Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

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Liebe Serienbrief-Freunde,

willkommen zurück. Im Mai sprießen die Serien-News wieder aus dem Boden. Zahlreiche neue Sendungen starten, alte verabschieden sich. Die Thronspiele gehen in den Endkampf. Da müssen natürlich auch wir kurz unseren Senf dazu abgeben, aber schnell wieder den Blick auf andere Kuriositäten aus der Serienwelt lenken. Lassen Sie sich überraschen, was wir für diese Ausgabe für Sie entdeckt haben. Ach ja, und da natürlich sehr viel Zeit drauf geht, wenn so viele neue Serien starten, möchten wir noch einmal kurz daran erinnern: Support your local Serienspezialist*in. 

Drachenlord-Festspiele

Möglicherweise haben Sie es schon mitbekommen: Eine riesige Horde Untoter steht vor den Mauern der letzten Bastion der ungehypten Serienberichterstattung und versucht all ihre Bewohner erst grausam umzubringen, um sie dann wiederzubeleben und zu vereinnahmen. Aber: Not today, Freundchen! Zum Finale von Game of Thrones wurde schon alles gesagt und zwar von jedem und jeder. Es wurde gepre- und gerecapt, die besten, schlimmsten, normalsten und egalsten Figuren ausführlich erklärt, die Timelines entworren, die Plot-Lücken gefüllt, von den Hauptdarstellern bis zu den Produktionsassistenten jeder mehrmals interviewt, alles aufgeschrieben und verpodcastet, was vielleicht passieren könnte und was keinesfalls passieren darf. Es wurde gehofft, getrauert, beklagt, gefeiert.

Natürlich bricht die letzte Staffel alle Rekorde. Da wir aber nur ein kleiner nischiger Newsletter sind und nicht das Staatsinstitut für vergleichende Game-of-Thrones-Forschung können und wollen wir das alles an dieser Stelle nicht aufarbeiten. Nachdem nun bereits das Mid-Season-Finale für ziemliche Enttäuschung sorgte (zu dunkel, zu wenige Hauptcharaktere sterben), gehen wir davon aus, dass in drei Wochen ohnehin der Notstand ausgerufen wird, weil ziellos durch die Straßen irrende GoT-Fans die Rettungsdienste überlasten. Vermutlich sind die Erwartungen an das Finale nach rund 70 Stunden Commitment (plus Vor- und Nachbereitung) ein klitzekleines bisschen zu hoch. Und jedem Ende wohnt eine Entzauberung inne.

 

Bang Bang

Man kann auch anders gehen. Physiker beispielsweise haben die Theorie, dass das Universum in einigen Fantastillionen Jahren so kalt sein wird, dass sich kein einziges Atom mehr bewegt und alles irgendwie in absolutem Stillstand verharrt. Die Theorie vom Big Chill ist quasi das Gegenteil vom Urknall. Ähnlich erging es der Serie Big Bang Theory, die am 16. Mai nach zwölf Staffeln endlich endet. Anders als bei der Frostbrand-Serie Game of Thrones hätte das nur kein Mensch mitbekommen, wenn nicht Jürgen Schmieder in der Süddeutschen darüber geschrieben hätte. Die etwas gewagte Serienbrief-Prognose: Kurz vor dem Ende des Universums wird wohl auch Pro7 die Wiederholungen einstellen müssen.

 

Kommst hier nicht rein

Die Sender und Streamingdienste rüsten auf, nicht nur im großen Streamingkrieg sondern auch im Kampf gegen Spoiler. Chris Mandle berichtet für den Guardian über die Spoiler-Verhinderungs-Industrie:

Self-detonating scripts and anti-drone technology, fake scenes, fake cameos and footage used primarily to misdirect audiences sound like the extreme tactics you would find in a spy movie, but now they are apparently being used behind the scenes to stop unwanted news leaking out.

Der Aufwand, der betrieben wird, um Story-Leaks zu verhindern, sei so mittlerweile etwas wie ein Statussymbol. Daher beschütze etwa auch Amazon die sich in Produktion befindende Herr der Ringe-Serie so stark, obwohl die Buchvorlage seit 85 Jahren bekannt ist. Die Geheimniskrämerei gehört zur Marketingstrategie, um am Ende natürlich die Neugier der Zuschauer zu fördern.

 

Black Sabbath

Um Geheimwissen geht es auch beim Okkultismus. Der ist in letzter Zeit öfter Inhalt von Serien, hat die Glaskugel dem Serienbrief-Großmagier Benedikt Frank verraten. In Fantasy-Serien tauchen überall Hexenfiguren auf – und dann ist da noch die Biografie des Raketenforschers Jack Parsons in Strange Angel. Für die Macher ist okkulte Symbolik zunächst eine einfache Methode, einen optisch auffälligen Style zu kreieren und sich etwas verrucht zu geben. Doch das alleine holt keine schwarze Katze mehr hinter dem Ofen hervor, auch die Art und Weise zu erzählen, ist heute eine andere.

