Serienbrief
Ein Slow-Newsletter über Serien.

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Liebe Serienbrief-Freunde,
wir haben Grund zum Feiern: Erstmals geht dieser Newsletter an eine dreistellige Zahl von Abonnenten. Herzlichen Dank dafür an alle, die uns gerne lesen und weiterempfehlen!
Und wir sind umgezogen. Ab sofort hat der Serienbrief eine eigene Website: derserienbrief.de! Das hat einige Vorteile: Es lässt sich schöner hinverlinken und wir haben mehr Kontrolle über die Inhalte. Ihre Daten liegen zukünftig direkt bei uns statt bei Tinyletter. So viele sind das zwar ohnehin nicht, nur die E-Mail-Adresse, die wir zum Versand benötigen, aber immerhin. Unsere Datenschutzerklärung finden Sie unter diesem Link.
Sie selbst müssen nichts weiter tun. Wer den Serienbrief bisher bekommen hat, erhält ihn auch weiterhin. Sollte es trotzdem Probleme geben, bitten wir um Rückmeldung via Mail: serienbrief@mailbox.org. Wir arbeiten noch daran, auch unser Archiv umzuziehen. Sobald das geschehen ist, schließen wir die Tinyletter-Seite. Da wir die neue Seite nun gestalten können, wie wir wollen, soll es demnächst auch noch ein paar weitere Features geben. Wer uns dazu Wünsche und Anregungen mitteilen will, kann das gerne per Mail tun.

Democracy is so overrated

In Serien geht es mitunter sehr explizit um Politik. Kein Wunder also, dass die Politikwissenschaft sich für sie interessiert. Ein Sammelband nimmt sich nun Serien wie House of Cards, Eichwald, MdB oder Marseille vor, aber auch die überhaupt nicht an der Realität orientierte SciFi-Produktion The Expanse. Benjamin Reibert hat für die Süddeutsche Zeitung den Herausgeber Niko Switek interviewt. Dieser meint:
Natürlich zeigen Serien wie House of Cards auch, wie viel sich ohne Einfluss und Einblick der Bürger abspielt. Aber diese Serien respektieren in aller Regel immer noch den demokratischen Hintergrund, vor dem sie spielen: Underwood muss in seinen Wahlkreis, um zu verhindern, dass ein anderer Kandidat sein Mandat gewinnt. Man sieht, dass auch diese Politiker die Macht nur vom Volk bekommen. Die Protagonisten mögen ruchlos sein, der Subtext der Serien ist letztlich aber doch oft ein demokratischer.
Das Buch Politik im Fernsehen ist im Transcript-Verlag erschienen. Wer es nicht unbedingt im Regal stehen haben muss, kann die PDF-Version als Open Access kostenlos lesen.
Wer eine Alternative zum Politzynismus von House of Cards sucht, dem sei übrigens The Good Fight empfohlen: Unter Präsident Trump kämpfen Anwälte für das Recht. In einer Folge geht es etwa darum, die Abschiebung ihres Mitarbeiters zu verhindern.

Perspektivwechsel

Bei Shakespeare haben Männer Frauen gespielt, schlichtweg weil Frauen nicht auf der Bühne stehen durften. Crossdressing war ein Thema, das der britische Dramatiker in seinen Komödien gerne aufgegriffen hat. Doch warum sollte im Jahr 2018 Scarlett Johannson einen Transgender-Mann spielen? Ganz einfach weil es immer noch besser für das Marketing ist, berühmte Schauspieler und Schauspielerinnen zu besetzen. Eine verzwickte Situation, die allerdings recht leicht zu lösen wäre.
Das zeigt zumindest die tolle neue Serie Pose des US-Senders FX, die von der Voguing-Szene im New York der Achtzigerjahre handelt. Vertreten sind darin fünf Trans-Schauspieler*innen und im weiteren Team arbeiten rund 140 Mitarbeiter*innen aus der LGBTQ-Community. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, kommentiert Hannah Giorgis in ihrem Artikel für The Atlantic:
Shows like Pose are only now beginning to shift this tide. Their efforts are slowly being recognized, but the burden of upending an entire industry’s history of discrimination should not fall on one LGBTQ-led show, or on trans actors alone. The entire exclusionary apparatus will have to dismantle itself, and that can start with cis actors turning down the roles for which they’re given preferential treatment. The resulting entertainment landscape—one in which trans stories are imagined and shared and driven by trans people—is worth these sorts of small sacrifices. Perhaps one day trans actors will not be summarily shut out of most opportunities in Hollywood and the stakes of these casting choices will not be so high.

