intrigen und fiesen Frauenfreundschaften.

Der nächste Serienbrief erscheint am 1. Juni. Unterstützen Sie uns bei Steady und empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter:

 

            

 

Herzliche Grüße

Benedikt Frank und Julia Weigl

 

Serienbrief
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