Bezeichnete der Voodoo-Kult in True Detective noch nach alter Horrorschule das Böse, ist die Satanskirche in Chilling Adventures of Sabrina ein genauso spießiger Verein wie ihr evangelikaler Counterpart. Sabrina kämpft gegen jede patriarchale Herrschaft, auch die des Teufels, der eben auch nur ein Kerl ist. Bereits in Buffy war die Hexe Willow der Inbegriff der weiblichen Selbstbestimmung, führte sie doch eine der ersten lesbischen Beziehungen im US-Fernsehen.

 

The Kids are Alright

Nora Voits beobachtet für die Zeit, wie sich in Serien die Rollenbilder von männlichen Jugendlichen geändert haben. Die Jungs sind nicht mehr nur, wie einst Dylan McKay in Beverly Hills, 90210 Anhimmelungsmaterial für hormonell verwirrte pubertierende Mädchen. Stattdessen können sie asexuell, schmächtig oder auch mal psychopathisch sein.

So düster die Geschichten um die neuen Jungs auch konstruiert sind: Sie zeichnen keine Dystopien, sondern differenzierte Psychogramme einer Generation, die nach Orientierung sucht. Was belastet junge Männer? Was prägt sie? Wo stehen sie zwischen #MeToo und Ehe für alle, zwischen Ballerspielen und Gangbangpornos, Männlichkeitstutorials und Incel-Bewegung? Schwarz-Weiß-Antworten bietet kaum eine der neuen Serien: Die Jungs von heute lassen sich schlichtweg nicht in die traditionellen Männlichkeitskategorien Weichei, Nerd oder Macho einordnen – so wie sich eben vielleicht nicht mehr so leicht in eine konkrete Schublade schieben lässt.

 

Bechdel-Ragout

Romanadaptionen haben es weiß Gott nicht leicht. Besonders nicht, wenn sie einen gerade frisch gehypten Stoff auf die Leinwand übertragen möchten. Umso erfreulicher ist es, wenn dieser Versuch aufgeht – wie etwa in My Brilliant Friend, der TV-Adaption von Elena Ferrantes Bestseller. Magenta TV zeigt die Serie nun unter dem deutschen Titel Meine geniale Freundin. Rhiannon Lucy Cosslett schwärmt im Guardian davon: wie revolutionär es sei, wenn Frauenfreundschaften so tiefsinnig abgebildet werden, dass sie sogar den Bechdel-Test in Hackfleisch verwandeln:

But what struck me most about the shifting of the story into a different medium is the time given to the two main – female – characters, and how revolutionary it still feels to see female friendship explored onscreen in this way. If the portrayal of this friendship was revelatory in the novel, with all that form’s facility for introspection, then on screen it is even more so. It goes without saying that it takes the Bechdel test and turns it into ragù.

Dass diese Darstellung nicht immer der Fall, zeigen zahllose Gegenbeispiele. Auch in der jüngsten Vergangenheit, so Cosslett. Etwa im Netflix-Mehrteiler  The Ballad of Buster Scruggs von den Coen Brüdern. Da dauerte es rund 41 Minuten, bis eine Frau zu Wort kam. Und dann war es eine Prostituierte. Natürlich. Die Handlung spielt ja auch im Wilden Westen, welche Frau hatte da schon was zu sagen.

 

Echt jetzt

Bei Variety fragt Daniel D’Addario in einer Reportage, was es mit dem Boom des True-Crime-Genres auf sich hat. Die einen meinen, es gäbe eine Sehnsucht nach Wahrheit in Zeiten der Lüge, allerdings gehe es dabei nicht immer zuerst um den Fall, von dem erzählt wird. "The truest thing true crime may do is provide audiences access to the worst of human behavior, and help them understand their own dark impulses." Zwar bilden Fakten das Fundament, gutes Reality-TV wird True Crime aber erst durch das Herausarbeiten der emotionalen Geschichten. Und die werden um so fesselnder, je unglaublicher sie sind.

Anders als bei episodischen Formate haben Serien und ihre Macher die Zeit, die Geschichten zu entwickeln. Zum ganz großen Erfolg braucht es sicher auch riesiges Reporterglück. Charles V. Bagli schreibt in der New York Times über den Fall des Millionärs Robert Durst und die Serie The Jinx. In der Doku sieht es so aus, als habe dieser versehentlich, unwissend, dass sein Mikrofon noch angeschaltet war, einen Mord gestanden. Durst wurde am Tag vor der Ausstrahlung der letzten Folge verhaftet. Nun werfen seine Anwälte den Filmemachern vor, das Tonmaterial geschnitten zu haben, um ein Geständnis nahezulegen, außerdem sollen sie zu nah mit der Polizei zusammengearbeitet haben. Damit hätten sie zwar gegen Grundsätze journalistischer Ethik verstoßen. Ob diese Verteidigungsstrategie aber tatsächlich Durst frei bringt, bleibt abzuwarten.