Power to the people?

An Petitionen, die fordern, dass alte Serien neu aufgelegt werden oder abgesetzte doch noch weitergeführt werden, haben wir uns inzwischen gewöhnt. Neuerdings gibt es eine weitere Form der Publikums-Forderung nach Mitsprache: Eine Unterschriftensammlung, dass eine Serie gar nicht erst gezeigt wird. Es geht um die Netflix-Produktion Insatiable, die nach aktuellem Stand über 210.000 Leute nicht veröffentlicht sehen wollen. Stein des Anstoßes ist der Trailer. Der Vorwurf lautet, das darin präsentierte Körperbild könne Essstörungen verursachen. Die Handlung: Eine dicke Schülerin ist nach den Sommerferien plötzlich dünn und hat mit der neuen Figur nun auch die Kraft, sich an ihren Peinigern zu rächen, die sie wegen ihres Gewichts gehänselt hatten. Die Hauptdarstellerin Debby Ryan und die Autorin Lauren Gussi behaupten nun, in der Serie selbst sei das differenzierter dargestellt. Im Grunde hilft ihnen die Empörung. Der plumpe Trailer alleine lässt die Serie nicht besonders interessant aussehen, nun ist sie aber ein Politikum und am Ende doch dafür gut, sich eine eigene Meinung zu ihr zu bilden.

In vino veritas?

Großen Unsinn kann man auch mit Serien treiben, die bereits erschienen sind. Zum Beispiel mittels Merchandise. Eigentlich sollte man annehmen, dass vor Veröffentlichung eines Produkts mit Serien-Branding relativ aufwändige Autorisierungsprozesse durchlaufen werden. Nun ist es auch nicht allzu verwunderlich, dass dabei immer wieder das Profitstreben den Blick etwas vernebelt. Solange Fans jeden Plastikschrott mit dem Logo ihrer Lieblingsserie kaufen, kann die Produktabteilung annehmen, dass da noch etwas mehr zu holen ist.
Lot18: Produktfoto Handmaid's Tale WeinWas aber ein Weinproduzent sich zur wunderbaren Serie The Handmaid’s Tale hat einfallen lassen, unterbietet wohl alles bisherige: eine Wein-Kollektion, die das edle Nass nach den Fruchtbarkeitssklavinnen der Serie benennt und in blumigen Beschreibungen deren rituelle Vergewaltigungen mit Erotik in Verbindung bringt. Jake Nevins schreibt dazu im Guardian:
The description refers to both the wine and Offred as “seductive” before stating: “It’s useless to resist the wine’s smooth and appealingly earthy profile, so you may as well give in.” I can forgive the shoehorning in of the word “resist” the way one forgives a bad dad joke: the idea, however, that Offred has any kind of sexual agency in Gilead, that men are simply slaves to her charms, is about as close as you could get to an alt-right reading of the show. 
Immerhin hat die negative Berichterstattung dazu geführt, dass dieses unsägliche Produkt vom Markt genommen wurde. Es war allerdings nicht das erste seiner Art. Kürzlich hatten ja deutsche Autoren mehr Mitsprache bei der Umsetzung ihrer Drehbücher gefordert. Sie sollten vielleicht auch ein Vetorecht beim Merchandising in ihre Verträge aufnehmen. 

Nachdreh

Apropos Autoren-Mitsprache. Wir hatten im Serienbrief bereits über den Aufstand der deutschen Drehbuchautoren unter anderem vor dem Hintergrund der aus den USA kommenden Writers-Room-Kultur berichtet. Nun meldet sich Regisseur Dominik Graf in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung zu Wort und beklagt, die Autoren hätten sich mit der Regie den falschen Schuldigen für verhunzte Produktionen gefunden. Er deutet an, dass die Sündenböcke unter den Produzenten und Redakteuren zu finden seien, und Regie und Autoren doch bitte zusammenarbeiten mögen.