 

Promialarm

Auch sehr berühmte Schauspieler haben das Fernsehen wieder oder neu für sich entdeckt, spätestens seit Kevin Spacey in House of Cards den skrupellosen Politiker-Mafioso Frank Underwood mimte. Doch in diesem Mai wird es im TV ganz besonders prominent. Seit 1. Mai geht John Malkovich bei TVNow als legendärer Detektiv Hercule Poirot auf Spurensuche. Die BBC-Adaption Die Morde des Herrn ABC bleibt ganz nah Agatha Christies Romanvorlage: Poirot sucht gemeinsam mit Inspector Crome einen Serienmörder, der bei der Auswahl seiner Opfer nach dem Alphabet vorgeht.

Der Schauspieler hinter dem Helden der erfolgreichsten BBC-Krimi-Serie Sherlock ist im Mai allerdings als der Teufel unterwegs. In Good Omens (ab 31. Mai bei Amazon Prime), der TV-Adaption von Terry Pratchetts Bestseller, spielt Benedict Cumberbatch neben David Tennant, Michael Sheen und Jon Hamm. Religiös wird‘s auch bei Miracle Workers, ab 14. Mai auf TNT Comedy und Sky zu sehen: Darin ist Steve Buscemi Gott und Daniel Radcliffe ein Engel. Wie bei Good Omens droht auch hier die Apokalypse.

Unmoralisch wird‘s in What/if, zu sehen ab 24. Mai bei Netflix. Renée Zellweger fordert als mysteriöse Anne ein Pärchen zu einem verhängnisvollen Spiel auf. Ob man sich das angucken muss, ist die andere Frage. Der Trailer erinnert stark an eine schlüpfrige Parfüm-Werbung aus den Neunzigern.

Jared Harris’ Durchbruch kam mit seiner Rolle in Mad Men. Und seine Karriere hat er größtenteils Daniel Day-Lewis zu verdanken. Im Interview mit dem Guardian erzählt er, dass er viele seiner wichtigsten Rollen bekam, weil Day-Lewis sie abgelehnt hatte. Nach dem Karriereende von Day-Lewis könne er sich nun kaum vor Aufträgen retten. In Chernobyl – quasi einer fiktionalen True-Crime-Serie – spielt er einen investigativen Wissenschaftler. Im Fokus der fünfteiligen Miniserie stehen die Menschen, die vor Ort unerschütterlich gegen die Katastrophe gekämpft haben. In den Hauptrollen sind unter anderem Jared Harris, Stellan Skarsgard und Emily Watson zu sehen. Die Miniserie ist die erste Gemeinschaftproduktion von Sky und HBO.

 

Schaubar

Die Netflix-Serie Special, zu deutsch Ein besonderes Leben, verfilmt die Biografie des US-Schriftstellers Ryan O’Connell, der sich praktischerweise auch noch gleich selbst in der Hauptrolle spielt. Ryan hat eine leichte Lähmung, weshalb ihn seine Mutter übermäßig umsorgt. Außerdem ist er homosexuell und überaus schüchtern. Nachdem er als Prakitkant bei einem hippen Onlinemagazin anfängt, beginnt sich das zu ändern. Das ist eine herzliche Comedy und – schön für Seriengestresste – die Folgen dauern je nur 15 Minuten. Das gleiche Kurzformat hat übrigens auch Bonding, ebenfalls Netflix, ebenfalls Comedy, ebenfalls Thema Sex, aber diesmal Sado-Maso.

Ein paar Minuten länger pro Folge darf Miracle Workers sein, ab 14. Mai bei TNT. Nicht nur wird der Herrgott darin von Steve Buscemi gespielt, er führt den Himmel auch wie ein unfähiger CEO. Von seinem Start-up gelangweilt beschließt er, die Erde zu zerstören. Seine Engel versuchen das Vorhaben mit einer Wette zu verhindern. Dummerweise sind ihre Wunderwirkungskräfte äußerst begrenzt.

Bojack Horseman hat nun ein weibliches Pendant. In der neuen Netflix-Animationsserie Tuca & Bertie (Netflix) geht es um zwei Thirtysomethings, die zwei titelgebenden besten Freundinnen, die mit ihrem Alltag in einer absurden Welt klarkommen müssen. Dahinter steckt etwa Lisa Hanawalt, die bei Bojack Horseman als Produzentin und Production Designer beteiligt war. Man kann also hoffen auf viel Witz und Charme, Chaos und Wahnsinn.

Die deutsch-französische Miniserie Eden widmet sich dem Thema Flucht und Migration in Europa. Vom griechischen Meer geht es direkt in die deutsche Mittelschicht. Neben einer deutschen Lehrerfamilie handelt die Serie von einer geflüchteten Familien aus Syrien, zwei Brüdern aus Nigeria und um Mitarbeiter*innen von Flüchtlingsunterkünften, unter anderem in Griechenland. Dort ist der Culture Clash mit am größten, wenn die Idylle der planschenden Touris plötzlich von den angespülten Fremden gestört wird. Alle Folgen gibt es in der Arte-Mediathek und bei Youtube zu sehen.

Ab 10. Mai zeigt Netflix die dritte und zugleich letzte Staffel der Episoden-Eigenproduktion Easy. Das Ende ist schade. Von Anfang an überraschte die Serie mit einem tollen Cast, frischen Perspektiven und ungewöhnlichen Beziehungsmustern.


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Herzliche Grüße

Benedikt Frank und Julia Weigl

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