Sellout 

Im Juni wurde der Time-Warner-Konzern und mit ihm HBO vom US-Telekommunikationskonzern AT&T übernommen. Dem sind nun HBOs sechs Milliarden US-Dollar Gewinn in drei Jahren offenbar nicht mehr genug, berichten Edmund Lee und John Koblin für die New York Times. Der Sender hinter Die Sopranos, Game of Thrones und Westworld soll zukünftig auf Masse setzen, statt wie bisher auf relativ wenige außergewöhnliche Produktionen. HBO hat in den letzten 16 Jahren mehr Emmys gewonnen als die Konkurrenz. Netflix und Amazon haben allerdings mehr Abonnenten - aber eben auch immer mehr mittelmäßige, Produktionen, die darauf ausgerichtet sind, bloß nicht bei einem breiten Publikum anzuecken. AT&T versucht den Strategiewechsel natürlich möglichst positiv zu verkaufen: Es sollen demnächst einfach noch mehr hochqualitative Serien bei HBO entstehen. Diese Behauptung müsste der Sender gegenüber der Befürchtung, dass es in Wahrheit mehr Einheitsbrei geben wird, allerdings erst noch beweisen. 

Passt schon

Was soll man eigentlich mit den ganzen Serien anfangen, die einen nicht vom Hocker hauen, aber irgendwie doch ganz nett anzugucken wären? Die besser sind als das meiste, was etwa im deutschen Fernsehen läuft, zu gut für einen richtigen Verriss, aber eben keine Herzensserien. In Zeiten des Überflusses an Unterhaltungsangeboten kommt man ja noch nicht mal dazu, alle wirklich außergewöhnlichen Serien zu sehen. Guardian-Autor Stuart Heritage jedenfalls ist im Sommerloch sein kaltes Kritiker-Herz aufgetaut, und er startet den verzweifelten wie witzig zu lesenden Versuch, einige So-lala-Serien vor dem Vergessen zu retten.
In der sommerlichen Nachrichtenleere hat die listical-erfahrene Guardian-Redaktion noch eine weitere Randphänomen-Sammlung hervorgebracht, die für Serien-Connaisseure, die die Hitze lieber auf dem Sofa aussitzen, interessant sein könnte: die besten Serien, die man nicht streamen kann. 

Schaubar

Den schmutzigen Süden Amerikas haben True Blood und True Detective als Schauplatz für Mystery etabliert. In Sharp Objects geht es dort nun um die schwer traumatisierte Journalistin Camille Preaker (Amy Adams). Sie greift noch ein bisschen öfter zur Flasche als sonst, nachdem sie in ihr Heimatstädtchen geschickt wird, um über ein Mordserie an Mädchen zu berichten. Sharp Objects gibt es seit 9. Juli auf Sky Go und Sky On Demand zu sehen, am 30. August startet sie auch bei Sky Atlantic HD. Rebecca Niccholson vom Guardian schreibt anlässlich der Serie über die besten Antiheldinnen im TV.
Vince Gilligan hat es schon wieder geschafft, uns auszutricksen. In Breaking Bad war Walter White anfangs eine sympathische Person, die sich im Laufe der Serie als ein Monster herausstellt. In Better Call Saul wissen wir von Anfang an ganz genau, dass aus dem herzlichen Looser Jimmy der korrupte Anwalt Saul Goodman werden wird. Und trotzdem gelingt es dem Serienmacher, dass man Jimmy auch nach drei Staffeln für das missverstandene Opfer hält. Ab dem 7. August wird die vierte Staffel bei Netflix gezeigt. Zur Vorbereitung kann man die Analyse der Beziehung von Chuck und Jimmy des wunderbaren Youtube-Kanals Screenprism schauen. 
Der Simpsons-Erfinder Matt Groening hat erstmals eine Serie für Netflix geschrieben, Starttermin ist der 17. August. Disenchantment geht’s ins mittelalterliche Fantasy-Königreich Dreamland. Sie begleitet die Abenteuer der trinkfesten Prinzessin Bean und ihrer ulkigen Freunde, dem Dämon Luci und dem Elf Elfo. Im Interview mit Variety erzählt Groening, wie Disenchantment entstanden ist. 
Weitere Tipps für das schwitzige Sommerloch gibt’s bei The Atlantic.
Der nächste Serienbrief erscheint am 8. September. Empfehlen Sie uns bis dahin gerne weiter.
Mit herzlichen Grüßen
Benedikt Frank und Julia Weigl
Serienbrief
Benedikt Frank; Großvenedigerstr. 35A; 81671 München
 
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